In wenigen Wochen, am 7. März, gedenkt die Kirche des verstorbenen großen Kirchenlehrers Thomas von Aquin. In der überlieferten Liturgie ist der Todestag des Heiligen auch sein Festtag. Die nachkonziliare Liturgiereform hat den Festtag auf den 28. Januar verlegt.

Vor dem Hintergrund des Thomas-Jubiläums sprach CNA Deutsch mit Thomas Marschler, dem an der Universität Augsburg lehrenden Lehrstuhlinhaber für Dogmatik.

Am 7. März vor 750 Jahren starb Thomas von Aquin. Ganze Bibliotheken existieren, die sich mit ihm und seinem Denken beschäftigen. Können Sie unseren Lesern trotzdem in wenigen Sätzen den heiligen Thomas vorstellen?

Thomas von Aquin ist der bis heute wohl berühmteste Gelehrte des lateinischen Mittelalters. Er wurde um 1225 in der Nähe von Neapel geboren. Obwohl er seine Kindheit als Oblate in der Benediktinerabtei von Monte Cassino verbracht hatte, trat er als junger Mann gegen den Willen seiner Familie in den damals noch jungen Dominikanerorden ein, weil er dort seine Berufung sah. Der Orden erkannte seine enorme Begabung und erwählte ihn für die akademische Lehre. Nach dem Studium und einer Zeit als Assistent beim hl. Albert in Köln wurde er Lehrer der Theologie, u. a. an der Universität in Paris und an verschiedenen Studienhäusern seines Ordens.

Angesichts der Tatsache, dass er noch vor seinem 50. Geburtstag starb, ist das Werk, das er hinterlassen hat, schon dem Umfang nach gewaltig – die vor 150 Jahren begonnene, noch immer nicht vollendete kritische Werkausgabe ist auf 50 Bände angelegt. Sie umfassen u. a. Kommentare zu Aristoteles, Ps.-Dionysius und zu vielen Büchern der Bibel, die Erörterung thematischer Fragekomplexe in der Weise, wie sie an der mittelalterlichen Universität üblich war, und umfangreiche systematische Werke zur Theologie und Philosophie. Das berühmteste davon ist die „Summe der Theologie“, eine Gesamtdarstellung der christlichen Glaubens- und Morallehre, die Thomas Mitte der 1260er Jahre begann und bis zu seinem Tod nicht ganz fertigstellen konnte.

Obwohl er zunächst ein Gelehrter war wie andere auch, in Streitigkeiten seiner Epoche verwickelt und von manchen Zeitgenossen heftig kritisiert, zeigte sich bald nach seinem Tod, dass sein Denken eine besondere Wirkungsgeschichte entfalten würde. Das ist kein Zufall. Enorme analytische Kraft bei der Durchdringung des reichen Traditionsmaterials verbindet sich bei Thomas mit der Fähigkeit, zu vielen Problemen neue denkerische Zugänge zu eröffnen. Auf der Grundlage philosophischer Prinzipien (vor allem aus dem Studium des Aristoteles) hat er den Entwurf einer wissenschaftlichen Theologie errichtet, wie er bis dahin niemandem gelungen war.

Bald bildete sich eine eng an Thomas anschließende Schule heraus, die ihr Zentrum im Dominikanerorden hatte. Mit der Heiligsprechung 1323 und der Ernennung zum Kirchenlehrer 1567 fand seine Autorität als „allgemeiner Lehrer“ (doctor communis) in der Gesamtkirche Anerkennung. In der Zeit nach der Reformation wurde die theologische Summe des Thomas sogar zum Textbuch, das man allerorts im akademischen Unterricht kommentierte.

Das heißt aber nicht, dass sich deswegen alle katholischen Theologen seinem Denken angeschlossen hätten. Die Franziskaner etwa verblieben in ihrer von Bonaventura und Duns Scotus geprägten Schullinie, und die Jesuiten haben Thomas stets nur selektiv und durchaus kritisch rezipiert. Aber ohne irgendeinen Bezug auf den Aquinaten kam seit dem 14. Jahrhundert praktisch kein katholischer Theologe mehr aus.

Thomas wird als „doctor angelicus“, als engelgleicher Lehrer, bezeichnet. Warum?

Das ist neben „doctor communis“ der zweite bekannte Beiname, den die Nachwelt Thomas gegeben hat. Er bezieht sich vor allem auf seine Hochschätzung der Jungfräulichkeit, die schon die frühen Biographen immer wieder erwähnt haben. Eine Legende berichtet, dass Thomas in jungen Jahren nach der Überwindung einer schweren Versuchung von Engeln mit dem Gürtel der Keuschheit umkleidet worden sei und danach ein Leben in besonderer Reinheit geführt habe. Das passt zu seiner ganz auf die geistige Arbeit und die Kontemplation fokussierten Existenz. Man darf bei dem Beinamen aber auch daran denken, dass Thomas sich in seinen Schriften (wie alle mittelalterlichen Theologen) ausführlich über das Wesen und die Sendung der Engel Gedanken gemacht hat – ein Thema, das in der heutigen Theologie kaum noch behandelt wird.

Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war eine große Zeit für thomistisches Denken. Die Päpste waren sehr für ein Studium der Texte des Thomas von Aquin. Trotzdem wurde der sogenannte Neuthomismus von manchen scharf kritisiert. Nach dem Konzil geriet dann so ziemlich alles, was irgendwie nach Thomas aussah, in Verruf. Was sind die Hintergründe?

Das Thomas-Studium erlebte ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine kräftige Neubelebung, die ihren Ausgang von thomistischen Zentren vor allem in Italien nahm. Diese Bewegung fand starke Unterstützung durch die Päpste, die einen Rückgang zum Denken des Thomas empfahlen, weil man im Eindringen der modernen Philosophien seit Kant eine Gefahr für den katholischen Glauben sah. Das Programm dieser sogenannten Neuscholastik, das besonders deutlich in der Thomas-Enzyklika „Aeterni Patris“ von Leo XIII. (1879) entfaltet wird, hatte also eine unverkennbar anti-moderne und apologetische Stoßrichtung.

Schon damals gab es katholische Intellektuelle, denen die damit verbundene Vereinheitlichung der Theologie und die Abschottung der Kirche gegenüber dem Denken der Neuzeit nicht gefallen haben. Diese Kritik ist sicherlich nicht unberechtigt, auch wenn sie dazu tendiert, die Leistungen der Neuscholastik und ihre Fähigkeit zur Integration wertvoller moderner Elemente auszublenden.

Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die katholische Scholastikforschung durch neue Texteditionen und eine stark verbesserte Methodik auf hohem Niveau florierte, entfalteten sich gleichzeitig theologische Neuansätze, die das Schema der Neuscholastik schrittweise hinter sich ließen. Sie setzten sich mit dem Konzil endgültig durch und lösten sich bald ganz von der scholastischen Tradition.

Obwohl das Zweite Vatikanum und das neue Kirchenrecht weiterhin die besondere Rolle des Thomas von Aquin für das theologische Studium unterstreichen (vgl. Optatam totius 16; can. 252 §3 CIC/1983), ist in der nachkonziliaren Zeit die Beschäftigung mit Thomas und der mittelalterlichen Theologie insgesamt stark zurückgegangen. Das reaktionäre Image der Neuscholastik war nicht der einzige Grund dafür. Auch die enorme Pluralisierung der Ansätze und Methoden innerhalb der katholischen Theologie, das Aufkommen ganz neuer Fragestellungen und das Schwinden sprachlicher und philosophischer Kompetenzen unter den Studierenden haben dazu beigetragen. Diese Entwicklung ist in mancherlei Hinsicht bedauerlich.

Welche Relevanz hat das Denken eines Mannes aus dem Hochmittelalter für heute?

Thomas lässt in beispielhafter Weise erkennen, wie man Vernunft und Glaube, Natur und Gnade, Wissenschaft und Spiritualität im Denken miteinander verbinden kann. Wer ihn studiert, lernt klares und stringentes Argumentieren, die nüchterne Abwägung von Argumenten und die Aufzeigung von Lösungswegen durch konsequente Anwendung von Prinzipien und die scharfsinnige Differenzierung von Begriffen.

Man muss gar nicht jede inhaltliche These des Thomas übernehmen, wenn man seine Texte mit Gewinn studieren will. In religionsphilosophischen, anthropologischen und ethischen Grundsatzfragen erweisen sich seine Ansichten aber auch ihrem Inhalt nach bis heute als sehr aktuell und sind in vielen Debatten präsent, nicht selten in unterschiedlichen Interpretationen.

Zudem lohnt sich die Beschäftigung mit Thomas schon deshalb, weil sein Denken die offizielle Lehrentwicklung der katholischen Kirche in vielerlei Hinsicht geprägt hat und, wie schon erwähnt, zahlreiche spätere Theologen auf ihn Bezug nehmen. Das gilt auch noch für zentrale Autoren des 20. Jahrhunderts wie Yves Congar oder Karl Rahner, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ohne Thomas gelesen zu haben, versteht man vieles bei ihnen schlichtweg nicht.

Konkrete Nachfrage: Ein wichtiges Thema heute ist die Künstliche Intelligenz (KI). Hat Thomas von Aquin dazu etwas zu sagen, oder ist man hier als (thomistischer) Theologe auf sich allein gestellt?

Natürlich hat Thomas nicht entfernt erahnen können, wie die technische Entwicklung der Welt in den 800 Jahren seit seiner Geburt verlaufen würde. Niemand zu seiner Zeit konnte darauf kommen, dass man einmal Maschinen erfinden wird, die mit Hilfe von Computertechnik Probleme in ähnlicher Weise lösen wie intelligente menschliche Wesen oder diese darin sogar übertreffen. Dem Werk des Thomas wird man daher zu diesem Thema ebenso wenig direkte Aussagen entnehmen können wie zu Fragen der Raumfahrt oder der Quantenphysik.

Anders sieht es aus, wenn man sich für die philosophischen oder ethischen Seiten der KI interessiert. Manchmal wird beispielsweise das Phänomen Künstlicher Intelligenz als starkes Argument zugunsten einer naturalistischen Sicht des Menschen herangezogen. Hier kann uns Thomas mit seinen Einsichten in das Wesen der Geistseele und ihrer Vermögen, in die Einzigartigkeit des geistigen Bewusstseins und seines personalen Trägers vor Fehlschlüssen bewahren. Er regt uns auch an darüber nachzudenken, ob das technisch Machbare immer dasjenige ist, was wir im Handeln umsetzen sollten. Nicht immer ist die neueste Technik das, was uns hilft, das wahre Ziel unseres Lebens zu erreichen und als Menschen, die in ihrer geistigen Seele Abbilder Gottes sind, gut und glücklich zu werden.

Noch ein Funfact am Rande: Im Internet gibt es mittlerweile einige mit Hilfe von KI arbeitende Chatbots, die in der Rolle des Thomas von Aquin Fragen beantworten, die man ihnen stellt. Das kann man einmal ausprobieren. Eine Lektüre der Werke des Thomas dürfte aber weiterhin der bessere Weg sein, um ihn wirklich kennenzulernen.

Gerade im englischsprachigen Raum scheint es eine Art Renaissance des thomistischen Denkens zu geben. Stimmt der Eindruck?

In begrenztem Umfang ist das richtig. Es gibt in den USA innerhalb des Dominikanerordens, aber auch darüber hinaus an verschiedenen kirchlichen Hochschulen einen lebendigen Thomismus, wie er im deutschen Sprachraum praktisch nirgendwo mehr anzutreffen ist. Zuweilen ergeben sich in Philosophie und Theologie interessante Brückenschläge zur analytischen Methode, die in formaler Hinsicht mit der scholastischen Methode manches gemeinsam hat. Das Thomistic Institute in Washington tut viel dafür, ein von Thomas inspiriertes Denken auch für weitere Kreise, vor allem für Studenten, zugänglich zu machen – ein Blick in den YouTube-Kanal lohnt sich! Dominikaner, die das thomistische Erbe pflegen und weiterentwickeln, wirken ebenfalls in Frankreich und Italien.

Es wäre aber übertrieben, von einer thomistischen Renaissance größeren Stils zu sprechen. Auch in den genannten Ländern ist der Thomismus heute nur eines von vielen sehr unterschiedlichen theologischen Paradigmen, die unter dem immer breiter gewordenen Dach katholischer Theologie anzutreffen sind.

Sollen normale Gläubige, die über den Katechismus hinaus etwas über die Religion lernen wollen, zu Thomas greifen? Und wenn ja, welche Werke würden Sie für den Einstieg empfehlen?

Thomas ist sicherlich kein Autor, den man vorbehaltlos und ohne Anleitung jeder oder jedem Gläubigen zur Lektüre empfehlen kann. Dafür ist sein Denken zu komplex und (vor allem in philosophischer Hinsicht) zu voraussetzungsreich. Er ist ein wissenschaftlicher, kein populärer Autor. Aber wer echtes Interesse hat, könnte mit kleineren Texten des Thomas beginnen, wie seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses oder der Zehn Gebote, die auch in deutscher Übersetzung zugänglich sind. Oder man kann eine einzelne Quästion der theologischen Summe studieren, die mit Anmerkungen und Kommentar in der „Deutschen Thomasausgabe“ verfügbar ist.

Eine hervorragende Auswahl an Texten und viele weitere Informationen zu Leben und Werk des Thomas präsentiert mein Kollege Hanns-Gregor Nissing auf einer liebevoll gestalteten Internetseite. Sie möchte ich ebenso empfehlen wie seine umfassende Hinführung zu Thomas, die 2022 in Buchform erschienen ist (Denker und Dichter: Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Leben und Werk, München: Pneuma-Verlag).

Jetzt ist es viel um das theologische Denken und die Größe des Geistes gegangen. Der heilige Thomas war aber auch ein frommer Dominikaner. Passt das zusammen – Frömmigkeit und Theologie?

Kardinal Bessarion hat schon im 15. Jahrhundert über Thomas von Aquin gesagt, er sei „der Gelehrteste unter den Heiligen und der Heiligste unter den Gelehrten“. Beides fällt nicht automatisch zusammen – es gibt gelehrte Theologen, die wenig fromm sind, ebenso wie ziemlich ungelehrte Heilige. Aber beides schließt sich auch nicht aus, und das wird in der Gestalt des Thomas beispielhaft sichtbar. Wenn er in seiner theologischen Summe über die Menschheit Jesu schreibt, die für uns der Weg zu seiner Gottheit ist, über die Gnade, die uns in unserem tiefsten Innersten vergöttlicht, oder über die Eucharistie, durch deren Empfang die Seele „gewissermaßen berauscht wird von der Süßigkeit der göttlichen Güte“, dann ist er niemals bloß akademischer, sondern immer auch geistlicher Lehrer.

„Das, was man in der Kontemplation geschaut hat, anderen weiterzugeben“, hat er selbst als Ideal des Ordenslebens formuliert, und ihm hat er als Dominikanermönch, der Theologie unterrichtet, zu entsprechen versucht. Wie ernst er das alltägliche Leben aus dem Glauben genommen hat, haben viele, die ihn kannten, bei seinem Heiligsprechungsprozess bezeugt.

Ein besonders ergreifendes Zeugnis für die Verbindung von Theologie und Frömmigkeit bieten die Hymnen, die Thomas für das Fronleichnamsfest gedichtet hat und die bis heute in der kirchlichen Liturgie Verwendung finden. Wer diese Texte liest, begegnet Thomas, dem Heiligen, dessen Leben und Denken gleichermaßen angetrieben war von der Sehnsucht nach Vollendung in Gott.