10. März 2025
Bei der Fünften Überprüfungskonferenz zum Übereinkommen über das Verbot von Antipersonenminen hat der Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf die Dringlichkeit eines verstärkten internationalen Engagements gegen diese Waffen betont. Die Rede unterstrich die Besorgnis über den anhaltenden Einsatz dieser Waffen, insbesondere in Konflikten wie in der Ukraine, Syrien und Myanmar, und forderte alle Staaten auf, dem Übereinkommen beizutreten und den Einsatz von Minen sofort einzustellen. Darüber hinaus betonte der Heilige Stuhl, dass eine minenfreie Welt nicht automatisch das Ende der Opfer bedeutete. Die Unterstützung für Betroffene müsse ganzheitlich sein und Aspekte wie Rehabilitation, soziale Integration und psychologische Betreuung umfassen.
Schließlich hob Erzbischof Ettore Balestrero, der Ständige Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf, die enge Verbindung zwischen Minenräumung, Friedensförderung und Entwicklung hervor und betonte die Notwendigkeit einer konstruktiven internationalen Zusammenarbeit. Mit Christian Peschken sprach er im Nachgang über diese Thematik.
Der Heilige Stuhl verurteilt den Einsatz von Landminen und fordert weltweit ein sofortiges Ende ihrer Produktion und Nutzung. Doch wie begegnet der Vatikan der Argumentation mancher Staaten, die Landminen als unverzichtbares Mittel zur Abschreckung oder zur nationalen Sicherheit in asymmetrischen Konflikten rechtfertigen? Ist ein völliges Verbot wirklich realistisch, wenn selbst führende Militärmächte weiterhin auf diese Waffen setzen?
Lassen Sie mich mit einer kleinen geografischen Anmerkung beginnen. Wir befinden uns in Genf, und wie Sie vielleicht wissen, steht vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in Genf ein riesiger Stuhl mit einem abgebrochenen Bein. Dieser Stuhl symbolisiert den Widerstand gegen Landminen und Streubomben. Er soll Diplomaten, Politiker und andere Besucher in Genf sowohl an die Grausamkeit des Krieges als auch an die Widerstandsfähigkeit der Opfer erinnern.
Antipersonenminen stehen seit Langem in der Kritik, da sie unverhältnismäßig großen Schaden in der Zivilbevölkerung anrichten. Besonders problematisch ist ihre inhärente Unfähigkeit, zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten zu unterscheiden, was erhebliche rechtliche und ethische Bedenken aufwirft. Diese Minen bleiben oft über Jahrzehnte im Boden und gefährden noch lange nach Kriegsende unschuldige Menschen, insbesondere Kinder.
Sie haben erwähnt, dass einige Länder möglicherweise legitime Sicherheitsbedenken haben. Natürlich können einige dieser Bedenken durchaus berechtigt sein – das habe ich bereits an anderer Stelle betont. Doch was ich sagen möchte, ist: Auch wenn diese Bedenken legitim sein mögen, gibt es andere Mittel, um ihnen zu begegnen.
Zum Beispiel durch Verteidigungssysteme, die im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht stehen und klar zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheiden können. Dadurch würde das Verstümmeln oder Töten unschuldiger Zivilisten vermieden. Zudem könnten alternative Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, die den Schutz der Bevölkerung gewährleisten, ohne wahllose Zerstörung und langfristiges Leid zu verursachen.
Da ich als Nuntius spreche, halte ich es für meine Pflicht, an die katholische Soziallehre zu erinnern. Das Kompendium betont, dass Abrüstung auch das Verbot von Waffen umfassen muss, die übermäßiges Leid verursachen oder unterschiedslos treffen. Dazu gehören, ich zitiere: „Antipersonenminen, eine besonders perfide Waffe, da sie auch lange nach Beendigung der Kampfhandlungen weiterhin Schaden anrichtet.“
Staaten, die solche Minen produzieren, verkaufen oder weiterhin einsetzen, tragen eine ernste Verantwortung dafür, die vollständige Abschaffung dieser tödlichen Waffen zu verzögern. Die internationale Gemeinschaft muss ihre Bemühungen zur Minenräumung verstärken, Kooperation fördern – einschließlich Aufklärung – und Länder unterstützen, die nicht über die notwendigen Mittel verfügen, um Minen schnell und vollständig zu entfernen oder den Opfern angemessene Hilfe zu leisten. Diese Maßnahmen sind essenziell und bilden einen umfassenden sowie differenzierten Beitrag zur Beantwortung Ihrer Frage.
In Ihrer Rede vor der UN betonten Sie, dass eine Welt ohne Landminen nicht automatisch eine Welt ohne Opfer ist. Ich denke das gilt auch besonders in Nachkriegssituationen, in denen Verwundete, Traumatisierte und zerstörte Gemeinschaften zurückbleiben. Doch wie kann der Heilige Stuhl sicherstellen, dass die Unterstützung für diese Opfer langfristig gewährleistet bleibt, wenn selbst wohlhabende Staaten oft Schwierigkeiten haben, nachhaltige Hilfsstrukturen in postkonfliktären Regionen aufzubauen?
Ich denke, Sie sprechen zwei gleichermaßen wichtige, aber dennoch unterschiedliche Themen an. Beide müssen von allen Staaten verfolgt werden. Die katholische Kirche, die aufgrund ihrer besonderen Natur als Institution innerhalb von Staaten existiert und primär dazu berufen ist, den Weg zum Guten zu verkünden, hat die Aufgabe, diesen Grundsatz in Erinnerung zu rufen und zu betonen. Staaten sind verpflichtet – oder zumindest nachdrücklich ermutigt –, ihn umzusetzen, denn dieser Grundsatz dient letztlich dem Schutz der Menschenwürde und dem Gemeinwohl.
Ich möchte hinzufügen, dass ich die Arbeit der internationalen Gemeinschaft im Rahmen der Antipersonenminen-Konvention seit über einem Jahr verfolge. Dabei habe ich oft festgestellt, dass die Hilfe für Minenopfer meist auf finanzielle Unterstützung beschränkt bleibt. Erst in den letzten Monaten wurde, nicht zuletzt dank des Einsatzes des Heiligen Stuhls, zunehmend auch die psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung von Opfern in den Fokus gerückt. Viele dieser Menschen erleiden nicht nur körperliche Verletzungen, sondern auch schwerwiegende seelische Traumata, die ohne eine umfassende Betreuung oft nicht bewältigt werden können.
Da viele Minenopfer auch gläubige Menschen sind, betont der Heilige Stuhl zudem, wie wichtig es ist, dass diesen Menschen und ihren Familien eine angemessene religiöse und spirituelle Begleitung angeboten wird. Für die katholische Kirche ist es von grundlegender Bedeutung, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und eine ganzheitliche Unterstützung zu gewährleisten, die den vielfältigen Bedürfnissen der Opfer gerecht wird – nicht nur auf physischer, sondern auch auf emotionaler, sozialer und geistlicher Ebene.
Als einer der ersten Staaten, der diese Konvention bereits 1998 ratifiziert hat, setzt sich der Heilige Stuhl seit jeher für eine Sensibilisierung innerhalb der Ortskirchen ein. Dies geschieht durch die Verbreitung relevanter Informationen, die Ermutigung zu aktivem Engagement in dieser Angelegenheit und das Gebet für die Opfer von Antipersonenminen. Die katholische Kirche sieht sich dabei nicht nur als Mahnerin, sondern auch als tatkräftige Akteurin, die auf vielfältige Weise konkrete Hilfe leistet.
Vor Ort sind katholische Kirchen aktiv in die Hilfe für Minenopfer eingebunden. Um ein persönliches Erlebnis zu teilen: Am Rande der Konferenz in Kambodscha im vergangenen Dezember traf ich mehrere Minenopfer, die ihre persönlichen Geschichten erzählten. Sie nahmen an der Konferenz teil, weil die katholische Kirche vor Ort ein wirksames Netzwerk aufgebaut hat, um sie zu unterstützen und auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen.
Erhalten Sie Top-Nachrichten von CNA Deutsch direkt via WhatsApp und Telegram.
Schluss mit der Suche nach katholischen Nachrichten – Hier kommen sie zu Ihnen.
Kambodscha gehört zu den Ländern, die besonders stark von der Minenplage betroffen sind. Ich war zutiefst beeindruckt von den Netzwerken der Solidarität, die sich um die Kirche herum gebildet haben. Diese Netzwerke bieten physische Rehabilitation, psychologische Betreuung und spirituelle Unterstützung für die Opfer.
Natürlich ist es unbestreitbar, dass zusätzliche Ressourcen die Arbeit der Kirche und ihre Reichweite erweitern könnten. Doch es geht nicht nur darum, finanzielle Mittel zu besitzen. Jede Tat, jedes Engagement und jedes Leben zählt. Die katholische Kirche arbeitet aktiv mit dieser Institution zusammen und setzt ihre Ressourcen gezielt ein, um den konkreten und praktischen Herausforderungen zu begegnen, mit denen Minenopfer in ihrem täglichen Leben konfrontiert sind. Ihr Engagement ist Ausdruck der christlichen Nächstenliebe und ein Zeichen der Hoffnung für diejenigen, die unter den Folgen dieser grausamen Waffen leiden.
Sie fordern, dass in einer globalisierten Welt in „Instrumente des Lebens und des Friedens“ investiert wird, anstatt in Waffen und Leid. Welche konkreten Maßnahmen ergreift der Heilige Stuhl, um sicherzustellen, dass solche Investitionen – sei es in Entwicklungsprojekte oder humanitäre Hilfe – nicht unbeabsichtigt lokale Konflikte verschärfen, Korruption begünstigen oder Machthabern in fragilen Regionen in die Hände spielen?
Leider sind Korruption, Ausbeutung, Machthunger und Gier nach Geld in jeder Gesellschaft präsent. Sie verursachen Leid, Ungerechtigkeit, Konflikte und Kriege. Solche Probleme verschärfen sich oft in besonders fragilen Regionen, die unter instabilen politischen Verhältnissen sowie unzureichenden demokratischen und partizipativen Prozessen leiden.
Die Mission der Kirche ist es, das Gute zu verkünden und sich aktiv dafür einzusetzen. Deshalb setzt sich die katholische Kirche für Transparenz, Ehrlichkeit und den Mut ein, Unrecht anzuprangern und dagegen vorzugehen. Zudem ermutigt sie die Gläubigen, sich aktiv in politische und soziale Fragen einzubringen, um das Gemeinwohl zu fördern, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen.
Um sicherzustellen, dass kirchliche Investitionen in Entwicklungsprojekte oder humanitäre Hilfe nicht dazu missbraucht werden, lokale Konflikte zu verschärfen, wird die Kontrolle dieser Projekte verstärkt. Dies wird mittlerweile weltweit innerhalb der Kirche umgesetzt. Die Verantwortung für diese Aufsicht liegt bei den örtlichen Bischöfen, da sie in der Regel die finanziellen Mittel für lokale Projekte erhalten. Sie sind am besten in der Lage, eine ordnungsgemäße Verwendung der Mittel sicherzustellen, Missbrauch zu verhindern und eine gerechte Verteilung der Ressourcen zu gewährleisten.
Original-Interview aufgenommen in Genf von Alex Mur | Teamleitung Genf: Laetitia Rodrigues | Produktionsleitung: Patricia Peschken | Sprecher: Jan Terstiege | Redaktion, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für Pax Press Agency im Auftrag von EWTN und CNA Deutsch.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.