Anonyme Killer? Die Gefahr autonomer Waffensysteme

Christian Peschken im Gespräch mit Professor Dominique Lambert

Professor Lambert im EWTN-Interview mit Christian Peschken
Foto: www.peschken.media
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02 May, 2018 / 9:21 AM

Der Umgang mit den Waffen der Zukunft, die vielerorts längst Gegenwart sind, war Thema des Treffens der Gruppe der Regierungsexperten für tödliche autonome Waffensysteme (LAWS) in Genf bei den Vereinten Nationen.

Ziel ist es, das Wettrüsten zu beenden und Vertrauen zwischen den Staaten zu schaffen und den Wunsch aller Völker, in Frieden zu leben, zu verwirklichen.

Die Delegation des Heiligen Stuhls äußerte die Hoffnung, dass endlich ein einstimmiger rechtlicher und ethischer Rahmen geschaffen werden kann.
Über die brisanten Themen des Kongresses debattierte ich mit dem Berater der Delegationen des Heiligen Stuhls, Dominique Baron Lambert, einem katholischen Philosophen und Wissenschaftler, der unter anderem als Professor an der belgischen Universität Namur lehrt und forscht.

Kann uns die Wissenschaft womöglich helfen, den Glauben besser zu verstehen?

Professor Lambert: "Die Wissenschaft lässt uns tatsächlich, das wunderbare Geschenk zu erkennen, das Gott uns gegeben hat. Die Schöpfung ist eine Art Geschenk – und die Wissenschaft erforscht dieses Geschenk."

Wenn wir von geltendem Recht und unserem katholischen Verständnis von Ethik ausgehen: widersprechen sich legitime ethische und rechtliche Aspekte nicht?

Lambert: "Doch, hier kann es stellenweise einige Widersprüche geben. Tatsächlich handelt es sich um das, was man als das anthropologische Zusammenhangsprinzip bezeichnen könnte. Wir müssen eine Situation schaffen, wo rechtliche Rahmenbedingungen und unser Handeln völlig im Einklang mit dem was einen Menschen ausmacht stehen."

Erzbischof Ivan Jurkovic, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN Genf wies in seiner Rede vor dem Sitzungsgremium darauf hin, dass die Entwicklung von Gesetzen die Möglichkeit bietet, das Wesen des Krieges unwiderruflich zu verändern, "indem er noch unmenschlicher wird. Damit wird die Menschlichkeit unserer Gesellschaft in Frage gestellt und alle Staaten angehalten werden, ihre militärischen Fähigkeiten neu zu überdenken."

Gibt es menschliche Kriege? Und wird die Neubewertung der militärischen Möglichkeiten nicht nur zu weiterer Aufrüstung führen?

Lambert: "Nun, ich denke, dass jeder Krieg unmenschlich ist. Aber bestimmte militärische Technologien können den unmenschlichen Charakter von Krieg tatsächlich noch verstärken."

In Punkto Rüstung könnten Länder also dazu tendieren, im Rennen um militärische Dominanz eher aufzurüsten.

Lambert: "Ein übler Wettkampf, bei dem mehr und mehr Stärke erworben werden muss – und mangelndes Vertrauen in den Frieden. Stimmt, wir müssen vorsichtig sein und diese Grausamkeit in Schranken weisen."

Der Vertreter des Heiligen Stuhls argumentierte ähnlich: "Als Grundlage jedes Gesetzes und jeder Ethik," sagte Erzbischof Ivan Jurkovic, "muss jede Technologie, einschließlich autonomer Waffen, um annehmbar zu sein, zu einem angemessenen Bild des Menschen passen und sich damit vereinbaren lassen."

Beruht dieses Bild des Menschen in diesem Zusammenhang. … als Katholik, als Christ nicht auf "Du sollst keinen anderen Menschen töten"? Hat nicht das uns geprägt?

Lambert: "Natürlich bleibt als Richtlinie immer, die Würde und das Leben des Menschen zu verteidigen. Es ist wichtig, dass wir als Katholiken diesen Grundsatz nicht aus den Augen verlieren."

Weil offensichtlich diese Waffensysteme für ihre Aktionen nicht moralisch verantwortlich gemacht werden können. Sollten Katholiken, oder Christen, so etwas nicht geradeheraus ablehnen und sich für ein Verbot solcher Waffen einsetzen?

Lambert: "Ja, diese Position ist vertretbar.  Wenn die Verantwortung aus der Hand gegeben wird und man nicht mehr klar ausmachen kann, wer für eine sehr sehr schwerwiegende Handlung verantwortlich ist. Dann muss man solche Objekte verbieten – militärische oder sonstige."

Soweit der erste Teil unseres Interviews… Im zweiten sprechen wir über genau diese Verantwortung für das Vorgehen von Maschinen. Und über ein Recht auf Krieg - oder in Bezug auf den katholischen Glauben: über einen gerechten Krieg. Gibt es so etwas und wie sieht er aus?

Es ist nun das fünfte Mal seit 2014, dass sich Regierungen im Rahmen der Konvention über konventionelle Waffen bei der UN in Genf treffen, um über die Besorgnis über tödliche autonome Waffensysteme, auch bekannt als vollautonome Waffen oder "Killerroboter", zu diskutieren.

Laut Erzbischof Ivan Jurkovic ist eine korrekte Nachvollziehbarkeit bei der Anwendung von Gewalt wichtig, um die Verantwortlichen genau identifizieren zu können.

Herr Professor, sollten nicht diejenigen, die solche Waffen entwickeln, programmieren und kontrollieren, nicht für die Aktionen ihrer Maschinen zur Verantwortung gezogen werden?

Lambert: "Das Problem bei solchen Technologien ist tatsächlich, dass sie verschleiern wer die verantwortliche Person ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass man, wenn man eine solche Waffe einsetzt, für ihre Auswirkungen verantwortlich ist, auch wenn man sie nicht wirklich kontrolliert."

Erzbischof Ivan Jurkovic verwies darauf, dass gerade diese Unberechenbarkeit nicht mit dem Jus in Bello - Prinzip übereinstimmen würde. Deshalb könnte sie in ein Vorgehen umgesetzt werden, das Zivilisten zur Zielscheibe macht, um militärische Interessen zu maximieren.

Der Nuntius hat "Jus in Bello" zitiert, was Lateinisch für Gerechtigkeit im Krieg steht. Erklären Sie uns bitte das Recht auf Krieg oder gerechten Krieg.

Lambert: "Wir können vielleicht sagen, es ist ein Weg, exzessiver Gewalt in Konflikten vorzubeugen, die immer sehr schlimm sind. Aber wir müssen hier anmerken, dass der Begriff "gerechter Krieg" nicht bedeutet, dass es sich um einen rechtlichen Rahmen handelt, der einen Krieg rechtfertigt. Nein, das ist nicht der Fall."

"Die Idee eines Krieges," so Nuntius Ivan Jurkovic, "der von autonomen Waffensystemen, ohne Bewusstsein und ohne Verantwortungsgefühl geführt wird, ist über die Verlockung zur militärischen Vorherrschaft hinwegzutäuschen, hinter der sich Verzweiflung und ein gefährlicher Mangel an Vertrauen in den Menschen verbergen."

Fehlendes Vertrauen in den Menschen, sagt der Nuntius. Ich nehme an, Sie stimmen zu, dass es nie ein absolutes Vertrauen in Menschen geben kann – was die jüngsten Kriege und Vorkommnisse in der Welt belegen. Deshalb würde ich behaupten, dass sich - wenn man darauf vertrauen möchte, dass diese Waffen irgendwann verboten werden - einzig das Vertrauen in Gott anbietet, dass Er sie, ihre Entwicklung und ihren Einsatz nicht zulassen wird. Oder geht es hier letzten Endes um den freien Willen, den Er uns gegeben hat, uns für das eine oder das andere entscheiden?

Lambert: "Natürlich! Ich glaube, dass Gott uns nicht nur einen freien Willen und Intelligenz gegeben hat, sondern auch die Fähigkeit, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, und aus freiem Willen zu Ihm zu kommen. Der Mensch ist sehr wertvoll, weil er von Gott geschaffen ist. Dieser Wert kann nicht von einer noch so hochentwickelten Maschine ersetzt werden."

Nuntius Ivan Jurkovic schloss seine Rede mit dem Hinweis auf Worte vom Heiligen Vater: "Meine Delegation möchte die Worte von Papst Franziskus wiederholen, dass "wir die nötige Freiheit haben, Technik zu begrenzen und zu steuern."

Hier bringt der Erzbischof wieder ein erstklassiges Beispiel, wie die Enzyklika "Laudato Si" des Heiligen Vaters in allen Lebensbereichen umgesetzt werden kann, oder?

Lambert: "Das ist tatsächlich eine gute Philosophie für Wissenschaftler und auch für Ingenieure - zu wissen, dass man wirklich Wissenschaft und Technik auf höchster Ebene voranbringen kann, und zwar auf eine Art und Weise, bei der man die menschliche Natur respektiert, die Schwächsten berücksichtigt und Gerechtigkeit achtet. Eine Umwelt zu schaffen, die für jeden in der Welt gut ist."

Danke, Herr Professor.

Lambert: "Dank auch an Sie."

Gegner dieser Waffensysteme fordern die Regierungen auf, rasch zu einem internationalen Vertrag über das völlige Verbot autonomer Waffen zu gelangen. Sie sagen, dass geringere Maßnahmen zum Scheitern verurteilt sein werden.

Die Delegation des Heiligen Stuhls kam zu dem Schluss, dass internationale Sicherheit und Frieden am besten durch die Förderung einer Kultur des Dialogs und der Zusammenarbeit und nicht durch ein Wettrüsten erreicht werden können.

Christian Peschken ist U.N. Genf-Korrespondent für EWTN. Das Thema wird auch bei EWTN – Katholisches Fernsehen zu sehen sein im Rahmen des Magazins 'Vatikano'. Weitere Informationen zu Christian Peschken unter www.peschken.media

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Hinweis: Beiträge der Rubrik "Meinung" spiegeln die Ansichten der Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.