Aufbruch Amazonas? – Nachdenken über Irritation, Inkulturation und Glaube

Amazonas-Ufer in Peru
Foto: Rafal Cichawa/Shutterstock.
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25 October, 2019 / 11:55 AM

Werden bald "viri probati" und der Diakonat der Frau die Evangelisierung Südamerikas begünstigen? Könnte neben dem Regenwald auch gleich die Lehre der Kirche aller Zeiten und Orte mit abgeholzt werden? Ob Fruchtbarkeitssymbole künftig überall verehrt und umtanzt werden? Gilt bald: Regionales Kirchenrecht für alle? Oder sollte das letzthin so sehr gerühmte Ortskirchenprinzip eilig revidiert werden – im Zuge einer postmodernistischen Zeitrechnung wie "n. A." (= "nach der Amazonas-Synode") – und überraschend eine Renaissance des weltkirchlichen Bewusstseins beginnen?

Gemach, gemach. Im Augenblick sind alle Spekulationen über den Ausgang und die Konsequenzen aus der nun zu Ende gehenden Bischofssynode so viel wert wie ein kirchenpolitisches Glasperlenspiel. Eine weise Entscheidung des Vatikans war es, auf orakelnde Zwischenberichte zu verzichten. Was die mehrheitliche Zustimmung der Synodenväter finden und was Papst Franziskus davon berücksichtigen wird oder nicht, werden wir alle noch sehen, bedenken und kommentieren können. Wenn eine eschatologische Hektik oder gar eine apokalyptische Panik ausbrechen sollte, dürfen wir auch weiterhin gläubig darauf vertrauen: Das letzte Wort in allem und über alle hat ohnehin der Herr.

Was können wir zwischenzeitlich tun? Uns besinnen, beten und vatikanische Texte lesen, zum Beispiel. Erinnert sei darum an einige Aspekte eines Dokuments der Internationalen Theologischen Kommission aus dem Jahr 1988 – "Glaube und Inkulturation". Zunächst denken wir zurück an die Missionsreisen des Apostels Paulus. Er verkündigte das Evangelium, ob gelegen oder ungelegen. Was hätte er sonst tun sollen? Paulus war klug und gläubig. Also ließ er sich nicht von den schlauen Philosophen, denen er in Athen begegnete, zu irgendwelchen Weisheitslehren bekehren oder andernorts von regionalen Mysterienkulten inspirieren. Sein Auftrag war, die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen. Christus zu bezeugen, das ist der Auftrag der Kirche bis heute. Wir lesen also in dem genannten Text:

"Wo das Evangelium sich einwurzelt, fordert es oft sogar eine Bekehrung der Mentalitäten und eine Erneuerung der Gebräuche: Auch die Kulturen selbst müssen in Christus gereinigt und erneuert werden."

Diese Bewegung ist mitnichten – wenn auch in der Kirchengeschichte massive, gewaltsame und blutrünstige Missbräuche des Missionsgedankens aufgetreten sind – ein machtvoller Imperialismus der Weltgestaltung. Der christliche Glaube ist auch nicht ein Instrument der Kolonialisierung, sondern der Aufklärung und Befreiung zu Christus. In dem Dokument heißt es demgemäß: "Der Prozess der Inkulturation kann definiert werden als das Bemühen der Kirche, die Botschaft Christi in ein gegebenes sozio-kulturelles Milieu eindringen zu lassen, indem sie es dazu ruft, all seinen eigenen Werten gemäß zu wachsen, insofern diese mit dem Evangelium vereinbar sind. Der Begriff Inkulturation schließt die Idee des Wachstums, der wechselseitigen Bereicherung der Personen und Gruppen kraft der Begegnung des Evangeliums mit einem sozialen Milieu ein."

Die "Vereinbarkeit mit dem Evangelium" ist der Maßstab – auch heute. Es darf also der Botschaft Christi und Seiner Kirche weder etwas hinzugefügt noch etwas von ihr verschwiegen werden. Christus ist der Mittel- und Zielpunkt alles kirchlichen Denkens und Tuns. Wir lesen also weiter:

"Christus würde uns jedoch nicht in der Wahrheit unserer konkreten Menschheit erreichen, wenn er uns nicht in der Verschiedenheit und Komplementarität unserer Kulturen berührte. … Jede zu den Völkern gesandte Kirche bezeugt ihren Herrn nur dann, wenn sie sich, unter Berücksichtigung ihrer kulturellen Bindungen, ihm in der ersten Entäußerung seiner Menschwerdung und in der letzten Erniedrigung seines lebenspendenden Leidens angleicht."

Betont wird auch, dass die Teilkirchen und ihre Gewohnheiten berücksichtigt werden müssen. Aber in gleicher Weise ist selbstverständlich, dass regionale Kulte nicht zu einer Norm oder Leitlinie für die Erneuerung der Kirche werden dürfen. Die Botschaft Christi darf weder in ein neuheidnisches Kulturchristentum transformiert noch irgendwelchen regionalen Gewohnheiten geschmeidig angepasst werden:

"Angesichts des bedeutenden Platzes der Religion in der Kultur muss eine Lokal- oder Teilkirche, die in einem nichtchristlichen sozio-kulturellen Milieu eingewurzelt ist, sehr ernsthaft den religiösen Elementen dieser Umgebung Rechnung tragen. Diese Sorge sollte im Übrigen ihr Maß an der Tiefe und der Vitalität dieser religiösen Gegebenheiten finden. … Wir können allerdings nicht die Transzendenz des Evangeliums in Bezug auf alle menschlichen Kulturen vergessen, in denen der christliche Glaube berufen ist, sich all seinen virtuellen Kräften nach zu verwurzeln und zu entfalten. Bei allem gebotenen Respekt vor dem, was im kulturellen Erbe eines Volkes wahr und heilig ist, verlangt diese Haltung dennoch nicht, diesem kulturellen Erbe einen absoluten Charakter beizumessen. Niemand kann vergessen, dass das Evangelium von Anfang an »für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit« (1 Kor 1,23) war. Die Inkulturation … darf auf keinen Fall dem Synkretismus Vorschub leisten."

Schön und treffend möge uns allen immer der erste Satz der Dogmatischen Konstitution "Lumen gentium" gegenwärtig sein: "Christus ist das Licht der Völker." Dies – und nichts anderes – zu verkünden und zu bezeugen, bleibt der Auftrag der Kirche, und somit von uns allen, bis zu dem Tag Seiner Wiederkehr in Herrlichkeit.    

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