"Cor ad cor loquitur"

Was wir vom heiligen John Henry Newman heute lernen können

St. John Henry Newman
Foto: Mazur / Catholic Church of England and Wales (CC BY-SA 3.0)
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14 October, 2019 / 7:21 AM

Viele Katholiken – in England und überall auf der Welt – beteten schon lange zu John Henry Newman wie zu einem Heiligen. Zur Freude aller wurde er von Papst Franziskus am 13. Oktober heiliggesprochen. Auch hierzulande ist in leuchtenden Predigten bereits an diesem Tag – beispielhaft genannt sei etwa die außerordentlich hörenswerte Homilie von Pater Engelbert Recktenwald – die Gestalt des Heiligen gewürdigt worden. Der heilige John Henry Newmann erinnert uns in Deutschland sicher auch heute daran, dass aus nationalkirchlichen Versuchungen und zeitgeistlichen Experimenten nichts in sich Gutes erwachsen kann. Der Vorsehung mögen wir vielleicht im Stillen dafür danken, dass seine Heiligsprechung gerade in den Tagen der kontrovers diskutierten Amazonas-Synode erfolgte. Der Wappenspruch des am 14. März 1879 von Papst Leo XIII. zum Kardinal ernannten Konvertiten John Henry Newman fasst vielleicht die Botschaft seiner zahlreichen Predigten und Bücher auf eine prägnante Weise zusammen – "Cor ad cor loquitur". Wir übersetzen mit: "Das Herz spricht zum Herzen."

Wie leicht könnte das missverständlich erscheinen, denn Kardinal Newman dachte, durch das Vorbild und Schrifttum der Kirchenväter geprägt, weder romantisch wie sein Jahrhundert noch war er sentimental gestimmt. Auch die heutige Herzensfrömmigkeit – viele kirchliche Buchhandlungen warten mit einem großen Sortiment an esoterisch-kulturchristlicher Erbauungsliteratur auf – hätte er gewiss kritisch beurteilt.

Aber wünscht sich nicht schon der junge König Salomo im 1. Buch der Könige ein "hörendes Herz" von Gott? Papst Benedikt XVI. hat 2011 während seiner Apostolischen Reise nach Deutschland in der Rede vor dem Deutschen Bundestag daran erinnert. Salomo bittet aber nicht um lauwarme Gefühligkeit, sondern er bittet – und damit dem Sinn des hebräischen Begriffs entsprechend – um die Einsicht in und die Unterscheidung von Gut und Böse. Die Gewissensbildung ist ihm eine Herzenssache, und das heißt biblisch: eine Sache der ganzen Person. Mit dem Herzen, also als ganze Person, wollte auch der heilige John Henry Newman zu dem dreifaltigen Gott sprechen – und wusste sich von ihm angesprochen, gerufen und berufen. Darum bekehrte er sich zu der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, deren "Herzmitte", so können wir vielleicht sagen, das allerheiligste Sakrament des Altares ist. Das Herz spricht zum Herzen – und die Sprache des gläubigen Herzens ist Anbetung, ist Gebet, ist manchmal nicht mehr als ein hilfloses Stammeln und manchmal auch nur ein sehnsüchtiger Blick nach Oben. Wie das Beispiel des Königs Salomo zeigt, müssen wir uns heute um diese "conversio", um diese Hinwendung zu Gott und zu Seiner Kirche, unser ganzes Leben hindurch bemühen.

Wir sind Anfechtungen, Versuchungen und Okkupationen ausgesetzt. Manchmal scheint es tatsächlich, als würden wir – mitten in der Kirche – mehr an die Sinnhaftigkeit des Dialoges untereinander glauben als auf den Dialog mit Gott vertrauen. Oder sogar an den Zweifel. Glauben Sie nicht an die Notwendigkeit des Zweifels? In der "Apologia sua vita" schreibt Newman:

"Viele Menschen leiden an den Schwierigkeiten der Religion; ich bin so leidensfähig wie jeder andere. Aber ich war niemals fähig, eine Verbindung zu sehen zwischen dem noch so intensiven Wahrnehmen solcher Schwierigkeiten, mag man sie auch noch beliebig vervielfältigen, und Zweifeln an den mit ihnen verknüpften Lehren. Zehntausend Schwierigkeiten machen noch nicht einen Zweifel, wie ich die Sache ansehe; Schwierigkeit und Zweifel sind nicht auf einen Nenner zu bringen."

Ich erinnere mich noch – damals, mitten im Studium –, wie ich erleichtert aufatmete, als ich diesen Gedanken las, ein theologischer Glücksmoment. Ob Priester, Philosophen oder Theologen: So viele kluge Menschen sagten mir, man müsse doch zweifeln. Das sei normal, vernünftig und auch gut. "Wir haben alle unsere Zweifel", so sagte mir ein Priester. Und ich habe mich fast geschämt, als ich damals leise erwiderte: "Ich eigentlich nicht." Heute würde ich sagen: "Ich nicht."

Müssen wir heute aber nicht alle an Gott und Seiner Kirche zweifeln? Müssen wir nicht auf die Stimme unseres subjektiven Gewissens und der neuzeitlichen Vernunft hören und die Kirche neu erfinden? Die Lehre der Kirche dem Geschmack der Zeit anpassen?

Der heilige John Henry Newman, lange Zeit Anglikaner, erkannte, dass das Gewissen nicht eine beliebige subjektive Meinung ist, die dann als "Gewissen" bezeichnet wird, sondern dass das Gewissen geformt und gebildet werden soll gemäß der Lehre der Kirche, nicht weil sie besonders zeitgemäß, sondern weil die Kirche, zu der wir uns im Credo bekennen, die Stiftung Jesu Christi ist. In einer Predigt sagte Newman:

"Alle, die der Wahrheit folgen, sind auf der Seite der Wahrheit, und die Wahrheit wird obsiegen. Wenige an Zahl, aber stark im Geist, verachtet von der Welt, bahnten sich die zwölf Apostel doch einen Weg, und während sie litten, überwältigen sie die Macht der Finsternis und bauten die christliche Kirche auf."

Der Aufbau der Kirche, gestern und heute, gelingt nur durch die Hinwendung zu Christus. Die geistliche Erneuerung ist keine Strukturreform, sondern die Bekehrung jedes und jeder Einzelnen. Auch die Wendung "Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an!" verdanken wir dem heiligen John Henry Newman. Er war übrigens schon 44 Jahre alt, als er am 9. Oktober 1845 zur römisch-katholischen Kirche konvertierte – aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts wirklich nicht mehr ganz jung. Wer also heute vielleicht im Alter von 60, 70, 80 oder 90 Jahren über Konversion nachdenkt, der mag vielleicht auf Fürsprache des Heiligen um Einsicht und Führung bitten. Papst Benedikt XVI. sagte am 19. September 2010 in Birmingham bei der heiligen Messe zur Seligsprechung:

"John Henry Newman sagt uns, dass unser göttlicher Lehrer jedem von uns eine spezielle Aufgabe zugewiesen hat, einen »bestimmten Dienst«, der jedem einzelnen Menschen ganz persönlich anvertraut ist: »Ich habe meine Sendung«, schrieb er, »ich bin ein Glied in einer Kette, ein verbindendes Element zwischen Personen. Gott hat mich nicht umsonst erschaffen. Ich soll Gutes tun und sein Werk vollbringen. Ich soll auf meinem Posten ein Engel des Friedens, ein Prediger der Wahrheit sein … wenn ich nur seine Gebote halte und ihm in meiner Berufung diene« (Meditations and Devotions, 301-302)."

Was der heilige John Henry Newman uns alle lehrt – Kleriker wie Weltchristen –, ist, dass wir auf unserem "Posten" ein Zeuge des Evangeliums sein dürfen, können und sollen, dem Herrn und Seiner Kirche treu ergeben.

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