Die Familie und das Geheimnis von Weihnachten

Predigt zum 26. Dezember 2021 von Don Aldo Vendemiati

Michelangelo hat sie um das Jahr 1506 in seinem Meisterwerk verewigt: Menschen bestaunen die Heilige Familie in den Uffizien (Florenz, Italien)
Foto: Juli Kosolapova / Unsplash (CC0)
26 December, 2021 / 11:35 AM

Die Familie ist ein menschliches, natürliches Gut - das wissen wir alle. Und da der Mensch von Natur aus religiös ist, ist die Familie auch ein religiöses Gut.

Das vierte Gebot lautet: “Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt” (Ex 20,12). “Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.” (Dt 5, 16).

Die Psalmen besingen die Schönheit und Bedeutsamkeit der von Gott gesegneten Familie:

“Wie ein fruchtbarer Weinstock ist deine Frau drinnen in deinem Haus. Wie junge Ölbäume sind deine Kinder rings um deinen Tisch” (Psalm 128,3). “Kinder sind eine Gabe des Herrn, / die Frucht des Leibes ist sein Geschenk: Wie Pfeile in der Hand des Kriegers, so sind Söhne aus den Jahren der Jugend” (Psalm 127,3-5).

Schön wär´s, wenn es immer so wäre! Wir würden uns alle wünschen, dass sich in unseren Familien diese natürlichen Güter verwirklichen. Aber wir wissen, wie schwierig das ist. Wir wissen was Streit, Trennung, Untreue bedeuten...

“Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen” sagt ein Psalm (133,1), aber das erste Brüderpaar, das uns die Bibel präsentiert sind Kain und Abel!

Das Geheimnis von Weihnachten ist vorallem das: Jesus kommt, um die durch die Sünde verletzte menschliche Natur zu heilen. Das Wort wird Fleisch und nimmt alles Gute an, das im Menschen ist, es heilt und heiligt es, angefangen von der familiären Dimension: Jesus wir von Maria, der Braut Josefs geboren, er lebt in seiner Familie und wächst in ihr heran. Aber er lässt die Dinge nicht, wie sie sind: Er lädt uns ein, zu einem größeren Gut überzugehen, das das christliche Novum ausmacht, denn das natürliche Gut genügt sich nicht selbst. 

Das sehen wir im heutigen Evangelium (Lk 2,41-52). Maria, Josef und Jesus erscheinen zu Beginn wie eine gute israelitische Familie, die in einer Gruppe fromm nach Jerusalem pilgert. Aber diese schöne Normalität wird erschüttert: Jesus bleibt in Jerusalem, ohne dass die Eltern es merken. 

Beunruhigung, Angst, fieberhafte Suche... bis sie Jesus dann, nach drei Tagen, im Tempel finden, wo er in aller Ruhe mit den Lehrern spricht. 

“Kind, warum hast du uns das angetan?
Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.”

Ja, genau - warum? Wenn wir auf der rein natürlichen Ebene bleiben, kapiert man das Verhalten Jesu nicht. Es scheint ein verantwortungsloser Jungenstreich, oder sogar Boshaftigkeit... Aber die Antwort Jesu dreht die Dinge um: 

Warum habt ihr mich gesucht?
Wusstet ihr nicht,
dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? 

Ihr habt mich gesucht, bewegt von der natürlichen Liebe, aber hier ist es nötig, zu einer anderen Art der Liebe emporzusteigen. 

Du redest von meinem Vater (Josef - von dem, der die Rolle meines irdischen Vaters übernommen hat), aber hier geht es um meinen VATER (den himmlischen, von dem ich ausgegangen bin). 

Gibt es einen Widerspruch zwischen dem natürlichen Gut, von dem Maria spricht, und dem höheren Gut, das Jesus meint?

Nein, denn er “kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam.”

Die natürliche Harmonie der Familie ist wiedergewonnen, aber sie wurde auf ein grundlegendes Fundament gestellt: Es gibt ein höheres Gut, dem sich die gesamte Famlie unterwerfen muss: sich um die Dinge des Vaters kümmern. 

Eltern, wollt ihr, dass eure Kinder in Weisheit heranwachsen und Gefallen finden bei Gott und den Menschen? Geschwister, wollt ihr erfahren, wie gut und schön es ist, in Eintracht zu leben? Ehepaare, wollt ihr eure Liebe in Freude und Treue leben? Dann nehmt Jesus in euer Leben auf! Stellt Jesus ins Zentrum eurer Beziehungen!

Wie viele Dinge bemühen sich die Eltern, ihren Kindern zu geben: Nahrung, Kleidung, ein Haus, Bildung, Vergnügen... Oft sind sie wie Marthas, die sich um viele Dinge sorgen, aber das einzig Notwendige vernachlässigen. 

Gebt euren Kindern jenes Gut, ohne das alle anderen Dinge nichts sind: lehrt sie, sich um die Dinge Gottes zu kümmern! Betet für sie, betet zusammen mit ihnen, hört zusammen mit ihnen das Evangelium, bringt sie zu Gott. So werden in euren Familien alle natürlichen Güter erblühen und sie werden sich dem Gut der Gnade öffnen. 

Don Aldo Vendemiati ist Professor für Ethik und Dekan der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana. 

Das könnte Sie auch interessieren: 

https://twitter.com/CNAdeutsch/status/1110081719661723653?s=20