Die Kapuziner, Teil III: Der Abtrünnige

Dritter Teil der Serie von Dirk Weisbrod – Leben und Sterben des Bernardino Ochino aus Siena

Bernardino Ochino als Prediger in Augsburg
Foto: (CC0)
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17 December, 2019 / 5:22 PM

Was passiert, wenn die Grenzen der Wahrheit und mithin des Glaubens nur relativ verstanden werden? Wenn ein unruhiger Geist diese Grenzen permanent überschreitet? Und was geschieht, wenn dieser jemand eine prominente Stellung in der Kirche einnimmt? Eine erschütternde Antwort ist das Schicksal des Kapuzinergenerals und Starpredigers Bernardino Ochino.

Nur wenige Kilometer östlich der mährischen Metropole Brünn liegt Austerlitz, das heute Slavkov u Brna heißt. Die Kleinstadt befindet sich in einer Talsenke, dort wo das böhmisch-mährische Bergland aufhört und die Wintertage empfindlich kalt werden können. Bekannt wurde der kleine Ort 1805 durch eine folgenschwere Schlacht in den napoleonischen Kriegen. In der sogenannten Dreikaiserschlacht schlug Napoleon die vereinte Armeen Österreichs und Russlands. In Nebel, Regen und Schlamm versank die alte Ordnung Europas und mit ihm der letzte Rest des Heiligen Römischen Reiches: Ein Drama der Weltgeschichte!

Schon lange vor diesem geschichtsträchtigen Datum, im Dezember 1564 und somit genau vor 455 Jahren, fand in ebendiesem Austerlitz ein persönliches Drama sein tragisches Ende. Wir wissen nicht den Tag, wir wissen nicht die Stunde, wir wissen nur, dass Bernardino Ochino aus Siena, der vierte General der Kapuziner und der bekannteste Prediger seiner Zeit dort irgendwann um Weihnachtstage herum von der Pest hingerafft wurde. Sein Grab ist unbekannt – wahrscheinlich eine Pestgrube, in der man den Flüchtling mit anderen verscharrte. Wie konnte es dazu kommen?

Ochino war das, was wir heute einen Borderliner nennen würden. Einer der die Grenzen auslotete – in diesem Fall die Grenzen des Glaubens, weil ihm die alten und überlieferten Wahrheiten keine Heimat mehr boten. Seinen Orden hat er damit in eine tiefe Krise gestürzt und fast scheint es, als habe er viele Gläubige, die an seinen Lippen hingen, mit in den Abgrund gestürzt. Da Ochino im 16. Jahrhundert lebte, fehlen uns darüber jedoch belastbare Aufzeichnungen.

Seine Herkunft liegt ebenfalls im Dunkeln! Lediglich aus eigenen Äußerungen lässt sich 1487 als Geburtsjahr rekonstruieren, das genaue Datum ist wie sein Sterbedatum unbekannt. In Siena geboren, wo der Vater, Domenico Tommasini, Barbier gewesen sein soll, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Andere reden hingegen von einer höheren bürgerlichen Abkunft. Ähnlich vage sind die Angaben zur Entstehung des Beinamens Ochino. Stammt er von den kleinen Augen Bernardins ab – "Ochino" kann als Verkleinerung des italienischen "Occhio" für Auge verstanden werden, war er ob seiner Schönheit ein Augenschmaus oder leitete man den Namen ganz einfach aus dem Stadtviertel ab, in dem er aufwuchs – dem Viertel der Gans (italienisch "oca"). Wie weiß! Sicher ist, dass der junge Ochino 1504 in Siena Mönch wurde und als Observant in den besonders strengen Zweig der Franziskaner eintrat. Nachdem er den Orden vorübergehend verlassen hatte, um Medizin zu studieren, machte der Rückkehrer schnell Karriere: 1523 wählte man ihn zum Provinzial von Siena und 1533 zum Stellvertreter des Generalministers, was er aber nicht lange blieb.

Denn schon zum Ende des Jahres überschritt er zum ersten Mal eine Grenze: Ochino und weitere führende Ordensbrüder liefen zu den Kapuzinern über, da die Observanten – so behaupteten sie – die franziskanische Ideal der Armut nicht mehr genügend beachteten. Die Sache erregte größtes Aufsehen, zumal die Kapuziner aus den Observanten hervorgegangen waren. Wutentbrannt erreichten diese, dass Papst Clemens VII. weitere Übertritte verbot.

Schon damals zeigte sich die Unstetigkeit des Mannes, der zugleich über ein großes Charisma, eine hohe Intelligenz und ein solides Machbewusstsein verfügte. Eine Kostprobe dieser Gaben erhielt sogleich der amtierende Generalvikar der Kapuziner, Ludovico da Fossombrone – bestand der doch mit zu großem Nachdruck auf jene Strenge, die die Neu-Kapuziner gesucht hatten: Nur Armut und eremitisches Leben entsprächen – so Ludovico – dem franziskanischen Ideal, weswegen die Predigttätigkeit einzuschränken, ja sogar Studium und Wissenschaft zu unterlassen seien. Das war den Neuen zu viel des Guten! Als der General diese Strenge mit diktatorischen Maßnahmen durchsetzte und sich sogar weigerte, das fällige Generalkapitel einzuberufen, kam es zur Revolte. Papst Paul III. musste einschreiten und das Kapitel zwangsweise einberufen. Die Folge: Ludovico verlor sein Amt, Nachfolger wurde mit Bernadino d‘Asti ein ehemaliger Observant und Ochino sein Stellvertreter. Als d‘ Asti 1538 schwer erkrankte, folgte er ihm nach. So macht man Karriere!

Diese Entscheidung wurde von der Öffentlichkeit als folgerichtig empfunden, denn schon ab 1534 – und ganz sicher gegen den Willen Fossombrones – avancierte Bernadino zum Starprediger der Kapuziner und Italiens, als er in Rom die Fastenpredigten in San Lorenzo in Damaso hielt. Ochinos Predigtstil unterschied wohltuend sich von den vorherrschenden Formen der damaligen Zeit, wo man häufig scholastische Traktate abgespulte und manchmal auch die Bibel mit Zitaten antiker Schriftsteller oder Aussprüchen Dantes und Petrarcas ausgelegte.

Man kann nur erahnen, wie groß Nachfrage nach guten katholischen Predigern damals gewesen ist. Schließlich galt es, die Lehren der Reformation abzuwehren, die über die Alpen nach Italien schwappten und dort begeisterte Aufnahme fanden. Zudem hatte Luther ausgerechnet die Predigt in den Mittelpunkt seiner Neuerungen gestellt! Da kamen Persönlichkeiten wie der Neu-Kapuziner aus Siena der Kurie gerade recht. Der Farnesepapst Paul III. ernannte ihn zum apostolischen Missionar. Ja, er behielt sich die Entscheidung darüber vor, wo Ochino seine jährlichen Fastenpredigten hielt, der von nun an als Glaubenskämpfer des Wortes genau da hingeschickt wurde, wo es am nötigsten war. Aber auch übers Jahr zog er von Ort zu Ort, predigte, missionierte, beindruckte in ganz Italien von Verona bis Sizilien. Die Zuhörerzahlen waren für damalige Zeiten unerhört; in den Kirchen mussten Gerüste aufgebaut werden, um die herbeigeeilten Gläubigen wenigstens teilweise zu fassen. Sogar die Dächer der Nachbarhäuser ließ man abdecken, um ihm lauschen zu können. Zudem verband Ochino die Predigttätigkeit mit der Armenfürsorge, warb und sammelte für die Errichtung von Altersheimen, Kranken- und Waisenhäusern.

Als 1538 das Amt des Generalvikars auf seine Schultern gelegt wurde, meisterte er auch dieses zunächst bravourös. Neue Kapuzinerklöster entstanden, unter anderem in Venedig und in seiner Heimatstadt Siena. Unter ihm überschritt der Orden erstmals die Grenzen Italiens, als die ersten Kapuziner sich in Frankreich ansiedelten. Wäre Bernardino Ochino um 1540 gestorben, wir würden ihn heute als große Persönlichkeit des Kapuzinerordens bezeichnen. Aber fast 25 Jahre Erdenleben lagen damals noch vor ihm, in denen er erneut begann, die Grenzen auszutesten. Dabei verfing er sich in der großen Grenzüberschreitung seiner Zeit: Der Reformation.

Gerade um 1540 wurde immer offensichtlicher, dass die Kirche überzeugend auf die Lehren Luthers und seiner Anhänger zu antworten hatte. Viele waren davon überzeugt, dass sie sich Papst und Kurie selbst reformieren mussten, um die Sturmwelle aus Deutschland aufzuhalten und zurückzudrängen. Offen war zudem, ob es notwendigerweise zu einer Kirchenspaltung kommen müsse. Hatte Papst Hadrian VI. nicht am 03. Januar 1523 auf dem Reichstag zu Nürnberg ein Schuldbekenntnis verlesen lassen, in dem er Fehlentwicklungen benannte und Hoffnungen auf eine Reform weckte. Freilich, Hadrian war schon im September des gleichen Jahres gestorben und sein Nachfolger, Clemens VII. aus dem Hause Medici, war unentschlossen und zudem mehr Politiker als Hirte, der schließlich zwischen die politischen Fronten geriet und sogar die Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen erdulden musste. Es war ein gescheitertes Pontifikat, das dem Nachfolger Paul III. verhärtete Fronten hinterließ. Der versuchte es 1537 zunächst mit einer Kommission, die Reformvorschläge machen sollte.  Heraus kam ein Gutachten, das zuvörderst eine Kurienreform vorschlug, was dem Papst und einigen Kardinälen dann – damals wie heute – aber zu viel des Guten war. 

Zudem war – ein weiteres déja vu – die Kurie gespalten, es gab reformorientierte Kräfte, wie die Kardinäle Contarini, Pole und Bembo, die den Protestanten entgegenkommen wollten und die sogenannten Hardliner um Kardinal Carafa, der zwar Mitglied der  besagten Kommission war, aber eine doppelte Agenda verfolgte. Carafa, Kardinal-Erzbischof von Chieti und später einmal Papst Paul IV. (1555-1559) war schon früh zu der Auffassung gelangt, dass man doch wenigstens auf eigenem Hoheitsgebiet für Ordnung müsse, wenn man schon nicht den Protestanten jenseits der Alpen beikomme.  Schon 1524 hatte er daher mit dem Heiligen Kajetan von Thiene einen Orden gegründet, der genau diese Aufgabe hatte: Häretiker aufzuspüren! So steht es in der von Carafa selbst verfassten Ordensregel. Da er in Chieti, lat. Theata, Bischof war, sprach man fortan vom Theatinerorden.

Schon bald hatten die Theatiner auch eine Niederlassung in Neapel. Wohl unter anderem auch, weil dort der spanische Humanist Juan de Valdes die sog. "gesegnete Kameradschaft" gegründet hatte. Zu dieser Kameradschaft gehörte auch eine große Förderin des Kapuzinerordens: Vittoria Colonna. Vermutlich über sie ist Ochino Mitglied des Valdes-Kreises geworden, wo man nachweislich die Schriften der Reformatoren las. Offenbar sympathisierten Valdes und auch Ochino mit der Reformation und insbesondere mit der Rechtfertigungslehre.

Die Rechtfertigung! An ihr schien das Wohl und Wehe der katholischen Sache zu hängen. Die Einstellung hierzu wurde zum Lackmustest der Gegenreformation. Unsicheren Kantonisten stellte man als erstes die Frage: "Wie hältst Du es mit der Rechtfertigung?" Worum ging es? Luther hatte behauptet, dass der Mensch nicht durch eigene gute Werke an seinem persönlichen Heil mitwirke, sondern "alleine durch den Glauben" an Jesus Christus gerechtfertigt und damit erlöst sei. Und dieser Glaube ereigne sich sozusagen als ein Gnadenakt Gottes. Der Mensch sei letztendlich nur wie ein Misthaufen, den die Gnade Gottes wie Schnee zudecke und der daher "kräftig sündigen" könne und solle. Gute Werke seien zwar lobenswert, aber nicht heilsnotwendig. Damit war die katholische Lehre auf den Kopf gestellt. Wozu noch Umkehr, Beichte und Buße, wozu noch die Fürbitten, die Anrufung Mariens und der Heiligen, wozu dann noch Ablassgebete und stellvertretendes Leiden, Fasten und Sühneopfer? Diese Häresie konnte Rom nicht akzeptieren!

Schon 1536 hatten Unbekannte Ochino ebendieser Häresie verdächtigt, 1539 dann die Theatiner in Neapel. Beide Male noch ohne Folgen. Seine Popularität war zu groß. 1541 wählte man ihn ein zweites Mal zum General – immer noch ohne jegliche Bedenken Roms. Der Wiedergewählte zögerte und musste überredet werden, das Amt anzunehmen. Hatte er sich insgeheim schon von der Una Sancta abgewendet?

Glaubt man dem alten Ochino, dann hatte seine "Konversion" schon früh und weit vor der Bekanntschaft mit Valdes stattgefunden. Jahre später schrieb er dem Humanisten Muzio: "Ich war noch nicht lange unter den Kapuzinern, als der Herr anfing, mir die Augen zu öffnen." Deswegen, so bekannt er später immer wieder, habe er Christus "maskiert" gepredigt, also mit versteckten Anspielungen auf die protestantische Lehre.  Dafür gibt es Hinweise: 1539 versicherte er nämlich doppeldeutig von der Kanzel, dass er der katholischen Kirche treu sei, "die ich für überaus heilig halte und an die ich glauben will, bis ich eine bessere finde. Es könnte sein, dass ich, wenn ich eine bessere sehen würde – was aber nicht möglich ist – mich von ihr entferne; aber zur Zeit sehe ich keine bessere". Zur Zeit? Das sind Worte, die zumindest eine Hintertüre offenlassen.

1542 überschlugen sich dann die Ereignisse. Während der Fastenpredigten in Venedig hatte Ochino einen inhaftierten Priester verteidigt, der wie er Mitglied des Kreises von Valdes gewesen war. Die Sache wurde prompt nach Rom gemeldet, wo man jetzt aufwachte, zumal Kardinal Carafa – durch seine Theatiner bestens informiert – den Starprediger schon lange verdächtigte.  Wenig später dann, am 21. Juli, hatte Carafa Paul III. dazu gebracht, die römische Inquisition zu gründen: das Sant‘ Ufficio" – als Vorläufer der heutigen Glaubenskongregation – mit ihm als Präfekten. Das war der Beginn der Gegenreformation! Einer der ersten, wenn nicht der Erste, den Carafa vorladen ließ, war Ochino. Fast schien es, als habe man das "Sant‘ Uffico" nur für ihn gegründet.

Die Vorladung erreichte Ochino Anfang August 1542 in Verona. Was dann geschah, liegt im Dunkeln. Sicher ist, dass er sich auf gutes Zureden des Ortsbischofs Ghiberti nach Rom aufmachte. Unterwegs besuchte er den befreundeten Kardinal Contarini, der in Bologna auf dem Sterbebett lag. Auch Contarini galt im Vatikan als verdächtig. Man warf ihm vor, beim gescheiterten Regensburger Religionsgespräch ein Jahr zuvor den anwesenden Reformatoren um Melanchton und Calvin zu weit entgegengekommen zu sein – insbesondere bei der Rechtfertigungslehre. Als Legat nach Bologna abgeschoben, muss er einen erschütternden Eindruck auf den Vorgeladenen gemacht haben. Ochino berichtet, dass sich der Sterbende bitter über die Falschheit der Kardinäle beklagte und sogar andeutete, dass man ihm nach dem Leben trachte. Er zog nach Florenz weiter, von wo er schließlich die Flucht antrat. Hatte er erfahren, dass bereits päpstliche Häscher in seiner Heimatsstadt Siena auf ihn warteten?  Tatsache ist, dass Ochino im September 1542 in Genf auftauchte, finanziell gut aus gestattet von Ascanio Colonna; Anhänger des Protestantismus fanden sich sogar in den einflussreichen päpstlichen Familien.

Damit schlitterten die Kapuziner in die größte Krise ihres Bestehens – und das nur 14 Jahre nach der Anerkennung durch den Papst. Man stelle sich vor, Pater Pio wäre evangelisch geworden! So oder so ähnlich war das Entsetzen unter den Gläubigen. Kapuzinerbrüder wurden auf der Straße angegriffen. Almosen und Spenden gingen dramatisch zurück. Papst Paul III. war außer sich und wollte den Orden auflösen. Es ist Kardinal Sanseverino zu verdanken, dass dies nicht geschah. Er überredete den Papst, damit der über den Orden lediglich ein Predigtverbot verhängte. Eine Untersuchung ergab, dass Ochino seine Ordensbrüder hintergangen und keine weiteren Anhänger hatte. Drei Jahre später konnten die Kapuziner voll rehabilitiert werden.

Zugleich jedoch wühlte Ochino von Genf aus in der offenen Wunde, indem er behauptete, "dass die Gelübde der menschlichen Orden nicht allein unverbindlich, sondern geradezu unsittlich sind." Es gebe nur einen Orden, in den alle Gläubigen aus Gnade berufen seien, und das sei der "Orden Christi" und damit die Gemeinschaft aller Christgläubigen. Das Klosterleben stelle hingegen eine Flucht aus der Verantwortung dar, die aus Egoismus und Schwachheit gegenüber anderen geschehe, in der Hoffnung durch Weltflucht für sich selbst gute Werke zu tun. Das sagte ein vor wenigen Wochen noch amtierender Ordensgeneral.

 Bernardino Ochino hatte die Kapuziner an den Rand des Abgrunds gebracht. Mit Absicht? Liest man seine Briefe aus dem Exil, drängt sich dieser Gedanke auf. Nüchtern betrachtet scheint vieles davon aber nur eine nachträgliche Rechtfertigung zu sein, denn als Ordensgeneral hatte er viel Gutes bewirkt. Gerade deswegen und weil er so viele Menschen in seinen Bann gezogen hatte, war der Absturz so groß. Für die Kapuziner endete er in einem Neuanfang, der zu einer Erfolgsgeschichte wurde. Für Ochino führte er in die Katastrophe!

Denn einem "Verräter" begegnet man auf allen Seiten mit Misstrauen. Zumal in Genf, wo die Hierarchie klar strukturiert war. Hier herrschte Johannes Calvin de facto als eine Art evangelischer Ayatollah, der keine Konkurrenz duldete. Und war Ochino nicht genau das?  War er nicht einige Jahre zuvor von den Franziskaner-Observanten zu den Kapuzinern gewechselt, um dort im Handumdrehen das Heft zu übernehmen? War er nicht unberechenbar? Also musste der Flüchtling zum Rapport antreten. In einem persönlichen Gespräch prüfte Calvin ihn eingehend, um endlich zu dem Schluss zu kommen, dass er "in jeder Hinsicht mit uns übereinstimmt." Man teilte ihm die italienische Gemeinde in Genf zu, 1545 übernahm er dann die Italiener-Gemeinde in Augsburg. Womöglich war Calvin über die Abreise des Neu-Reformators gar nicht so unglücklich.

Zwischenzeitlich muss Ochino geheiratet haben. Vier Kinder brachte das Ehepaar zur Welt. Die Augsburger Idylle währte allerdings nicht lange. Im Schmalkaldischen Krieg belagerte der katholische Kaiser Karl V. die Stadt und forderte die Auslieferung des Häretikers Ochino. Der Familie gelang die Flucht nach Basel. Von dort aus folgte er dem Ruf der englischen Regierung, die mit aller Macht die von Heinrich VIII. verursachte Kirchenspaltung zementieren wollte. Auch hier dasselbe Spiel! 1553 kam mit Maria Tudor eine katholische Königin und mit ihr die Gegenreformation auf den englischen Thron. Wieder musste Ochino fliehen. 1555 übernahm schließlich er die Zürcher Locarnergemeinde, deren Mitglieder aus dem katholischen Tessin geflohen waren.

Hier hätte der Familienvater eigentlich einen beschaulichen Lebensabend verbringen können. Doch der unruhige Geist konnte keine Ruhe finden. Schon bald fragten sich die Leser seiner Abhandlungen, ob er nicht zu viel Verständnis für religiöse Tabus aufbringe und es mit der Prädestinations- und Trinitätslehre noch so genau nehme? Auch Protestanten haben Dogmen! Ende 1563 kam es dann zum Eklat. In seinem letzten Werk, den "dreißig Dialogen", hatte er die Erlaubtheit der Vielweiberei zu ausführlich und auch missverständlich erörtert, obwohl er sich am Ende dagegen aussprach. Man verklagte ihn beim Rat der Stadt Zürich. Der verhängte ein gnadenloses Urteil: Ochino verlor alles und musste Zürich binnen Wochenfrist verlassen! Für den ehemaligen Kapuziner war das die Katastrophe schlechthin, zumal ihm kurz zuvor der Unfalltod seiner Frau schon schwer zugesetzt hatte! Jetzt musste sich der 77jährige Witwer mit seinen Kindern wieder auf die Flucht begeben. Graf Radziwill aus Polen, der Protestant geworden war, hatte ihn nach Krakau gerufen.

Aber auch Polen sollte nur zu einer Zwischenstation auf einer Flucht ohne Ende werden, denn der katholische König Sigismund II. verwies ihn nach Intervention der Kurie im Spätherbst 1564 aus seinem Reich.

Damit begab sich Ochino auf seine letzte Reise, Richtung Mähren! In einer Grenzstadt starben schließlich drei seiner Kinder an der Pest. Ochino schleppte sich noch bis Austerlitz, wo ihn Ende 1564 sein Schicksal ereilte. Traurige Weihnachten! Kein Grabstein, keine Inschrift, kein Denkmal kündet von ihm. Ebenso wissen wir nicht, was mit seinem überlebenden Kind geschehen ist. Alles in allem: Eine komplette Auslöschung!

Keine Frage, nachdem Ochino den katholischen Glauben aufgegeben, die Dogmen geleugnet und seinen Orden fast in den Abgrund gestoßen hatte, ereilte ihn ein hartes Schicksal, an dem aber nicht nur Rom, sondern auch die Reformatoren beteiligt waren. Dieser Mann war allen unheimlich! Ruhelos zog der Flüchtling durch Europa. Manche werden Papst und Kurie deswegen auch vorwerfen, dass sie zu unerbittlich, zu hart gewesen sind, als sie den abtrünnigen Kapuziner bis nach Polen verfolgten. Aber in ihren Augen taten sie das in ihrer Zeit notwendige, um das Eindringen der Häresie in die katholische Kirche zu vermeiden. Ob das zu ihrer Entschuldigung gereicht, mögen andere entscheiden.

Bleibt die Frage, welches Schicksal Bernardino Ochino heute zu erwarten hätte. Würde man ihn als Abtrünnigen verdächtigen oder als Ökumeniker und Neuerer preisen, ideal geeignet für den Dialog mit den Verehrern der Mutter Erde und anderen Gottheiten. Beides, das Schicksal Ochinos 1564 und die heutigen Perspektiven lassen uns erschaudern. Das Urteil über gestern und heute dürfen wir hingegen getrost dem gerechten und barmherzigen Gott überlassen, jenem dreieinigen Gott vor den Bernardino Ochino aus Siena vor nunmehr 455 Jahren getreten ist.  

LINK-TIPP: Teil Eins – Laurentius von Brindisi – und Teil Zwei – Francesco Maria da Camporosso – der Serie "Die Kapuziner" von Dirk Weisbrod