Die sakramentale Natur des Glaubens

Geistliche Betrachtungen zu den Enzykliken Benedikts XVI. – Teil 39

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25 June, 2022 / 7:00 AM

Päpstliche Lehrschreiben dienen nicht allein der Verkündigung der Wahrheit des Glaubens, sondern sie führen auch zu dessen Herzmitte und erinnern an das Wesentliche im Leben des gläubigen Christen. So wird auch in „Lumen fidei“ – selbstverständlich in Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil – von der Bewahrung der apostolischen Überlieferung gesprochen, von der Vertiefung in das „Erbe des Glaubens“. Immer wieder besteht die Gefahr, den christlichen Glauben mit einer Sammlung menschenfreundlicher Ideen, guter Absichten oder philosophischer Welt- und Lebensanschauungen zu verwechseln. Doch was ist dem Glauben der Kirche wesentlich? Benedikt XVI. und Franziskus antworten darauf in der gemeinsam verfassten Enzyklika: „Was in der Kirche mitgeteilt wird, was in ihrer lebendigen Tradition weitergegeben wird, ist das neue Licht, das aus der Begegnung mit dem lebendigen Gott kommt; es ist ein Licht, das den Menschen in seinem Innern, im Herzen anrührt und dabei seinen Verstand, seinen Willen und sein Gefühlsleben mit einbezieht und ihn für lebendige Beziehungen in der Gemeinschaft mit Gott und den anderen offen macht. Um diese Fülle weiterzugeben, gibt es ein besonderes Mittel, das den ganzen Menschen ins Spiel bringt: Leib und Geist, Innerlichkeit und Beziehungen. Dieses Mittel sind die Sakramente, die in der Liturgie der Kirche gefeiert werden. In ihnen wird ein inkarniertes Gedächtnis mitgeteilt, das an Räume und Zeiten des Lebens gebunden ist und alle Sinne anspricht; in ihnen ist der Mensch als Mitglied eines lebendigen Subjekts in ein Geflecht gemeinschaftlicher Beziehungen miteinbezogen.“ Der Glaube habe somit eine „sakramentale Struktur“: „Die Wiederbelebung des Glaubens führt über die Wiederbelebung eines neuen sakramentalen Sinns des Lebens des Menschen und der christlichen Existenz.“ Dem gegenwärtigen Bewusstsein scheint das oft eher fern zu sein, insbesondere wenn wir die Diskurse auf dem Synodalen Weg in Deutschland betrachten wird. Über alles Mögliche wird doch geredet, die Gottesfrage aber ausgeblendet. Deutlich wird dies etwa auch daran, dass der Eindruck entsteht, dass ein Anspruchsdenken Einzug hält, das dem Willen Jesu entgegensteht – so als hätte jede Person etwa das Recht darauf, zum Priester geweiht werden zu können. 

Die Päpste indessen weisen darauf hin, dass die Taufe mitnichten eine „pädagogische Handlung“ sei: „In der Taufe werden wir zu einer neuen Schöpfung und zu Söhnen und Töchtern Gottes.“ Das Sakrament also, als Erstes die Taufe, ist ein Geschenk: „So erinnert uns die Taufe daran, dass der Glaube nicht Werk eines Einzelwesens ist, nicht eine Tat, die der Mensch allein im Vertrauen auf seine eigenen Kräfte vollbringen kann, sondern dass er empfangen werden muss, und zwar mit dem Eintritt in die kirchliche Gemeinschaft, die das Geschenk Gottes weitergibt: Niemand tauft sich selber, so wie niemand von allein zum Dasein geboren wird. Wir sind getauft worden.“ Die Taufe sei eine „Handlung Christi“, die uns an der „göttlichen Natur teilhaben“ lasse: „So verändert sie alle unsere Beziehungen — unsere konkrete Situation in der Welt und im Kosmos –, indem sie diese öffnet auf sein eigenes Leben hin, das Gemeinschaft ist.“ Der Täufling trete ein in die „Gemeinschaft der Kirche“, in das Wir des Glaubens.

Den höchsten Ausdruck finde die „sakramentale Natur des Glaubens“ in der Eucharistie, die die „kostbare Nahrung des Glaubens sei“, die „Begegnung mit Christus, der wirklich gegenwärtig ist mit dem höchsten Akt der Liebe, der Hingabe seiner selbst, die Leben hervorbringt“: „In der Eucharistie kreuzen sich die beiden Achsen, auf denen der Glaube seinen Weg geht. Zum einen die Achse der Geschichte: Die Eucharistie ist Gedächtnishandlung, Vergegenwärtigung des Geheimnisses, wo Vergangenes als Geschehen von Tod und Auferstehung sich fähig erweist, auf Zukunft hin zu öffnen, die endgültige Fülle vorwegzunehmen. … Zum anderen findet sich hier auch die Achse, die von der sichtbaren Welt zum Unsichtbaren führt. In der Eucharistie lernen wir, die Tiefe des Wirklichen zu sehen. Brot und Wein werden in Leib und Blut Christi verwandelt, der auf seinem österlichen Weg zum Vater gegenwärtig wird: Diese Bewegung führt uns mit Leib und Seele hinein in die Bewegung der ganzen Schöpfung hin auf ihre Fülle in Gott.“ Wir dürfen uns fragen, wie sehr uns das bewusst ist und ob wir wirklich die Feier der heiligen Eucharistie als Herzmitte der Kirche und unseres eigenen Lebens ansehen und immer tiefer in sie hineinwachsen. Deutlich wird dies, wenn hier von der „Tiefe des Wirklichen“ gesprochen und gerade ein Weg der Andacht, Dankbarkeit und Frömmigkeit sichtbar wird, der auch in der Anbetung des Allerheiligsten Sakrament des Altares Gestalt gewinnt.

Erinnert werden wir auch an das Credo der Kirche aller Zeiten und Orte: „Wer den Glauben bekennt, sieht sich in die Wahrheit, die er bekennt, einbezogen. Er kann die Worte des Credos nicht in Wahrheit aussprechen, ohne dadurch verwandelt zu werden, ohne sich auf die Geschichte der Liebe einzulassen, die ihn umfängt, die sein Leben weitet und ihn zu einem Teil einer großen Gemeinschaft werden lässt, des eigentlichen Subjekts, das das Credo spricht, nämlich die Kirche. Alle Wahrheiten, an die man glaubt, sprechen vom Geheimnis des neuen Lebens im Glauben als einem Weg der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.“ Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist fruchtbar, belebend, bewegend und dynamisch. Dies zeigt uns, dass wir Teil der schönsten Liebesgeschichte sind, als Glieder der Kirche des Herrn auf dem Pilgerweg durch diese Zeit. Darüber können wir staunen, darüber dürfen wir uns freuen, dafür dürfen wir dankbar sein – und davon dürfen wir Zeugnis geben.

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