"Komm, Herr Jesus! Maranatha!"

Ein Vorgriff auf das himmlische Jerusalem – und ein Vermächtnis – von Klaus Berger

Darstellung am Rosenkranz-Altar in der Friesacher Dominikaner-Kirche.
Foto: Neithan90 / Wikimedia (CC0)
12 June, 2020 / 1:55 AM

Christi Auferstehung, seine Himmelfahrt und die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten sind von Anfang an die wichtigsten Daten der Christenheit und ein gewaltiges Drama. Dieses Drama, das eine Periode von fünfzig Tagen umfasst, enthält wie einem heilsgeschichtlichen Bauplan aber noch viel mehr: die ganze geschichtliche Zeit seit Jesus, den ganzen Rest der Alten Schöpfung inklusive den Beginn der Neuen. Diese Zeit reicht vom Anfang in der Auferstehung Jesu bis zum Ende der Zeiten inklusive, von der Taufe des Christen bis zur Vollendung in der Neuen Schöpfung. Jener Abschnitt im Kirchenjahr, den man früher die "österliche Zeit" nannte, müssen wir auch als ein Ausstrecken auf das neue Jerusalem verstehen.

Auch deswegen stoßen wir immer wieder auf etwas, das auch moderne Leser der Bibel zu faszinieren pflegt: die biblische Zahlensymbolik. Wir werden sehen, dass die 7 und die 50 (7x7+1) und besonders die Zahl 40 dabei eine große Rolle spielen. Selbst die 10 zwischen 40 und 50 hat eine symbolische Bedeutung: Denn 10 ist seit jeher die Zahl der innerweltlichen Vollkommenheit.

Ich finde, dass dies eine wahrhaft großartige Art der Verkündigung ist, und eine ungeheuer einprägsame Art, der Christenheit durch komprimiertes Erleben in einer ganzen Periode den weiteren Verlauf der Weltgeschichte vor Augen zu führen. Denn die österliche Zeit beginnt mit der Osternacht und endet mit dem Pfingstsonntag. Und durch die Art, wie die Kirche diese Zeit liturgisch in verschiedenen Stationen begeht, wird der gesamte Verlauf der Welt- und Heilsgeschichte seit Jesus wie in einen Brennglas und für jeden verständlich auf das biblische Zeugnis konzentriert. Es ist so, als ob uns ein kurzer, prophetischer Film vorgeführt wird über die Endzeit bis zur Apokalypse. Und doch ist diese Zeit des Kirchenjahres keine Illusion auf Zelluloid, sondern durch das Wirken des dreieinigen Gottes in den Sakramenten real greifbar.

Dieses sakramentale Drama beginnt mit der Feier der Osternacht. Die verschiedenen Lesungen aus dem Alten Testament – vor der liturgischen Reform des Triduums durch Pius XII. in der 1950er Jahren waren es zwölf Prophetien – rekapitulieren die Vorgeschichte beginnend mit dem Schöpfungsbericht. Bei der Weihe des Taufwassers wird an den Schöpfungsgeist erinnert, der über den Wassern schwebte, und mit dem Gott Adam das irdische Leben schenkte. Doch hier geht es nun schon um die Taufe und damit um die neue Schöpfung. Vor allem aber wird nach dem Text im Römerbrief, Kapitel 6, jeder Getaufte einbezogen in Christi Passion, in ein Mitsterben und Mitgekreuzigtwerden und in die Auferstehung. Die Teilhabe daran wird in dem paulinischen Text als christliche Erwartung den Gläubigen vor Augen gestellt und im Vollzug der Taufe durch das Heraufsteigen aus dem Wasser symbolisch dargestellt. Die Auferstehung Jesu und die Taufe jedes Christen sind der reale, leibhaftige Beginn der Neuen Schöpfung. Mit Ostern beginnt – so stellt es besonders die Lesung aus dem Kolosserbrief, Kapitel 3, im Hochamt der Osternacht dar – der Lebenswandel der Christen im Himmel. Und auch an die Vollendung durch den Heiligen Geist denkt die Osterliturgie bereits, denn das Leben der Getauften vollzieht sich durch Ihn, den die Oration des Hochamtes als Geist der Kindschaft bezeichnet, der den Täuflingen durch das Sakrament der Taufe geschenkt wurde.

Die Zahl der 50 Tage vom Ostersonntag bis zum Pfingstsonntag entspricht nach jüdischer Zählweise dem "7 mal 7", denn es geht um sieben Wochen à 7 Tage. Aus dem Buch der Jubiläen, das im dritten Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde, lernen wir, dass die ganze Geschichte Israels nach diesem Schema verlaufen ist, hier allerdings im Schema von 50 Jahren – je ein Jubiläum. Und Rupert von Deutz entdeckt in seinem Apokalypse-Kommentar, dass man auch das letzte Buch der Bibel nach dem Siebener-Schema gliedern und deuten kann. Wir erinnern uns an die "sieben Siegel".

Auf dem Weg zur Vollendung, die durch das Pfingstfest angedeutet wird, ist die Feier der Himmelfahrt Jesu die wichtigste Etappe. Sie wird im Neuen Testament auf den vierzigsten Tag angesetzt. 40 ist die heilige Zahl der Bibel schlechthin, Israel wandert 40 Jahre durch die Wüste und auch Jesus verbringt 40 Tage dort.

So steht im Kirchenjahr die Zeit der vierzig Tage für die Wanderung des neuen Gottesvolkes durch die Jahrhunderte der verbleibenden Weltzeit. Und Himmelfahrt bildet einen Einschnitt. Denn in dem Bericht darüber in Apostelgeschichte 1,11 sprechen die Engel über Jesu Wiederkunft am Ende: Wie ihr mich jetzt beim Aufsteigen in den Himmel sehen werdet, so werde ich wiederkommen.

Und laut Apostelgeschichte erfolgt 10 Tage nach der Himmelfahrt das Pfingstereignis. Der Zusammenhang zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist in der Elia-Geschichte des Alten Testaments vorbereitet. Zu seinem Schüler Elisa sagt Elia, der in den Himmel hinaufsteigt: Wenn du mich hinaufsteigen siehst (und nur dann), wirst du von meinem Geist empfangen (2. Könige 2,10). So ist es bei Jesus und den Jüngern mit Maria auch: Sie sahen ihn hinaufsteigen und empfangen 10 Tage später seinen Heiligen Geist.

Pfingsten aber bildet dann die Vollendung der Welt durch den Heiligen Geist ab. Denn der Heilige Geist ist nicht nur bei der ersten Schöpfung präsent, ist nicht nur zuständig für Exorzismen, Taufe Jesu und Inspiration, bewirkt nicht nur den Glauben und alles positive Handeln, sondern er ist der Schöpfergeist auch bei der Neuen Schöpfung. So beten die Hymnen der Kirche zu Pfingsten: "Komm, Schöpfergeist..." Pfingsten, das Fest der Vollendung, steht nicht nur wegen des Abstandes von 50 Tagen seit der Auferstehung Jesu in der Bibel, es geht nicht um die Pietät der Erinnerung. Sondern weil die österliche Zeit das Ganze darstellt, steht Pfingsten für die Vollendung der Schöpfung in der erneuerten Schöpfung. Und was deren Inhalt sein wird, kann man daran erkennen, dass in der Bibel, wo immer von der Ursache für Auferstehung die Rede ist, nur der Heilige Geist infrage kommt. Inhalt der Neuen Schöpfung ist die Besiegung des Todes und die Auferstehung. Übrigens ist mit dem Pfingstsonntag diese symbolische Zeit zu Ende. Ein 51. Tag, also ein Pfingstmontag, ist mit der Symbolik unverträglich, es sei denn, man nehme die ganze Pfingstwoche als Darstellung der Ewigkeit.

Das heißt: Zu Pfingsten wird das an allen Glaubenden vollendet, was an Jesus zu Ostern begann. Und dass es geschehen wird, verbürgt die Taufe. So ist die Osternacht der Beginn und Pfingsten das Symbol für das Ende ohne Grenzen. Die liturgische Praxis der Pfingstnovene weist zusätzlich darauf hin, dass alle Gebete der Christen sich immer wieder neu in der Bitte um den Heiligen Geist zusammenfassen lassen.

Als Vorgriff auf das himmlische Jerusalem steht die österliche Zeit mitten im Kirchenjahr. Denn zu Ostern "fängt alles an", was mit der Zukunft der Weltgeschichte zu tun hat. An der Aufeinanderfolge von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten wird das auf eindrückliche Weise demonstriert und ist in den Sakramenten jetzt schon Wirklichkeit. Die Taufliturgie in der Osternacht, bestehend aus der Weihe des neuen Taufwassers und – früher und oft auch heute noch – der anschließenden Taufe neuer Christen, lässt erkennen, wie absolut unverzichtbar die Taufe als das Band zwischen Gott und Menschen ist. Sie lässt uns mit Christus "ein Leib" werden. Die Eucharistie entfaltet das dann. Ähnlich wie der Gehorsam gegenüber den Geboten in jedem Einzelfall Entfaltung des Taufgeistes ist.

Am Aufbau der Osterzeit erkennen wir, dass die Liturgie eine große Künstlerin ist. Sie zeigt uns, dass wir als getaufte Christen auf ein Ziel zugehen, das sie in den zentralen Etappen Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten – meisterhaft darstellt – so meisterhaft, dass wir nur noch ausrufen möchten: "Komm, Herr Jesus – maranâ’ thâ!"

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican-Magazin.

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