Erzbischof Gänswein: Der Kirche des Herrn treu bleiben 

Erzbischof Georg Gänswein
Foto: Paul Badde / EWTN
13 June, 2020 / 7:16 AM

Der Band "Vom Nine-Eleven unseres Glaubens", in dem Interviews, Predigten und Vorträgen versammelt sind, hat einen schlagkräftigen, markanten Titel, der zwar – wie Erzbischof Gänswein bei einer Vorstellung des Bandes in Frankfurt gesagt hat – nicht seinem Wunsch entsprach, aber doch in exponierter Weise die Situation der römisch-katholischen Kirche in den Stürmen dieser Zeit pointiert wie profiliert zum Ausdruck bringt.  

Von einer Erneuerung der Kirche wird gegenwärtig viel gesprochen. Das wäre begrüßenswert, wenn es um Gott ginge, nicht aber um einen Strukturwandel der Institution, um eine Entwicklung oder einen Abfall von der bleibend gültigen Lehre der Kirche aller Zeiten und Orte. Die christozentrische Erneuerung der Kirche hat Erzbischof Georg Gänswein im Blick. Gilt für die Mehrheit der deutschen Bischöfe aber dasselbe? Oder wünschen sich einige, statt einer Verkündigung der Wahrheit des Glaubens, die Anpassung, insbesondere der Moral, an die sogenannte "Lebenswirklichkeit" – was immer das sein mag – des Menschen heute?

Von Entdeckungen im Glauben spricht Gänswein. Der "Stern der Glaubenswahrheit von Mariä Himmelfahrt" sei etwa – als "göttliche Offenbarungsweisheit" – erst mit der Zeit entdeckt, mitnichten aber von Theologen, Bischöfen oder Päpsten geschaffen worden. Gänswein schreibt: "Dieser Stern der Glaubenswahrheit von Mariä Himmelfahrt bringt Licht in das Dunkel unserer Zeit, in der sich ein oberflächlicher Positivismus ausgebreitet hat wie eine ansteckende Epidemie. In diesem verhängnisvollen System der praktizierten Gottlosigkeit ist kein Platz für Gott, da gibt es keinen Unterschied zwischen Geist und Materie, zwischen Seele und Leib." Er bezeichnet die herrschende Ideologie, die der heilige Johannes Paul II. Konsumismus genannt hat, als "folgenschwere Irrlehre", gegen die einzig die römisch-katholischen Kirche die verbindliche und verpflichtende Wahrheit setzt, nämlich "dass der Geist es ist, der die Materie erst belebt, beseelt und verklärt, dass die Seele unsterblich ist und dass auch der Leib zusammen mit der Seele zu unvergänglichem, ewigen Glück gelangen soll": "Dass also der Hoffnung auf ein anderes Leben nicht trügerisch ist, sondern wirkliche Erfüllung findet, weil mit dem Tod eben nicht alles aus ist, sondern dann erst das Leben richtig beginnt."  

Wird diese Lehre von der Kirche heute noch glaubensstark und glaubwürdig verkündet? Oder stehen wir – wovon bereits Benedikt XVI. sprach und wovor mit ihm nun sein Privatsekretär warnt – "vor einer selbstgenügsamen Anpassung der Kirche an die Plausibilitäten der Welt"? Erzbischof Gänswein spricht von einer Krise der Theologie, die auch, aber mehr als eine "pastorale Krise" sei. Bezeichnend etwa war, von ihm in diesem Buch indessen nicht erwähnt, 2018 die vehemente Forderung nach dem Zugang protestantischer Christen, die in konfessionsverschiedenen Ehen mit Katholiken verbunden sind, zum Empfang der heiligen Kommunion. Dass aber der Empfang des Sakraments der Eucharistie nicht nur die Bindung an das Credo der Kirche voraussetzt, sondern auch an das Sakrament der Buße geknüpft ist, davon sprach kaum jemand. Gänswein äußert sich zu der herrschenden Praxis bei der Spendung der Sakramente: "Es stellt sich deutlicher die Frage, was wir in der Pastoral eigentlich tun, wenn wir Kinder taufen, deren Eltern keinen Zugang zu Glaube und Kirche haben, wenn wir Kinder zur Erstkommunion führen, die nicht wissen, wen sie in der Eucharistie empfangen, wenn wir Jugendliche firmen, für die das Sakrament nicht die endgültige Eingliederung in die Kirche, sondern die Verabschiedung von ihr bedeutet und wenn das Ehesakrament bloß der Verschönerung einer Familienfeier dient." So erinnert er mit Benedikt XVI. und Franziskus an die "Zentralität der Gottesfrage" und die "christozentrische Verkündigung". Die Schnittlinien zwischen "Nichtchristen" und "Christen" werden größer, nämlich dahingehend, dass beide "Glaube und Kirche nicht kennen". Wie Kardinal Robert Sarah wendet sich Gänswein energisch gegen ein – zugespitzt formuliert – ausgedachtes Evangelium der postmodernen Lebenswelt und des in ihr herrschenden Relativismus: "Zweitausend Jahre lang hat die Kirche die Welt mit der Kraft des Evangeliums kultiviert. Umgekehrt wird es nicht funktionieren. Die Offenbarung darf nicht der Welt angepasst werden. Die Welt will Gott verschlingen. Gott aber will uns und die Welt gewinnen." Es gehe heute nicht um eine "flächendeckende Sakramentenversorgung", sondern die "Weitergabe des Glaubens" müsse die "dominierende Leitlinie der Pastoral" werden.

Erzbischof Gänswein porträtiert auch einfühlsam den emeritierten Papst. Benedikt XVI. nennt er den "Abendländer schlechthin", der den "Reichtum der katholischen Tradition des Westens" im Petrusdienst verkörpert habe. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. war nie und ist bis heute kein ein störrischer Traditionalist, sondern einfach ganz normal römisch-katholisch, ebenso wie ein Zeitgenosse, der sich zum christlichen Abendland bekennt, nicht ein biederer Nationalist ist, sondern seinen Blick gerichtet hat auf Golgotha, Athen und Rom. Wohlgemerkt: nicht auf das heidnische Rom, sondern auf das Herz der Weltkirche. Gänswein bestätigt Wahrnehmungen, die Robert Regoli über das Konklave von 2005 äußert, über die Einflüsse der "Salz-der-Erde-Partei" und der "Sankt-Gallen-Gruppe". Er geht aber über das kirchenpolitische Ringen hinaus und betont, dass auch die Predigt des Kardinalpräfekten über die Diktatur des Relativismus ein "Notenschlüssel" für dessen Wahl und Pontifikat gewesen sei. Gänswein betont zudem das "entschiedene Vorgehen in der Aufarbeitung der Missbrauchsproblematik", für das Benedikt XVI. stand und steht. Ganz persönlich würdigt er im Gespräch mit Paul Badde die Gestalt des emeritierten Papstes und sagt: "Papst Benedikt ist die Person, die für mich geistige Klarheit verkörpert – und er tut dies mit so einer unglaublichen intellektuellen Präsenz und ebenso mit einer entwaffnenden Milde und Liebenswürdigkeit. Ich kenne keine Person, die wie er ist. Er ist für mich ein bleibendes Vorbild geworden und ebenso eine wichtige Bezugsperson." Benedikt XVI. ähnele weder einem "machtverliebten Gernegroß" noch einem "furchteinflößenden Großinquisitor".

Erzbischof Dr. Gänswein spricht zudem deutliche Worte über Themen dieser Zeit. Er übt Kritik am deutschen Kirchensteuersystem. Die Antwort auf den Kirchenaustritt sei "Exkommunikation", das sei "übertrieben" und "nicht nachvollziehbar": "Man kann Dogmen infrage stellen, das tut keinem weh, da fliegt keiner raus. Ist denn das Nichtbezahlen von Kirchensteuern ein größeres Vergehen gegen den Glauben als Verstöße gegen Glaubenswahrheiten? Der Eindruck entsteht, ist doch der: Solange der Glaube auf dem Spiel steht, ist das nicht so tragisch, sobald aber das Geld ins Spiel kommt, dann hört der Spaß auf. Das scharfe Schwert der Exkommunikation bei Kirchenaustritt ist unangemessen und korrekturbedürftig." Diese Worte sind nicht polemisch, sondern klarsichtig. Gänswein benennt Defizite in der Verkündigung, hat aber reiche Diözesen und Ordinariate vor Augen, denen es an Geld für Referentenstellen jeglicher Art nicht mangele. Deutschen Bistümern fehlt es nicht an säkularen Visionen. Vielleicht aber am Glauben? Dieser Gedanke drängt sich dem Leser auf. Früher oder später, so Gänswein, komme eine "Implosion". Er selbst werde in Deutschland nicht mehr auf einen Bischofsstuhl berufen werden: "Ich habe aus meinen Überzeugungen nie einen Hehl gemacht. Es ist irgendwie gelungen, mich in der Öffentlichkeit als Rechtsaußen oder Hardliner abzustempeln, ohne dafür jemals konkrete Beispiele zu nennen. Wenn es daran liegen sollte, dass ich nicht verklausuliert, sondern Klartext rede, dann muss ich sagen: Ja, das stimmt. Dazu stehe ich. Jetzt und auch künftig. Die Domkapitel sind ja auch nicht gerade Ansammlungen höchster Loyalität Rom gegenüber." Gänswein weiter: "Das kirchliche Establishment hat von mir ein negatives Bild." Das spricht für ihn. Die Glaubenskrise heute sei auch einer Krise der Verkündigung geschuldet. Die Kirche darf also nicht geschmeidiger, säkular netter und angepasster werden. Damit erinnert Erzbischof Gänswein an das Gegenteil dessen, was der "Synodale Weg", der im Advent 2019 begonnen hat, vorsieht: "Jesus aber unternahm nicht den leisesten Versuch, die enttäuschten Jünger in, wie es heute gern heißt, kundenfreundlicher Art und Weise mit dem Angebot einer bequemeren Auslegung des Wortes Gottes bei sich zu halten." Gänswein fordert den Primat der Neuevangelisierung. Das "göttliche Wort" sei "erfahrbar zu machen": "Damit die Neuevangelisierung wirklich Fuß fassen und Feuer fangen kann, damit sie zur Herzmitte der Kirche wird, müssen die Bischöfe und Priester ihre primäre Aufgabe in der Verkündigung des Wortes Gottes erblicken und Dienst mit ganzem Herzen wahrnehmen. Als glaubwürdige Stimme des Evangeliums können sie aber nur dann überzeugen, wenn sie sich selbst vom Wort Gottes treffen lassen und sich von ihm nähren." Die christliche Botschaft, die anstößige Wahrheit des Glaubens fordert heraus.

Gänswein spricht von der "harten Intoleranz der Relativisten": "Wenn jeder eine eigene individuelle Wahrheit hat, ist es unausweichlich, dass zahllose Wahrheiten aufeinanderstoßen, sich widersprechen. Da es aber im Sinne des Relativismus kein allgemein verbindliches Kriterium für Wahr und Falsch beziehungsweise Gut und Böse gibt, ist entweder totale Lähmung oder Chaos die Folge. Der Relativismus erweist sich als Irrweg des Denkens." Er setzt das "christliche Erbe des Abendlandes" gegen die Beliebigkeit des Relativismus: "Die Idee, Europa aus immer neuen Ideologien voraussetzungslos konstruieren zu wollen, ist ein selbstzerstörerischer und gefährlicher Irrweg." Auf gewisse Weise summarisch gilt, was Erzbischof Gänswein in seiner Predigt anlässlich der Priesterweihe vom 27. April 2019 im Stift Heiligenkreuz, zu seinen Mitbrüdern, zu den Weihekandidaten, zu den versammelten Gläubigen und zu uns allen sagt: "Wenn Priester und Bischöfe nicht mehr den Mut haben, das Evangelium kraftvoll und unverkürzt zu verkündigen, sondern eigene Weisheiten zum Besten geben, dann gibt es Unheil, dann hagelt es Schlagzeilen. Haben wir davon in jüngster Zeit nicht mehr als genug gehabt? Wer eine neue Kirche erfinden möchte, wer an deren DNA herumschrauben will, der ist auf dem Holzweg, der missbraucht seine geistliche Vollmacht." Für diese klar katholischen Worte und für dieses unbedingt lesenswerte Buch können einfach gläubige Katholiken, ob Kleriker oder Weltchristen, nur von Herzen dankbar sein.

 

Georg Gänswein: "Vom Nine-Eleven des Glaubens. Mit einem Vorwort von Prinz Asfa-Woofen Asserate" ist im Fe-Medienverlag erschienen und hat 216 Seiten. 

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