Gefühlsmenschen

Geistliche Betrachtungen zu den Gedichten des hl. Johannes Pauls II. – Teil I

Papst Johannes Paul II. und Mutter Teresa von Kalkutta.
Foto: Osservatore Romano / CNA Deutsch
29 August, 2020 / 6:30 AM

Karol Józef Wojtyła war Philosoph und Theologe – und Dichter. Eingängig ist der Stil seiner theoretischen Traktate nicht, auch seine Lyrik gibt uns manches Rätsel auf. 1979 gab Karl Dedecius den Band "Der Gedanke ist eine seltsame Weite" (Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1979) heraus. Heute ist dieses Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich. Johannes Paul II. faszinierte damals nicht nur die katholische Welt, aufgrund seiner Vielseitigkeit, seiner Glaubensstärke und seiner Dynamik. Auch die Spuren des Literaten, des Dramatikers und Lyrikers waren von Interesse. Doch wer folgte ihnen? Und wer begibt sich heute neu auf seine Spuren, um in seiner Spur die Nähe des Herrn, ja Gottes Spuren zu entdecken, der ihm und uns voraus war, ist und sein wird?

Die polnische Sprache zeichnet sich durch eine kraftvolle Intensität aus, aber auch durch eine leise Musikalität. Auch wenn meine Vorfahren aus dem fernen Land stammen, so kann ich Polnisch zwar einigermaßen lesen, auch etwas singen und ganz wenig sprechen, aber die Nuancen, Feinheiten und Zwischentöne bleiben mir verborgen. Den Übersetzungen von Dedecius vertraue ich. Wir wissen ja auch: Schon Muttersprachler kommunizieren miteinander häufig, verstehen sich aber nur selten. Wenn wir einander besser kennenlernen und erkennen, dann finden wir oft eine Ebene, auf der wir uns anregend unterhalten, auch geistig und geistlich austauschen können. In loser Folge möchte ich den Spuren der Dichtungen von Johannes Paul II. nachgehen, nicht chronologisch. Einige Gedichte möchte ich gern betrachten und vorstellen, um die Gedanken des Heiligen, in biblischer, theologischer und geistlicher Sicht, aufzunehmen und zu bedenken.

Die Sammlung "Die Profile des Kyreners" wurde 1958 erstmals publiziert. Er spricht dort im zwölften Abschnitt über den "Gefühlsmenschen". Vielleicht spüren wir eine innere Verwandtschaft hierzu – sind wir nicht auch bestimmt, manchmal okkupiert von Gefühlen und Leidenschaften? Zieht uns die Macht der Gefühle an, die aufflammt, zehrt, intensiv brennt und bisweilen plötzlich erlischt? Dann werden die Gefühlsmenschen manchmal zu Philosophen, reden unentwegt, scheinbar klug, und wissen im Grunde doch nicht mehr weiter. Sie räsonieren ratlos: Soll alles wieder so von vorne beginnen? Neues Liebesspiel, neues Glück? Der spätere Papst war 37 Jahre alt, als er das Folgende über den Gefühlsmenschen dichtete:

 

"Dich quält die Liebe nicht, die ständig dich überschwemmt.

Das ist der Leidenschaft Fleck, verführerisch, flach.

Wenn er getrocknet ist – fühlst du die Leere danach?"

 

Ist Liebe, die nicht quält, wirklich Liebe? An den eiligen Genuss denken wir, an rauschhafte Momente, betörende Begegnungen und Beziehungen, von denen Einzelne erfasst werden, in die sie sich hineingeben – von vulkanischen Gefühlen mitgerissen –, ohne sich vielleicht doch ganz hinzugeben. Von der Macht der Leidenschaften spricht Wojtyła, von Leidenschaften, die für kurze Zeit das Erlebnis glückhafter Zweisamkeit zu schenken scheinen. Die Liebe, die nicht quält, ist lustvoll, ekstatisch, emphatisch. Aber dieser Ekstatiker tritt nicht aus sich heraus, um sich der geliebten Person ganz und auf Dauer hinzugeben. Er bleibt bei sich, genießt das, was er für Liebe hält. Der Seelsorger, der die Leidenschaften und Okkupationen der menschlichen Seele kennt, wird dieses nicht scharf verurteilen. Wir sind vielleicht nicht dazu bestellt, um zu richten, möglicherweise aber, um Fragen zu stellen: "Fühlst du die Leere danach?"

Geradezu paradox scheint das zu sein: Von Gefühlen überströmt begegnen sich also Gefühlsmenschen, finden aneinander Gefallen, erblühen, sind im Strudel – gewissermaßen ungefiltert – ihrer Daseinslust, erleben sich, erleben einander, glauben zu verführen, frei zu sein, und sind besetzt, beherrscht von ihrer Leidenschaft, die sie nicht zu ordnen vermögen. Was bleibt, ist Leere. Wojtyła artikuliert keinen Vorwurf, sondern beschreibt und fragt – und vielleicht wird der eine oder andere Gefühlsmensch dazu nicken und erkennen, dass er umkehren, ja sich bekehren muss, um nicht beherrscht zu sein von Leidenschaften. Er darf sich eingliedern in die Ordnung der Liebe, so wie Gott diese gemeint und gewollt hat. Das Liebesglück, so könnte man mit Johannes Paul II. sagen, ist weder deutsche Romantik noch eine Fantasie aus dem Zauberland der Filmkunst. Liebe ist geerdet, geformt: "So liebe, in Tiefen dringend, bis an den Willen …" Das ist das bewusste Ja, das die Liebenden zueinander sprechen, einander zusagen. Das ist das Ja, das von Gottes Liebe erfüllt und nicht der Melodie des Augenblicks geschuldet ist. Wer so liebt, wird nicht "ständig überschwemmt" von rauschhafter Erfahrung und hedonistischem Daseinsjubel, aber er versinkt auch nicht in die innere Traurigkeit der Leere, die Wojtyła hier bezeichnet, in der Form einer Frage. Solche Fragen wie diese wünschte ich mir für den "Synodalen Weg" und für alle Gespräche über Liebe und Partnerschaft, die dort geführt werden. Der Papst aus Polen kannte die Lebenswirklichkeit, darum vertraute er ganz auf den Gott, der die Liebe ist.        

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