Die Vereinten Nationen und die Religionsfreiheit

Ein Gespräch mit der Genfer UN-Botschafterin des Malteserordens

Botschafterin Pictet-Althann im EWTN-Interview mit Christian Peschken
Foto: www.peschken.media
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17 April, 2018 / 6:55 AM

Im März fand während der 37. Sitzung des Menschenrechtsrates ein interaktiver Dialog mit Ahmed Shaheed, dem Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit hier im Konferenzsaal des UN-Menschenrechtsrates in Genf statt.

Jean Francois Kammer, Berater des Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Genf, sagte in seiner Rede vor dem Ausschuss:

"Wir befürworten die Empfehlung des Sonderbotschafters, den interreligiösen Dialog zu fördern und sowohl in religiöse Bildung als auch in das Wissen um Religionsfreiheit zu investieren."

Ich nahm die Konferenz und deren Thema zum Anlass, ein zweiteiliges Interview mit der Botschafterin des Malteserordens bei der UNO Genf zu führen. Meine erste Frage bezog sich auf den Redeausschnitt von Botschafter Kammer.  

Christian Peschken: Dass Staaten interreligiösen Dialog und Bewusstseinsbildung für Religionsfreiheit ermöglichen, scheint machbar. Dass sie allerdings in religiöse Bildung investieren, z.B. durch Bücher, oder religiöse Bildung sogar fördern – ist das ein erreichbares Ziel?

Botschafterin Marie-Thérèse Pictet-Althann, Ständige Vertreterin des Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Genf: Ja, wenn auch vielleicht in anderer Hinsicht. Der Sonderbotschafter analysiert in seinem Bericht über Religionsfreiheit jeweils das Verhältnis des Staates zu Religion. Er betont auch die Verpflichtung der Staaten, als unabhängiger Garant der Glaubens- und Religionsfreiheit zu handeln. In diesem Zusammenhang spielt Bildung eine sehr wichtige Rolle. Ziel ist es, zu gewährleisten, dass die Menschen über Wissen verfügen – sich durch Bildung wichtiges Wissen aneignen. Dazu ist der Staat grundsätzlich verpflichtet. Information über verschiedene Glaubensrichtungen und Religionen sollte die religiöse Bildung voranbringen, um kulturelle, soziale und traditionelle Grundlagen zu verstehen. In Ländern, wo mehrere Religionen praktiziert werden, ist interreligiöser Dialog besonders wichtig, weil er Element einer friedlichen Gesellschaft ist. Man kann das nur erreichen, indem man die verschiedenen Gesellschaftsgruppen über Glaubensfragen aufklärt und Brücken zwischen den Bevölkerungsanteilen unterschiedlichen Glaubens baut.

Peschken: Ich glaube, das ist ganz im Sinn von Papst Franziskus, der sagte, wir müssten die anderen Religionen besser verstehen, und dass Bildung der erste Schritt zu einem besseren Verständnis der Religion sei.

Pictet-Althann: Genau. Wir müssen einander respektieren und gleichzeitig verstehen, was der andere glaubt, welche Traditionen er hat, warum seine kulturellen Grundlagen so und so sind. Der ganze Zusammenhang muss also erklärt werden. Eigentlich geht es als Ausgangspunkt nur darum, den anderen besser kennenzulernen.

Jean Francois Kammer, Berater des Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Genf: "Wir sind dem Sonderbotschafter auch dankbar, dass er die Staaten an ihre Verpflichtung erinnert, Flüchtlingen und Migranten Schutz zu gewähren, ungeachtet ihrer Religion oder ihres Glaubens."

Eure Exzellenz, aus der Sicht des Malteserordens:  können wir das zurzeit in Amerika oder in Europa umgesetzt sehen?

Pictet-Althann: Nun, zweifelsohne gibt es in manchen Ländern noch Defizite, besonders in Konfliktsituationen und Vertreibung.  Trotzdem benennen Artikel 18 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und andere internationale Dokumente wie das Abkommen über den Status von Flüchtlingen klar die Verpflichtung der Staaten, den Flüchtlingen freie Religionsausübung zu gewähren. Der Menschenrechtsrat hat auch eine Reihe von Resolutionen verabschiedet, die diese Vorschriften stärken sollen.

Ich erinnere mich, dass Sie sagten mir, der Malteserorden stelle in Deutschland sogar Gebetsräume zur Verfügung.

Pictet-Althann:  Ja, denn im Zusammenhang mit den Plänen, Migranten und Flüchtlinge in ihre neue Umgebung zu integrieren, muss man auch an geistliche, nicht nur materielle Hilfe denken. Menschen, die alles verloren haben, versuchen, sich neu zu verwurzeln. Die spirituelle Dimension ist in solchen Situationen extrem wichtig.

Der Glauben scheint ja alles zu sein, was sie noch haben.

Pictet-Althann:   Genau. Sie haben ihren Glauben und ihr Glaube befähigt sie, sich in eine neue Gemeinschaft einzugliedern, die ihren Glauben und ihre Religion respektiert. Das ist ein Ausgangspunkt für sie.

Im zweiten Teil unseres Interviews werden wir über den Redebeitrag des Heiligen Stuhls sprechen, nämlich über "Freiheit von der Religion" und darüber, was die Vereinten Nationen weltweit in den Mitgliedsstaaten tatsächlich unternehmen, um Religionsfreiheit zu sichern und umzusetzen.

Konzentrieren wir uns nun auf zwei Aussagen des Heiligen Stuhls. 

In seiner Rede vor dem Ausschuss stellte Mons. Mauro Cionini, Erster Sekretär des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen  in Genf fest: "Weltweit zeigen viele Systeme eine ablehnende Haltung in Bezug auf Religionsfreiheit, indem sie religiöse Minderheiten an den Rand drängen und offen verfolgen – seien sie traditioneller Bestandteil der sozialen Landschaft oder auch erst seit kurzem ansässig."

Was wir dort gehört haben – Religionsfreiheit - bezieht sich das nur auf Länder mit religiösen Minderheiten oder nicht auch auf solche mit "großen Religionen" in säkularem Umfeld, wie zum Beispiel gerade in Europa?

Pictet-Althann:  Ja. Säkularismus bedeutet, dass der Staat das Recht jedes Bürgers auf freie Religionsausübung garantieren muss. In Europa, wo Religion und Staat größtenteils getrennt sind, sind die Behörden verpflichtet, allen ohne Unterschied gleiche Rechte zu garantieren, auch in Sachen Glauben und Religion.

Das ist also ein allgemeines Recht?

Pictet-Althann:  Ja.

Kein staats-spezifisches?

Pictet-Althann:  Nein, aber die Staaten sind verpflichtet, diese Menschenrechte umzusetzen.

In der Sitzung, vor dem Ausschuss, äußerte der Heilige Stuhl Bedenken: "Was uns Anlass zur Sorge gibt ist den Begriff "Freiheit von Religion" zu gebrauchen, der in keinem internationalen Dokument erwähnt ist, zeigt eine herablassende Auffassung von Religion und übersteigt den Auftrag des Sonderbotschafters," sagte Mons. Mauro Cionini.

Einerseits fördern und bestärken die Vereinten Nationen Religionsfreiheit, andererseits fügen sie - oder versuchen es zumindest -  Begriffe wie "Freiheit von Religion" ein. Wiedersprechen oder neutralisieren sich die Vereinten Nationen nicht selbst mit dieser Zielvorgabe?

Pictet-Althann:  Nein, weil niemand gezwungen werden kann, zu glauben oder nicht zu glauben. Jedes Individuum muss von der uneingeschränkten Freiheit profitieren dürfen, eine Religion oder einen Glauben zu praktizieren oder nicht. Es geht nicht darum, zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet zu sein, sondern darum, die Möglichkeit zu haben, frei zu wählen. Man muss seine eigene Entscheidung treffen können. Deshalb sollte das nicht widersprüchlich sein, sondern Respekt vor Gewissensfreiheit und freier Meinungsäußerung zum Ausdruck bringen.

Und genau an diesem Punkt kommt der Malteserorden ins Spiel. Denn für ihn ist Religionsfreiheit ein sehr wichtiges Thema?

Pictet-Althann:  Ja, denn der Malteserorden unterhält in 120 Ländern medizinische, soziale und humanitäre Projekte. Das bedeutet, dass wir Bevölkerungen aller Glaubensrichtungen unterstützen, ungeachtet ihrer Herkunft, Rasse oder Religion. Weil wir mit allen zu tun haben, ist Glaubens- und Religionsfreiheit für unseren weltweiten humanitären Einsatz von ganz besonderer    Bedeutung...denn als humanitäre Organisation mit natürlich eigenem spirituellen Hintergrund müssen wir die Bevölkerung dort in ihrem täglichen Leben verstehen und unterstützen, vor allem wenn die Umstände schwierig sind. Und das können wir nur leisten, wenn wir ihre Religion, ihre Kultur und ihre Traditionen verstehen und sie respektieren.

Danke, Eure Exzellenz!

Pictet-Althann: Vielen Dank!

Der UN-Menschenrechtsrat appellierte unter anderem in seinem Ratsbeschluss während dieser Tagung an die Staaten: Aufklärung und Bildung, zur Beseitigung von Vorurteilen und Klischees von Personen auf der Grundlage ihrer Religion oder Weltanschauung, zu nutzen; betonte, dass keine Religion mit Terrorismus gleichgesetzt werden kann und beschloss, seinen Dialog fortzusetzen, um Maßnahmen zur Umsetzung der Beschlüsse zu finden.

U.N.-Korrespondent Christian Peschken lebt und arbeitet in Genf. Das Thema wird auch bei EWTN – Katholisches Fernsehen zu sehen sein im Rahmen des Magazins 'Vatikano'. Weitere Informationen zu Christian Peschken unter www.peschken.media 

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Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Meinung des Autors wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.