Ich bin nur ein einfacher römisch-katholischer "Fundamentalist" – und Sie?

Lichtstrahl im Petersdom
Foto: Alexander Naumann / Pixabay (CC0)
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30 May, 2019 / 10:00 AM

Eine Art "Erneuerung der Kirche" hatte Martin Luther vorgeschwebt, als er – gewissermaßen eine frühneuzeitliche lokale Kirchenentwicklung beginnend – 1517 in Wittenberg sich provokative Thesen ausgedacht hatte. Die Folgeerscheinungen sind bekannt. Luthers wahrhaft authentisches Ringen um den gnädigen Gott würdigte auch Papst Benedikt XVI. während seiner Apostolischen Reise nach Deutschland im Jahr 2011 in Erfurt. Im Gedächtnisjahr der Reformation 2017 wurden eine Reihe von Lutherbildern erneuert oder neu aufgebracht. Einige erkannten in ihm erstaunlicherweise einen politischen Freiheitskämpfer. Andere feierten ihn als streitbaren Querdenker. Konservative sahen in ihm einen beispielhaften Nationalhelden, einen Verteidiger des Abendlandes und den deutschen Christenmenschen an sich. Ein neuer Luther ist nicht in Sicht. Aber wir sprechen in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland heute ständig von Erneuerung, Aufbruch und Wandel. Brauchen wir heute eine neue deutsch-katholische Kirche, eine neue Theologie und eine neue Morallehre?

Nach dem Tod von Johannes Paul II. hielt der damalige Dekan des Kardinalskollegiums eine seither oft zitierte und vielfach kommentierte Homilie. Joseph Ratzinger sprach in der heiligen Messe zur Eröffnung des Konklaves am 18. April 2005 von der Glaubenskrise:

"Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt."

Wer zum Credo der Kirche steht – anders gesagt: wer sich heute, auch mitten unter Katholiken, als römisch-katholischer Christ zu erkennen gibt –, der wird als Fundamentalist angesehen. Ein Katholik gilt Katholiken als ungeschmeidig, störrisch, widerborstig und unaufgeklärt. Ein Katholik, der die Glaubens- und Morallehre der Kirche für verbindlich gültig und für wahrhaft zukunftsträchtig hält, erscheint weltlich als rätselhafte Gestalt. Ein Katholik, der darauf hofft, dass die Kirche ihn und seine Meinungen ernstnimmt und, wenn nötig, korrigiert, wirkt vorgestrig. Ein Katholik, der erwartet, dass die heilige Messe nicht nach Lust und Laune, sondern rechtmäßig und gültig gefeiert wird – also einfach nach Messbuch –, muss damit rechnen, als hoffnungslos unzeitgemäß, antimodernistisch und erzkonservativ oder reaktionär angesehen zu werden. Die Verhöhnung des Glaubens und glaubenstreuer Katholiken reicht weit bis in die Kirche hinein.

Als ich Kardinal Ratzingers Predigt damals verfolgte, dachte ich: Er hat recht, auch ich bin nur ein Fundamentalist, der römisch-katholisch getauft ist und nicht deutsch-katholisch erneuert werden möchte. Das "Credo" sprechen wir alle nicht im Konjunktiv, oder? Der Boden, auf dem wir stehen, schwankt nicht. Aber wir schwanken zuweilen, gefangen im Hochmut unseres törichten Eigensinns, geblendet von subjektiven Befindlichkeiten, getäuscht von unserer vermeintlichen Klugheit und beherrscht von irrigen Meinungen, wer immer diese auch geäußert haben mag. In der ganzen Kirchengeschichte ist zudem noch nicht aus einer einzigen Häresie deswegen eine Glaubenswahrheit geworden, nur weil sie vielleicht von einem Bischof, einem Priester, einem Theologieprofessor oder einem liebenswerten Nachbarn mitgeteilt worden ist. Wir sind und bleiben zudem in Schuld verstrickt und mit Sünde beladen, auch dann, wenn der Begriff Sünde in der Kirche mitunter weltgewandt durch Fehler, Schwäche oder schlechte Gewohnheit ersetzt wird.

Die Morallehre der Kirche wäre auch dann noch verbindlich gültig, wenn niemand sich mehr an sie halten würde. Nun mag – modern gesprochen – mancher denken: Mein Gewissen sagt mir doch etwas ganz anderes. Ich lebe mit mir im Einklang, fühle mich gut dabei und möchte noch den kirchlichen Segen haben. Das alles kann doch keine Sünde mehr sein. Es ist doch längst eine lebensweltliche, lebenswirkliche Normalität geworden, auch unter guten Christenmenschen. Ein bisschen mehr Liberalität wäre doch so schön. Sind Liberalität und Lebensfreundlichkeit dasselbe? Darüber könnte nachgedacht werden. Der christliche Glaube fordert nicht: Seid nett zueinander, und tut alles, was euch guttut (oder euch gutzutun scheint)! Uns ist vom Herrn sogar geboten, einander zu lieben, den Nächsten und auch den Feind, und das ist offenbar etwas ganz anderes, als bloß nett zu sein oder ein konsequent hedonistisches Leben zu führen. Es ist zugleich auch das einzige, was uns wirklich guttut. Ein zwar absurder, aber nicht unvorstellbarer Gedanke würde vielleicht lauten: Wenn die Kirche endlich freundlicherweise meine Lebenspraxis billigt, billige ich auch netterweise die Lehre der Kirche.

In der heiligen Messe werden wir beim Asperges mit Weihwasser besprengt und nicht mit Parfüm oder Aftershave. Kniend empfangen wir den Leib Christi und nicht einen wohlschmeckenden Glückskeks.  Die Predigt soll Auslegung des Evangeliums sein und nicht die Kundgabe irgendeiner beliebigen, geschmeidigen und unbedachten Meinung. Ja, über die kirchliche Lehre kann diskutiert werden, sofern dies dem Verständnis der Lehre dienlich ist. Wer abweichende Meinungen dazu äußert oder absichtlich der Lehre der Kirche widerspricht, sollte wissen, was er tut. Manchmal muss die Lehre, wie "Ordinatio sacerdotalis" heute, auch einfach nur wiederholt werden. Wem das Schreiben des heiligen Johannes Pauls II. zu lang ist, der schlage im "Kodex des Kanonischen Rechtes" nach, Can. 1024 – genügt auch. Sollte aber nicht wenigstens die Morallehre der Kirche etwas aufgefrischt werden? Wenn mein Gewissen eine lehramtswidrige Lebenspraxis billigt, was soll ich dann tun? Sollte ein Christ von heute nicht alles etwas liberaler, aufgeschlossener und zeitgeistlicher betrachten? Über Liberalismus in der Moraltheologie sprach der selige John Henry Newman gelegentlich. 1843 ergänzte er seine Lebensbeschreibung "Apologia sua vita" mit einigen Überlegungen hierzu. Die auch heute noch gern aufgebrachte liberale These lautet: "Es gibt Gewissensrechte solcher Art, dass jedermann erlaubterweise den Anspruch erheben kann, zu bekennen und zu lehren, was in religiösen, sozialen und moralischen Fragen recht und falsch ist, vorausgesetzt, dass es seinem persönlichen Gewissen als absolut wahr und recht erscheint." Newman fasst die unausweichliche Konsequenz dieser Meinung in einem einzigen Satz so hellsichtig wie lapidar zusammen: "Darum haben Einzelne ein Recht, Ehebruch und Polygamie zu predigen und zu üben."

Wer das "Credo" ernsthaft betet, singt und spricht, wer den Glauben und die Lehre der Kirche nicht als eine beliebige Meinung ansieht, der könnte heutzutage als römisch-katholischer Fundamentalist angesehen werden – in dem Sinn, in dem das unser verehrter emeritierter Papst Benedikt damals gesagt und später oft wiederholt hat. Vielleicht spricht auch eine Erfahrung hierfür, die sich mit der Lebenswirklichkeit durchaus deckt: Stehen Sie lieber auf dem Fundament des Credos der Kirche – oder bevorzugen Sie einen schwankenden Boden? Müssen wir die Kirche neu erfinden oder einfach nur uns zu ihr bekennen? Der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer sagte treffend hierzu: ">Die Kirche müsse sich neu erfinden<, lautet ein Ratschlag von prominenter Seite, eine Aufforderung angesichts der Turbulenzen. Ich kann darauf nur sagen: Nein, die Kirche muss sich nicht neu erfinden, die Kirche kann sich gar nicht neu erfinden, weil sie sich auch schon >alt< nicht selbst erfunden hat. Die Kirche ist keine Erfindung der Menschen, sondern das Projekt Gottes, das er auch wegen unserer Sündhaftigkeit begonnen hat und trotz dieser durchträgt durch die Zeiten!"              

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