Ihr Gott ist mein Gott: Zur Ehre von Matthew Ayairga, Märtyrer am Strand Libyens

"Die Heiligen Märtyrer Libyens" von Nikola Saric (Ausschnitt)
Foto: www.nikolasaric.de / Vatican Magazin
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10 December, 2018 / 7:30 AM

CNA Deutsch veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Essays aus der Reihe "Höhenwege der Menschheit" von Don Phil Schulze Dieckhoff (*). Den Auftakt macht dieser Aufsatz zur Ehre von Matthew Ayairga, Märtyrer am Strand Libyens, zusammen mit zwanzig Kopten, am 15. Februar 2015.

Wer zwölf Jahre alt ist, dem liegt die Welt vor den Füssen, er muss nur loslaufen, er kann noch alles werden, keine Hürde ist zu hoch und kein Abgrund zu tief. Doch er erkennt auch bereits, dass andere besitzen, was er niemals haben würde. So etwa dachte Matthew bei sich.

In seinem Dorf hatte niemand besonders beneidenswerten Besitz, außer vielleicht einem Jungen, dessen Vater in der Stadt arbeitete und der seinem Sohn ein Fahrrad geschenkt hatte. Aber darum ging es nicht eigentlich. Von Matthews Nachbarkindern waren manche auf eine andere Art reich. Sie hatten in sich eine Kraft, eine Kraft, die machte, dass sie niemals klagten. Die drei Kinder von nebenan, an die er dachte, waren fröhliche Geber. Unter den Jungen ging es vor allem beim Fußball hoch her, es wurde heftig beschuldigt und geschrien. Dabei standen auch Josef, der Älteste, und dessen kleinere Brüder in nichts zurück. Wenn aber sie selbst bezichtigt wurden und die Spannung stiegt, dann verteidigten sie sich nicht. Sie klagten nicht und hatten eine feine Art, über ihren eigenen Mutwillen zu spotten und zuzugestehen, dass die Kläger wohl recht hatten.

Der reichste Besitz war eben innen. Und nichts war schwieriger, dachte Matthew, als die Gelassenheit von Josef zu erlangen, der den Sieg einfach fahren lassen konnte, obwohl er ihn schon fast in Händen hielt. Das eigene Innere sträubte und sperrte sich dagegen. Was hatte Josef, was er nicht hatte?

Er war Christ, er und seine Familie. Und sein Gott machte ihn frei.

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Doch fern waren heute die alten Kindheitserinnerungen. Die unbeschwerte Leichtigkeit des Seins gelangte ihm kaum mehr in die Erinnerung – ihm der heute mit anderen Männern seines Alters und mit verbundenen Händen herumgeschubst wurde, als Geisel. Die Männer waren am Morgen in mehrere Lieferwagen gestoßen worden und man entlud sie im Morgengrauen am libyschen Strand. Die ganze Szene war grotesk, mit den Palmen im Hinterland, dem ruhigen Meer vorneweg, das gelassen und desinteressiert auf den Strand rollte. Dazu die zerschossenen Hotels im Hintergrund, deren glaslose Fenster traurig und schwarz dem Spektakel zuschauten. Wo sich vor wenigen Jahren die Touristen gesonnt hatten, standen jetzt entschlossene, breite Gestalten auf dem Strand herum, die Henker des muslimischen Kalifats.

Wären die einundzwanzig Geiseln fröhlicher aufgelegt, so hätten sie lachen müssen, als sie die schwarzgewandeten Schergen sahen. Diese Männer waren schlicht in schwarz gehüllt, wie Krieger aus dunkler Vorzeit. Dazu gesellte sich ein ganzes Team mit Kameras und Mikrofonen. Vor der Urlaubszenerie des blauen Meers Libyens waren ihre aus der Welt gefallenen schwarzen Ritterkostüme für jeden anderen Beobachter lächerlich.
Doch die Geiseln kannten ihre Wächter. Sie konnten nicht spotten, denn sie fürchteten sie, kannten ihre Schläge und die Kälte ihrer Augen und sie wussten, seit sie in der Nacht in die Wagen verfrachtet worden waren, dass ihre Gefangenschaft heute dem Ende zuging. Niemand hätte lachen können, auch Matthew nicht.

Unter den Ägyptern, die mit ihm auf den Strand geführt wurden, war er der einzige Fremde. Matthew kam aus Ghana. Wer in seinem Dorf Arbeit finden wollte, musste ins Ausland gehen. Er war bis nach Libyen gezogen und hatte sich auf einer Baustelle verdingt. Auf dem Rückweg in die Heimat saß er in demselben Auto wie einige Kopten, die nach Ägypten zurückwollten. Waren diese denunziert worden? Jedenfalls wurde das Auto angehalten und der Fahrer ohne Gewalt ausgetauscht. Männer des islamischen Staats – sie wollten Christen fangen und hatten diese Ägypter gefunden. So begann die Gefangenschaft, die fast zwei Monate dauern würde.

Die Männer sprachen ihre Geiseln nie an. Jede Verbrüderung mit dem Feind sollte vermieden werden. Zwei Monate unbeständiger Einsamkeit, wenn auch jeder in seiner hölzernen Kiste neben den anderen lag. Alleinsein war Schmerz, denn kein Trost war zu finden. Und Alleinsein war Sicherheit, denn niemand war da, um ihn für ungetane zu strafen. Laut gesprochene Worte wurden oft bestraft, manchmal geduldet, immer willkürlich, ohne Regel und Verlass. Die Angst hätte sie erdrücken können in ihren Kisten.

Doch diese Christen, die nichts mehr hatten, weder Recht noch Freiheit, sie hatten einen größeren Besitz, den ihnen niemand nahm: sie klagten nie und verloren nie den Mut. Es wurde nicht gebettelt und nicht gefleht. Nachts aber, wenn die Wache schlief, denn begann einer flüsternd ein Gebet und die übrigen stimmten ein. Matthew kannte diese Gebete nicht und er konnte sie auch nicht verstehen, denn arabisch sprach er nicht. Doch den Klang der Hoffnung hörte er aus tausend anderen Stimmen heraus und er horchte hier auf denselben Ton, den in seiner Heimat der Freund Josef angestimmt hatte.  Jener sanfte Klang, der aus dem Herzen kam, in dem sein Gott ihm Ruhe und Gelassenheit gab.

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Wie viel Zeit mochte verstrichen sein, zwei Tage oder zwei Wochen? Auch Matthew horchte hinein in das eigene Herz. Dabei hatte sich nie zuvor eigentlich gefragt, wie es darin aussehen mochte. Doch jetzt fand er Angst darin. Unbeherrschbare Angst, die den Atem nahm, sobald einer der Wächter über den Holzboden knarrte. Die Hoffnung noch erdrückender als die Angst, blinde Hoffnung, dass nur die unberechenbaren Folterknechte die trügerische Einsamkeit seines Holzverschlags nicht stören würden. Und selbst diese atemlosen Zustände gaben noch ein Gefühl von Sicherheit, weil sie lebendig waren.

Doch als er nun in sich hörte, wo war plötzlich die Angst? Nichts mehr war da, als die bloße Gewohnheit die kommenden Minuten zu fürchten. Doch auf dem Grund der Seele war Frieden. Er suchte erstaunt nach der Verlassenheit und fand Gelassenheit.

Er suchte weiter. Und auf dem Grund des Herzens fand er Gott.

"Du bist mein Eigentum und mein Besitz", war sein erstes ungesprochenes Gebet. Hatte er es gedacht, hatte er es erspürt? Wer konnte das wissen außer Gott selbst – Matthew wusste es nicht. Es drängte ihn weiter – war es der Kopf, war es das Herz – weiter in das Gebet, das in seinem Innern klang. Er betete, weil das Beten wahr war, und aus der Wahrheit kam der Trost. "Du bist mein Eigentum. Und ich gehöre dir", klang es weiter in seinem horchenden Herzen. "Ich gehöre zu dir. Nichts fehlt mir, denn ich habe dich und du hast mich." Und als plötzlich der Verstand begriff, was das Herz längst wusste, formten seine Lippen lächelnd und ernst die Worte: "Gott der Christen, du bist mein Gott."

Ein einziger von den Ägyptern sprach Englisch, die anderen verstanden ihn nicht. Im Schutz dieser Nacht flüsterte Matthew ins Dunkel: "Ich bete mit euch." Er hörte, wie der andere erstaunt aufatmete und für die Ägypter übersetzte. Und der Christ sagte zu Matthew: "Sprich mir nach: Vater unser im Himmel …", und Matthew wiederholte vorsichtig das fremde Gebet in dessen geheimnisvollen Klang er den unbekannten Gott erahnte. "Geheiligt werde dein Name", fuhr der Ägypter fort.

Andere Flüsterstimmen sprachen gemeinsam mit Matthew die arabischen Silben nach. "Dein Reich komme, dein Wille geschehe", sagte der Vorbeter leise und alle antworteten gemeinsam wie eine einzige hauchende Stimme. "Wie im Himmel, so auf Erden."

Vielleicht war von diesem Fleck Erde nie ein freudigeres Gebet aufgestiegen, als das Gebet dieser Nacht. Zwanzig Kopten weinten vor Glück, weil ihr Herr ihnen zeigte, wie mächtig ihr Glaube war, der sich selbst durch die Bretterwände ihrer Gefängnisse mächtig fortpflanzte. Wie wunderbar tröstend ist der Glaube, wenn er zum Nächsten weitergeht, geteilt und mitgeglaubt wird.

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Die Gefangenen waren bleich und mager, doch sie standen fest. Jeder einzelne wurde vor das Tribunal geführt, vor drei schwarzvermummte Helden auf Plastikstühlen. Der Anführer sagte nachlässig: "Sprich mir nach. Gott ist groß und Mohammed ist sein Prophet." Doch der erste Christ schwieg, den Blick frei erhoben. Er zögerte nicht. Sie stießen ihn beiseite, rissen ihm sein Hemd vom Leib, warfen ihm einen orangen Overall an die Brust, den er anziehen musste und banden ihm die Hände auf den Rücken. So schwieg auch der nächste Kopte, bescheiden und still, nicht heldenhaft. Auch die folgenden schwiegen und sie liebten voll verstecktem Stolz die Einförmigkeit und Schlichtheit ihrer Antwort. Ein einziger Gott, ein einziger Glaube, ein einziges Bekenntnis. Der Gott der Christen führte seine Kinder wie Schafe zum Schlachter, aber wie Schafe aus einer einzigen Herde, so einfach und treu, dass das blutigen Wirrwarr der Welt sie nicht verwirren konnte. Den Einfältigen offenbart sich der Herr, nicht den Großen.

In der Mitte der Reihe stand Matthew, der einzige Schwarze inmitten der hellen Ägypter. Der Hauptmann sagte: "Bist du ein Christenschwein wie die andern?"
Hätte Matthew zweifeln können, zögern? Die Idee sich freizulügen kam ihm nicht einmal. Er hob kurz den Blick, lächelte den Vermummten an, doch verachtete ihn nicht. Links von ihm sah er flüchtig die Christen, die noch auf ihr Bekenntnis warteten. Warm durchdrang ihn die Liebe, unförmig und warm von der Mitte her und von allen Seiten zugleich, dem Vermummten entgegen, und zu den blassen Ägyptern hin. Und bedachtsam und frei entgegnete er: "Ihr Gott ist mein Gott."
Das war sein ganzes Bekenntnis. Ein Paar Hände stieß auch ihn zur Seite. Das Oberhemd wurde ihm vom Leib gerissen und der grelle Overall auch ihm zugeworfen. Ruhe in der Tiefe des Herzens. Gewissheit, dass der Tod kommen würde. Gewissheit, dass Gott da ist und dass er das Leben schenkt. Einundzwanzig Blicke wurden ehrfürchtig und ernst ausgetauscht. Brüder im Herrn. Brüder im Blut.

Als auch der letzte Christ gefesselt worden war, bekam jeder einen Schächer zur Seite. Der Kameramann rief seine Instruktionen, die Matthew nicht verstand. So zogen sie auf Libyens Strand, um zu sterben.

(*) Don Phil Schulze Dieckhoff ist Priester der Gemeinschaft St. Martin und derzeit Seelsorger in Fayence (Frankreich).

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Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Ansichten der Verfasser wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.