Kindergarten und Abschiedsschmerz: Das heiße Eisen der Fremdbetreuung

Diese Woche im Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter": Trennung und Verlustangst

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Foto: Pixabay / markzfilter (CC0)
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20 August, 2018 / 2:00 PM

Erinnern Sie sich noch daran, welches Gefühl Sie empfunden haben, als Ihre Mutter Sie vom Kindergarten oder der Schule abgeholt hat oder am Parkplatz nach einer Klassenfahrt auf Sie gewartet hat? Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie ihre Mutter gesichtet haben und Sie Ihnen zulächelte oder Ihnen zu winkte?

Ich erinnere mich noch sehr gut an das wohlig warme, eigentlich unbeschreibliche Gefühl, wenn ich im Kindergarten saß und wusste, gleich kommt meine Mama. Die Tür ging auf, man hatte sie schon an den ersten Haarzipfeln erkannt und fühlte sich sofort geborgen und verspürte das zufriedene Gefühl, dass man sich auf die Mama verlassen kann.

Weil ich mich noch so gut an dieses Gefühl erinnere, lege ich großen Wert darauf, meine Kinder gut im Kindergarten oder bei anderen Aktivitäten, ohne mich, zu verabschieden und auf die Minute genau pünktlich wieder zum Abholen bereit zu stehen. Mir ist es auch wichtig, dass meine Kinder wissen, dass ich sie jederzeit holen komme, wenn es ihnen nicht gut geht, sie sich nicht wohl fühlen.

Warum erzähle ich darüber? Der Kindergarten hat wieder begonnen und die neuen Kinder sind da. Manche sehr glücklich und zufrieden, andere traurig und voller Schmerz. Heute habe ich beinah mitgeweint, als ich unsere Mittlere in ihre Gruppe gebracht habe und ein kleiner Junge von gerade 2 Jahren am Frühstückstisch saß und nach seiner Mama rief, die gegangen war. Das Schlimmste war aber eigentlich, dass auch die Erzieherinnen sich unwohl mit der Situation fühlten und mir und einer weiteren Mutter, die gerade ihr Kind brachte, erklärten, dass die Mutter der Ansicht sei, ihr Kind beruhige sich schon wieder, sie habe wichtige Termine auf der Arbeit.

Jaja, man soll andere nicht verurteilen, aber sowohl als Mutter, als auch als Erzieherin, bin ich empört, traurig, wütend und verständnislos, dass dieser Junge einfach seinem Schicksal überlassen wird.

Bindungstheoretisch reden wir hier von einer Katastrophe. Ein Kind, dass noch nicht bereit ist, sich von seiner Mutter zu trennen, erlebt existenzielle Ängste und wer das Schreien des Jungen vernommen hat, weiß dass das nicht nur Theorie, sondern real erlebte Verlustangst ist. Kinder brauchen Zeit, um sich an eine neue Umgebung und neue Bezugspersonen zu gewöhnen. Sie brauchen die Sicherheit, dass ihre Mama immer zurückkommen wird und überhaupt die kognitive Reife, um sich auf diese Trennung einzulassen.

Nun gibt es unter Müttern „heiße Eisen“, die man besser nur anspricht, wenn man in etwa einschätzen kann, wie das Gegenüber reagieren wird oder ob im Nachgang transatlantische Schlichtungsgespräche nötig sind. Die Fremdbetreuung von Kindern ist eines von diesen kritischen Themen, das schnell die Emotionen hoch kochen lässt.

In einigen Texten habe ich schon über meine Entscheidung geschrieben, Mutter zu sein, zu Hause zu sein und für meine Kinder da zu sein. Meine Kinder gehen auch in den Kindergarten. Vom ersten Tag an, haben sie das ohne Tränen und ohne Schreien getan. Sie freuen sich jeden Morgen aufs Neue ihre Freunde zu treffen und spannende Dinge zu erleben und fordern manchmal extra lange dort zu bleiben, weil z.B. am Nachmittag noch eine Sportolympiade oder Kuchen backen ansteht. Klar, gab es auch mal den ein oder anderen Tag, wo sie müde waren, schlecht geschlafen hatten oder ihnen einfach eine Laus über die Leber gelaufen war und von mir die Zusicherung brauchten, dass ich sie besonders lieb habe und ganz sicher abholen komme. Dann sagte meine Große immer: „Mamas können nicht hier bleiben, das ist ja ein Kindergarten und kein Mamagarten.“ Und ging lachend in ihre Gruppe.

Ich bin sicher, sie spüren, dass ich entspannt bin, dass ich jederzeit bereit bin, sie zu holen, wenn etwas passiert ist und dass es keinen Druck gibt, in den Kindergarten zu gehen. Die Zeit, die sie bei der Eingewöhnung hatten, war wichtig und hat nun zwei gesunde Kinder hervor gebracht, die selbstsicher und mit vollstem Vertrauen in ihre Gruppe stiefeln können.

Kinder sind verschieden und einige brauchen eben länger, um sich auf neue Situationen einlassen zu können. Ich denke, dass alle Eltern sich die Zeit und die Ruhe nehmen können und sollten, ihr Kind darin zu unterstützen sicher im Kindergarten anzukommen und sie auch selber viel zufriedener gehen können, wenn sie von einem Lachen statt von Tränen verabschiedet werden.

Sicherlich gibt es auch Konstellationen, in denen es notwendig ist, dass beide Eltern arbeiten gehen oder ein Elternteil alleinerziehend ist. Dennoch können auch diese Eltern sich die Zeit nehmen, ihr Kind vernünftig im Kindergarten einzugewöhnen, sodass es nicht schreiend zurück gelassen werden muss.

Da wir direkt Zaun an Zaun mit dem Kindergarten wohnen, kann ich sagen, dass der Junge jetzt aufgehört hat zu schreien. Vielleicht hat er sich mit seiner Situation abgefunden, vielleicht hat er resigniert, vielleicht konnte er sich mit einem Spiel ablenken lassen. Hoffentlich wird er dieses wohlige Gefühl im Bauch spüren, wenn ihn seine Mama später abholen kommt, an das ich mich noch so gut erinnern kann.

Das Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" mit Elisabeth Illig erscheint jeden Montag bei CNA Deutsch. Alle bisherigen Blogposts finden Sie hier im Überblick. 

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