Nicht nur kleine Kinder verwechseln Gleichheit mit Gerechtigkeit

Diese Woche im Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter": Kindlicher Rigorismus, das Unrechtsempfinden und die Gerechtigkeit

"Gerechtigkeit erfahren ist wichtig, aber genauso die Erfahrung, dass Ungleichheit gerecht sein kann."
Foto: Flickr / fotologic (CC BY 2.0)
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11 June, 2018 / 1:59 AM

Wenn es nach unseren Töchtern geht, dann ist es besonders gerecht, wenn beide nicht nur die gleiche Anzahl Gummibärchen bekommen, sondern sogar die gleiche Menge der jeweiligen Farbe. Die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit, nimmt überhaupt einen Großteil des Tagesgeschäfts der Mädchen ein. "Mama, das ist unfair." "Mama, ich hab' viel weniger." "Mama, ich hatte zuerst gefragt." "Mama, DU bist ungerecht": Das ist dann die Krönung des Unrechtempfindens.

Mir ist bewusst, dass unsere Töchter mit dem sogenannten kindlichen Rigorismus argumentieren, der im Rahmen der Moralentwicklung eine Phase von Absolutheit darstellt. Es gibt nur richtig und nur falsch, die Kinder erwarten drakonische Strafen für Regelverstöße und empfinden schnell Unrecht. Abgesehen davon, ist es wohl Teil jeder Geschwisterkonstellation, dass es darum geht sich seinen Platz zu sichern und um die Aufmerksamkeit zu buhlen.

Ist Gerechtigkeit denn immer Gleichheit? Bin ich gerecht, wenn ich alle gleichbehandele?

Argumentativ stehe ich meinen Töchtern gegenüber schlecht da, aber im Prinzip ist es doch so, dass man mit sturer Gleichbehandlung überhaupt nicht gerecht ist. Man wird vor allem nicht dem Individuum gerecht. Meine Töchter sind sehr unterschiedlich. Die Große eher sensibel, ruhig, malt gerne und über eine lange Konzentrationsspanne hin. Die Mittlere eher agil, eigensinnig und sportlich talentiert.  Wenn ich diese Beobachtungen ernst nehme, dann wäre doch z.B. der Ball zu Weihnachten für beide zwar einerseits gerecht, weil beide das gleiche haben, aber es wird eben nur einer gerecht, da die Große mit einem Ball nur wenig anfangen kann.

Es ist also umso wertschätzender beiden gegenüber individuelle Geschenke zu finden, anstatt um des Gerechtigkeitsempfindens Willen, per se das gleiche zu überreichen.

Gleichheit und Gerechtigkeit wird an vielen Stellen auch von Erwachsenen in einen Topf geworfen. Frauenrechtlerinnen sind oft ganz vorne mit dabei, um Ungerechtigkeiten anzuprangern, die aber eigentlich eine Gleichheit fordern, die qua Definition nicht zu erfüllen ist. Ich kann meinen Namen nun mal nicht in den Schnee…so sehr ich mich auch um Gleichheit bemühe, wäre hier der konkrete Anwendungsfall. In der heutigen Zeit erlebe ich aber immer wieder laute Stimmen, gerade in sozialen Netzwerken, wo ein Klima des Aufregens und der Empörung herrscht, ohne Sachverhalte genau zu durchdringen, die Gerechtigkeit fordern, ohne zu reflektieren, was das im Kern bedeutet.

Gerechtigkeit ist eine Urfrage der Menschheit, die schon im Alten Testament immer wieder bearbeitet und hinterfragt wird. Gibt es einen gerechten Gott? Jesus hat in seinen Gleichnissen, oftmals das Gerechtigkeitsempfinden seiner Anhänger stark auf die Probe gestellt. Etwa im Gleichnis der Talente oder in der Frage, wem das Himmelreich gehöre. Dem christlichen Verständnis nach, geht es eben nicht immer darum erster zu sein oder das Maximum an Gewinn für sich einzustreichen, aber es ist eben auch verwerflich seine Talente nicht zu nutzen und dafür den gerechten Lohn nicht entgegen zu nehmen.

Damit meine Töchter nicht so laute, empörte Menschen werden, die überall Ungerechtigkeit wittern und diese einfordern, bemühe ich mich, ihnen ein gutes Verständnis von Gleichheit und Gerechtigkeit zu vermitteln.

Beide müssen aushalten, dass die eine mal den Ball bekommt und die andere dafür den Malblock an anderer Stelle. Beide sollen lernen, dass man sich dann für die andere freuen kann, dass man sich darauf verlassen kann, nicht zu kurz zu kommen und das wertschätzend lernt, was man hat, ohne unersättlich immer mehr zu fordern.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinder, die schon früh gelernt haben, dass sie sich auf das Urteilsvermögen und die Liebe ihrer Eltern verlassen können, deutlich ausgeglichener und zufriedener sind, als ihre Altersgenossen, die ständig ihre Felle davon schwimmen sehen und für irgendwas im Kampf stehen.

Gerechtigkeit erfahren ist wichtig, aber genauso die Erfahrung, dass Ungleichheit gerecht sein kann.

Das Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" mit Elisabeth Illig erscheint jeden Montag bei CNA Deutsch. Alle bisherigen Blogposts finden Sie hier im Überblick. 

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Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Ansichten des Autors wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.