Predigt zum Tod eines armen Mannes

Gaetano Tinnirello (1988 - 2021)
Foto: Facebook / senzapagare
04 December, 2021 / 8:06 AM

Gaetano Tinnirello war ein obdachloser Mann, der vor der Pfarrkirche „SS. Trinità dei Pellegrini“, der Kirche der Petrusbruderschaft in Rom, um Geld bettelte. Sein plötzlicher, relativ junger Tod hat die Menschen der Pfarrei bestürzt. Sie organisierten ein Requiem für seine Seele.

Hier die Predigt, die Pater Vilmar Pavesi FSSP bei den Exequien gehalten wurde:

„Ich habe Durst.“ Am Kreuz, während seiner Qualen hatte Jesus Durst. Es war ein großer Durst, verursacht durch seine Wunden. Aber es war vor allem ein spiritueller Durst. Jesus hatte und hat immer noch Durst nach Seelen, weil er nach Seelen sucht, um sie zu retten. Er verachtet keine einzige.

Gaetano hatte auch Durst. Als ich zu ihm ins Krankenhaus kam, war sein Mund trocken. „Pater, ich habe Durst, gib mir etwas zu trinke“, das war das erste, worum er mich gebeten hat. Nachdem ich gefragt hatte, ob ich das machen dürfe, fing ich an, ihm mit einem Strohhalm zu trinken zu geben. Er konnte sich nicht bewegen. Nachdem er eine halbe Flasche Wasser getrunken hatte, sagte ich zu ihm: „Gaetano, denk an Jesus Christus am Kreuz. Er hatte auch Durst, aber niemand hat ihm etwas zu trinken gegeben. Jetzt kannst du es besser verstehen.“ Er hat mit dem Kopf genickt. Also fragte ich, ob er beichten möchte. Er hat mit ja geantwortet. Er war vollkommen klar. Er hat mit reinem Blick auf seine Seele gebeichtet, in Demut und Ehrlichkeit. Und dann beteten wir gemeinsam seine Buße. Als ich wieder Anzeichen von Schmerzen in seinem Gesicht erkannte, riet ich ihm, um Gottes Willen ihm all dies anzubieten: „Jesus, ich biete dir all das aus Liebe an“. Und er wiederholte wie ein Kind: „Jesus, ich biete dir all das aus Liebe an“.

Also fragte ich ihn, ob er auch die Letzte Ölung empfangen möchte, und er stimmte zu. Nachdem der sie empfangen hatte, bat er mich, ihn noch mehr trinken zu lassen, weil er immer noch so durstig war. Unser armer Gaetano, der sehr durstig war, durch die Beichte und die Krankensalbung gestärkt,

hatte den Durst, den Gott in seine Seele legte.

Bevor wir uns verabschiedeten, sprachen wir über verschiedene Dinge und wie sein Leben aussehen würde, wenn er aus dem Krankenhaus käme: Er bat mich, einen Ort zu finden, an dem er wohnen könne, und ich versprach es zu tun. Dann fragte er danach, wo er in diesem Moment sei? „Im San Camillo Krankenhaus“, antwortete ich. „Wie weit ist es von der Pfarrkirche entfernt?“ „10 Minuten mit der Straßenbahn“, sagte ich zu ihm. „Wann werde ich wieder neben ihr herlaufen?“ „Wenn Gott will, brauchst du dir keine Sorgen um die Zukunft zu machen. Herr, dein Wille geschehe“ Und er wiederholte, wie ein Kind, „Herr, dein Willen geschehe“.

Ich richtete Gaetano die Grüße aller Priester der Pfarrkirche aus, insbesondere des Pfarrers, sowie von allen Leuten, die für ihn Zuneigung hatten. Dann musste ich gehen. „Oh, der Priester muss gehen. Aber bitte, gib mir etwas mehr Wasser“. Nach dem letzten Segen und guten Wünschen sagte er zu mir: „Pater, danke. Sie haben mich sehr glücklich gemacht!“

Das erste Mal, dass ich ihn im Krankenhaus besuchte, war am Samstag nach seiner ersten Operation. Er lag im Koma und war in Todesgefahr. Normalerweise habe ich immer das Krankenöl bei mir, aber an diesem Tag hatte ich es nicht dabei. Und weil es schon spät war, ließ mich das Pflegepersonal  auch nicht zu ihm. So ging ich am Montag wieder hin, diesmal mit den heiligen Ölen. Gaetano war vollkommen klar. Am nächsten Tag sollte er ins Koma gelegt werden, denn er musste sich einer weiteren Operation unterziehen. Bis zu seinem Tod sollte er im Koma bleiben. Gaetano scheint nur einige Stunden in den Zustand der Klarheit zurückgekehrt zu sein, wie das Kind, das vor dem heiligen Philipp Neri wieder auferstanden ist, nur um zu beichten, die Wegzehrung zu empfangen und danach zu sterben.

Apropos heiliger Philipp Neri. Gaetano, lebte, ohne es zu wissen, nach einem seiner Ratschläge: Jeden Tag kam er in die Kirche und begrüßte alle Heiligen. Wenn er sich dem Altarraum näherte, legte er sich auf den Boden, küsste ihn und betete. Genau das lehrte Philipp Neri: „Wenn du wenig Zeit hast oder nicht gut beten kannst, gehe in eine Kirche und grüße die Heiligen. Dann wirst du ausgezeichnet gebetet haben.“ Ich dachte immer, dass der Herr ihn für diesen Akt der Gnade, der so ehrlich gemacht wurde, und auch für den Rosenkranz und die Wundermedaille, die er am Hals trug.

Ich habe Gaetano einmal in der Kirche angetroffen, wie er den Boden repariert hat. Ohne etwas zu sagen, fing an, die Marmorplatten zu reparieren, über die schon mehr als eine Person gestolpert war. „Gaetano, was machst du?“ „Ich repariere den Boden! Das ist gefährlich. Ich mache das nicht für Geld, sondern weil es Gottes Haus ist und Gottes Haus auch meins ist.“

Gaetano wollte arbeiten Er wollte nützlich sein. Er räumte die Straße auf, weil er, wie er selbst sagte, dort wohne und wolle, dass alles sauber wäre. Er hat auch die Stufen zur Kirche gereinigt. Ich habe ihn mehr als einmal gesehen, wie er dem Müllmann geholfen hat, den Müll einzusammeln. Er hat das ohne persönliche Interessen gemacht, nur um zu helfen. Als er hierher kam, trug er Ohrringe. Ich halte Männer mit Ohrringen nicht aus, also habe ich ihn eines Tages gebeten, mir seine Ohrringe zu verkaufen. Als Gaetano begriff, warum ich sie kaufen wollte, nahm er sie ab und warf sie in die Kanalisation, und er versprach mir, dass er nie wieder Ringe tragen würde. Das Geld wollte er nicht. So war es.

Gaetanos Tod mit 33 Jahren ist eine große Traurigkeit für uns alle. Seine Anwesenheit hat unserer Gemeinde ein malerisches Gesicht verliehen. Seine Anwesenheit war gut. Alle haben ihn gemocht. Gaetanos Tod ist ein großer Schmerz für uns, weil wir uns tief in unseren Seelen ein bisschen verantwortlich fühlen. Er war einer der kleineren Brüder Christi, weil er ein enormes Bedürfnis hatte, in Körper und Seele Hilfe zu empfangen. Mehr als Geld brauchte er ehrliche Zuneigung. Wie oft antworten wir auf sein spontanes „Guten Tag“ mit Gleichgültigkeit, Gefühlskälte oder in Eile? Wie oft sind wir an ihm vorbeigegangen, ohne ihn anzuschauen, als er nicht in Ordnung war? „Wann immer ihr das einem meiner kleinsten Brüder angetan habt, habt ihr es mir selbst angetan.“ (Mt 25,40).

Herr, vor diesem toten Leib bitten wir um Vergebung für das Gute, das wir Gaetano hätten tun können und doch nicht getan haben. Herr, angesichts seines Leichnams versprechen wir dir, die Armen mit Großzügigkeit und Liebe zu empfangen, die deine Vorsehung uns schickt.

Gaetanos Tod hat bereits angefangen Früchte zu tragen. Viele fühlen sich im Herzen berührt und öffnen sich mehr für die Wohltätigkeit. Es ist sehr erbauend, wie viele Menschen für die Seele von Gaetano beteten. Dies ist ein großartiges Wohltätigkeitswerk. Manche boten an, Gaetano eine anständige Beerdigung zu geben. Dies ist auch ein Werk der Gnade, angenehm für den Herrn. Einige junge Leute haben sich in den letzten Wochen mit wahrer Liebe um Gaetano gekümmert. Sie haben mich ins Krankenhaus gebracht und begleitet. Möge der Herr euch segnen.

Gaetano hat eine großartige Mission unter uns. Tatsächlich hat seine Mission gerade erst begonnen. Er, arm, aber vom Herrn gesegnet, muss uns beibringen, wohltätig zu sein. Er muss uns beibringen, wie man in Gott große Hoffnung hat. Der Herr hat ihn dieser Pfarrkirche näher gebracht. Er sorgte dafür, dass Gaetano die christliche Zuneigung seiner Gläubigen und Priester fand, weil er ihm das ewige Glück im Himmel geben wollte. Gaetano möge auch der Mission der „Erzbruderschaft der Heiligen Dreifaltigkeit“ neuen Schwung geben für ihre geistigen und leiblichen Wohltätigkeitswerke.

Heiliger Philipp Neri, bitte für ihn.

Heiliger Benedikt Joseph Labre, bitte für ihn.

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für ihn.

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