Stell Dich nicht so an!

Diese Woche im Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter": Darf man Kinder ungefragt anfassen?

Tochter an der Hand ihrer Mutter (Referenzbild)
Foto: Pixabay (CC0)
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14 January, 2019 / 2:00 PM

Als wir letztens im Supermarkt an der Kasse standen, versuchten die Kunden vor uns und hinter uns mit der Jüngsten zu Spaßen. Sie zogen Grimassen, lachten, versuchten sie irgendwie zum Lachen zu bringen, aber hatten partout keinen Erfolg. Als dann ein älterer Herr sie am Kinn kitzeln wollte, verzog sie ihren Mund und zeigte die Grenzüberschreitung deutlich an. Ich hatte gerade die Waren aufs Band gelegt und war selber kurz erschrocken über diese plötzliche Aktion und nahm sie schützend und tröstend in den Arm. Angenehm war mir der Herr nicht und ihr offenbar genauso wenig.

Ich beließ es bei einem bösen Blick meinerseits und der Schnute meiner Tochter und fing keine Grundsatzdiskussion an. Denn irgendwen gibt es immer, der sagt, das Kind solle sich nicht so haben und früher hätten die Mütter deswegen auch keine Szene gemacht.

Ja, wie ist das denn mit dem afrikanischen Sprichwort, das besagt, man brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen? Sind dann nicht auch fremde Leute irgendwie an dem Kind beteiligt. Ist dann so ein gut gemeintes Kitzeln am Kinn an der Supermarktkasse in Ordnung?

Ich finde, dass man fremde Kinder nicht einfach so anzufassen hat. Späße machen ja, einen kleinen Plausch beim Warten halten, auch OK, aber überraschend anfassen ist ein 'No Go' bzw. erfordert viel Fingerspitzengefühl.

Und da wären wir auch schon mitten drin im heiklen Thema. Es gibt durchaus Situationen, in denen fremde Menschen meine Kinder anfassen dürfen. Sowohl von ihnen aus, als auch von mir aus. Das sind dann aber immer Fremde, die den Kindern respektvoll begegnen, die sich immer im Gespräch, über Augenkontakt, über das richtige Maß, mein Einverständnis und das der Kinder einholen. Eine richtige Regel dafür kann ich gar nicht formulieren, aber alle Seiten merken, die "Chemie" stimmt.

Doch selbst dabei denke ich oft 'kann mein Kind zwischen Gut und Böse unterscheiden'? Warum darf ich mit dem einen Fremden an der Kasse rumalbern und soll dem anderen aus dem Weg gehen?

Wir haben unseren Kindern früh beigebracht, was es heißt, Grenzen zu setzen, wenn es um den eigenen Körper geht. Wir haben ihnen erklärt, dass ihr Körper 'privat' ist und sie können mit genau diesem Wort Grenzen setzen. 'Das ist Privat', sagte unsere Mittlere mit gerade 2 Jahren zu einer älteren Dame im Kiosk, die ihr durch die Haare strich und ihr einen Kuss geben wollte.

Die Dame reagierte sehr erschrocken und hielt mir den entsprechenden Vortrag zu meinem frechen Kind und sagte "sie stellt sich aber an!". Daher lobte ich meine Tochter deutlich und bestätigte sie, dass sie selber bestimmen darf, wer sie anfasst und wer nicht und erklärte der Dame, dass sie bitte respektieren soll, wenn sie nicht von Fremden angefasst werden möchte.

Mein Vater ist bis heute beeindruckt von einer Wickelsituation, in der er die Mittlere als Baby gewickelt hat und die Große dabeistand und sagte 'eigentlich ist der Popo privat, aber du darfst das, weil du ja unser Opa bist'!

Richtig, und genau da liegt die Aufgabe von Eltern, Kinder nicht hysterisch über Nacktheit und Privatsphäre aufzuklären, sondern ihnen jenes Feingefühl und Gespür beizubringen, wer die Privatsphäre betreten darf und wer nicht.

Um unsere Kinder dafür zu sensibilisieren, gehen wir zu Hause offen mit Nacktheit um, sorgen aber dafür, dass wir bewusst Privaträume beim Umziehen oder Duschen schaffen, sodass klar ist, dass man sich auch zurückziehen kann.

'Früher durfte man die Kinder immer streicheln', habe ich schon oft gehört, wenn ich gesagt habe, man solle bitte das Kind nicht ungefragt anfassen.

Vielleicht war man früher weniger sensibilisiert für das Thema, vielleicht war das Thema schambesetzt und sicher herrschte auch eine andere hierarchische Ordnung im Verhältnis älterer und junger Menschen, dennoch bin ich sicher, dass es die unangenehmen Empfindungen vieler Kinder auch früher schon gab, wenn die Nachbarn alle mal in die Pausbäckchen kneifen wollten.

Gutes Stichwort, da ja immer noch die Frage nach dem "ganzen Dorf" offen ist. Wir wohnen in einer sehr großen, funktionierenden Nachbarschaft, im Prinzip ein kleines Dorf in der Stadt. Man kennt sich, man feiert regelmäßig zusammen und außer uns, gibt es noch eine Familie mit jugendlichen Kindern und sonst nur ältere Paare mit erwachsenen Kindern. Das alles sind Menschen, die meine Kinder mit erziehen dürfen, die auch ein Vertrauen genießen, was das Betreten der Privatsphäre betrifft. Interessanter Weise achten aber genau diese Vertrauenspersonen alle auf die Reaktionen der Kinder und waren trotz Euphorie für das süße Baby nie übergriffig.

Denn das was das Fingerspitzengefühl für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse der Kinder ist, sollte das Fingerspitzengefühl der Erwachsenen für die Kinder sein, denn eigentlich zeigen die sehr deutlich, was sie mögen und was nicht! Wenn das funktioniert, dann kann das kleine Kitzeln am Kinn vom Fremden an der Supermarktkasse sogar sehr lustig sein!

Das Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" mit Elisabeth Illig erscheint jeden Montag bei CNA Deutsch. Alle bisherigen Blogposts finden Sie hier im Überblick. 

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Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Ansichten der Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.