Über das Fegefeuer. Eine geistliche Betrachtung zu Allerseelen

Ein Bild des seligen Carlo Acutis wurde bei der heiligen Messe enthüllt.
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
02 November, 2020 / 7:29 AM

Der selige Carlo Acutis verehrte die Seelen im Fegefeuer sehr, so erzählte seine Mutter Antonia, und betete gerne für sie. Heute, an Allerseelen, kann der Selige uns Beispiel und Vorbild sein.

Eigentlich wissen wir alle, dass wir nicht nur Fehler machen, sondern Sünden begehen. Wir sind in Schuld verstrickt, und wir benötigen nicht die weltkluge, die Wirklichkeit des Bösen in uns verharmlosende Rede von "Strukturen der Sünde". Die Sünde ist unsere Abwendung von Gott, unsere Abwendung vom Nächsten. Wir können uns zwar äußerlich waschen und reinigen, aber das, was wir auf uns geladen haben, vermögen wir selbst nicht zu tilgen – zeitweise zu ignorieren sehr wohl. Vergessen wir nicht: Das Sakrament der Buße in der römisch-katholischen Kirche ist übrigens noch nicht abgeschafft, weder von der Corona-Pandemie noch vom diabolischen Geist der Weltlichkeit – und wer gegen dieses Sakrament protestiert oder einfach nichts davon wissen will, muss oder sollte wissen, was er tut.

Die armen Seelen im "Purgatorium" (also im Fegefeuer) befinden sich in einem Stadium der Läuterung und Reinigung. Dieser Ort findet sich nicht in unserem Koordinatensystem von Raum und Zeit. Wer das Fegefeuer für eine altmodische theologische Fantasie hält, wird vielleicht noch einmal überrascht werden.

Benedikt XVI. hat in "Spe salvi" 2007 iin der Enzyklika über die schmerzhafte Läuterung der Gläubigen vor dem Antlitz des Herrn gesprochen. Er schreibt in Abschnitt 48 über das Fegefeuer: "Wer empfände nicht das Bedürfnis, seinen ins Jenseits vorangegangenen Lieben ein Zeichen der Güte, der Dankbarkeit oder auch der Bitte um Vergebung zukommen zu lassen? Nun könnte man weiterfragen: Wenn das »Fegefeuer« einfach das Reingebranntwerden in der Begegnung mit dem richtenden und rettenden Herrn ist, wie kann dann ein Dritter einwirken, selbst wenn er dem anderen noch so nahesteht?

Bei solchem Fragen sollten wir uns klarmachen, daß kein Mensch eine geschlossene Monade ist. Unsere Existenzen greifen ineinander, sind durch vielfältige Interaktionen miteinander verbunden. Keiner lebt allein. Keiner sündigt allein. Keiner wird allein gerettet. In mein Leben reicht immerfort das Leben anderer hinein: in dem, was ich denke, rede, tue, wirke. Und umgekehrt reicht mein Leben in dasjenige anderer hinein: im Bösen wie im Guten. So ist meine Bitte für den anderen nichts ihm Fremdes, nichts Äußerliches, auch nach dem Tode nicht. In der Verflochtenheit des Seins kann mein Dank an ihn, mein Gebet für ihn ein Stück seines Reinwerdens bedeuten. Und dabei brauchen wir nicht Weltzeit auf Gotteszeit umzurechnen: In der Gemeinschaft der Seelen wird die bloße Weltzeit überschritten. An das Herz des anderen zu rühren, ist nie zu spät und nie vergebens. So wird ein wichtiges Element des christlichen Begriffs von Hoffnung nochmals deutlich. Unsere Hoffnung ist immer wesentlich auch Hoffnung für die anderen; nur so ist sie wirklich auch Hoffnung für mich selbst. Als Christen sollten wir uns nie nur fragen: Wie kann ich mich selber retten? Sondern auch: Wie kann ich dienen, damit andere gerettet werden und daß anderen der Stern der Hoffnung aufgeht? Dann habe ich am meisten auch für meine eigene Rettung getan."

Der Katechismus erklärt in Abschnitt 1030 das Purgatorium: "Wer in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines ewigen Heiles sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können."

Recht verstanden ist das Fegefeuer ein Stadium auf dem Weg in die ewige Freude. Wir bedürfen alle der Reinigung, der Läuterung und der Gebete, im Leben und nach dem Tod. Es ist gut, wenn wir zu Allerseelen für unsere lieben Verstorbenen beten und für alle armen Seelen, auch wenn wir ihre Namen nicht kennen. Das Gebet zu Allerseelen ist eine unverzichtbare pastorale Aufgabe für Kleriker wie Weltchristen – und ein echter Liebesdienst für die alle Zeiten und Orte umspannende Kirche des Herrn. Auf die Fürsprache des heiligen Joseph vertrauen Gläubige bis heute. So können auch wir mit ganz einfachen Worten beten: "O heiliger Josef, du Tröster der Betrübten, komm mir zu Hilfe in meiner Bedrängnis und leite mein Beten auch zu den Armen Seelen, damit sie bald zur Freude und Seligkeit gelangen." Viele Gläubige in der Diözese Assisi werden sicher heute auch beten: Seliger Carlo Acutis, bitte für uns. Und vielleicht hoffen heute nicht nur dort Gläubige auf seine Fürsprache.

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