UN-Forum zur Situation religiöser Minderheiten in bewaffneten Konflikten

Philipp Ozores, Generalsekretär von Kirche in Not, im EWTN.TV-Gespräch mit Christian Peschken: “Unserer geistlichen Sendung treu bleiben, aber uns auch der politischen Möglichkeiten bewusst sein, um religiösen Minderheiten zu helfen."
Foto: www.peschken.media
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18 March, 2018 / 3:42 PM

Im März, während der 37. Sitzung des UN-Menschenrechtsrates in Genf, organisierten die polnische Botschaft, der Heilige Stuhl, ADF International und Kirche in Not ein Nebenforum, um die Situation religiöser Minderheiten in bewaffneten Konflikten, insbesondere im Nahen Osten und in Afrika, zu analysieren.

Der UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit und Glauben, Ahmed Shaheed, sagte in seiner Eröffnungsrede: "Wenn der Staat beginnt, eine Religion auf rechtliche und politische Weise durchzusetzen, bleibt kein Raum mehr, die Rechte eines jeden zu respektieren. Jene, die definitionsgemäß einer Minderheit zu sein scheinen, sind sofort Diskriminierungen verschiedenster Art ausgesetzt, die von Belästigungen bis hin zu Massen-Gräueltaten gehen, wie wir in den Gebieten, von denen wir hier berichten, beobachten konnten."

Ich sprach mit Philipp Ozores, Generalsekretär der Päpstlichen Stiftung Kirche in Not, die sich darauf konzentriert, der Kirche zu helfen, wo immer sie verfolgt, unterdrückt oder in materieller Not ist.  

Philipp Ozores: "Wie wir gerade von Msgr. Aguirre gehört haben, ist die Kirche in Zentralafrika die, die ausharrt. Alle anderen Organisationen ziehen sich früher oder später aus Sorge um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zurück. Die Kirche bleibt – und das nicht nur in Afrika, der Zentralafrikanischen Republik, sondern auch in vielen anderen Ländern rund um die Erde, auch im Mittleren Osten. Wenn wir also in diese Länder gehen, ist das nichts Besonderes, denn die Kirche ist bereits da - und bleibt auch dort. Wir bringen nur unsere Solidarität und bleiben an ihrer Seite, wo die Kirche unter Druck ist. Es muss auch gesagt werden, dass wir niemals allein unterwegs sind, denn wir haben ja immer genau diese Kirche, die Leute vor Ort, die uns begleiten. Es sind immer Menschen bei uns, die die Situation dort kennen – das verringert das Sicherheitsrisiko erheblich. Trotzdem muss ich einräumen, dass ich immer ein Dankgebet spreche, wenn unserer Leute von ihren Reisen zurückkommen. Unser Verantwortlicher für den Mittleren Osten zum Beispiel, der während der letzten vier Jahre viele Kriegsgebiete bereist hat. Gerade ist ein Team aus dem Norden Kongos zurückgekehrt, wo die Lage aufgrund eines Bürgerkriegs der in der Zentralafrikanischen Republik ganz ähnlich ist. Wir tun also was wir können für die Sicherheit in riskanten Situationen - aber ich denke schon, dass der Herr in den 70 Jahren unseres Bestehens eine schützende Hand über uns gehalten hat."

"Der Auftrag von Kirche in Not ist zunächst ausschließlich katholisch ausgerichtet?"

Philipp Ozores, Generalsekretär von Kirche in Not: "Unser Auftrag ist es, vor allem die Katholische Kirche zu unterstützen, aber die Katholische Kirche unterstützt wiederum jedermann vor Ort. Obwohl wir als Päpstliches Hilfswerk das zuverlässige Netzwerk der weltweiten Katholischen Kirche nützen, um sie dabei zu unterstützen, ihren katholischen Glauben zum Ausdruck zu bringen, stellen wir auch Hilfe für die ganze Gesellschaft dort zur Verfügung. Msgr. Aguirre ist ein gutes Beispiel dafür: Er schützte mit seinem eigenen Körper Muslime, die von bewaffneten Gruppen bedroht wurden. Er ist einer unserer Projektpartner. Das gleiche geschieht mit unseren Brüdern und Schwestern im Libanon und im Irak. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Opfer im Mittleren Osten keine Christen, sondern Muslime sind. Auch sie haben alles verloren, Verwandte, ihr ganzes Hab und Gut. Und so kommen auch sie in Scharen in die christlichen Flüchtlingslager. Und natürlich unterstützen die Bischöfe mit unserer Hilfe alle Flüchtlinge, auch viele Muslime und Menschen anderer Religionen. Und es ist auch wichtig zu erwähnen, dass wir, auch wenn wir uns auf die Katholische Kirche konzentrieren, in diesen Gebieten, wo große religiöse Spannungen herrschen und große humanitäre Not, wie zum Beispiel im Irak und in Syrien, eng mit Christen anderer Denominationen kooperieren: den orthodoxen und auch einigen protestantischen, denn wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir vor Ort helfen wollen."

"Sehen Sie es auch so, dass religiös motivierte Verfolgung hauptsächlich darauf reduziert wird, oder als politischer Sachverhalt präsentiert wird?"

Philipp Ozores: "Die religiöse Dimension ist etwas Eigenständiges, aber auch nur eine von mehreren Dimensionen dieses Konflikts. Wir als Organisation sind bemüht, immer beides im Auge zu behalten. Als katholische Organisation sind wir dem geistlichen Auftrag der Katholischen Kirche voll und ganz verpflichtet.  Wir glauben, dass es unsere Aufgabe ist, die Frohe Botschaft zu bringen und jedem Menschen auf der Erde die Chance zu geben, sich für Christus zu entscheiden!

Trotzdem sind wir auch in rechtliche Grundlagen eingebunden. Das Recht, seinen Glauben zu leben und das Recht, als Flüchtling zurückzukehren wird von vielen Staaten anerkannt. Zumindest auf dem Papier sind diese Staaten also verpflichtet, diese Rechte zu schützen und zu gewährleisten - auch wenn sie das nicht in konkrete Handlungen umsetzen. Genau hier können katholische Organisationen und auch jeder Christ als Bürger die Stimme erheben, Parteien ansprechen, Organisationen ansprechen oder Mitglied einer Nichtregierungsorganisation werden, um sicherzustellen daran zu arbeiten, dass Regierungen und internationale Organisationen diese Rechte Wirklichkeit werden lassen. Sie nehmen das wahr und veranlassen, dass Christen, aber auch viele andere religiöse Minderheiten ihren Glauben frei zum Ausdruck bringen können und nicht aus ihren Häusern vertrieben werden. Wir müssen also beides bedenken: unserer geistlichen Sendung treu zu bleiben, uns aber auch der gesetzlichen und der politischen Möglichkeiten bewusst sein, um religiösen Minderheiten zu helfen."

Die Forumsteilnehmerin Farida Abbas Khalaf wurde vom Islamischen Staat entführt und missbraucht, weil sie Angehörige der Religion der Jesiden ist. Sie konnte ihren Peinigern entkommen. In meinem Interview zollte sie Gott, der, wie sie sagte, ihre Gebete erhört und beantwortet habe, alle Anerkennung: "Heute bin ich jetzt hier, bin frei. Und ich denke, ohne Gottes Hilfe wäre ich nicht frei. Als ich betete, bat ich nicht nur um Gottes Hilfe für mich, sondern auch für all die, die gefangen sind. Ich hoffe, dass auch die anderen bald freikommen."

"Einer der Sprecher hier hat gesagt, wir sollten, wenn wir von verfolgten Christen sprechen, immer bedenken, dass sich das in den Medien nach einer Gruppe von Leuten anhört. Durch das Zeugnis der Verfolgten allerdings, wie das dieser Frau, würden wir uns erst bewusst, dass wir hier von einzelnen Menschen sprechen. Dass ein individuelles Zeugnis etwas ist, das überzeugt und womit die Menschen etwas verbinden können, viel eher als mit der Vorstellung von Christen, oder Muslimen, oder wem auch immer. Konzentrieren Sie sich auch auf den individuellen Glauben, individuelle Geschichten, die individuellen Probleme?"

Philipp Ozores: "Das ist unsere Hauptaufgabe, auf den individuellen Glauben zu schauen, die individuelle Geschichte an der Basis. Auf der untersten Ebene zu helfen. Viele der Projekte, die wir dank der Großzügigkeit unserer Spender unterstützen, sind sehr individuell zugeschnitten. Da geht es darum, Schwestern in Vietnam Fahrräder oder ein Auto zu bringen, weil wir wissen, dass eben diese Gemeinde davon profitieren wird. Dann bitten wir die Gemeindemitglieder vor Ort, den Priester, die Schwester, uns die Geschichte zu erzählen: wer das Auto fährt, und dann kommen all diese wunderbaren Geschichten über Bedrängnis, aber auch über Glauben, und Freude zutage. Es ist schon so: Wenn die Finsternis am größten ist, kann das Licht des Christentums am deutlichsten wahrgenommen werden – und es scheint in den individuellen Geschichten auf, ganz wie Sie sagten. Unsere ganze Kommunikation versucht genau das zu tun, die Zeugnisse individueller Menschen all jenen zu bringen, die weit weg leben, die Teil all dessen sein möchten und eine große christliche Gemeinschaft bilden wollen."

"Herr Ozores, wie Sie wissen, schützt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zumindest auf dem Papier Angehörige jeder Religion vor Verfolgung. Wer setzt aber die Umsetzung dieser Rechte konkret durch? Sie haben das ja schon angesprochen – aber wer setzt sie konkret durch?"

Philipp Ozores: "Das ist eine gute Frage. Vielleicht müssen wir hier jeden einzelnen Fall betrachten. Wir sind in vielen Ländern des Westens in der glücklichen Lage, demokratische Regierungen zu haben, die dem Recht auf Religionsfreiheit tatsächlich Geltung verschaffen. Für uns also, wo auch immer wir leben, in den Vereinigten Staaten, in vielen Ländern Europas, und in den meisten südamerikanischen Staaten, ist es kein Problem, Christ zu sein. Wir sehen zwar auch, dass dieses Recht unterminiert wird, oder man versucht, es zu unterminieren, aber man kann diese Situation nicht mit anderen Ländern, z.B. im mittleren Osten, Afrika oder Pakistan vergleichen. Es hängt also alles davon ab, inwiefern es sich um einen Rechtsstaat handelt, wo Regierung und Parlament Rechte durchsetzen können. Wenn das nicht möglich ist, entsteht ein Vakuum. Es hängt also von der Staatengemeinschaft ab und von den verschiedenen Regierungen, auf andere Regierungen Druck auszuüben, um diesen Rechten Nachdruck zu geben. Falls es überhaupt eine Regierung gibt… – hier im Westen haben wir viele Regierungen, die eine Reihe von Möglichkeiten haben, zum Beispiel durch wirtschaftlichen Druck die Rechte religiöser Minderheiten durchzusetzen. Wenn bei anderen Staaten eigentlich kein wirklicher Staat existiert oder nicht funktioniert, wie wir es gerade in der Zentralafrikanischen Republik beobachten, richten sich alle Hoffnungen auf die Vereinten Nationen. Leider haben wir in solchen anarchistischen Situationen wie in der Zentralafrikanischen Republik oder der Ninive-Ebene im Nordirak feststellen müssen, dass die Vereinten Nationen das Recht auf Religionsfreiheit nicht wirkungsvoll umsetzen konnten."

"Aber wenn schon die Umsetzung nicht möglich war, haben Sie diese Menschenrechte wenigstens vor Ort praktiziert – als glaubensbasierte Organisation, die ja bekanntlich als erste dort sind und als letzte gehen."

Philipp Ozores: "Als ich zum ersten Mal mit Kirche in Not unterwegs war, war ich vom Mut der Mitarbeiter überrascht und beeindruckt. Unser Auftrag ist es, bei der Kirche zu sein, bei ihr zu bleiben als verlängerter Arm Hunderttausender von Wohltätern, die wir rund um die Welt haben. Wir sind der verlängerte Arm – um zu trösten, zu unterstützen und auch für die Kirche zu beten, dort wo sie am meisten leidet. Und es stimmt, ich würde sagen, es gibt da keinen Konflikt, wo wir nicht helfen. Leider kann ich hier aber auch nicht offen sprechen, denn das würde unsere Leute vor Ort in Gefahr bringen."

Erzbischof Ivan Jurkovic, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf machte in seiner Rede deutlich, dass man sich darauf konzentrieren sollte auf das was uns verbindet, nicht darauf, was trennt: "Das ist wichtig. Das bedeutet, wir müssen die positive Darstellung fördern und unterstreichen, die zeigt, wie echtes Zusammenleben möglich wird. Und wie die Aberkennung der Religionsfreiheit anderer nur zur Einschränkung unserer eigenen Freiheit führt."

"Papst Franziskus spricht über dieses Thema ja sehr offen. Ist ein Vermittler gleichzeitig auch ein Botschafter? Glauben Sie, dass der Vatikan Dinge beeinflussen oder verändern kann?'

Philipp Ozores: "Wir sind absolut begeistert, wie klar der Heilige Vater nicht nur über all das Leid in der Welt spricht, sondern vor allem auch religiös motivierte Verfolgung erwähnt - und die Verfolgung von Christen als Hauptproblem, gegen das er kämpft. Ich finde, der Vatikan tut genau das, was er tun muss, er bringt die Probleme der Welt ans Licht, er spricht sie an, stellt sie Regierungen vor. Aber er bringt sie auch den Hunderten von Millionen Christen weltweit (nahe), damit sie ihnen bewusstwerden und sie ebenfalls reagieren können. Natürlich müssen wir uns auch im Klaren darüber sein, dass der Vatikan, sagen wir, oft einen umfassenderen Einblick hat als wir, die wir hauptsächlich die Medien nutzen. Vor allem, wenn es darum geht, mit Regierungen zu interagieren. Ich habe verstanden, dass es wichtig ist, über längere Zeit zu beobachten, manchmal vielleicht nicht völlig offen zu sprechen, was aber in diesem Fall letzten Endes dem Wohl der Christen an der Basis dient. Wenn es aber um die Diskriminierung von Christen im einigen Staaten geht, wenn es um offene Verfolgung geht, wie wir es jetzt im Mittleren Osten beobachten, hat sich der Papst sehr klar geäußert. Ich erinnere mich da an den Gebetstag, den er für Syrien ausgerufen hat, als der Westen darüber nachdachte, das Land zu bombardieren. Natürlich hatte das humanitäre Gründe, aber er wusste, dass ein Krieg mehrere Dimensionen hat, dass die religiöse und die humanitäre Dimension immer ineinandergreifen. Er wusste: würde noch mehr Benzin ins Feuer gegossen, die Gewalt noch mehr um sich greifen, dann würde sich die Situation nur verschlechtern, und auch der religiöse Konflikt hätte sich nur verschlimmert. Und so bin ich und ist auch unsere Organisation dem Heiligen Vater sehr dankbar für sein Engagement für verfolgte Christen."

"Glauben Sie, dass die Vereinten Nationen genug tun, um religiös motivierte Verfolgung zu bekämpfen?"

Philipp Ozores: "Ich glaube nicht, dass sie genug tun. Ich verstehe, dass die Situationen oft sehr schwierig sind -  wir haben das vorhin schon angesprochen - und die religiöse sehr oft mit anderen Dimensionen vermischt ist, mit Krieg oder bewaffneten Konflikten, so dass die Not in vielerlei Hinsicht sehr groß und akut ist. Trotzdem sehen wir aus unserer natürlich christlichen Perspektive, dass die UN nicht gerade schnell und effektiv auf die Not von Minderheiten reagiert hat, wenn diese bedroht wurden. Das beste Beispiel ist der Nordirak, aber auch in der Zentralafrikanischen Republik ist das so, und es gibt noch weitere Fälle. Und doch sehen wir, dass es jetzt so etwas wie eine echte Absicht gibt, dieses Problem anzugehen. Der große Schritt, den die UN unternehmen müssen, ist enger mit Nichtregierungsorganisationen zusammenzuarbeiten. Tatsächlich kommt in diesen Krisengebieten ein Großteil der Gelder der Staatengemeinschaft und er UN nicht bei denen an, für die sie gedacht waren. Deshalb schlagen wir den Vereinten Nationen vor, mit uns zusammenzuarbeiten, um vor Ort auf der Mikro-Ebene Partner auszumachen, die oft gar nicht allzu viel Geld brauchen, aber bei denen wir sicher gehen können, dass sie das Geld, das wir ihnen direkt übergeben, sehr effektiv verwenden und nicht irgendwo versickern lassen. Wir sehen also eine gute Absicht seitens der Vereinten Nationen, aber ist eine andere Strategie nötig, um sicherzustellen, dass diese religiösen Minderheiten, die ja definitionsgemäß klein sind, geschützt werden können - dort wo die Umgebung nicht freundlich zu ihnen ist."

Bischof Juan José Aguirre-Muñoz aus Bangassou in der Zentral Afrikanischen Republik zeigte sich frustriert und enttäuscht: "Niemand kommt, um uns zu helfen, wir können nichts tun und jetzt wird auch die Zivilbevölkerung terrorisiert. Gruppen von Muslimen, die wir seit 10 Monaten mit so viel Liebe willkommen hießen, schauen wir jetzt mit Angst an, weil sie uns Feindseligkeit gezeigt haben."

So war dann dieses Forum auch ein Hilferuf an die Weltgemeinschaft, nicht nur die Verfolgung religiöser Minderheiten zu verurteilen, sondern vor allem zur Durchsetzung ihres Schutzes beizutragen.

Dieser Beitrag wurde von U.N.-Korrespondent Christian Peschken in Genf verfasst. Das Thema wird auch bei EWTN – Katholisches Fernsehen zu sehen sein im Rahmen des Magazins 'Vatikano'. Weitere Informationen zu Christian Peschken unter www.peschken.media 

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