UN-Videoblog: Ist der freie Wille Segen oder Bürde?

Christian Peschken (EWTN) im Gespräch mit Angaelos, dem koptisch-orthodoxen Erzbischof von London
01 August, 2022 / 8:30 AM

António Guterres, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, sagte: "Die Jury hat ihr Urteil gefällt, und es ist vernichtend. Der Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen ist eine Litanei der gebrochenen Klimaversprechen. Es ist eine Akte der Schande, die die leeren Versprechen katalogisiert, die uns auf den Weg in eine unbewohnbare Welt bringen. Wir befinden uns auf der Überholspur in die Klimakatastrophe."

Guterres sprach von "gebrochenen Klimaversprechen". Nun, ein Versprechen ist eine Zusage über eine zukünftige Handlung. Der Begriff Handeln bezeichnet jede menschliche, von Motiven geleitete zielgerichtete Tätigkeit, nämlich ein Tun, Dulden oder ein Unterlassen. Das ist laut Katechismus (KKK 1731) die Freiheit, die in Verstand und Willen verwurzelte Fähigkeit, zu handeln oder nicht zu handeln. Durch den freien Willen kann jeder über sich selbst bestimmen. Durch seine Freiheit soll der Mensch in Wahrheit und Güte wachsen und reifen. Die Freiheit erreicht dann ihre Vollendung, wenn sie auf Gott, unsere Seligkeit, ausgerichtet ist.

EWTN sprach mit dem koptisch-orthodoxen Erzbischof von London, Angaelos, der auch Vorsitzender der internationalen und überkonfessionelle Wohltätigkeitsorganisation "Christians Aware" ist. Das Ziel der Organisation ist, sich für Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung einzusetzen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Zuhören, um Bewusstsein und Handeln zu fördern.

Eminenz, wenn wir uns den derzeitigen Zustand unseres Planeten ansehen, insbesondere die aktuellen Ereignisse wie die Viruspandemie und den Krieg in der Ukraine, dann fragen sich viele Menschen: Wenn es ihn gibt, wie kann dann ein liebender, fürsorglicher Gott all das zulassen?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich weiß, dass viele Millionen Menschen in den letzten Jahren gelitten haben, sei es wegen der Pandemie oder wegen des Krieges in der Ukraine oder an verschiedenen anderen Orten, an denen es Unruhen, Konflikte und Verfolgung gibt. Es ist viel passiert. Aber gleichzeitig denke ich, dass es sehr problematisch ist, nur auf die Gegenwart Gottes zu schauen, wenn wir über Schwierigkeiten, Kämpfe und Probleme sprechen. Denn wenn wir gute Tage haben, gewinnbringende Tage, freudige Tage, nehmen wir sie als selbstverständlich hin und danken nicht dafür. Ich will damit nicht sagen, dass wir das Leid der Menschen schmälern sollten, denn es gibt Menschen, die wirklich leiden, aber dieses Leid liegt in unserer Natur. Wenn wir über eine Pandemie sprechen, können wir natürlich noch einen Schritt weiter gehen und fragen, ob wir als Menschheit die, die Natur misshandelt hat, Katastrophen, Überschwemmungen, Dürren und sogar eine Pandemie verursacht haben? Das ist eine Frage.

Aber die andere Sache ist natürlich der Egoismus der Menschheit. Wir behandeln uns gegenseitig schlecht, wir werden territorial, wir wollen uns nehmen, was uns nicht gehört. Wir haben Kämpfe und Kriege, und das liegt an der Gebrochenheit der Menschheit. Ich denke, wenn wir all diese Situationen betrachten, sehen wir Beispiele, in denen Gottes Liebe tatsächlich durch die Handlungen vieler Menschen aufleuchtet, die da sind, um zu helfen, die da sind, um von sich selbst zu geben und die da sind, um zu unterstützen.

Ich denke also, dass wir uns nicht fragen sollten, wo ist Gott in all den Problemen, sondern was unser Beitrag ist und wo Gott tatsächlich in den guten Taten der Menschen allgegenwärtig ist, die versuchen, denen zu helfen, die mit Schwierigkeiten und Tragödien konfrontiert sind.

Der amerikanische Philosoph John Martin Fisher zum Beispiel sagt, dass der Mensch keinen freien Willen hat, aber dennoch moralisch verantwortlich für seine Entscheidungen und Handlungen ist. Ist das nicht ein Widerspruch? Gehören aus christlicher Sicht der freie Wille und die Verantwortung nicht zusammen?

Natürlich, ich meine, wie kann man Verantwortung haben, ohne den freien Willen, ein Recht oder eine Verantwortung in einer Weise auszuüben, die Auswirkungen auf andere hat? Wir wissen mit Sicherheit, dass Gott uns einen freien Willen gibt, ironischerweise, weil wir die Kapazität haben, ihm nicht zu gehorchen. Wenn Sie sich vorstellen, dass Gott, der allmächtige Gott, der Schöpfer, der Gott, der uns kennt und der die Fähigkeit hat, uns beeinflussen, und es nicht tut, und uns stattdessen den freien Willen gibt. Und allein die Tatsache, dass wir ihm nicht gehorchen und sündigen und ihn ablehnen können, ist der eigentliche Beweis dafür, dass wir einen freien Willen haben. Und natürlich kommt mit diesem freien Willen, wie wir gerade gesagt haben, auch Verantwortung und Rechenschaft, denn wir haben nicht nur das Recht, frei zu sein, sondern auch die Verantwortung, frei zu sein.

Geradezu zu unserem "Bedauern" respektiert Gott also den freien Willen, den er uns gegeben hat. Ja, wir fügen der Umwelt Schaden zu, aber wir fügen auch anderen Menschen Schaden zu. Wir verletzen andere Menschen. Und obwohl wir jedes Recht dazu haben, sollten wir verantwortungsbewusst sein und unsere Gabe nicht ausnutzen, um anderen zu schaden.

So sehen wir jeden Tag, dass wir Dinge tun, die der Umwelt schaden, die anderen Menschen Leid zufügen, die dem Planeten schaden, ja, die der Liebe Gottes selbst schaden … weil wir nichts in Betracht ziehen außer dem, was wir selbst tun wollen und was wir für richtig halten. Selbst wenn dies auf Kosten anderer geht, verfolgen wir diese Entscheidung, weil wir glauben, dass es unser Recht ist.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir zwar einen freien Willen haben, aber einige Dinge in dieser Welt, in diesem Leben, nicht unter unserer Kontrolle stehen. Die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus wird also in der Fülle der Zeit stattfinden. In der Fülle der Zeit, wenn die Schrift gepredigt wird, wenn alle Menschen eine Gelegenheit haben und wenn sie es wissen, so dass sie eine informierte Entscheidung und Wahl treffen können.

Zur Person von Erzbischof Angaelos: Er ist seit November 2017 der erste koptisch-orthodoxe Erzbischof von London. Davor war er seit 1999 als Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche im Vereinigten Königreich tätig war. Erzbischof Angaelos ist weithin bekannt für seine umfassende Lobbyarbeit und wurde deshalb von Königin Elisabeth II. für seine "Verdienste um die internationale Religionsfreiheit" mit dem Britischen Ritterorden ausgezeichnet. Erzbischof Angaelos wurde außerdem vom anglikanischen Erzbischof von Canterbury mit dem Lambeth-Kreuz für Ökumene und dem Nagelkreuz von Coventry für Versöhnung ausgezeichnet.

Die koptisch-orthodoxe Kirche von Alexandrien umfasst etwa fünf bis elf Millionen Gläubige in Ägypten. Darüber hinaus gibt es koptische Gemeinden in Libyen, im Sudan, Deutschland, dem Verenigten Königreich und einigen anderen Ländern. Der koptisch-orthodoxen Kirche steht ein Papst vor: Tawadros II. (seit 2012). Die koptische Kirche wurde der Überlieferung nach um das Jahr 55 vom Evangelisten Markus gegründet und ist die größte christliche Konfession im Nahen Osten.

Eminenz, wenn wir weiterhin unseren Planeten, die Natur, missbrauchen und schließlich durch unseren freien Willen den Planeten zerstören, lässt Gott das zu, noch vor der Wiederkunft Christi?

Nein, wir können die Wiederkehr unseres Herrn Jesus Christus weder beschleunigen noch verlangsamen, denn es wird zur rechten Zeit geschehen. Was wir jedoch tun, ist, dass wir unsere Reise besser oder schlechter machen, indem wir das Leben respektieren, andere respektieren, den Planeten respektieren, die Umwelt respektieren, indem wir treu, ehrlich und ehrenhaft leben. Und so wird unsere Reise besser. Aber wenn wir uns gegen all das stellen, dann müssen wir zwar immer noch auf die Wiederkehr warten, aber wir haben dabei so viel Schaden angerichtet, dass das Leben nicht mehr so sein wird wie wir es jetzt kennen.

Als Christen beten wir zu Gott, er möge uns dies und das gewähren … aber wir beten auch "dein Wille geschehe". Im Grunde geben wir unseren freien Willen an Gottes Willen ab. Woher wissen wir, dass die Dinge, die wir tun, Gottes Wille sind?

Ich kann Ihnen sagen, dass überall, wo ich predige, diese Frage sicher am häufigsten gestellt wird: Woher weiß ich, dass Gott in meinem Leben ist? Und meine Antwort ist immer die gleiche.

Wir haben oft die Ansicht, dass wir den Willen Gottes sofort erkennen müssen. Wie erkenne ich also Gottes Willen jetzt, in dieser Situation, in der ich mich heute befinde? Und doch ist es eine Entwicklung …

Jemanden zu kennen, jemanden kennenzulernen, jemanden zu verstehen, ist ein Prozess. Und bei Gott ist es nicht anders. Wenn unsere Beziehung zu Gott so ist, wie ich es gerne erkläre, so als wenn man etwas aus einem Automaten haben möchte, dann wirft man seine Münzen ein, drückt einen Knopf, nimmt es und geht wieder. So gehen wir manchmal auch mit Gott um. Wir wollen nur das tun, was wir jetzt tun müssen, um ein sofortiges Ergebnis, eine sofortige Antwort zu bekommen und dann weiterzugehen.

Aber so ist das Leben nicht. Beziehungen werden über Tage, Monate und Jahre aufgebaut. Und ich garantiere Ihnen, dass ich in meinem Leben, je mehr Zeit ich damit verbracht habe, Gott kennenzulernen, desto mehr war ich in der Lage, seine Stimme zu erkennen.

Wenn ich also Menschen um mich herum habe, wenn ich meine geistlichen Berater habe, wenn ich meine geistlichen Leiter habe, wenn ich mein Unterstützungsnetzwerk habe, dann ist es einfacher, Gottes Absichten klarer zu sehen und zu hören. Meine kurze Antwort lautet also: Es ist ein Prozess.

So erfahre ich schließlich Gottes Willen. Wenn ich es schnell wissen will und alles andere unwichtig ist, fürchte ich, dass es oft nur eine Frage des Zufalls ist, was ich glaube zu hören oder was ich hören will.

Der nächste UN-Videoblog erscheint am 22. August 2022. Dabei handelt es sich um ein weiteres Gespräch mit Erzbischof Angaelos zum Thema interreligiöser Dialog.

Sowohl das deutsche Grundgesetz als auch das Strafgesetzbuch legen die Entscheidungsfreiheit zu Grunde – den freien Willen.

 Auszug aus dem Katechismus (KKK 1739) zum Thema "Feiheit und Sünde":

Die Freiheit des Menschen ist begrenzt und fehlbar. Der Mensch hat sich tatsächlich verfehlt. Er hat freiwillig gesündigt. Indem er den liebevollen Plan Gottes zurückwies, täuschte er sich selbst; er wurde zum Sklaven der Sünde. Diese erste Entfremdung zog viele andere nach sich. Die Geschichte der Menschheit zeugt von Anfang an von schlimmen Geschehnissen und Unterdrückungen, die infolge eines Mißbrauchs der Freiheit aus dem Herzen des Menschen hervorgingen.

Papst Franziskus glaubt, dass wahre Freiheit aus dem Kreuz Christi erwächst. Bei einer seiner Audienzen sagte er: "Dieser Weg der Wahrheit und der Freiheit ist ein mühsamer Weg, der ein Leben lang dauert. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, frei zu bleiben. Es ist ein Weg, auf dem die Liebe, die vom Kreuz kommt, uns führt und trägt. Es ist die Liebe, die uns die Wahrheit offenbart und uns frei und glücklich macht."

Original-Interview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych | Deutsche Sprecher: Christine Wolff, Jan Terstiege | Redaktion, deutsche Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für Pax Press Agency, Sarl. Im Auftrag von EWTN.

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