UN-Videoblog: Kinder sind Opfer im Ukrainekrieg

Gespräch von Christian Peschken (EWTN) mit Diana Filatova, Ukraine-Projektleiterin von BICE, dem Internationalen Katholischen Kinderbüro
19 September, 2022 / 11:30 AM

Bei einer Pressekonferenz nach seinem Besuch in der Ukraine sagte Manuel Fontaine, Direktor für Nothilfeprogramme bei UNICEF, zu den Auswirkungen des Konflikts auf Kinder: „Ich traf eine Familie im Krankenhaus in Saporischschja deren vierjähriger Sohn, ein kleiner Junge namens Vlad, zwei Kugeln in den Bauch bekommen hatte, weil seine Familie im Grunde genommen keine Wahl hatte zu fliehen und das Risiko auf sich nahm. Auf das Auto, das sie fuhren, wurde geschossen. Der Leiter des dortigen Krankenhauses erzählte mir, dass man bisher 22 Kinder behandelt hätte, die aufgrund der unglaublichen Gewalt Gliedmaßen verloren hatten. Im Moment sind die Berichte über schwere Verletzungen und andere schwerwiegende Rechtsverletzungen an Kindern natürlich sehr erschütternd. Kinder sollten niemals Opfer eines Konflikts sein und sollten durch das geltende humanitäre Völkerrecht geschützt werden. Aber … das ist nicht der Fall.“

Laut UNICEF-Direktorin Catherine Russell wird, solange es es keinen Frieden gibt, das Leben der Kinder und ihrer Familien in der Ukraine mit dem nahenden Winter noch schwieriger werden. Nach mehr als zwei Jahren der COVID-19-Pandemie und sechs Monaten seit der Eskalation des Krieges ist ihre körperliche und geistige Gesundheit enorm belastet. „Es muss mehr getan werden, um die für viele traurige Realität zu ändern“, so die Direktorin von UNICEF.

Bei meinen Recherchen fiel mir auf, dass BICE, das Internationale Katholische Kinderbüro, bereits seit 2014 in Ukraine tätig ist. So lange dauert dieser Konflikt, der jetzt ein ausgewachsener Krieg ist, bereits an. Ich fragte Diana Filatova, Ukraine-Projektleiterin von BICE, wie sich die Situation der Kinder in Ukraine im Laufe der Jahre entwickelt hat?

Ja, nach dem Beginn des Konflikts im Jahr 2014 wurden viele Kinder und Familien aus der Ostukraine vertrieben und zogen in andere Städte und Regionen der Ukraine um. Kurz danach begann BICE mit unserer ersten Schulungsreihe zum Thema Widerstandsfähigkeit für Psychologen und Sozialarbeiter, von denen einige tatsächlich aus diesen Konfliktgebieten kamen. Diese Schulungen ermöglichten es uns, sie zu unterrichten und gemeinsam zu lernen, wie die Entwicklung von Widerstandsfähigkeit von vom Krieg betroffenen Kindern und Familien gefördert werden kann.

Danach setzte BICE die Unterstützung unseres Partners in der Ukraine fort, aber nicht im Zusammenhang mit der Konfliktzone. Sondern wir setzten allgemeine Projekte zur Vorbeugung fort und richteten zu dieser Zeit auch den ersten kinderfreundlichen Befragungsraum in Odessa ein.

Gleichzeitig beobachteten internationale Organisationen wie UNICEF weiterhin die Schwierigkeiten von Kindern und Familien, die in der Nähe der Konfliktgebiete leben und sich über das Fehlen grundlegender Dienstleistungen wie Bildung oder Gesundheit sorgen, über wichtige Sicherheitsaspekte für Kinder und Familien, und über das ständige Leben in Angst während dieser acht Jahre.

Ein Teil Ihrer Arbeit ist die dringend erforderliche und wichtige psychologische Betreuung von Kindern, die Opfer von Krieg und Missbrauch wurden?

Ja, ich denke, dass dies ein extrem wichtiges Thema ist, und wir versuchen wirklich, dieses Thema von verschiedenen Ansätzen und Standpunkten aus zu bearbeiten.

So arbeiten wir mit unserem lokalen Partner, Ukrainisches Frauenkonsortium, daran und auch mit der Unterstützung und dem Fachwissen der Widerstandsfähigkeits-Forschungsgruppe der Katholischen Universität Mailand. Dann haben wir auch verschiedene Aktivitäten, die darauf abzielen, Familien und Kindern psychologische und psychosoziale Hilfe zukommen zu lassen, auf unbürokratischem Weg, wie eine psychologische Notfallhilfe und eine längerfristige technische Hilfe.

Zuerst begannen wir nach Beginn des Krieges unsere Aktivitäten mit dem, was für uns am wichtigsten war, nämlich die Teammitglieder unseres lokalen Partners zu unterstützen, da sie selbst von dem Konflikt betroffen waren. Sie blieben in der Ukraine bei ihren Familien.

Es war also sehr wichtig für uns, sie psychologisch zu unterstützen, damit sie sich nicht selbst kaputtmachen und damit sie die notwendigen Ressourcen haben und finden können, um den Familien und Kindern weiterhin zu helfen.

Dann organisierten wir eine Reihe von Schulungen für lokale Psychologen über den Widerstandsfähigkeis-Ansatz, und diese Schulungen sollen ihnen helfen, bei den Kindern ihre inneren und äußeren Abwehrkräfte zu entwickeln, die ihnen helfen können, mit dem Konflikt umzugehen und ihre eigene Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.

So sind wir beispielsweise dabei, ein therapeutisches Buch, ein so genanntes Schweigebuch, zu erstellen. Dieses Buch wird gedruckt und dann gezielt in ukrainischen Schulen verteilt. Ziel des Buches ist es, Kindern im Alter von sieben bis zwölf Jahren zu helfen, sich an Diskussionen über ihre Fehler während des Konflikts zu beteiligen. Es handelt sich um ein recht einfach gehaltenes Buch mit einer kleinen symbolischen Geschichte und verschiedenen Bildern.

Wir tun alles, um den Kindern zu helfen, mit ihren Freunden und den Lehrern darüber zu sprechen und zu diskutieren. Wenn die Lehrer sehen, dass einige Kinder besondere psychologische Schwierigkeiten haben, werden sie an speziell ausgebildete Psychologen weitergeleitet.

Und zu guter Letzt planen wir jetzt die Eröffnung eines so genannten Widerstandsfähigkeits-Raums in Kiew. Dieser Raum wird Familien und Kindern einen sicheren Ort bieten, an dem sie einfach nur spielen oder eine Tasse Tee trinken können und gleichzeitig mit speziell geschulten Psychologen über das, was sie durchgemacht haben, und über die traumatischen Erfahrungen sprechen können.

Laut Human Rights Watch, der Menschenrechtsbeobachtungsstelle, haben die russischen und ukrainischen Streitkräfte die Zivilbevölkerung in der Ukraine unnötig gefährdet, indem sie ihre Streitkräfte in bewohnten Gebieten stationierten, ohne die Bewohner in sicherere Gebiete zu verlegen. Das humanitäre Völkerrecht – das Recht des Krieges – verpflichtet die Konfliktparteien, so Human Rights Watch, alle erdenklichen Vorkehrungen zu treffen, um Zivilisten und zivile Einrichtungen unter ihrer Kontrolle vor den Auswirkungen von Angriffen zu schützen. Es reiche nicht aus, nichts zu tun und zu hoffen, dass Zivilisten nicht zu Schaden kommen, so Human Rights Watch. Wie wir von meinem Gast Diana Filatova ja eben hörten kommen besonders Kinder zu Schaden.

Können Sie uns ein Beispiel, ein Zeugnis von einem Kind in Ukraine geben, das zeigt wie sich ein Kind im Alltag, inmitten des Krieges, behauptet?

Ja, ich habe ein sehr gutes Beispiel für eine sehr einfache Geste, eine alltägliche Geste, die für dieses Kind wirklich zu einer Quelle der Widerstandsfähigkeit wurde. Es ist das Zeugnis eines jungen Mädchens aus der Ukraine. Wir haben es während der Workshops erhalten, die wir mit jungen ukrainischen Führungskräften organisiert haben.

Und dieses Mädchen erzählte uns ihre persönliche Geschichte. Sie musste ihre Heimatstadt mit ihrer Familie verlassen und in eine andere Stadt im Westen der Ukraine ziehen. Und diese Situation deprimierte sie sehr. Sie wollte wirklich nicht umziehen. Sie wollte ihre Schule und ihre Freunde nicht aufgeben. Und so war sie nach diesem Umzug in sehr schlechter Stimmung. Sie wollte nicht mit ihrer Familie sprechen, nicht mit ihren Freunden, mit niemandem. Sie sagte uns, dass eine einfache Geste wie ein Knopfdruck für sie war. Es war, als sie in einen Supermarkt ging und dort ein Deodorant für ihr Zimmer sah. Und sie dachte sich, jetzt kaufe ich das, weil es mir vertraut ist und weil es mein Zimmer verschönern wird. Und dann sagte sie zu sich selbst, das sie nun ihr Leben wieder beginnen könne.

Ich glaube, obwohl sie auch nach dieser Geste immer noch Opfer des Krieges war, so hatte sie dennoch beschlossen, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Und ich denke, das ist für uns alle ein wirklich schönes Symbol der Widerstandskraft.

Im Juni hatte Papst Franziskus davor gewarnt, sich an den Krieg in der Ukraine zu gewöhnen, und rief die Gläubigen auf, die Leidtragenden „dieser tragischen Realität“ im Herzen und im Gebet zu behalten. Und am 24. August, am Ende seiner Generalaudienz, sprach der Heilige Vater einen besonderen Appell für den Frieden zwischen der Ukraine und Russland aus. Er sagte darin: „Heute, sechs Monate nach Beginn des Krieges, denken wir in besonderer Weise an die Ukraine und Russland, beides Länder, die ich dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht habe. Möge sie als Mutter ihren Blick auf diese beiden geliebten Länder richten: Sieh die Ukraine, sieh Russland und bring uns Frieden“, betete er. „Wir brauchen den Frieden.“

Original-Interview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych | Deutsche Sprecher: Christine Wolff, Matthias Ubert | Redaktion, deutsche Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN Deutschland und CNA Deutsch. Eine Produktion von Pax Press Agency, Sarl.

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