Unkenntnis der Schrift ist Unkenntnis Christi

Lucas Cranach der Ältere: Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490–1545) als heiliger Hieronymus
Foto: gemeinfrei
24 July, 2022 / 7:30 AM

Unkenntnis der Schrift ist Unkenntnis Christi. Dieses strenge Urteil des heiligen Hieronymus darüber, dass es für jeden Christen notwendig ist, direkte und persönliche Kenntnis der inspirierten Bücher der Heiligen Schrift zu haben, stammt aus einem Kommentar zu Jesaja. Dort betont Hieronymus: Jesaja ist nicht nur ein Prophet des Alten Bundes, sondern auch ein Evangelist und ein Apostel des Neuen Bundes, weil er uns die Mission des Heilands und die Identität des fleischgewordenen Wortes lehrt.

Mit dieser Überzeugung von der Notwendigkeit, die Heilige Schrift zu kennen, nahm Hieronymus die Einsicht des heiligen Augustinus vorweg, wonach im Alten Testament das Neue verborgen und im Neuen das Alte offenbart ist. So viel zum Markionismus mit seinem Wunsch, die jüdischen Schriften zu verwerfen und zu leugnen, dass der Gott Israels auch unser Vater ist. Und so viel zu denen, die behaupten, aufgrund der Gegenwart Christi in den Sakramenten sei es möglich, ein reifer Jünger des Herrn Jesus zu sein, ohne regelmäßigen und engen Kontakt mit den Heiligen Schriften des Alten und des Neuen Testaments zu haben.

Am Nachmittag des Ostersonntags begleitete der auferstandene Herr Jesus zwei niedergeschlagene Jünger auf ihrem Weg von Jerusalem nach Emmaus – "ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten" (Lk 24,16). Die beiden Männer erklärten dem Fremden ihr Unverständnis über den Tod Jesu von Nazareth, von dem sie meinten, dass er "ein Prophet" war, "mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk" (Lk 24,19).

Und nachdem die beiden Männer zugegeben hatten, dass einige Frauen aus ihrer Gruppe behaupteten, an jenem Morgen Engel gesehen zu haben, die verkündeten, dass Jesus lebe, erklärte der auferstandene Herr ihnen: "Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht." (Lk 24,25-27)

Schließlich – nachdem Jesus mit den beiden Jüngern zu Abend gegessen hatte – "nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?" (Lk 24,30-32)

Um den auferstandenen Herrn in seiner unvergleichlichen Gabe der heiligsten Eucharistie zu erkennen, um ihn in der bedrückenden Verkleidung der Armen zu erkennen und um ihn in der Gemeinschaft der anderen Christen zu erkennen, die sich versammelt haben, um das Lob Gottes zu singen, ist es zunächst notwendig, ihn in der Heiligen Schrift zu erkennen, das Wort Gottes in der Bibel zu hören und zu beherzigen, denn "jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk" (2 Tim 3,16-17).

Es gibt einfach keinen Ersatz für die eigene, direkte und persönliche Kenntnis der Heiligen Schrift, die man in jahrelangem Studium und Gebet erworben hat, und je tiefer man die Bibel versteht, desto tiefer kann man den Herrn Jesus Christus kennen und lieben.

Eine solche unmittelbare Erfahrung der Heiligen Schrift wirkt sich aber nicht nur auf die Nachfolge des einzelnen Gläubigen aus. Sie prägt auch alles im Leben der Kirche, einschließlich ihrer Lehre und ihres Gottesdienstes. In seiner Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung, Dei Verbum, lehrt das Zweite Vatikanische Konzil: "Aufgrund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind" (11).

Die Bibel wird also als göttlich geoffenbart empfangen und verehrt, was man von keinem anderen Text in der Kirche sagen kann, auch nicht von liturgischen Büchern, Andachtsgebeten und konziliaren Dekreten. Deshalb besteht das Konzil darauf, dass die Heilige Schrift zusammen mit der heiligen Überlieferung "die höchste Richtschnur ihres Glaubens" ist, "weil sie, von Gott eingegeben und ein für alle Male niedergeschrieben, das Wort Gottes selbst unwandelbar vermitteln und in den Worten der Propheten und der Apostel die Stimme des Heiligen Geistes vernehmen lassen" (21).

Wenn das Christentum keine geoffenbarte Religion ist, dann ist es eine falsche Religion, und die übernatürliche Gabe der göttlichen Offenbarung wird im Evangelium Jesu Christi weitergegeben, das "eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden" ist, "der glaubt" (Röm 1,16).

Ja, die Verkündigung des Evangeliums begann tatsächlich, bevor die Texte des Neuen Testaments geschrieben wurden, aber die Heilige Schrift ist ein einzigartiges und göttliches Geschenk an die Kirche. "Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens." (Hebr 4,12)

Und deshalb müssen reife Christen die Bibel durch ihr eigenes Gebet und Studium kennen, denn Unkenntnis der Schrift ist Unkenntnis Christi.

Der Autor, Jay Scott Newman, ist Pfarrer von St. Mary's in Greenville, South Carolina.

Übersetzung des englischen Originals mit freundlicher Genehmigung von "The Catholic Thing".

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln allein die Ansichten der jeweiligen Gast-Autoren wider, nicht die der Redaktion von CNA Deutsch.

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