Video-Blog: Erziehung, ein Akt der Hoffnung

Christian Peschken im Gespräch mit Professor Dr. Michel Veuthey, Stellvertretender Ständiger Beobachter des Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Genf. Botschafter des Souveränen Malteserordens zur Überwachung und Bekämpfung des Menschenhandels; au

Christian Peschken (li.) im Gespräch mit Prof. Dr. Veuthey
Foto: Screenshot
08 February, 2022 / 4:03 PM

“Wir betrachten Bildung als eines der wirksamsten Mittel, um unsere Welt und unsere Geschichte menschlicher zu machen. Bildung ist vor allem eine Frage der Liebe und der Verantwortung, die von einer Generation zur anderen weitergegeben wird. Als solche ist Bildung ein natürliches Gegenmittel gegen die individualistische Kultur, die zuweilen zu einem wahren Kult des Selbst und dem Primat der Gleichgültigkeit verkommt.  Unsere Zukunft kann nicht in der Spaltung, der Verarmung des Denkens, der Fantasie, der Achtsamkeit, des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses liegen. Das kann nicht unsere Zukunft sein. Wir brauchen heute ein neues Engagement für eine Bildung, die die Gesellschaft auf allen Ebenen einbezieht.” Dies mehr sagte Papst Franziskus im Oktober 2020.

Der Heilige Vater lancierte damals den “globalen Pakt für Bildung und Erziehung” um wie er es formulierte 2gemeinsam über den Tellerrand zu schauen”.  

Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung. Das ist ein Zitat von John F. Kennedy.

Wenn es um Erziehung & Bildung geht zitiert man häufig Wilhelm von Humboldt, nach ihm wurden unzählige Schulen und Gymnasien benannt. Einige sagen ihm sogar nach das seine Ideen die katholische Kirche verändert hätten.  Allerdings setzte er die Humanität , also den Menschen selbst an die Stelle der Gottesidee. Klingt für mich nicht so katholisch? 

Papst Benedikt XVI. hingegen sagte 2010 während seines England Besuchs, in Bezug auf Erziehung & Bildung, das Ziel müsse die "Vermittlung von Weisheit" sein. Dies sei untrennbar mit "dem Wissen um den Schöpfer verbunden".  

Unser heutiger Gast ist nochmal Professor Dr. Michel Veuthey, der ja in vielen Angelegenheiten für den Malteserorden unterwegs ist und auch Fachmann im Bereich Erziehung & Bildung ist als außerordentlicher Professor an der Genfer Webster Universität.    

Danke Dir das Du wieder hier bist… Es mag ein wenig sarkastisch klingen, aber manchmal denke ich, dass einige Regierungen in dieser Welt versuchen, ihre Bevölkerung ungebildet zu halten, da sie wissen, dass gebildete Menschen verstehen, Fragen stellen und Kritik üben können. Ist da etwas dran Michel?

Michel Veuthey “Ich denke, es ist schwierig, eine so delikate Frage gerecht zu beantworten. Ich denke wir sollten das anders angehen. Ja, Bildung wird in jedem Land gebraucht. Bildung wird nicht nur für Einzelpersonen, nicht nur für Familien, sondern auch für Gemeinschaften benötigt. Denn wenn Sie gebildete Kinder und Erwachsene haben, dann werden Sie eine starke Nation haben, dann werden Sie ein starkes Land haben, dann werden Sie gute Leute haben, die Regierungsposten besetzen. Ich denke, dass es leider sehr kontraproduktiv ist, die Bildungsbudgets zu kürzen. Und leider passiert das vielerorts, in Ost und West, Nord und Süd. Ich meine, dass Bildung eindeutig eine Priorität ist. Bildung ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen, aber auch jeder Gesellschaft.

Ist solide, fundierte Bildung nicht eigentlich nur für wohlhabende Menschen erschwinglich?

Michel Veuthey: “Ich meine, natürlich können wohlhabende Leute Studiengebühren an einigen Universitäten zahlen, die sehr viel Geld verlangen. Und das gilt vor allem für Amerika, aber auch bald mehr und mehr in Europa.  Aber ich wage zu behaupten, dass es gute Universitäten und gute Schulen gibt, die nicht so viel Geld verlangen. Aber das ist natürlich auch in gewisser Hinsicht eine geschäftliche Entscheidung. 

Nun... ich persönlich hatte gute Lehrer in einer staatlichen Schule hier in Genf … und das hing nicht von den materiellen Mitteln ab. 

Erlaube mir hier Maria Montessori zu zitieren, denn Maria Montessori war, wie Du weißt , eine italienische Dame, die ein sehr interessantes Erziehungsmodell entwickelt hat. 

Ich zitiere sie: "Wir sollten unsere Kinder nicht für die Welt von heute erziehen. Diese Welt wird sich nämlich bereits verändert haben, wenn sie erwachsen sind. Deshalb müssen wir dem Kind zunächst helfen, seine kreativen und vielfältigen Begabungen zu kultivieren. Die Erziehung muss sowohl die Entwicklung der Individualität als auch die der Gesellschaft fördern. Die Gesellschaft kann sich nicht entwickeln, wenn die Autonomie des Einzelnen nicht vorankommt". Ende Zitat.”

Maria Montesssoris Großonkel war der katholische Theologe und Geologe Antonio Stoppani. In dessen Theorie zur Verbindung von Theologie und Naturwissenschaften steckt der Grundgedanke, nach dem Montessori ihre Erziehungsmethoden entwickelte. Als Grundgedanke der Montessoripädagogik gilt die Aufforderung „Hilf mir, es selbst zu tun“.

Michel: “ Also, ja, natürlich, aber leider führen alle Bildungssysteme und Medieninhalte heute allzu oft zu einer Infantilisierung und Standardisierung des Einzelnen. ... ...Das ist auch eine Entscheidung vieler Einzelnen, vieler Familien, die nichts mehr bieten und das kritische Denken ihrer Kinder nicht kultivieren.  Denn gerade die Familie sollte eine sehr wichtige Rolle, bei der Entwicklung dieses kritischen Denkens und auch des ethischen Denkens übernehmen. 

Und selbstverständlich ist die religiöse Erziehung auch ein wichtiger Teil davon. Und dafür braucht man nicht viel Geld, sondern besonnene Menschen.

Apropos Medien. Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese, meinte der amerikanische Komiker Groucho Marx. 

Michel, Du sprachst von öffentlichen Schulen und so weiter. Wie wir in vielen westlichen Gesellschaften sehen können, indoktriniert die Regierung in den öffentlichen Schulen die Schüler mit ihren eigenen offiziellen Ideologien und Philosophien. Ist die von der Regierung angebotene Bildung nicht daher sehr einseitig?Michel Veuthey: “Ja, und ich befürchte das ist leider nicht nur in Westeuropa der Fall, sondern sicher auch in vielen anderen Teilen der Welt. 

Und darum sollten wir die Rolle der Familie erkennen, die Rolle der Familien als einen zusätzlichen Wert für Bildung, nicht nur religiöse Bildung, sondern auch kritisches Denken. Und kritisches Denken könnte durch Künstler und Medien ergänzt werden. 

Ich meine damit, das verantwortungsbewusste Medien auch dazu beitragen könnten, Kindern und Erwachsenen zu erklären, wie sie freie Individuen, kritische Individuen mit Eigeninitiative und nicht passive Bürger werden können.

Denn passive Bürger sind eine Belastung, eine Bürde für den Staat. Wir brauchen basisorientierte Initiativen. Und darum dürfen wir uns nicht in eine Schublade stecken lassen, nicht in ein und dasselbe Format, denn das ist nicht das, was auf lange Sicht für unsere Gesellschaften nützlich ist. 

Und das könnten wir natürlich nicht nur in der Schule, sondern auch im Sport weiterentwickeln.

Wir könnten auch öffentliche Diskussionen für Kinder, zum Hinterfragen fördern, gerade auch außerhalb der Schule. Sodass sie Fragen stellen können an Ältere, und auch an Mächtige Leute, damit sie nicht nur eine Meinung entwickeln, sondern auch mitwirken können, noch bevor sie wählen können.” 

Eltern kennen ihre Kinder doch am besten, oder zumindest hoffen wir, dass das der Fall ist. Aber ist nicht Hausunterricht eine echte Alternative zu traditioneller Schule?

Michel Veuthey: “Ich würde sagen, das kann sie auf jeden Fall sein. 

Aber weißt Du, das Problem ist, wenn beide Elternteile berufstätig sind, was bei mir der Fall war, dann ist es definitiv das Beste, die Kinder zur Schule zu schicken. Aber trotzdem gibt es vielerorts Hausunterricht, aber er ist nicht überall erlaubt. Und wenn er erlaubt ist, verlangen bestimmte Länder eine Genehmigung, eine Vollmacht, die Kinder zu Hause zu behalten, um sie zu unterrichten... 

... Ich halte das also für sehr wichtig, vor allem jetzt mit COVID. Die Pandemie hat den Hausunterricht definitiv in den Mittelpunkt gerückt, aber trotzdem müssen wir auch außerhalb dieser Pandemie erkennen, dass wir Hausunterricht brauchen.  Man braucht den Hausunterricht sogar in Teilzeit nicht nur für die Hausaufgaben, sondern auch, um eine andere Sichtweise mit einzubringen.  

Und hier möchte ich Papst Franziskus zitieren, denn er hat ja 2020 ein Bildungsabkommen gefordert. Ein Bildungsabkommen zwischen Familien, Schulen, und Weltnationen.  Er sagte: "Die Kultur ist in einer Krise und in der Tat in einem Zusammenbruch." Dieser Zusammenbruch bedeutet, dass die Gesellschaft, die Familie und die verschiedenen Institutionen, die zur Erziehung verpflichtet sind, alle entscheidenden Aufgaben der Erziehung an andere delegiert haben.
… Erziehung ist jedoch eine Angelegenheit die, die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten erfordert, der Familie, der Schule und der sozialen, kulturellen und religiösen Institutionen. Um zu erziehen, muss man in der Lage sein, die Sprache des Kopfes mit der Sprache des Herzens und der Sprache der Hände zu verbinden”... … Und das gefällt mir. 

... ... Und es geschieht immer mehr, weil es immer mehr multikulturelle Familien gibt. 

Diese multikulturellen Familien sind meiner Meinung nach einem Segen für unsere Familien, für unsere Nationen, weil sie etwas Neues bringen. Sie bringen nicht nur neues Blut, sondern auch einen neuen Geist mit sich. Sie bringen neue Offenheit, ein Netzwerk von Freundschaften und historische Erfahrungen. Hausunterricht ist eine Notwendigkeit angesichts der Pandemie, ein Muss angesichts der Migration, ein Muss angesichts der Notwendigkeit, sich anzupassen, und Hausunterricht ist ein guter Ort für einen Dialog zwischen den Generationen. Deshalb sollte man es, wenn möglich tun, ja, und zwar in Koordination mit dem offiziellen Schulunterricht.”  

Laut der Vereinten Nationen, der “Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (von 1948), Artikel 26 , hat jeder das Recht auf Bildung. Also wir reden hier nicht nur von Kindern und Jugendlichen? 

Michel Veuthey. Ja, das ist richtig. Wir sprechen in der Tat von lebenslanger Bildung, Weiterbildung. Ja. Aber das ist nicht nur für Leute, die sich langweilen und die neuen Tricks beim Kartenspielen oder was auch immer lernen wollen. Nein. Ich denke, es könnte Überlebenswichtig sein, denn es könnte sein, dass man eine Umorientierung in seinem Berufsleben hat, dass man von einem Land in ein anderes ziehen muss, und dass man dort neue berufliche Fähigkeiten erlernen muss, eine neue Sprache lernen muss, möglicherweise lernen muss, wie man sich in eine fremde Gemeinschaft integriert. 

Und genau da hat sich der Malteserorden ja sehr stark engagiert, vor allem in Deutschland, für die Integration von Migranten in Deutschland. Ich denke, das ist sehr wichtig, denn in der Tat ist die Integration von Migranten der Schlüssel, der Schlüssel zur Harmonie in den Ländern, die diese Migranten aufnehmen. Und sie ist auch der Schlüssel zum Wohl der Migranten, die in ein anderes Land kommen, ohne die Sprache oder die Kultur zu kennen. 

Und deshalb bin ich sehr froh, dass der Malteserorden das getan hat und immer noch tut, in Deutschland, in den USA und auch im Nahen Osten. 

Ich denke, dass besonders Bildung ein Schlüssel ist, um diesen Menschenstrom zu koordinieren, um diesen Menschenstrom nicht nur für die Zielländer akzeptabel zu machen, sondern auch für alle die Menschen, die sich auf den Weg machen. 

Und auch hier kann Bildung in beide Richtungen gehen, denn wie viele dieser Migranten haben angefangen zu musizieren? Haben angefangen, ihr landesspezifisches Essen zu kochen? Sie haben angefangen, ihre Kultur zu teilen. Deshalb meine ich, dass Bildung nicht nur vertikal , sondern auch horizontal ist, nämlich durch den Austausch von Lebenserfahrung, von Kulturen und Zivilisationen.”

Antonio Gutierrez, UN-Generalsekretär, vergangenen Jahr zum Thema Bildung:  

“Während die Welt weiter gegen die Pandemie kämpft, muss Bildung als ein Grundrecht auf globale öffentliche Güter geschützt werden, um eine Generationenkatastrophe abzuwenden. Schon vor der Pandemie waren etwa 258.000.000 Kinder und Jugendliche nicht in der Schule, die meisten von ihnen Mädchen. Mehr als die Hälfte der Zehnjährigen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen konnte nicht einmal einen einfachen Text lesen...Lassen Sie uns heute und jeden Tag die Bildung für alle fördern.”

Papst Franziskus sagte das Erziehen immer ein Akt der Hoffnung sei. In seinem 2020 ausgerufenen globalen Pakt für Bildung und Erziehung nannte Papst Franziskus sieben Gründe sich zu engagieren. Unter anderem “die Person, ihren Wert und ihre Würde in den Mittelpunkt jedes formellen und informellen Bildungsprozesses zu stellen... und dabei jene Lebensstile abzulehnen, die die Verbreitung einer Wegwerfkultur begünstigen. Er schlug auch vor auf die Stimme von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen zu hören, denen, wie er sagte, “wir Werte und Wissen vermitteln, um gemeinsam eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden, ein menschenwürdiges Leben für alle aufzubauen.” 

Der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrandt definierte Bildung so: “ Bildung? … Bildung kommt von Bildschirm. Wenn es von Buch käme, hieße es Buchung.“

Original-Interview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych. Sprecher: Jan Terstiege und Matthias Ubert. Redaktion, Deutsche Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN.TV 

Hinweis: Dieser Blogpost – sein Inhalt sowie die darin geäußerten Ansichten – sind kein Beitrag der Redaktion von CNA Deutsch. Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln zudem nur die Ansichten der jeweiligen Autoren wider. Die Redaktion von CNA Deutsch macht sich diese nicht zu eigen.