Videoblog: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – Menschenrechte und Ernährung

Erzbischof Jurkovic im Gespräch mit Christian Peschken
Foto: Screenshot
25 March, 2021 / 2:17 PM

'Engstirnig und unangemessen':  Die UNO in Genf veröffentlichte den Bericht zur Lage der Religions und Glaubensfreiheit. Der Heilige Stuhl beklagt die Einseitigkeit.      

'Recht auf Nahrung und Ernährungssicherheit im Schatten der Covidpandemie': er Heilige Stuhl  bei der UNO in Genf verweist auf die Enzyklika von Papst Franziskus über die „Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, Fratelli tutti”     

Es geht um die sogenannte 'Ernährungssicherheit'. Doch wie wir Christen glauben, lebt der Mensch nicht vom Brot allein, er braucht nicht nur Nahrung für den Körper, er braucht auch Nahrung für die Seele. Vorraussetzung dafür ist jedoch die Freiheit des Glaubens – also an was oder wen man glaubt bzw. auch wenn man überhaupt nicht glaubt. 

Der Menschenrechtsrat bei den Vereinten Nationen in Genf scheint Religionsfreiheit ziemlich einsetig zu verstehen. Hatte doch deren Sonderberichterstatter in seinem Bericht über Religions und Glaubensfreiheit sich ausschließlich auf antimuslimischen Hass und Islamophobie konzentriert und schloss alle anderen religiösen oder nicht religiösen Überzeugungen einfach aus.

Ich fragte den Ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf  Erzbischof Ivan Jurkovič ob solch eine einseitige Ausrichtung  Religionsfreiheit darstelle?         

Erzbischof Ivan Jurkovič, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf:

“Die Religionsfreiheit ist eine der bedeutsamsten Angelegenheiten der Menschheit. Wir verstehen die Religionsfreiheit als Messlatte aller menschlichen Freiheiten, aller persönlichen Freiheiten.

Deshalb vertreten wir die Meinung, dass wir aus vergangener Erfahrung lernen müssen und diese weiterentwickeln sollten.  Diese Erfahrung basiert auf zwei Quellen. Zum einen dem Dialog zwischen den   Religionsgemeinschaften und zum anderen zwischen internationalen Organisationen. 

Und wir sollten sehr bedacht sein, sehr feinfühlig und alles vermeiden, was solch einen Ansatz stören könnte.  Das Thema muß ganzheitlich angegangen werden, ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen.”

In seiner Videobotschaft an den UN Menschenrechtsrat brachte  Erzbischof Ivan Jurkovič seine Besorgnis zum Ausdruck über die Engstirnigkeit des vom Sonderberichterstatter vorgelegten Berichts zum Thema "Antimuslimischer Hass/Islamophobie". Der Heilige Stuhl beklagt dass der Bericht die Verfolgung aller Menschen mit oder ohne Glauben nicht angemessen berücksichtige.

Der Sonderberichterstatter sprach von “uns” und “die” und schien seine Position als Sonderberichterstatter zur Verfolgung seiner ganz persönlichen religiösen Interessen zu nutzen. 

Kann so ein Schuss nicht nach hinten losgehen, fragte ich den Erzbischof.         

Erzbischof Ivan Jurkovič, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf:

“Ich denke, dieser Bericht bezeugt eine sehr beschränkte Sichtweise über das was Religionsfreiheit ist. 

Und die Religionsfreiheit wird leider auch innerhalb der Vereinten Nationen in der Regel nur aus der Sicht  religiöser Gruppen in Europa und im Mittelmeerraum betrachtet.     

Wir vergesen jedoch dabei bzw. schenken dem nicht genügend Aufmerksamkeit was in anderen Teilen der Welt vor sich geht  insbesondere auf dem indischen Subkontinent, in Afrika und an vielen anderen Orten. Deshalb sollten wir, um wirklich eine Vision, eine ganzheitliche Vision, eine aufgeschlossene Vision für all das, was auf dem Gebiet der Religionsfreiheit vor sich geht, aufrechtzuerhalten, vermeiden, irgendeine religiöse Gruppe herauszustellen . 

Wir sollten also zu dem wieder zurückkehren, was ursprünglich so charakteristisch  für die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen war.

Selbstverständlich kann es auf bilateraler Ebene andere Ansätze geben. Das ist im Grunde die Aufgabe der religiösen Organisation selbst.  Aber internationale Organisation wie die UNO sollten eine Offenheit  für alle praktizieren. “ 

Erzbischof Ivan Jurkovič kritisierte auch inseiner Videobotschaft an die UNO Genf das es zutiefst besorgniserregend, sei, “ … dass der vorliegende Bericht, der das grundlegende und universelle Menschenrecht der Religions- und Glaubensfreiheit verteidigen sollte, sich auf eine einzige religiöse Gruppe unter Ausschluss anderer konzentriert, mit dem Risiko, die internationale Gemeinschaft zu polarisieren und mehr Konflikte zu schaffen, die die Rechte, die dieser Rat fördern und schützen sollte, weiter gefährden könnten.”

Genauso wie das Recht auf Religions und Glaubensfreiheit so gehört auch das Recht auf Nahrung seit 1948 zu den anerkannten internationalen Menschenrechten. Anfang diesen Monats legte die UNO in Genf auch dazu einen Bericht vor.  Den Bericht über das Recht auf Ernährung und Nahrungssicherheit. In seiner Videobotschaft an die UNO erinnerte der Heilige Stuhl  an das in der UN Verfassung verankerte Recht.    

“Wie in den verschiedenen Menschenrechten verankert,” so  Erzbischof Ivan Jurkovič, “besagt das Recht auf Nahrung das es jedem Menschen möglich sein muß, jederzeit Zugang zu angemessener und sicherer Ernährung oder zur Nutzung der für den Lebensunterhalt erforderlichen Ressourcen zu haben.  Diese Sicherheit muss auf eine Art und Weise gewährleistet werden, die die Menschenwürde und die verschiedenen Kulturen und Traditionen respektiert.”

Die weltweite Nahrungssicherheit war schon bereits vor der Covid Pandemie dramatisch  und hat sich nun sogar verschlechtert. Wie sein Befund zur Lage sei fragte ich den Erzbischof . 

Erzbischof Ivan Jurkovič, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf:

“Die Situation ist ziemlich gravierend. Manche sagen das wir in einem Jahr soviel verloren hätten wie wir in den letzten 10 Jahren erreicht haben. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass Ernährungssicherheit oder wenn nicht alle Menschen  auf eine ausreichende, nahrhafte Nahrung zugreifen können, es ein Zeichen dafür ist das andere Probleme bald hinzukommen werden. 

All das gebündelt mit der Covid-Situation ist kein Anlass zum Optimismus.  

Wenn wir über Ernährungssicherheit sprechen müssen wir zunächst die derzeitige Lage betrachten.   

In vielen Ländern ist die Hälfte der Todesfälle bei Kindern im Alter von unter fünf Jahren auf Unterernährung zurückzuführen. Das ist alarmierend. “

In der Tat alarmierend. Zur Veranschaulichung : Hunderttausenden Kindern im Jemen droht nach Angaben der UNO der Hungertod. Die Hälfte der vom Erzbischof erwähnten Fünfjährigen und jünger, insgesamt rund 2,3 Millionen Kinder seien von schwerer Unterernährung bedroht. Als Folge davon würden fast eine Halbe Million von ihnen sterben, falls sie keine Hilfe erhielten. 

Meine Frage an den Erzbischof : Auf der anderen Seite sagen die Ernährungs Experten der Vereinten Nationen, dass genug Nahrungsmittel produziert werden können, um den Welthunger zu reduzieren. Gibt es Hoffnung für die Hungernden? 

Erzbischof Ivan Jurkovič, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf:

“Ich denke, das es einige positive Zeichen, einige positive Quellen der Hoffnung gibt.

Ich glaube, dass die frühen Warnzeichen, diese frühe Sorge um die zukünftige Ernährungssicherheit  eigentlich selbst gute Zeichen sind.  Sie zeigen dass die Menschen heute daüber besorgt sind. 

Das ist die eine Sache und die andere Sache ist die Technologie. Die Technologie hat sich so schnell weiterentwickelt. Wir haben heute mehr Mittel zur Verfügung als noch vor, sagen wir, 20 Jahren. Hoffen wird das die Regierungen diese Chance erkennen und etwas tun.  

Und was nun religiöse Organisationen betrifft, so müssen wir auf zwei Gebieten aktiv sein.

Das erste ist die Förderung von Frieden und Versöhnung. 

Unter diesem Gesichtspunkt ist auch die Reise des Papstes in den Irak zu verstehen. 

Im Krieg für Sicherheit zu arbeiten ist sinnlos. Wo Krieg herrscht gibt es auch keine Ernährungssicherheit.

Das zweite ist der internationale Dialog. Genau das tun die Vereinten Nationen.  

Also Frühwarnung damit wir so schnell wie möglich und so sicher wie möglich aus der jetzigen Situation herauskommen.”

In seiner Videobotschaft an die UNO Genf verwies Erzbischof Ivan Jurkovič auf die jüngste  Enzyklika des Papstes : “Mögen wir in Zukunft auf die "Krise der Fürsorge " mit dem Verständnis reagieren, dass "der Mensch die Quelle, der Mittelpunkt und das Ziel des gesamten wirtschaftlichen und sozialen Lebens "ist.  Wenn wir dies tun, werden wir, wie Papst Franziskus sagt, das Fundament für eine "Kultur der Fürsorge "legen und einen Weg schaffen, um die internationale Solidarität mit dem Ziel zu fördern, Ernährungssicherheit zu gewährleisten.”

Nicht  unwichtig bei der Bekämpfung des Welthungers ist die Lebensmittelverschwendung in den Industrieländern. Zur Verschwendung tragen alle bei: Hersteller, Landwirtschaft, Handel und Verbraucher.  Jahr für Jahr landen in Deutschland rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das sind etwa 75 Kilogramm pro Person. Lebensmittel im Wert von circa 20 Milliarden Euro. 

Wenn man an die erwähnten eine halbe Millionen Kinder in Jemen denkt … ein Bruchteil von der Riesensumme könnte diese vor dem sicheren Hungertod bewahren. 

Original Interview aufgenommen für EWTN.TV von Andriy Ryndych in Genf und Dawid Klajber.  

Redaktion, Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN .TV und CNA DEUTSCH

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