Was Mütter ihren Söhnen nicht geben können

George Bellows: Cleaning Fish (1913)
Foto: Wikimedia (CC0)
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05 July, 2018 / 2:00 PM

Eine subtil erschreckende Episode von "The Twilight Zone" legt, ohne damals (oder für irgendeine gesunde menschliche Kultur) irgendetwas Kontroverses sagen zu wollen, ihre kalte Stahlsonde an einen offenen Nerv unserer Zeit. Die Episode hat den Titel "Mutters Liebling" ("Young Man’s Fancy"), nach einen Vers des grüblerischen jungen Mannes in "Locksley Hall" von Tennyson: "Im Frühling wendet sich die Laune eines jungen Mannes (a young man’s fancy) sanft zu Gedanken der Liebe." Nicht die Laune dieses jungen Mannes.

Virginia Walker (gespielt von der ausgesprochen erbaulichen und weiblichen Phyllis Thaxter) hat elf Jahre darauf gewartet, den Mann zu heiraten, den sie liebt, Alex Walker (Alex Nicol). Das bemerkenswerte Ereignis, das Alex freigibt, war der Tod seine Mutter, mit der er sein ganzes Leben lang gelebt hat, nachdem sein Vater sie verlassen hatte, als er ein kleiner Junge war. Gerade zurück vom Friedensrichter, sind sie kurz davor, den Vertrag zu unterzeichnen, womit sein Elternhaus an einen Makler verkauft wird. Aber Alex beginnt, sich von der Vertragsunterzeichnung zurückzuziehen. Er fängt an, über das Lieblingslied seiner Mutter nachzudenken ("The Lady in Red"), über die Buttertoffee-Brownies, die sie backte, und dies und das. Als Virginia unten des Wartens auf ihn müde wird, findet sie ihn auf dem Speicher, wo er nicht die paar Sachen packt, wie er versprochen hatte, sondern eine alte Truhe durchsucht, mit Spielzeugen und anderen Dingen hantiert, die ihn an seine Mutter erinnern. Dabei sagt er, dass sie vielleicht das Haus doch nicht verkaufen sollten.

Dann, nach Art der "Twilight Zone", schaltet sich ein altes Radio an, das "The Lady in Red" spielt, und Brownies tauchen auf, als ob die Mutter vom Grabe aus Eindruck auf ihren Jungen macht. Virginia, deren Geduld langsam zu Ende geht, bricht in einen leidenschaftlichen Appell aus. Sie erinnert Alex daran, dass er ihr ein feierliches Versprechen gegeben hatte, wonach er sie nach dem Tod seiner alten Mutter heiraten und das Haus verkaufen würde. Als er sich sträubt, verliert sie ihre Fassung und beschuldigt die Mutter, ihn ersticken zu wollen, um ihn davon abzuhalten, zu einem Mann zu werden. Das ist ein falscher Schachzug – obwohl es nicht klar ist, dass sie einen besseren hätte machen können. Am Ende der Episode ist Alex in sein Schlafzimmer oben verschwunden, während Virginia, als sie die Treppe zu ihm hochsteigt, plötzlich von oben von der alten Frau selbst (Helen Brown) konfrontiert wird. Die Mutter ist stark, dominant, unbiegsam, selbstsicher und unheilvoll. Als Virginia schreit, sie werde nicht aufgeben, sie werde Alex bekommen und er werde ein Mann sein, nicht der verkümmerte Junge, zu dem ihn die Mutter gemacht hat, schüttelt die alte Frau ihren Kopf mit einer Spur von Hohn: "Er hat seine Entscheidung getroffen", sagt sie. Die Schlafzimmertür öffnet sich, und ein elf Jahre alter Junge kommt heraus, ganz erpicht auf Spaß und Eiscreme mit der Mutter. Die alte Frau betritt mit ihm das Schlafzimmer, und die letzten Worte sind die des Jungen: "Geh weg", sagt er zu der Frau, die seine Gattin hätte sein sollen. "Wir brauchen dich nicht mehr."

Vom Jungen zum Mann

Jungen, wie George Gilder in "Sexual Suicide" bemerkt, haben einige Bedürfnisse, die Mädchen nicht haben. Das Primärobjekt der Liebe zu Hause ist die Mutter. Eine Tochter mag ab und zu mit ihrer Mutter im Wettbewerb um männliche Aufmerksamkeit sein, aber hauptsächlich bekommt sie ihre Winke von ihr, indem sie die Interessen und den Antrieb ihres Geschlechts teilt. Ihr Übergang vom Mädchen zur Frau ist nicht von Risiko gekennzeichnet, der Möglichkeit vollständigen Versagens, oder dem Bedürfnis, sich auf öffentliche Weise die Anerkennung erwachsener Frauen zu sichern, sondern von der offensichtlichen Reifung ihres Körpers. Frauen unterwerfen Mädchen keinen Initiationsriten – wo wäre der Sinn? Die Beziehung der Tochter zu ihrem Vater ist ebenfalls nicht von Widerspruch geprägt. Bis er stirbt, oder von sehr hohem Alter ist, wird er für die Tochter immer der Beschützer sein, das Schutzschild. Er wird stärker sein als sie es ist, und sowohl er als auch sie werden diesen Fakt, und was er bedeutet, schweigend anerkennen. Was ich hier sage, ist wahr, unabhängig von den jeweils involvierten Personen, ihren Tugenden und Lastern, und davon, ob sie ihren natürlichen Rollen gemäß leben. Wir sprechen in erster Linie von anthropologischen Beziehungen, und erst dann von persönlichen Beziehungen.

Bei Jungen gibt es keinen so leichten Übergang. Es kann ihn nicht geben. Der Junge muss sich vom Objekt seiner wärmsten Liebe, seiner Mutter, trennen, die auch ein passendes Muster für seine verborgene sexuelle Liebe ist, um seine Identität als Mann zu etablieren, sodass er wiederum eine Frau heiraten und ein starker Mann unter anderen Männern, seinen Brüdern, sein kann. Das zu sagen, sollte nicht kontrovers sein. Jede Kultur, mit Ausnahme der unseren, hat die anthropologischen und psychologischen Fakten anerkannt. Der letzte Mann, den eine Frau heiraten sollte, ist Alex Walker – das Muttersöhnchen, wie man so schön sagt –, auf den man sich in einer Notlage nicht verlassen kann und der seine Frau von seiner Mutter dominieren lässt.

Männlichkeit muss errungen werden

Der Junge wächst nicht einfach in die Männlichkeit hinein, denn Männlichkeit ist eine kulturelle Wirklichkeit, die auf eine biologische Grundlage gebaut ist. Weiblichkeit ist im Gegensatz dazu eine biologische Wirklichkeit mit kulturellem Ausdruck.

Ich muss an dieser Stelle auf dem Unterschied beharren. Sankt Josefmaria Escrivá konnte verständlicherweise zu all seinen männlichen Anhängern sagen: "Esto vir! Sei ein Mann!", und wir wissen, was dieser Aufruf beinhaltet. Auch Feministen wissen das und erschaudern. Der Aufruf beinhaltet, dass im Leben eines Mannes zu jeder Zeit seine Männlichkeit Gegenstand der Prüfung ist, die immer wieder bestanden werden muss, um die Männlichkeit zu bestätigen – oder sie auszulöschen. Ein Mann kann für immer sein Recht verlieren, neben anderen Männern zu stehen. Er kann so tief fallen, kein Mann mehr zu sein.

Sei ein Mann! Eine entsprechende Aufforderung würde einer Frau müßig erscheinen. Eine Frau kann eine andere Frau als schlechte Frau bezeichnen, aber ihre Weiblichkeit selbst steht nicht infrage, sie steht nicht im öffentlichen Forum, um geprüft zu werden, damit man sehe, ob sie echt sei oder eine Fälschung.

Das bedeutet, dass ein Junge ganz natürlich während seiner längeren Zeit der sexuellen Verborgenheit und seiner späteren und längeren Zeit der Pubertät vor Mädchen zurückweicht. Er hat die Arbeit des Mannwerdens vor sich, wenn er sich dessen auch nur unregelmäßig bewusst sein mag. Es ist albern und gefühllos, ihn des Hasses auf Mädchen zu bezichtigen. Das Gegenteil davon ist die Wahrheit. Er und seine Freunde mögen Mädchen und sind machtvoll von ihnen angezogen. Das ist der Grund, warum sie sie fernhalten, denn andernfalls würden die Dinge, die sie als Jungen tun müssen, nie getan werden. Jungen in der Gesellschaft von Mädchen entwickeln nicht die starken Bande männlicher Freundschaft, denn sie sind zu beschäftigt, um die Aufmerksamkeit der Mädchen zu buhlen. Sie erfinden kein Football, sie entwerfen keine Landkarte des Waldes, sie basteln nicht an Verbrennungsmotoren herum oder erlegen ihren ersten Hirsch. Also scheint es, dass wir sowohl um der ehelichen Liebe als auch um der männlichen Kameradschaft willen, die so dynamisch in ihren kulturellen Möglichkeiten ist, unsere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse und Stärken des Jungen richten und soziale wie erzieherische Gelegenheiten entsprechend arrangieren sollten.

Öffentlich anerkannte Autorität spielt hier ebenfalls eine Rolle. Was der Junge von anderen Jungen und Männern ersucht, ist hauptsächlich öffentlich, nicht privat. Was er vom Mädchen ersucht, das er mag, oder von der Frau, die er heiraten will, ist hauptsächlich privat, nicht öffentlich. Es ist der Unterschied zwischen Arena und Agora auf der einen Seite, und dem heimischen Herd auf der anderen. Allerdings sollte die Arena letztlich im Dienst des heimischen Herdes stehen, und nicht der heimische Herd ein bloßer Rückzugsort von der Arena sein. Das bedeutet, dass der Junge in erheblichem Maße dazu geneigt ist, was ihn öffentlich als Mann bestätigt, und zu denen, die anerkannte Autorität haben, diese Bestätigung zu verleihen. Er hört den Bariton auf eine Weise, wie er den Sopran nicht hört. Er schaut auf breite Schultern auf eine Weise, wie er nicht auf breite Hüften schaut. Er kann nicht anders.

Lektionen für eine gesunde Entwicklung

Es gibt gewissen Lektionen, die wesentlich sind für die gesunde Entwicklung eines Jungen zu einem Mann, der dafür bestimmt ist, eine Frau zu lieben, ein Ehemann und Vater zu sein. Auch wenn seine Mutter einige dieser Lektionen erteilen kann, so gibt es andere, die von einem Mann erteilt werden müssen – oder überhaupt nicht. Worum könnte es sich dabei handeln?

Eine der Lektionen besteht darin, zu lernen, wie man befiehlt und gehorcht. Ich denke hier an "Captains Courageous" von Kipling. Der Junge Harvey, ein Muttersöhnchen, ein verwöhntes reiches Balg, wird eines Nachts durch einen heftigen Sturm vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes gefegt, während er sich über die Reling erbricht. Ein portugiesischer Fischer nimmt ihn auf und bringt ihn zu einem Schoner. Seine erste echte Lektion in Sachen Männlichkeit erfolgt, als der Kapitän, ein herzensguter Amerikaner namens Disko Troop – dessen eigener Sohn an Bord ist, ein Sohn, der seinen Vater ohne Ende bewundert und der Harvey warnt, dass er besser gehorcht –, ihn an Deck umhaut, nachdem sein loses Mundwerk einmal zu viel ein Widerwort gegeben hat. In den folgenden Monaten – denn es war vor langer Zeit, bevor es Mobiltelefone gab – lernt Hary die Gundlagen, also alles, was ein Schiffsjunge über Segel und Takelage wissen muss, über das Ausnehmen von Fischen, zwanzig Stunden lang am Stück, darüber, wie man mit anderen Männern auskommt, die ebenfalls unter einer Befehlsgewalt stehen, über das Fischen, darüber, wie man einen echten und männlichen Freund hat in dem anderen Jungen und in dem portugiesischen Fischer, Manuel, der ihn rettete, darüber, wie man aufrecht und groß dasteht, wie man heftige Kritik so einsteckt, wie man auch eine Dosis kräftiger und reinigender Medizin aufnehmen würde, darüber, wie man einen Fehler wie ein Mann eingesteht, wie man seinen Teil der Arbeit ohne Widerwillen schultert, und wie man gemeinsam mit anderen Männern Dinge macht, die gefährlich sind und aufregend und für einen klaren Kopf sorgen. Seine Mutter könnte ihn Derartiges nicht lehren.

Und weil die Mutter diese Dinge nicht lehren kann, wird man den Jungen oft dabei ertappen, wie er nicht auf Frauen hört, die seiner Mutter "ähnlich" sind. Es ist nicht so, dass er Vorurteile gegen sie hätte. Es ist präziser zu sagen, dass sie nicht seinen Dialekt sprechen. Er kann sie abschalten. Es mag sein, dass er sie nicht klar genug hört, um sich überhaupt zu bemühen, sie abzuschalten. Nun, wenn wir von jedem anderen Geschöpf in der Welt, außer einem Menschenjungen, redeten, so wäre die Lösung für uns offensichtlich und wiederum nicht kontrovers: "Finden wir jemanden, der seinen Dialekt spricht. Finden wir jemanden, den er hören kann." Ich kann die Aufmerksamkeit eines Raumes voller Jungen auf mich ziehen, innerhalb einer Minute, und diese Aufmerksamkeit für eine Stunde haben. Das hat wenig mit meinen Fähigkeiten als Lehrer zu tun. Ich spreche den Dialekt.

Wir könnten die Frage umkrempeln und fragen: "Was passiert, wenn der Lehrer des Jungen eine Frau ist, und sie in Literatur feministische Geschichten als Lektüre aufgibt, sie eine instinktive Ablehnung gegenüber rauen Spielen hat, sie Sicherheit dem Risiko und Gleichheit der Freiheit sowie der Dynamik der Hierarchie vorzieht, sie Fingerfarbe mehr mag als Football, und sie trotz all ihres Egalitarismus pikiert scheint, wenn man ihre Autorität infrage stellt?" Was, wenn alle stets "Little Women" sind, aber ohne die ganz reale Liebe der Louisa May Alcott zu Jungen – und ohne ihren christlichen Glauben, der noch mehr war als nur ein Rest? Das Ergebnis ist Überdruss, Ärger, Frust, Beschränkung, aber kein Hören.

Um der Jungen und der Familien willen, die sie eines Tages führen, müssen wir unsere Herzen öffnen und aufhören, ihnen eine unnatürliche und nicht inspirierende Bindung an sexuelle Indifferenz aufzuzwingen. Was sie brauchen, brauchen sie. Ihre Bedürfnisse sind gegründet in Jahrtausenden der menschlichen Entwicklung, sowohl physisch als auch intellektuell. Sie sind bezeugt von jeder Kultur, die Menschen bekannt ist, und von allgemeinen Beobachtungen. Es gibt nur ein Wort für jene, die, um einer Ideologie willen, was immer sie sein mag, bewusst sowohl Jungen als auch Mädchen vorenthalten, was sie brauchen, um gesunde Teile ihres Geschlechts zu sein. Dieses Wort ist: böse.

(*) Anthony Esolen ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel sowie Professor für Literatur am "Thomas More College of Liberal Arts" in den Vereinigen Staaten von Amerika.

Die Übersetzung des vorliegenden Artikels durch Martin Bürger und die Veröffentlichung in deutscher Sprache erfolgen mit freundlicher Genehmigung von "Public Discourse: Ethics, Law and the Common Good", wo der Aufsatz ursprünglich erschienen ist.

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