Weißt du eigentlich, wie gut du es hast?

Diese Woche im Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter": Angst vor der Natur

Warum empfanden diese Kindergarteneltern nun die Natur und das draußen sein als solch eine Gefahr?
Foto: Pixabay (CC0)
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19 November, 2018 / 2:00 PM

Im Kindergarten waren laute Handwerkerarbeiten nötig, sodass die Erzieherinnen darum baten, die Kinder warm anzuziehen, da sie so gut wie den ganzen Tag draußen sein werden. Kühles Herbstwetter bei strahlendem Sonnenschein, da zahlt manch Erholungsurlauber in den Bergen viel Geld für.

Einige besorgte Eltern empfanden weniger Abenteuerlust an der Vorstellung, ihre lieben Kleinen müssen den ganzen Tag draußen sein und fingen an mit den Erzieherinnen zu verhandeln. Es müsse doch Ausweichmöglichkeiten geben, es könne doch nicht sein, dass die Kinder den ganzen Tag der Kälte ausgesetzt sind und wo überhaupt gegessen würde. Eine der älteren Erzieherinnen sprang ihrer jungen Kollegin zur Seite und erklärte mit Rheinischem Zungenschlag, dass die Kinder nicht aus Zucker seien und es warmen Tee und Kakao gäbe und im Steinkreis draußen wie die Indianer gegessen würde. Mit rheinischem Zungenschlag kann man fast alles sagen, es klingt immer nett, doch selbst das beschwichtigte die Mütter nicht.

Ich hatte kurz auch Lust an dem Tag im Kindergarten zu sein. Ich fand die Vorstellung total schön, es sich draußen gemütlich zu machen und gemeinsam die Natur intensiv zu erleben.

Die besorgten Eltern fanden das alles andere als schön und regten sich weiter auf.

`Die armen Erzieherinnen`, dachte ich und entschloss mich gerade ihnen zu helfen, als meine Tochter das für mich erledigte und begeistert rief: Jaaa, draußen essen. Das wird der schönste Kindergartentag im Jahr!

Seht her, das ist meine Tochter, wollte ich rufen, denn die aufgeregten Eltern drehten sich irritiert um und nahmen endlich ihre Erwachsenenbrille ab und nahmen ihre Kinder wahr. Inzwischen hatte sich eine Traube Kinder im Flur versammelt und feierte den Abenteuer-Indianer-Draußen-Tag. So kann man überbesorgten Eltern auch den Wind aus den Segeln nehmen. Man sah den Erzieherinnen die Erleichterung an und gleichzeitig die Hoffnung, dass alles gut gehe und sich bloß keines der Kinder über kalte Finger beschweren würde.

Auf meinem Heimweg dachte ich über den Aufreger des Tages nach und konnte nicht umhin die ganzen Bedenken als ziemlich arrogant zu empfinden. Den Erzieherinnen gegenüber, aber auch allen Menschen gegenüber, die sich nicht aussuchen können, ob sie draußen oder drinnen sind. Die keinen warmen Kakao haben und die frieren müssen. Genauso arrogant empfand ich es Menschen gegenüber, die ihr Leben in der Natur verbrachten, einfach weil es zu ihrer Kultur gehörte. Mir kam der Film `Babys` in den Sinn, in dem vier Kinder von der Geburt an bis zu ihrem ersten Geburtstag von einem Kamerateam begleitet werden. Die vier Kinder leben in Japan, in den USA, in der Steppe der Mongolei und in der Savanne Namibias. Der Film zeigt dokumentarisch, wie unterschiedlich diese Kinder aufwachsen, welche Werte, Normen und Regeln sie erlernen und welche kulturellen Unterschiede sie prägen. Der Film wertet nicht, er beschreibt liebevoll und sehr wertschätzend jede Form des Alltags.

Warum empfanden diese Kindergarteneltern nun die Natur und das draußen sein als solch eine Gefahr?

Zum einen sind das diese vielbesprochenen Helikoptereltern, die einfach verlernt haben in ihre Kinder und andere Menschen um sie herum zu vertrauen, die alles kontrollieren wollen, überwachen wollen und ihre Kinder in Watte packen. Zum anderen bin ich sicher, dass die Eltern das gar nicht so arrogant meinten, wie es rüber kam, sondern dass sie wirklich verlernt haben, mit und in der Natur zu leben. Dass sie nicht einschätzen können, dass ein sonniger Herbsttag keine Gefahr für ihre Kinder darstellt und Erfrierungen erst bei mehrstelligen Minusgraden eine Rolle spielen.

In jedem Fall haben all diese aufgebrachten Eltern vergessen, wie gut sie es haben, dass sie ihre Kinder warm anziehen können und ihnen dann einen schönen, abenteuerlichen Tag ermöglichen können.

Eine Mutter kam Tags darauf zu den Erzieherinnen und entschuldigte sich für ihre Vorverurteilung am Tag zuvor, denn ihr Sohn war höchst zufrieden und beseelt nach Hause gekommen. Unsere Tochter hatte zwar kalte Hände beim Abholen, war aber erfüllt von Abenteuergeschichten, einem kleinen Feuer, dass sie sogar gemacht hatten und vom Stockbrot, dass sie gebacken hatten.

Das Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" mit Elisabeth Illig erscheint jeden Montag bei CNA Deutsch. Alle bisherigen Blogposts finden Sie hier im Überblick. 

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Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Ansichten der Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.