Wenn im "Mama-Taxi" die Kinder über Familien-Brüche reden

Diese Woche im Blog "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter": Wie wichtig ist Gemeinschaft, wenn Familien zerbrechen?

Referenzbild
Foto: Flickr / J. Michel Carriere (CC BY-NC-ND 2.0)
Facebook Twitter Google+ Pinterest Addthis
12 February, 2018 / 8:49 AM

Auf die Frage, wie wichtig Gemeinschaft ist, habe ich heute ungefragt eine Antwort bekommen. Ich hatte Fahrdienst für das Kindertanzcorps des Karnevalvereins. Seines Zeichens offen für alle Kinder, aller Schichten. Das ist besonders, denn Mitglied sein im Karnevalsverein, Tanzuniformen kaufen sowie Wurfmaterial für den Zug, kostet richtig viel Geld und läuft auch vielfach über Kontakte, sogenanntes „Vitamin B“ (in Köln „Kölscher Klüngel“ genannt). Bei unserem Verein nicht. Da leiht man die Kostüme und das Wurfmaterial kann man in Raten das ganze Jahr über bezahlen. So bringen manche pro Monat 2, manche 5 Euro mit, um auf die 25€ Gesamtsumme zu kommen.

Mitglied im Verein muss man nicht sein, sondern man zahlt einen kleinen Betrag, um die Raummiete für die Proben zu decken. Das bietet wirklich allen Kindern die Möglichkeit im Tanzverein zu sein und Karneval zu leben.

Heute bin ich dann in die Lebenswelt einiger Mädchen eingetaucht, denn so eine gemeinsame Autofahrt regt scheinbar zum Reden an. Das Taxiphänomen? Ich weiß es nicht...aber ein Mädchen begann mir aufzuzählen, wie viele Geschwister sie habe. Eine Schwester, dann viele Stiefgeschwister, einige in Heimen und weitere Stiefgeschwister, die von wieder einer anderen Frau ihres Stiefvaters sind. Cousinen, die keine echten Cousinen sind, sondern Kinder von Expartnern der Mutter, für die keine weitere Bezeichnung übrig war. Sie nannte ihre Aufzählung selber chaotisch und komisch.

Ein anderes Mädchen erzählte mir mit Tränen in den Augen, dass ihre Mutter heute zum Auftritt kommt. Sie lebt in einer Pflegefamilie, da sich ihre Mutter nicht um sie kümmern kann und nie zu ihren Tanzaufführungen kommt, ausgenommen heute. Man merkt ihr an, dass sie Angst hat, dass sie doch nicht kommt, wie so oft...

Und dann ist da noch ein kleines Mädchen, dass immer erklärt, dass der Mann ihrer Mutter nicht ihr richtiger Vater sei und das Baby, dass ihre Mutter erwartet "nur" ihr Halbbruder...

...und dann sitzt meine Große noch mit im Auto und fragt, wie Kinder fragen. Ungeschönt und ungekürzt. Sie versteht nicht, was 'Stief-' bedeutet, was es mit den "unechten" Cousinen und den Heimen auf sich hat. Da prallen tatsächlich Welten aufeinander. Ich fühle mich in meine Zeit als Erzieherin in einer Kölner Inobhutnahmestelle für Jugendliche zurückversetzt. Sie merkt, dass die Mädchen traurig sind und auch sie fühlt die Haltlosigkeit, die die Mädchen ausstrahlen. Dann fragt mich ein Mädchen zurück, ob unsere Kinder alles echte Geschwister seien und ob wir noch Kinder im Heim hätten. Als ich erstes bejahe und zweites verneine, muss sie nachdenken und sortieren. Scheinbar kennt sie keine intakte Familie. Wieder prallen Welten aufeinander und sie sagt zu unserer Großen: Du kannst froh sein, dass du Mama und Papa hast. Das erste Mal verstehen beide, was gesagt wurde und sind sich einig, dass das wohl das Schönste ist, was es gibt.

Familie gibt Kindern jenes Urvertrauen, das sie befähigt, angstfrei in die Welt hinaus zu gehen. Sie fängt sie auf, wenn scheinbar alles um sie herum zerbricht und Eltern sollten bedingungslose Liebe ihren Kindern gegenüber bringen. Was macht das mit Kindern, wenn sie all das nicht erfahren? Natürlich kann man dazu viele Theorien und Forschungsergebnisse nachlesen und zur Rate ziehen. Ich hatte nun solche Kinder bei mir im Auto sitzen und spürte, was es mit ihnen macht. Sie suchen Erwachsene, mit denen sie reden können, von denen sie Rückmeldung bekommen, Anerkennung und sie versuchen Erklärungen dafür zu finden, warum es bei ihnen zu Hause so haltlos und chaotisch zu geht. Sie suchen Liebe und wollen zu ihren Eltern aufschauen.

Wie schön ist es, dass diese Kinder im Verein eine Gemeinschaft erfahren, die ihnen ihre Familie nur bedingt bieten kann. Zuverlässigkeit, Anerkennung, Ansprechpartner und Gelegenheiten sich und ihr Können zu präsentieren, gibt ihnen das Tanzen und das Publikum! Beim Auftritt in einem Seniorenstift weinen einige Alte, weil sie der Auftritt der Kinder so rührt. Nichts deutet darauf hin, aus welch zerrütteten Familien die Mädchen teilweise kommen. Sie sind diejenigen, die nun berühren und die ihre Selbstwirksamkeit spüren. Eines der Mädchen erzählt, dass sie dieses Jahr seit 4 Jahren im Verein ist und sonst immer alles nach einem halben Jahr abgebrochen hat. Bemerkenswert, finde ich.

Gemeinschaft kann Familie nicht ersetzen, aber sie kann einiges bereinigen, wo Familie versagt.

Die Mutter kam wirklich zum Auftritt und dieses Mal weinten nicht die Zuschauer, sondern ein Tanzmariechen-vor Glück!

Alle bisherigen Blogposts von Elisabeth Illig finden Sie hier im Überblick

Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln nur die Ansicht des Autors wider, nicht unbedingt der Redaktion von CNA Deutsch.