Zum ersten Mal in deutscher Sprache: Fulton Sheen läßt die Kirche sprechen. Buchstäblich.

Erzbischof Fulton J. Sheen erreichte viele Millionen Menschen mit seinen TV-Programmen und Radiosendungen.
Foto: Wikimedia / Fred Palumbo (CC0)
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09 June, 2018 / 8:00 AM

Im Jahre 1938 wurde der erste von drei Bänden der "Radio Replies" veröffentlicht, die allesamt zahlreiche Antworten enthalten, welche zwei Priester im Rahmen ihrer Radiosendung in Australien auf die Fragen ihrer gläubigen und ungläubigen Hörer gegeben haben. Dem ausgezeichneten apologetischen Werk geht ein Vorwort voraus, das der Medienapostel und spätere Erzbischof Fulton Sheen, dessen Seligsprechungsverfahren vor rund 15 Jahren eröffnet wurde, verfasste. Darin leiht er der Kirche seine Stimme und lässt sie eine eindrucksvolle Rede halten, die nachfolgend erstmals in deutscher Übersetzung von Martin Bürger für CNA Deutsch wiedergegeben ist.

Ich lebe mit Christus. Ich sah seine Mutter und ich weiß, dass sie eine Jungfrau ist und die liebenswürdigste und reinste aller Frauen im Himmel und auf Erden; ich sah Christus in Cäsarea Philippi, als er, nachdem er dessen Namen zu Fels geändert hatte, zu Simon sagte, dass er der Fels sei, auf den die Kirche gebaut werden und dass sie bis ans Ende der Welt andauern sollte. Ich sah Christus am Kreuz hängen und ich sah ihn aus seinem Grab auferstehen; ich sah Magdalena zu seinen Füßen eilen; ich sah die in weiß gekleideten Engel neben dem großen Stein; ich war im Abendmahlssaal, als der zweifelnde Thomas seine Finger in Christi Hände legte; ich war auf dem Ölberg, als er in den Himmel auffuhr und versprach, den Aposteln seinen Geist zu senden, um sie zum Fundament seines neuen mystischen Leibes auf Erden zu machen.

Ich war bei der Steinigung des Stephanus, sah Saulus die Kleider jener halten, die ihn erschlugen, und später hörte ich Saulus, als Paulus, wie er Christus als Gekreuzigten predigte; ich erlebte die Enthauptung von Petrus und Paulus in Rom, und sah mit meinen eigenen Augen zehntausende Märtyrer den Sand mit ihrem Blut tränken, anstatt den Glauben zu verleugnen, den Petrus und Paulus ihnen gepredigt hatten; ich lebte, als Bonifatius nach Deutschland geschickt wurde, als Augustinus nach England ging, Kyrill und Method zu den Polen und Patrick nach Irland; zu Beginn des neunten Jahrhunderts erinnere ich mich, Karl den Großen als König in allen zeitlichen Dingen gekrönt zu sehen, während der Nachfolger Petri als Oberhaupt in allen geistlichen Angelegenheiten anerkannt wurde; im dreizehnten Jahrhundert sah ich die großen Steine zum Gedenken an mich ausrufen und in gotische Kathedralen ausbrechen; in den Schatten eben dieser Mauern sah ich große Kathedralen des Denkens hervortreten in der Prosa des Thomas von Aquin und Bonaventuras, und in der Poesie Dantes; im sechzehnten Jahrhundert sah ich, wie meine Kinder, erweicht durch den Geist der Welt, das Haus des Vaters verließen und den Glauben reformierten, anstatt die Disziplin zu reformieren, was sie wieder zurück in meine Arme gebracht hätte; im letzten Jahrhundert und zu Beginn von diesem hörte ich die Welt sagen, sie könne mich nicht annehmen, da ich unzeitgemäß sei.

Ich bin nicht unzeitgemäß, aber ich bin hinter den Kulissen. Ich habe mich jeder Regierungsform angepasst, welche die Welt je gesehen hat; ich habe gelebt mit Kaisern und Königen, Tyrannen und Diktatoren, Parlamenten und Präsidenten, Monarchien und Republiken. Ich habe jeden Fortschritt der Wissenschaft begrüßt, und wenn ich nicht gewesen wäre, so wären die großen Aufzeichnungen der heidnischen Welt nicht bewahrt worden.

Es stimmt, dass ich meine Lehre nicht verändert habe, aber das liegt daran: "Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat." Ich wechsle meine Kleider, welche der Zeit angehören, aber nicht meinen Geist, welcher der Ewigkeit angehört. Im Laufe meines langen Lebens habe ich so viele moderne Ideen unmodern werden sehen, dass ich weiß, dass ich eines Tages ein Requiem für die modernen Ideen unserer Tage singen werde, wie ich es für die modernen Ideen des letzten Jahrhunderts sang. Ich feierte den neunzehnhundertsten Jahrestag des Todes meines Erlösers, und doch bin ich heute nicht älter als damals, denn mein Geist ist ewig, und das Ewige altert nie. Ich bin die bleibende Figur der Jahrhunderte. Ich bin die Zeitgenossin aller Zivilisationen. Ich bin nie veraltet, da ich alterslos bin; niemals unzeitgemäß, da ich zeitlos bin.

Ich habe vier große Wesensmerkmale: ich bin einig, denn ich habe die gleiche Seele, die ich zu Anfang hatte; ich bin heilig, denn jene Seele ist der Geist der Heiligkeit; ich bin katholisch, denn der Geist durchdringt jede lebende Zelle meines Leibes; ich bin apostolisch, denn mein Ursprung ist identisch mit Nazareth, Galiläa und Jerusalem.

Ich werde schwach, wenn meine Glieder reich werden und aufhören, zu beten, aber ich werde nie sterben. Ich werde verfolgt werden, wie ich jetzt in Mexiko und Russland verfolgt werde; ich werde gekreuzigt werden wie auf dem Kalvarienberg, aber ich werde wieder auferstehen, und schließlich, wenn es keine Zeit mehr gibt und ich zu meiner vollen Gestalt herangewachsen bin, dann werde ich in den Himmel aufgenommen als die Braut meines Hauptes, Christus, wo die himmlische Hochzeit gefeiert wird, und Gott alles in allen ist, denn sein Geist ist Liebe und die Liebe ist der Himmel.

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