15. Januar 2026
388 Millionen Christen leben weltweit unter hohem bis extremem Verfolgungsdruck – eine Zahl, die abstrakt wirkt, bis man fragt, was sie konkret bedeutet: Angst, Gewalt, Entrechtung, Flucht. Der aktuelle Weltverfolgungsindex zeigt eine dramatische Verschärfung der Lage, von Syrien über Subsahara-Afrika bis nach China.
Im Gespräch mit CNA Deutsch macht Markus Rode, der Leiter des Hilfswerks Open Doors Deutschland, deutlich: Christenverfolgung ist kein Randphänomen ferner Länder, sondern ein globaler Notstand, der auch Europa unmittelbar herausfordert.
Der Weltverfolgungsindex spricht von rund 388 Millionen Christen, die einem hohen bis extremen Maß an Verfolgung ausgesetzt sind. Was bedeutet das konkret im Alltag der Betroffenen – eher offene Gewalt oder zunehmend subtiler, „unsichtbarer“ Druck?
Beides trifft zu – je nach Land in unterschiedlicher Ausprägung. Gewalt ist die offensichtlichste Form von Verfolgung und für den Betrachter am eindrücklichsten. Tatsächlich ist die Zunahme von Verfolgung in einigen Ländern besonders auf ein höheres Maß christenfeindlicher Gewalt zurückzuführen. In der Region Subsahara Afrika besteht diese Tendenz schon seit einigen Jahren; über 16 Millionen Christen sind deshalb aus ihren Dörfern geflohen. In Syrien dagegen hat die Gewalt gegen Christen innerhalb des letzten Jahres so massiv zugenommen, dass die Punktwertung für das Land einen der größten Sprünge in so kurzer Zeit gemacht hat, den unser Forschungsteam hinter dem Weltverfolgungsindex je ermittelt hat.
Neben der Gewalt spielt aber der subtile Druck, den Sie erwähnen, eine ganz wichtige Rolle. Das beginnt schon bei christlichen Kindern, die wegen ihres Glaubens in der Schule zu Außenseitern oder Sündenböcken werden. In vielen Ländern werden Christen von ihrer Dorfgemeinschaft, dem Clan oder der Familie beständig ausgegrenzt und unter Druck gesetzt, ihren christlichen Glauben aufzugeben; andere erleiden berufliche Nachteile und werden in die Armut gedrängt – all das kann Menschen zermürben. Wer in einem solchen Umfeld lebt, läuft Gefahr, dem Druck irgendwann nachzugeben. Hunderdtausende Christen sind deshalb bereits in westliche Länder geflohen.
Syrien verzeichnet im Index die stärkste Verschlechterung weltweit (von Platz 18 auf Platz 6). Welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht ausschlaggebend für diese Entwicklung seit dem politischen Umbruch Ende 2024?
Im Dezember 2024 wurde das langjährige Regime von Baschar al-Assad gestürzt. Obwohl Assad als Diktator das Land totalitär regiert und die Bevölkerung massiv unterdrückt hat, herrschten unter ihm relativ stabile Verhältnisse. Auch die Christen litten unter ihm, aber sie hatten Freiräume und genossen ein gewisses Maß an Schutz.
Mit Assads Fall und der Machtübernahme durch die „Hai’at Tahrir asch-Scham“ (HTS) hat sich das Klima deutlich verändert. Islamistische Gruppen im ganzen Land sind erstarkt und die Gewalt gegen Christen ist immer wieder eskaliert. Der bisherige Tiefpunkt war der Anschlag auf die St. Elias-Kirche im vergangenen Juni, als ein Selbstmordattentäter 22 Menschen mit sich in den Tod riss.
Insgesamt starben im einjährigen Berichtszeitraum des aktuellen Weltverfolgungsindex 27 Christen in Syrien – gegenüber 0 im Vorjahr. Hinzu kamen Angriffe auf Kirchen und öffentliche Drohungen gegen Christen. So werden an Kirchen Plakate angeschlagen mit der Aufforderung, zum Islam zu konvertieren. Christliche Schulen wurden geschlossen und Fahrzeuge mit Lautsprechern fahren durch christliche Viertel und rufen Christen dazu auf zum Islam zu konvertieren oder eine Kopfsteuer zu zahlen. Anders als früher gibt es in Syrien keine wirklich sicheren Gebiete mehr für Christen.
Subsahara-Afrika bleibt ein Schwerpunkt der Christenverfolgung, insbesondere Nigeria als tödlichstes Land für Christen. Warum eskaliert die Lage dort so massiv, und welche politischen oder humanitären Hebel wären aus Ihrer Sicht am dringendsten nötig?
Nachdem der sogenannte Islamische Staat aus Syrien und dem Irak vertrieben worden war, hatten viele auf ein Ende des islamischen Extremismus gehofft. Doch die Ideologie und der Traum von einem Kalifat bestanden weiter – das ist ein wesentlicher Grund für die zunehmende christenfeindliche Gewalt in Subsahara Afrika. Verschiedene islamistische Gruppen, teils Ableger oder Gesinnungsgenossen des IS, bekämpfen alle, die ihre Version des Islam nicht unterstützen. In Ländern wie Nigeria, Burkina Faso oder auch Kamerun bedeutet das, dass mehrheitlich christliche Siedlungen und Dörfer immer wieder mit „Allahu Akbar“-Rufen überfallen und Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt werden. Ich war selbst vor Ort in Nigeria und habe mit vielen Überlebenden dieser Massaker gesprochen.
Zudem sind über 16 Millionen Christen in den Ländern südlich der Sahara derzeit auf der Flucht; in Nigeria wurden innerhalb eines Jahres 3490 Christen ermordet. Zum Leidwesen der betroffenen Christen wurden die Massaker von den Medien fälschlicherweise als „Konflikt zwischen muslimischen Viehhirten und christlichen Bauern“ um Land dargestellt. Dadurch haben Politiker weltweit keinen Anlass verspürt sich dieses Themas anzunehmen und Druck auf den verantwortlichen nigerianischen Präsidenten auszuüben.
Erst als Donald Trump Anfang November das Thema auf die Agenda setzte und mit Militärschlägen drohte, nahm die Öffentlichkeit Notiz und die Medien berichteten darüber. Wenn mehr westliche Regierungen hier entschlossen Druck auf die afrikanischen Regierungen ausüben, würden diese ihre Verantwortung sehr wahrscheinlich stärker wahrnehmen und die betroffenen Christen besser schützen.
Der Index zeigt auch Formen staatlicher Kontrolle ohne offene Gewalt, etwa in China oder Algerien. Wie äußert sich diese Art der Verfolgung konkret, und warum ist sie für christliche Gemeinden besonders gefährlich?
In Algerien gab es im vergangenen Jahr keine Kirchenschließungen mehr. Das klingt erstmal gut – dahinter steckt allerdings, dass im Vorjahr die letzte protestantische Kirche geschlossen wurde. Die Mitglieder dieser Kirchen haben sich teilweise online organisiert, Kontakte über das Internet spielen eine wichtige Rolle. Doch im vergangenen Jahr hat die Regierung eine christliche Facebook Gruppe mit über 50.000 Followern geschlossen. Wir schätzen, dass 75 Prozent der Christen im Land keine Verbindung zu einer Gemeinde mehr haben. Auch in China hat der Druck auf Christen deutlich zugenommen.
Christen werden durch Kontrolle und wachsende Restriktionen immer mehr in den Untergrund gedrängt. Wer sich den weitreichenden staatlichen Vorgaben nicht beugt, wird kriminalisiert und unter immer größeren Druck gesetzt. Pastoren werden wieder verstärkt inhaftiert, und es wird immer schwieriger sich der staatlichen Kontrolle zu entziehen. Das liegt auch an der zentralen Bedeutung des Internets für viele Bereiche des christlichen Lebens – angefangen bei der persönlichen Bibellesung per App, von denen immer mehr verboten werden.
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Sie bezeichnen den Weltverfolgungsindex als „Hilferuf“. Was erwarten Sie jetzt ganz konkret von Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft in Deutschland und Europa?
Erstens: Hinschauen, sich informieren, verfolgte Christen auf die Agenda setzen. Donald Trump hat es auf seine sehr eigene Art vorgemacht. Doch wo sind die europäischen Spitzenpolitiker, die doch eigentich soviel Wert auf Menschenrechte und Religionsfreiheit legen?
Die wichtigste Rolle sollten aber die Kirchen – oder besser: wir Christen – spielen. Schließlich geht es um unsere Glaubensgeschwister – ungeachtet unserer Denomination. Wenn wir uns nicht gemeinsam für sie einsetzen, verhallt ihr Hilferuf. Immer wieder melden sich Kritiker zu Wort, die sich an Definitionen oder Zahlen abarbeiten. Doch wenn wir den verfolgten Christen nicht helfen, nützt die beste Definition von „Christenverfolgung“ nichts – sie brauchen unseren Beistand.
Sie selbst wünschen sich zuerst unser Gebet. Damit beginnt es, aber es geht auch um Ermutigung und Fürsprache bis hin zu praktischer Hilfe. Dabei sollten Kirchen und Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen. Deshalb: Bitte informieren Sie sich über www.weltverfolgungsindex.de oder direkt über unsere aktuelle Hilfskampagne www.opendoors.de/arise-africa. Dort bieten wir viele Gelegenheiten, sich aktiv für unsere verfolgten Glaubensgeschwister einzusetzen.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.


