Ein "Supermarkt der Religionen", Gottes Wille und die Weisheit einer geänderten Erklärung

Papst Franziskus spricht auf dem Siebten Kongress der Führer der Welt- und traditionellen Religionen in Nur-Sultan (Astana), Kasachstan,
Foto: Vatican Media

Eine brisante Passage in der Abschlusserklärung des Kongresses, zu dem Papst Franziskus vom 13. bis 15. September nach Kasachstan gereist war, scheint geändert worden zu sein, obwohl sie von den Teilnehmern angenommen worden war.

Ursprünglich hieß es in Punkt 10 der Erklärung: "Wir stellen fest, dass Pluralismus und Unterschiede in Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Rasse und Sprache Ausdruck der Weisheit von Gottes Willen in der Schöpfung sind. Daher ist jeder Fall von Zwang zu einer bestimmten Religion und religiösen Lehre inakzeptabel".

Eine geänderte Formulierung - die offenbar nach der Annahme der Erklärung durch die Teilnehmer und der anschließenden Veröffentlichung vorgenommen wurde - lautete stattdessen wie folgt:

"Wir stellen fest, dass Pluralismus im Sinne von Unterschieden in Hautfarbe, Geschlecht, Rasse, Sprache und Kultur Ausdruck der Weisheit Gottes in der Schöpfung ist. Religiöse Vielfalt ist von Gott zugelassen, und daher ist jeder Zwang zu einer bestimmten Religion und religiösen Lehre inakzeptabel."

Dieser neue Wortlaut wurde von der Kongress-Website und lokalen Medien am 15. September veröffentlicht, offenbar Stunden nach der vorherigen Version, die von Vatican News und EWTN gestreamt wurde - und immer noch online zu finden ist.

Papst Franziskus spricht auf dem 7. Kongress der Führer der Welt- und traditionellen Religionen in Nur-Sultan, Kasachstan, 15. September 2022. Vatican Media


Die Kongresserklärung lehnte sich fast wortwörtlich an das Dokument über die Brüderlichkeit, das von Papst Franziskus und einem prominenten Scheich im Februar 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet wurde und in dem es heißt: "Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat".

In einem Gespräch mit EWTN am 14. September in Kasachstan sagte Bischof Athanasius Schneider, dass der Kongress, an dem Papst Franziskus teilnahm, den Eindruck eines "Supermarktes der Religionen" erwecken könnte.

Während er den Kongress dafür lobte, dass er "Verständnis, Harmonie und Frieden" fördere, warnte Schneider laut National Catholic Register, "es besteht auch die Gefahr, dass wir, die katholische Kirche, nicht einfach als eine der vielen Religionen auftreten sollten".

"Wir sind nicht eine der vielen Religionen, wir sind die einzig wahre Religion, die Gott allen Menschen zu glauben aufgetragen hat", sagte Schneider gegenüber Alexey Gotovskiy von EWTN. "Es gibt keinen anderen Weg zur Erlösung."


Bischof Athanasius Schneider in Nur-Sultan (Astana), Kasachstan, 14. September 2022. Rudolf Gehrig / CNA

Schneider ist Weihbischof der Erzdiözese Astana, Kasachstan, und hat aktiv am Papstbesuch teilgenommen. Zuvor hatte er Bedenken gegen die Formulierung im Dokument von Abu Dhabi geäußert, dass Gott einen "Pluralismus der Religionen" wolle.

Offenbar in Antwort auf diese Bedenken sagte Papst Franziskus in einer Generalaudienz im April 2019: "Warum lässt Gott es zu, dass es viele Religionen gibt? Gott wollte es zulassen: Die Theologen der Scholastik sprachen von der »voluntas permissiva« Gottes."

"Er wollte diese Wirklichkeit zulassen: Es gibt viele Religionen. Einige entstehen aus der Kultur heraus, aber immer schauen sie zum Himmel, schauen sie auf Gott."

Franziskus fuhr fort:

"Aber was Gott will, ist die Brüderlichkeit unter uns und in besonderer Weise, das war der Grund für diese Reise, mit unseren Brüdern, den Kindern Abrahams wie wir, den Muslimen. Wir dürfen keine Angst vor Unterschieden haben. Gott hat dies zugelassen. Wir sollten uns fürchten, wenn wir nicht brüderlich zusammenarbeiten, um gemeinsam durchs Leben zu gehen".

Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, gestützt "auf die Heilige Schrift und die Tradition", daß die pilgernde Kirche "zum Heile notwendig sei".

Gleichzeitig heißt es in "Lumen Gentium", der dogmatischen Konstitution über die Kirche: "Der Heilswille umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird".