Forscherin: Vatikanisches Archiv wird komplettes Bild von Pius XII. geben

Dokumente zum Pontifikat Pius´ XII. im Vatikanischen Apostolischen Archiv
Foto: Daniel Ibáñez / CNA

Eine Forscherin des United States Holocaust Memorial Museum, Dr. Suzanne Brown-Fleming, hofft, dass die kürzliche Öffnung der Archive zu Pius XII. im Vatikan den Historikern ein umfassenderes und transparenteres Bild des Papstes der Kriegszeiten geben werde.

Darüber berichtet ACI Prensa, die spanischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch.

Der Vatikan hat am 2. März offiziell jenen Teil des Archivs geöffnet, der das gesamte Pontifikat des Dieners Gottes Pius XII. vom März 1939 bis Oktober 1958 abdeckt. Es ist das erste Mal, dass Wissenschaftlern Zugang zu den rund 16 Millionen darin enthaltenen Dokumenten erhalten.

Pius XII. gilt als umstrittene Persönlichkeit. Einige Historiker werfen ihm vor, dass er Hitler und die Nazis nicht expliziter anprangert habe, andere verweisen auf seine Mitarbeit als Kardinalstaatssekretär an der Enzyklika "Mit brennender Sorge", die im März 1937 von allen deutschen Kanzeln verlesen wurde und so die Nationalsozialisten international an den Pranger stellte. Auch hätten ihm die 1929 geschlossenen Lateranverträge mit dem Mussoliniregime gewisse Beschränkungen aufgenötigt.

Nach Lektüre der Dokumente in den Archiven würden die Historiker definitiv eine "gerechtere" Einschätzung zur Rolle Pius´ XII. haben, so Dr. Brown-Fleming, Leiterin der internationalen akademischen Programme des Museums.

"Ich denke, dass es auf beiden Seiten des Arguments eine Auswahl von Dokumenten gegeben hat, nach dem Motto ´lass uns dieses Dokument nehmen und diese fünf hier ignorieren´ und die Kritiker haben jeweils dasselbe gemacht. Und so bin ich mir nicht sicher, dass beide Seiten völlig fair gewesen sind, denn es gab keinen Zugang zur kompletten Dokumentation."

Brown-Fleming glaubt, dass die öffentliche Meinung sich wahrscheinlich "irgendwo zwischen den beiden entgegengesetzten Polen, die wir jetzt sehen" positionieren werde, aber dass dies erst geschehen werde, wenn die Archive vollständig untersucht worden sind.

"Aber es wird eine faire und transparente Lektüre sein", erklärte sie.

Pius XII. starb 1958, sein Seligsprechungsprozess wurde im November 1965 von Papst Paul VI. eröffnet, während der letzten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Am 19. Dezember 2009 folgte die Anerkennung des heroischen Tugendgrades durch Papst Benedikt XVI. und Papst Pius trägt seither den damit verbundenen Titel ehwürdiger Diener Gottes.

Die praktizierende Katholikin Brown-Fleming erklärte gegenüber CNA, sie hoffe, dokumentarische Beweise dafür zu finden, dass die Kirche und die einzelnen Katholiken in Europa den Grundsätze ihres Glaubens gefolgt sind und versucht haben, ihre jüdischen Geschwister zu retten.

"Haben sie einmütig auf das Gebot ´Liebe deinen Nächsten´ geantwortet, oder waren sie in ihrem Geist gespalten? Es wird sehr interessant sein, das herauszufinden", fügte sie hinzu.

Eine große Frage, von der Brown-Fleming hofft, dass sie von den Archiven beantwortet werden wird, betrifft das Verhalten Pius XII. im September 1943, als die jüdische Bevölkerung Roms gesammelt und deportiert wurde.

"Es besteht die große Frage, ob Pius XII. befohlen hat, römische Juden zu verstecken. Viele Juden wurden versteckt, auch auf dem Gelände des Vatikan", erklärte sie.

"Hat er das angeordnet? Wusste er davon und hat gesagt: Das ist keine gute Idee, weil es den Vatikan in Gefahr bringt? Hat er gesagt: Ja, bitte macht das, und rettet, wen ihr nur könnt?"

"Wir wissen, dass Juden von katholischen Familien in Italien und in Frankreich gerettet wurden" so Brown-Fleming. Gegenüber CNA betonte sie, sie habe die Hoffnung, dass ihre Arbeit in den Archiven die Gründe dafür enthüllen werde, warum diese Familien ihr Leben riskiert haben, um die Menschen zu retten: "War es wegen der Nachrichten des Papstes oder war es spontan?"

Eine weitere Frage, auf die sich Brown-Flemingvon eine Antwort aus den Archiven erhofft, ist was Pius XII. über die sogenannten Rattenlinien wusste, die in der Nachkriegszeit vielen ehemaligen Nazis die Flucht nach Südamerika ermöglichten.

"In den Zeiten des kalten Krieges flüchteten viele Nazis mit der Hilfe niedrigerer vatikanischer Funktionäre nach Südamerika. Aber was wusste der Papst darüber? Das ist eine sehr große Frage", fügte sie hinzu.

Zudem hofft sie, Informationen über die persönliche Haltung Pius XII. zum jüdischen Volk zu finden, was in den "öffentlichen Botschaften sehr schwer zu erkennen ist."

Brown-Fleming hofft auch, dass das United States Holocaust Memorial Museum – so wie im Jahr 2003 bei der Öffnung der Archive zu Pius XI. - die Erlaubnis erhalten werde, einige Dokumente des Archives zu reproduzieren und in Washington aufzubewahren.

Unabhängig davon, was gefunden werden wird, erklärte sich Brown-Fleming froh darüber, dass es endlich Antworten zum Erbe von Pius XII. geben werde, und zuversichtlich, dass alles, was entdeckt werden wird, für die Kirche ein positiver Schritt sein werde.

Präzisierung am 17.3.2020 um 15:22 Uhr: Pius XII. wirkte als Kardinalstaatssekretär an Mit Brennender Sorge mit.

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