Georg Ratzinger - Von den Domspatzen zu den Chören der Engel

Monsignore Georg Ratzinger und Papst Benedikt XVI. am 31. Januar 2008.
Foto: Vatican Media / CNA Deutsch

Zehn Tage, nachdem sein Bruder Joseph von seinem überraschenden letzten Besuch an seinem Krankenbett an der Donau zurück zum Tiber nach Rom geflogen ist, ist Georg Ratzinger am 1. Juli in seinem Haus in der Regensburger Altstadt nicht unerwartet, sondern hochbetagt und "lebenssatt" mit 96 Jahren gestorben. Davor haben die beiden Brüder fünf Tage lang noch einmal viele Stunden miteinander verbracht, als Abschied voneinander, aber auch als lebendige Erinnerung in stillem Dasein.

Es war ihr letztes Beieinandersein. Am 29. Juni war es 69 Jahre her, dass die beiden hochbegabten Brüder und Gendarmensöhne gemeinsam im Freisinger Dom zu Priestern geweiht worden waren, am "Festtag der Apostelfürsten Peter und Paul" – in beinahe "prähistorischer Zeit", wie der jüngere Bruder vor einigen Jahren einmal augenzwinkernd bemerkte, bevor danach beide zwei unabhängige, doch ähnlich schwindelerregende Laufbahnen antraten, der ältere als "Orgel-Ratz", der den Chor der Domspatzen als Regensburger Domkapellmeister zum kostbarsten Instrument aus menschlichen Stimmen formte, das sich denken lässt, der andere als "Bücher-Ratz", der zuerst Theologie-Professor und schließlich als Nachfolger des Apostels Petrus selbst zum Oberhaupt der katholischen Weltkirche wurde, beide als leidenschaftliche Priester und Gottesmänner.

Wenn er lächelte, lächelte er nach innen

Jetzt gab es keine Aufzeichnung und kein Protokoll der letzten Begegnung der beiden, die wir uns dennoch als ganz und gar innig und existenziell vorstellen dürfen. Denn das kann sich ja jeder selbst vorstellen: Beide waren fast blind, beide waren kaum noch zu verstehen, beide fast gehörlos, beide höchst gebrechlich und hilflos. Seine Augen waren schon vor über zehn Jahren so schlecht geworden, dass er fast nur noch ahnte, wie sein Gegenüber aussah. Und wenn er lächelte, war es mir, als lächele er nach innen. Doch beide waren seit jeher im Wortsinn auch ein Herz und eine Seele, und dies umso mehr, seit ihre ältere Schwester Maria schon im Jahr 1991 gestorben ist, an der beide sehr hingen.

Familienmenschen wie die Ratzingers muss man lange suchen. Diese letzte Begegnung war deshalb ihr letzter Herzenswunsch. Das authentischste und sicherste Zeugnis ihres letzten Dialogs ließ sich deshalb vor allem in der strahlenden Verwandlung ablesen, die diese Begegnung in dem jüngeren Joseph auslöste, der sich seit dem 19. April 2005 Benedikt nennt. Der Anlass war traurig, doch so beflügelt und beglückt wie nach dieser letzten Reise zu seinem Bruder hat den emeritierten Pontifex schon lange kein Mensch mehr erlebt.

Für Georg, der seinen jüngeren Bruder in den letzten Jahren sonst immer in Rom besuchen kam und viele Jahre fast täglich mit ihm telefonierte, blieb Benedikt aber auch als Papst natürlich immer Joseph – oder vielleicht auch Sepp, weil die Lingua Franca der beiden für alle Zeit das Bairische blieb. Wie er ihn genau nannte, wollte er bei unserem letzten Gespräch allerdings nicht verraten, weil es ihm "zu privat" erschien.

Die beiden waren ein Herz und eine Seele. Dennoch waren sie auch grundverschieden. Wo der jüngere Joseph bisweilen völlig durchgeistigt und zurückhaltend und diplomatisch klug erschien, blieb der ältere Georg ein leidenschaftlicher Sinnenmensch bis ins hohe Alter, mit einem höchst gesunden Appetit und einem gescheiten Durst, dem zwei – oder auch drei – Maß Bier so wenig anzumerken waren wie dem jüngeren Bruder zwei Flaschen Fanta.

Stand die "Watschn" freimütig ein

Er hatte einen "gescheiten Schluck" und immer auch das Herz auf der Zunge, wie etwa vor Jahren, als er im Tumult der Medien freimütig "die Watschn" eingestand, die es nach den Erziehungsgewohnheiten der 1950er- und 1960er-Jahre hin und wieder und selbstverständlich auch bei ihm gegeben habe. Und dass er doch selbst heilfroh war, als diese Methode gesetzlich verboten wurde, nachdem er jede Watschn selbst schon jedes Mal zuvor bedauert und bereut und sich für seinen Zorn geschämt habe, nachdem er in den 1920er- und 1930er-Jahren wie die gesamte Generation unserer Eltern und Großeltern in dieser pädagogischen Kultur großgezogen worden war.

Lachen musste ich hingegen, als er am Tisch einmal leicht kritisch auf die geistige Formung in ihrem geliebten Elternhaus zu sprechen kam. Um 7 Uhr morgens seien sie in die Schulmesse gegangen, er, sein Bruder Joseph und ihre Schwester Maria. Vor und nach dem Mittagessen sei gebetet worden, es habe eine längere Andacht am Abend gegeben und schließlich noch ein Abendgebet mit dem Vater oder der Mutter. Und eigentlich jeden Samstag sei der Rosenkranz gebetet worden, und zwar kniend. "Das war für uns Kinder fast ein bisserl zu viel. Hernach waren wir schon recht ungeduldig". Da musste ich lachen. "Zu viel?", fragte ich.

Eigentlich seien die Kinder der Ratzingers bei dieser Erziehung doch recht gut geraten. "Jo, mei", entfuhr es ihm danach noch einmal, "manchmal war es schon wirklich zu viel: der Rosenkranz, die Lauretanische Litanei, die Gebete zum heiligen Josef, zum heiligen Dismas." Da musste ich wieder lachen, weil die Ratzingers die einzige Familie in Deutschland sind, von der ich jemals gehört habe, dass in ihr auch der heilige Dismas um seinen Beistand angerufen wurde. Dismas ist der Verbrecher zur Rechten von Jesus bei dessen Kreuzigung. Er ist der sogenannte "gute Schächer", dem es im letzten Moment ihrer gemeinsamen Hinrichtung am Kreuz noch gelungen ist, mit einem herzhaften Hilferuf an den Erlöser die Kurve ins Paradies zu bekommen.

Diese Kurve wird jetzt auch Georg Ratzinger mit Schwung bekommen haben, doch nicht in letzter Sekunde, sondern in dem riesigen Bogen seines langen zielgerichteten Lebens. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn vor mir, wie er nach innen schaut und lächelt, voller Schalk und Wärme. Einen herzlicheren Menschen habe ich selten erlebt und kaum einen größeren Künstler um des Himmelreiches willen, dem Bischof Voderholzer aus Regensburg vorhin in einem ersten Adieu bescheinigte, dass seine Musik im Dom und anderen Gotteshäusern "Gebetsschule, Glaubensunterweisung und Predigt" in einem waren, wo er "unzähligen Eucharistiefeiern Schönheit, Herzenswärme und Erhabenheit" verliehen habe. Und dass er auch "Konzertsäle in Gebetshäuser verwandeln" konnte.

Uns trägt der Glaube an die Barmherzigkeit

Georg Ratzingers große Kunst war die Verwandlung der Welt und unvergessen bleibt mir ein Gespräch für die WELT, als ich ihn vor der letzten Deutschlandreise seines päpstlichen Bruders in der Regensburger Luzengasse besuchte, wo er folgendes gestand:

"Was ich mit meinem Bruder gemeinsam habe, ist zunächst diese Grundstimmung, die uns trägt, die uns beide als Gläubige doch sehr froh sein lässt, vor allem der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes. Dass es einmal gut ausgeht bei den Menschen, die einigermaßen guten Willens sind. Das ist unser Glaube. Und das ist uns auch der Grund der Hoffnung. Dass wir sehen: Darauf geht es hin. Nicht auf irgendein Nichts. Es geht auf die gesamte Erfülltheit mit Freude hin. Wo nichts mehr dagegen ist. Wo kein Wurm mehr drin ist. Das erfüllt uns mit Freude. In einem würdigen und feierlichen Gottesdienst wird das ja schon vorweggenommen, in einem schönen Kirchenraum, mit wundervoller Musik, in der anbetenden Menge, wo die Leute mit einer Stille erfüllt sind, die nicht angeschafft oder befohlen ist, sondern mit einer Stille, die von selber kommt, wo alle menschlichen Sinne gepackt werden. Das ist etwas, was man so in einem weltlichen feierlichen Rahmen nicht hat, auch in dem allerschönsten Konzert nicht. Das ist für uns Glück: diese Erfülltheit und das Getragensein von irgendwo anders her. Dieser Vorgeschmack des Himmels in einem feierlichen Gottesdienst. – Glück, wissen Sie, das ist die Anbetung Gottes!"

Zuerst veröffentlicht in der "Welt", publiziert mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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