Gibt es einen innerkatholischen Kulturkampf?

Eine Analyse von Ross Douthats kontroverser “Kriegserklärung" in der New York Times

Harte Polemiken, viele Vorwürfe – und nun eine "Kriegserklärung" in der New York Times: Gibt es einen innerkatholischen Bürgerkrieg?
Foto: Pixabay
Facebook Twitter Google+ Pinterest Addthis

Hat es augerechnet in der liberalen New York Times eine Kriegserklärung für einen innerkatholischen Kulturkampf gegeben? So lesen sich zumindest die neuen Zeilen des Kommentators Ross Douthat. Der katholische Kolumnist antwortet damit auf einen Brief mehrerer Theologen, die ihn – so Beobachter –"mundtot" machen wollten – auch wenn sie dies nun bestreiten.

Wie eine Bombe ist im Vatikan ein Artikel in der NYT über Papst Franziskus eingeschlagen, berichten Insider aus Rom. Es geht um einen Kommentar von Ross Douthat, der nicht nur in der Kurie für heiße Debatten sorgt: In den USA haben – in einem wohl einmaligen Vorgang – mehrere, mitunter renommierte, Theologen mit einem öffentlichen Brief an die Times zwischen den Zeilen gefordert, dass der Autor Schreibverbot über katholische Themen bekommen soll – oder gefeuert werden. Schließlich sei er kein Theologe.

Dies wiederum hat viele Kommentatoren und Blogger auf den Plan gerufen, darunter den vielleicht bekanntesten jungen Bischof der USA, Robert Barron. Er tadelt die empörten Theologen für ihren Versuch, den Kommentarschreiber mundtot zu machen. Der Bischof erinnert an Meinungsfreiheit und Debattenkultur – und zwischen den Zeilen an den Freimut, die "Parrhesia", die Papst Franziskus auch auf der Synode immer wieder eingefordert hat.

Ross Douthat hat sich nicht einschüchtern lassen, sondern nachgelegt. In einem zweiten Artikel antwortet der Journalist nicht nur höflich den Theologen. Er macht noch einmal deutlich, worum es ihm geht – und das mit einer Polemik, die für konsens- und konformfreudige deutsche Ohren ungewohnt martialisch klingt.

Worum es geht

Douthat ist ein Freund deutlicher, aber auch drastischer Worte: “Der Vatikan scheint immer die Geheimnisse und Intrigen eines Hofs der Renaissance zu haben – was er, in gewisser Hinsicht, bis heute ist. Die auffällige Demut von Papst Franziskus, sein Tadeln hochrangiger Prälaten, hat dies keineswegs geändert; allenfalls haben die Absichten des Papstes die Verschwörer und Gegenverschwörer angestachelt, mit größerem Einsatz vorzugehen. Und der größte Verschwörer von allen ist derzeit Papst Franziskus selbst.”

So beginnt der erste Artikel von Ross Douthat. Darin wirft er dem Heiligen Vater nicht nur vor, stillschweigend die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion zu unterstützen, weshalb der als “Kasper-Vorschlag” bekannte Plan überhaupt erst bei der Synode wieder zum Thema habe werden können. Douthat schreibt auch, dass Papst Franziskus diese umstrittene Zulassung durch die Familien-Synode mit dem “pastoralen” Argument einfädeln wolle, weil er zwar als Papst beinahe absolute Macht habe, aber fast absolut keine, was die Glaubenslehre angehe. Mit anderen Worten: Da an der kirchlichen Doktrin nicht gerüttelt werden kann, soll diese über die Flanke der Disziplin ausgespielt werden.

Douthat geht noch weiter, und schreibt: Dieser Plan des Papstes, also die Zulassung aus pastoralen Gründen einzuführen – was Douthat “Rubbish” nennt, sinngemäß “Quatsch” – sei zwar für Journalisten eine faszinierende Geschichte, und als Journalist gesprochen wisse Douthat auch nicht, wie diese ausgehen werde. Doch: “Als Katholik gesprochen erwarte ich, dass der Plan letztlich scheitern wird; wenn der Papst und der historische Glaube scheinbar miteinander in Spannung geraten, dann wette ich auf den Glauben.”

Der Protest der Theologen

Damit löste Douthat nicht nur lebhafte Diskussionen in der Kurie und der katholischen Welt aus. Einige amerikanische Theologen versuchten, mit einem offenen Brief an die Chefredaktion der New York Times, den Autor als "unqualifiziert" zu diskreditieren, und weitere Kommentare von Ross Douthat zu verhindern. Auf den Inhalt des Kommentars gehen die Akademiker dabei garnicht ein. Statt dessen bezichtigen sie den Autor unter anderem, Mitglieder der Kirche als Häretiker zu bezeichnen, was “schwerwiegende Konsequenzen” haben könne. In dem kritisierten Kommentar kommt das Wort allerdings in keiner Weise vor (sehr wohl aber in der Antwort Douthats auf dieses Schreiben). Und welche “schwerwiegenden Konsequenzen” es haben könne, wenn ein Journalist der NYT jemanden der “Häresie” bezichtigen sollte, fragen sich nicht nur Kirchenrechtler.

Was nicht alle wissen: Vorausgegangen war eine Auseinandersetzung auf Twitter zwischen Douthat und einem der Haupt-Autoren des Briefes, Professor Massimo Faggioli. Dieser hat unter anderem in Tübingen studiert, und ist einer der Theologen, die Douthat nun öffentlich attackieren.

Ihm zur Seite stehen unter anderem mehrere prominente Jesuiten, die entweder den Brief unterzeichnet haben – so Pater John O'Malley, Pater Stephen Schlosser  – oder, wie Pater James Martin, Chefredakteur des renommierten “America”-Magazins, ihn öffentlich unterstützten und zirkulierten.

Der prominent unterstützte Angriff auf Ross Douthat geriet freilich selber sofort in Kritik. Der junge Weihbischof und renommierte Theologe Robert Barron etwa  erinnerte die Angreifer daran, dass Douthats Meinung zu debattieren sei. Er kritisierte eine intellektuelle Kultur, die sich nicht mit unbequemen Meinungen auseindersetzen wolle, sondern diese mundtot machen. Bischof Barron spielte damit auch auf die Versuche Theologen und Kirchenmänner an, legitime christliche Meinungen als “Fundamentalismus” zu karikieren und tabuisieren – eine Versuchung, der auch im deutschsprachigen Raum immer wieder sonst kluge Köpfe unterliegen, wenn ihnen häretische Positionen vorgeworfen werden.

 

Eine höfliche Kriegserklärung

Auf den ersten Blick ist die Replik Douthats auf Professor Faggioli und die anderen Unterzeichner des öffentlichen Briefs eine freundliche Antwort. Auf den zweiten Blick wird schnell klar, dass Douthat die Gelegenheit nutzt, sein Argument noch einmal zu erklären und verdeutlichen: Statt ihn mundtot zu machen, haben die Protestierer ihm eine Gelegenheit gegeben, nachzulegen. Dennoch bleibt Douthat erst einmal versöhnlich:

“Ich hoffe, dass wir uns einig sind, dass die derzeitigen Kontroversen im Katholizismus nach einer Erklärung schreien. Und nicht nur für Katholiken: Die Welt ist fasziniert – wie sie auch sein sollte – von den Versuchen von Papst Franziskus, unsere Kirche zu ändern. Aber die Hauptgruppen in den Kirchenkonflikten haben Anreize, die Einsatzhöhe herunterszuspielen. Konservative Katholiken wollen nicht zugeben, dass unterbrechender Wandel überhaupt möglich ist. Liberale Katholiken wollen nicht zugeben, dass der Papst die Kirche in eine Krise führen könnte.”  

Seine Aufgabe als Kommentator sei es, zu erklären und zu provozieren, schreibt Douthat; und zeigt dann nicht nur seinen Kritikern, was er damit meint.

In zwei klar geschriebenen Absätzen fasst er die beiden wichtigsten Gründe zusammen, warum die besseren Argumente auf seiten derer seien, die sich gegen eine Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion aussprechen:

Erstens werde die alte katholische Lehre, dass die Ehe unauflösbar sei, zu einer hohlen Ziffer, wenn die Kirche Wiederverheiratete zur Kommunion ohne eine Ehe-Annullierung zulasse – und gleichzeitig ein beschleunigtes Verfahren einführe, um eine Annullierung zu bekommen, wie es der Papst zu tun bereit sei.

Zweitens, so Douthat, bedeute eine Änderung der Lehre der Kirche über die Ehe eine Auflösung der katholischen Sicht von Sexualität, Sünde und Sakramenten: Damit werde die Beziehung der Beichte zur Kommunion durchtrennt, und würden dem nichtverheirateten Zusammenleben, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und der Polygamie vernünftige Gründe für eine kirchliche Anerkennung gegeben.

Bei allen Grauzonen und Kompromissen: Die Entwicklung kirchlicher Doktrin sollte die Lehre der Kirche vertiefen, nicht umkehren oder widersprechen, so Douthat – und steigt nach dieser Erklärung abschliessend auf das Schlachtross der Provokation: Die Sicht der theologischen Gegenseite klinge “wie Häresie nach jeder vernünftigen Definition des Wortes”.

Ob seine Kritiker dem zustimmen werden, ist fraglich.

Die Häretiker von heute seien möglicherweise Propheten, schreibt Douthat, die Kirche werde möglicherweise revolutioniert werden, und seine Einsprüche zusammen mit dem Rest des konservativen Katholizismus zermalmt. Aber dies werde eines harten Zermahlens bedürfen, nicht nur sanfter Worte und des Spürenlassens akademischer Rangordnung.

Douthats letzte Worte lesen sich wie eine Erklärung zum innerkatholischen Kulturkampf: “Es wird eines bitteren Bürgerkriegs bedürfen. Und so, meine lieben Professoren: Willkommen auf dem Schlachtfeld.”

Diese Polemik mag martialisch klingen – vor allem für konsensbemühte deutsche Ohren. Wie die Synode gezeigt hat, und die sich deutlich widersprechenden Versuche, über deren Ausgang Deutungshoheit zu erhalten, ist tatsächlich ein intellektueller Streit in der katholischen Welt entbrannt, der nicht mehr zu leugnen ist. Umso spannender wird nun das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus zu Ehe und Familie erwartet. 

Zumal der Heilige Vater heute selber wieder für Schlagzeilen gesorgt hat.