Karol Wojtyła - ein Kind das nicht geboren werden sollte

Die Biographin Milena Kindziuk spricht über die schwierige Schwangerschaft von Emilia Wojtyła und über den Arzt, der den zukünftigen Papst auf die Welt brachte

Der kleine Karol Wojtyła, links mit seiner Mutter Emilia
Foto: tvp.info
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Im Herbst 1919 bemerkte Emilia Wojtyła, dass sie schwanger war. Sie hatte schon einen Sohn, den dreizehnjährigen Edmund. Die zweitgeborene Tochter starb kurz nach der Geburt und Emilia hatte Angst, keine Kinder mehr bekommen zu können. Im zweiten Monat der Schwangerschaft ging sie zu Dr. Jan Moskała, einem bekannten Gynäkologen in Wadowice, der eine verheerende Diagnose stellte: "Deine Schwangerschaft ist eine gravierende Risikoschwangerschaft. Und es besteht keine Möglichkeit, dass du sie zu Ende zu bringst oder ein lebendiges und gesundes Kind bekommst." Was die Sache noch schlimmer machte: Es bestand die Gefahr, dass auch Emilia selbst die Geburt nicht überleben würde, auch wenn das Kind überlebt hätte. ACI Stampa, die italienischsprachige Schwesternagentur von CNA Deutsch berichtet, wie Milena Kindziuk die dramatischen Monate der Schwangerschaft Emilia Wojtyłas und die Geburt Karols anhand neuer Zeugnisse und Dokumente in einem Buch beschrieben hat, das den Eltern Johannes Pauls II. gewidmet ist: "Emilia und Karol Wojtyła. Die Eltern von Johannes Paul II". Das Buch wurde kürzlich gemeinsam von den Verlagen "Esprit" und "W Drodze" veröffentlicht. Wlodzimierz Redzioch hat die Autorin interviewt um herauszufinden, wie dieses Kind geboren wurde, das nicht geboren werden sollte.

Warum ging Emilia zu einem Gynäkologen, der Abtreibungen praktizierte?

Es stimmt, dass Doktor Moskała Abtreibung vornahm; gleichzeitig war er aber ein anerkannter Arzt, eine medizinische Autorität und auch Kardiologe. Emilia war herzkrank und ging höchstwahrscheinlich wegen dieses Problems zu ihm. Außerdem hatte der Arzt seine Praxis im Zentrum von Wadowice in der Nähe des Hauses, das die Familie Wojtyła gemietet hatte und in dem sie lebte.

Wie hat Emilia auf die Diagnose des Arztes reagiert?

Das Zeugnis der Hebamme Tatarowa und die Berichte ihrer beiden Freundinnen Helena Szczepańska und Maria Kaczorowa sowie die Erinnerungen anderer Einwohner von Wadowice haben gezeigt, dass Emilia Wojtyła durch das Beharren des Arztes auf eine Abtreibung deprimiert war. Sie war sich der Bedrohung für ihr Leben und das Leben ihres Kindes voll bewusst, zumal die Diagnose aus dem Mund des bekanntesten Gynäkologen Wadowices der damaligen Zeit kam. Also musste sie sich zwischen ihrem eigene Leben und dem Leben des Kindes, das sie in ihrem Leib trug, entscheiden. Der tiefe Glaube Emilias erlaubte ihr nicht, die Abtreibugn zu wählen.

Hat Emilia mit anderen über ihre Risikoschwangerschaft und die Perspektive der Abtreibung gesprochen?

Nicht mit Fremden. Emilia hat es geheimgehalten, weil sie keine sehr mitteilsame Person war und nicht mit anderen über ihre privaten Angelegenheiten sprach.

Aber ihr Mann wusste alles...

Er war der erste, der es noch am selben Tag erfuhr. Für das Ehepaar Wojtyła musste das ein wirkliches Drama gewesen sein. Emilia und Karol liebten sich sehr, sie waren ein vertrautes Paar; also war es für sie ein großes Dilemma. Sie waren sich bewusst, dass die Ablehnung der Abtreibung eine ernsthafte Bedrohung für das Leben Emilias darstellte. Als Eltern war ihnen auch bewusst, dass Edmund noch klein war und seine Mutter brauchte. Andererseits war es für Emilia und Karol, die ihren Glauben ernst nahmen, inakzeptabel, ein ungeborenes Kind zu töten.

Welche Entscheidung hat das Ehepaar Wojtyła in dieser schwierigen Situation getroffen?

Sie trafen eine mutige Entscheidung. Das empfangene Kind sollte, unabhängig von allem, auf die Welt kommen. Und so begannen sie, einen anderen Arzt zu suchen. Ihre Wahl fiel auf Doktor Samuel Taub, der in Wadowice arbeitete und Untersuchungen in der Kaserne durchführte. Karol wandte sich an ihn, um Hilfe zu bekommen, in der Hoffnung sowohl das Leben seiner Frau als auch das des Kindes zu retten.

Wer war Doktor Taub?

Er war ein jüdischer Arzt aus Krakau. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er - wie viele andere jüdische Offiziere – mobilisiert. Im Jahr 1015 wurde er dem Garnisonskrankenhaus des 20. Landwehrregiments in Wadowice zugewiesen. Nach dem Krieg siedelte er sich definitiv in Wadowice an. Er galt als guter Spezialist und war wegen seiner karitativen Tätigkeiten sehr bekannt und beliebt.

Wie verlief der Besuch bei Doktor Taub?

Emilias Freunde erinnern sich an diesen Besuch. Der Arzt bestätigte, dass das Risiko von Komplikationen während der Geburt bestünde, einschließlich des Todes Emilias. Dennoch schlug er keine Abtreibung vor. Außerdem erklärte sie sich bereit, die Schwangerschaft der Frau zu betreuen. Er stellte nur eine Bedingung: Er würde auf ausdrücklichen Wunsch beider Ehegatten und auf deren Verantwortung solche Risiken eingehen.

Und das Ehepaar Wojtyła, besonders Emilia, wollten ein solches Risiko eingehen?

Emilia muss sich ihrer Rolle als Mutter sehr bewusst gewesen sein. Denn nur so eine Frau kann das Risiko wählen, lieber das eigene Leben in Gefahr zu bringen, statt ihr eigenes Kind zu verlieren. Tief in ihrem Herzen musste sie bereit sein, dieses Opfer für das Kind, das sie in ihrem Leib trug, zu bringen. Emilia hatte, ehrlich gesagt, eine scheußliche Schwangerschaft: Sie musste die meiste Zeit liegen und hatte noch weniger Kraft als sonst. In dieser Situation riet ihr Dr. Taub, liegen zu bleiben, oft auszuruhen und sich gut zu ernähren. Karol kümmerte sich sehr um seine Frau. Er kam sofort nach der Arbeit nach Hause, um bei ihr zu sein. Auch die Hebamme Tatarowa, die in Dr. Taubs Praxis arbeitete, betreute die schwangere Emilia.

Trotz der Schwierigkeiten brachte Emilia die Schwangerschaft bis zum Mai 1920. Wie war die Geburt?

Die Geburt ereignete sich am 18. Mai 1920. Für diese Jahreszeit war es ein extrem heißer Tag. Die Temperaturen erreichten die 30° C. Emilia lag im Wohnzimmer ihrer Wohnung in der Kościelna-Straße. Die Zeit der Entbindung rückte näher, also musste Karol die Hebamme rufen. Die Kind kam - wie es damals üblich war - zu Hause, in Anwesenheit einer Hebamme, zur Welt. Karol Wojtyła holte Jadwiga Pawłęgowa, die berühmteste Hebamme in Wadowice.

War Karol Wojtyła bei der Geburt anwesend?

Nein. Zu dieser Zeit war es nicht üblich, dass ein Mann bei der Geburt eines Kindes dabei war. Die Geburt war nur eine Sache der Frauen. Karol Senior und sein Sohn Edmund waren deshalb weggegangen und um 17.00 Uhr nahmen beide an der Andacht in der Pfarrkirche teil und sangen die Lauretanische Litanei. Wir wissen von den Berichten, dass Emilia die Hebamme bat, das Fenster zu öffnen: Sie wollte, dass das erste, was ihr Kind hören konnte, ein Lied zu Ehren Mariens sei. Emilia hat also ihr Kind zur Welt gebracht, während sie dem Gesang der Lauretanischen Litanei zuhörte. Das Kind kam außergewöhnlich groß und stark zur Welt. Es war ein gesunder Junge, der laut weinte, so als wolle er den Gesang der Menschen in der Kirche übertönen. Die Mutter war sehr gerührt, aber auch voller Freude und Glück ob dieses Wunders: Das Kind und sie lebten. Das Unmögliche war möglich geworden.

Hat Papst Johannes Paul II. zuweilen auch öffentlich von diese seine Geburt gesprochen?

Ja, der Papst kannte diese Geschichte gut. Er hat Kardinal Dziwisz erzählt, dass er beim Singen der Litanei zu Ehren der Gottesmutter geboren wurde. An seinem Geburtstag am 18. Mai 1997 sagte er in einer der Pfarreien, die er besuchte: "Ich bin zwischen 17.00 und 18.00 Uhr auf die Welt gekommen. Das ist die gleiche Stunde, in der ich - achtundfünfzig Jahre später - zum Papst gewählt wurde."

Was geschah mit Dr. Taub?

Dr. Taub rettete nicht nur Emilia Wojtyła und ihren Sohn, sondern auch viele andere Kinder und Bürger von Wadowice. Er war berühmt, weil er den Menschen bis zu ihrem Lebensende mit großer Hingabe gedient und sie oft kostenlos behandelt hat, wenn es nötig war. Er starb 1933. Während ich die Biographie von Emilia und Karol Wojtyła vorbereitet habe, fand ich sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Wadowice. Auf der Matzeva (jüdischer Grabstein) seines Grabes befindet sich eine Inschrift in polnischer und hebräische Sprache: "Dr. Samuel Taub. Arzt. Geboren am 1. Dezember 1869, gestorben am 3. Februar 1933. Mit großer Hingabe widmete er sein Leben der leidenden Menschheit". Im gleichen Grab ist der Sohn des Arztes, Leutnant Henryk Taub, begraben, der als Freiwilliger in die polnische Armee eintrat und als Soldat des 12. Infanterieregiments im Jahr 1919 im Kampf gegen die Tschechen getötet wurde.

Wahrscheinlich hat der Sohn des Arztes, als er Soldat in diesem Infanterieregiment in Wadowice war, Karol Wojtyła Senior, den Vater des zukünftigen Papstes Johannes Paul II., getroffen.

Als Erzbischof Wojtyła Kardinal wurde, sagte die Hebamme Tatarowa zu einer Freundin: "Schau, wenn dieser Taub nicht gewesen wäre, gäbe es heute keinen Kardinal Wojtyła!" Anders gesagt: Wenn es den jüdischen Doktor Samuel Taub nicht gegeben hätte, gäbe es keinen Papst Johannes Paul II. …

Das stimmt. Auch wenn man nicht weiß, ob dem Papst bewusst war, dass das Leben seiner Mutter und vielleicht auch sein eigenes Leben von dem jüdischen Arzt Samuel Taub gerettet wurde.

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