Kommentar: Wunder gescheh'n?

Gottes Schöpfung kann uns die Augen für das Wunderbare öffnen helfen.
Foto: Adina Voicu via Pixabay (Gemeinfrei)

Wenn Nena gerade nicht von 99 Luftballons singt, sondern mit lauter Stimme bekennt: "Wunder gescheh'n", dann heben Tausende die Hände und sind davon überzeugt, dass sie irgendwie Recht haben muss. Fragt man die gleichen Menschen am Ausgang der Konzerthalle, ob sie denn glauben, dass Jesus über's Wasser wandeln konnte, Brot vermehrt und Kranke geheilt hat, so werden sie kopfschüttelnd von Märchen sprechen, die man so nicht für wahr halten kann. "Wunder gescheh'n?" – ja oder nein?

Der übernatürliche Glaube steht und fällt mit dieser Frage, der "aufgeklärte" Leute gerne ausweichen. Da wird dann von "inneren Wundern der Bekehrung" geredet, von Zeichen, die literarisch auf den Messias hinweisen, oder gar vom nachösterlichen Glauben, der sich des Wunders bedient, um die frohe Botschaft in der jungen Kirche zu unterstreichen. Wie ein kleines Kind, das nie zu fragen aufhört, möchte man dann nachhaken: "Ja, schön und gut. Aber: Wunder gescheh’n? – ja oder nein!"

Es geht hier nicht um naive Mirakelsucht oder sensationslüsterne Hysterie, sondern letztlich um die Frage, ob Gott in diese Welt eingreift oder nicht. Nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch die gesamte Geschichte der Kirche ist voll von Wundern, die davon zeugen, dass der Gott, an den wir Christen glauben, mehr ist als die philosophisch denknotwendige "unverursachte Ursache". Gott wirkt Wunder – nicht wie der Zauberer auf der Bühne, der sein Publikum unterhalten will, sondern wie der Liebende, der die Geliebte immer wieder überrascht und zum Staunen bringt.

Die "Überraschungen Gottes" gehören zum Lieblingsvokabular von Papst Franziskus, und in der Tat offenbart sich der Herr immer wieder auf's Neue durch Zeichen in seiner Kirche. Gerade in den letzten Tagen und Wochen ist die Rede von mehreren Wundern, die die Kirche zu prüfen hat: Das portugiesische Fernsehen hat von einem neuen Sonnenwunder in der Nähe von Fatima berichtet; in Lourdes ist ein taub geborenes Mädchen geheilt worden und hat, zum noch größeren Erstaunen aller, fließend und klar gesprochen, was es zuvor nicht konnte, da es ja nie Sprache gehört hatte. In Polen hat eine Hostie geblutet. Ja, "Wunder gescheh'n!" – Und zu allen Zeiten der Kirchengeschichte, vielleicht aber in besonderer Weise heute, erinnert der Herr daran, dass es eine unsichtbare Welt gibt für die es sich zu leben, zu arbeiten und manchmal auch zu leiden lohnt.

Und es gibt sie doch: die große Liebe!

Es ist erstaunlich, warum so viele Menschen an abstrakte Werte und Ideale wie Liebe und Gerechtigkeit glauben können und fest davon überzeugt sind das dieser "Glaube" Wunder wirkt. Jeder Hollywoodfilm erinnert uns an das amerikanische Glaubensbekenntnis: "Glaub dran und Du wirst es schaffen!" Jede Liebesgeschichte mit happy end erzählt davon, dass es einzig und allein darauf ankommt einander zu vertrauen und dem Herz zu folgen. Dann wird alles gut! Wir glauben an Ideale, wir vertrauen unseren Gefühlen – aber warum zweifeln wir, wenn es um Gott geht? Ja, warum halten so viele die an die Macht der Liebe glauben, die Rede von einem Vater im Himmel, der für seine Kinder sorgt, für eine unsinnige Idee, der doch ganz offensichtlich das Leid in der Welt widerspricht? Warum ist es modern, "Träume" von einer besseren Welt zu haben, aber in den Augen so vieler lächerlich, diese aus der Hand des Herrn zu erwarten?

"The sinners are much more fun"?

Das Problem des modernen Menschen scheint gar nicht der radikale Atheismus zu sein. Irgendwie glauben alle an irgendetwas, denn ein Leben ohne Weihnachten, kirchliche Hochzeit und "Guten Tag" statt Grüß Gott" hält in unseren Breitengraden kaum jemand aus. Und wenn manche auch leichtfertig behaupten, es gäbe keinen Gott, so glaubt doch jeder Mensch an unsichtbare Werte – Liebe, Friede und Gerechtigkeit – obwohl Krieg und Hunger, vor allem aber der unausweichliche Tod, beweisen könnten, wie unsinnig es ist, auf eine bessere Welt zu hoffen. Diese Ideale sind freilich keine Personen. Wie leicht ist es, ein Hobby, einen Urlaubsort oder ein Musikstück zu lieben? Wie schwer dagegen, Menschen ein Leben lang treu zu bleiben und die Liebe zu ihnen zu bewahren, auch wenn sie nicht mehr "meinem Geschmack" entsprechen. Platonische Ideen liebt jeder, aber Gott ist eine existenzielle Herausforderung – nicht nur ein nettes, harmloses Hobby für den Sonntagvormittag. Das ahnt, wer auch immer mit Gott konfrontiert wird. Ein "Ja" zu ihm hat Konsequenzen – wie jede personale Beziehung. Deshalb entspricht dem unverfänglichen Credo so vieler "irgendwas gibt’s schon!" die Lebenshaltung: "bloß nicht übertreiben. "Heilig" werden will kaum einer mehr. Billy Joel kann deshalb auch lauthals singen: "I'd rather lough with the sinners than cry with the saints. The sinners are much more fun." – Mit den Sündern kann man mehr Spaß haben?

Das bessere Leben

Der Heilige ist kein netter, braver Spießbürger, sondern ein Mensch, der Gott radikal ernst nimmt und davon überzeugt ist, dass für ihn kein Ding unmöglich ist. "Glaub an Gott und Du wirst es schaffen!" Ein Christentum, in nicht wenigen Sonntagspredigten und Religionsstunden glauben machen will, dass Jesus kaum mehr fordere, als den Müll zu trennen und dem Nachbarn ein freundliches Lächeln zu schenken, ist tatsächlich langweilig. Eine Religion ohne Wunder ist unerträglich spießig und moralinsauer. Jesus verspricht seinen Jüngern in der Tat viel mehr als zumeist im "Wort zum Sonntag" an Lebensweisheiten angeboten wird. Seine Freunde werden Wunder sehen, weil sie von Gott überrascht werden, der der Lebendige ist, der eifersüchtig Liebende, der herausfordernde Freund. "Wunder gescheh'n" aber nur deshalb, damit es Heilige gibt, die sich auf die Provokation übernatürlicher Zeichen einlassen. Was, wenn es stimmt, dass eine Hostie blutet? Was, wenn die Muttergottes wirklich erscheint? Kann es dann wirklich mein Lebensziel sein, die Pension in Mallorca zu verbringen und im hohen Alter Sangria trinkend dieser schönen Welt Ade zu sagen? Wenn Wunder gescheh’n, dann ist wahr, was Leon Bloy gesagt hat: "Es ist gibt nur eine einzige Traurigkeit, nämlich die, kein Heiliger zu sein!"

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