Welche "Macht" erwacht da eigentlich? Die Philosophie und Religion des "Kriegs der Sterne"

Kylo Ren (Adam Driver), der neue Bösewicht auf der dunklen Seite der Macht in der Episode VII "Star Wars - Das Erwachen der Macht".
Foto: Disney
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Als im Mai 1977 "Star Wars" (Drehbuch und Regie: George Lucas) im US-amerikanischen Kino uraufgeführt wurde, sprach kaum etwas dafür, dass fast vier Jahrzehnte später dieses Weltraummärchen, das in Deutschland erst Anfang 1978 unter dem Verleihtitel "Krieg der Sterne" startete, in den Vereinigten Staaten die zweite Stelle in der ewigen Rangliste der inflationsbereinigt umsatzstärksten Filme einnehmen würde – direkt hinter "Vom Winde verweht" (1939) und noch vor "The Sound of Music" ("Meine Lieder, meine Träume", 1965). Visuell stellte "Star Wars" zwar alles in den Schatten, was der Zuschauer bis dahin an Weltraumfilmen kannte, insbesondere Stanley Kubricks "2001 – Eine Odyssee im Weltraum" (1968).

Auch filmtechnisch bedeutete "Krieg der Sterne" einen Meilenstein: Für die Schaffung völlig neuartiger Spezialeffekte gründete Lucas die Firma "Industrial Light & Magic", deren Erfindungen aus dem heutigen Hollywood-Kino nicht mehr auszudenken sind. Der Film machte auch das Dolby-System berühmt und ebnete darüber hinaus den Weg für das THX-Verfahren und die digitale Tontechnik, so dass rückblickend festgestellt werden kann: Kaum ein Spielfilm hat in den letzten vierzig Jahren die Sehgewohnheiten der Zuschauer, ja die Kinowelt so nachhaltig beeinflusst wie "Krieg der Sterne".

Der Kern der Saga

Die Handlung, der Kampf einer eine alte Republik verteidigenden Rebellengruppe gegen ein übermächtiges Imperium, nahm sich jedoch im Vergleich dazu kaum originell aus. Diese Einschätzung änderte sich freilich, als in der Fortsetzung "Das Imperium schlägt zurück" (1980) eine Szene dem gesamten Epos eine tiefgreifende Ebene hinzufügte. Darin erkennt Luke Skywalker (Mark Hamill), der vaterlos aufgewachsene Bauernjunge aus einem Planeten am äußersten Rand der Galaxie, dass der bereits im ersten Film als der Böse schlechthin auftretende Darth Vader in Wirklichkeit sein Vater ist. Dieser, der "mehr Maschine als Mensch ist", erkennt seinerseits sein Vatersein. Der ödipale, einer Shakespeare-Tragödie würdige Vater-Sohn-Konflikt stellt sich nun als der eigentliche Kern der "Star Wars"-Saga heraus. Damit geht aber auch eine allgemein gültige Frage einher: Über die politische Fragestellung hinaus, wie eine demokratisch verfasste republikanische Ordnung in ein totalitäres Regime umschlagen kann, fragt "Star Wars" nach der Entstehung des Bösen. Drei Jahre später vollendete der Schöpfer der "Star Wars"-Saga George Lucas die Trilogie mit "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" (1983). Äußerlich handelt der Film zwar vom Sieg der Rebellen über das Imperium. Die eigentliche Wendung besteht jedoch in der Abkehr Darth Vaders vom Imperator. Durch die sich aufopfernde Liebe seines Sohnes, der noch das Gute im Tiefsten seines Vaters erkennt, wird der Böse erlöst und das Böse besiegt. Die sogenannte Original-Trilogie, die aus den Episoden IV ("Eine neue Hoffnung"), V ("Das Imperium schlägt zurück") und VI ("Die Rückkehr der Jedi-Ritter") bestand, war nun vollendet.

Der zentrale Begriff: "Die Macht" (The Force)

Dennoch blieb eine Frage ungelöst: Wie verfiel der Jedi-Ritter Anakin Skywalker "der dunklen Seite der Macht"? Ende der neunziger Jahre kündigte George Lucas an, in drei Episoden die Vorgeschichte dieses Anakin Skywalker und dessen Verwandlung in den Schwarzen Lord Darth Vader erzählen zu wollen. So entstand in den Jahren 1999 bis 2005 die "Prequel"-Trilogie. Die neue Trilogie begann allerdings mit einer Enttäuschung: "Episode I – Die dunkle Bedrohung" (1999) zeichnete sich nicht nur durch eine kindische Handlung aus, die mit den ursprünglichen drei Filmen kaum zu tun hatte. Darüber hinaus erfolgte eine Trivialisierung des für "Star Wars" zentralen Begriffs der "Macht" (im Original: "Force"). Diese Macht, die das gesamte Universum durchdringt und zusammenhält, wurde biologistisch ausgelegt: Sie beruhe auf "Midi-Chlorianern", mikroskopisch kleinen Lebensformen, die sich in allen Zellen finden. Anakin Skywalker besitze den höchsten jemals gemessenen "Midi-Chlorianer-Wert". Unerträglich für Christen kam es hinzu, dass für Anakin Skywalker eine Jungfrauengeburt suggeriert wurde. Die nächsten zwei Filme der "Prequel"-Trilogie versuchten, wieder an die Original-Trilogie anzuschließen. Nach der diffusen Esoterik von "Episode I" orientierte sich "Episode II – Angriff der Klonkrieger" (2002) wieder eher an christlichen Vorbildern, etwa im an mittelalterliche Ritterorden angelehnten "Jedi-Orden". Die Jedi-Ritter sorgen für Frieden und Ordnung, zu ihrer Lebensweise gehören ein zölibatäres Leben und Gehorsam gegenüber den Weisungen der Oberen. Gerade die Missachtung der Zölibats- und Gehorsamspflichten durch Anakin Skywalker zieht ihn auf die "dunkle Seite der Macht", liefert ihn dem Bösen aus. "Episode III – Die Rache der Sith" (2005) zeigt den endgültigen Fall Anakin Skywalkers (Hayden Christensen): Der finstere Sith-Lord Darth Sideous (Ian McDiarmid) nutzt Anakins verbotene, ihn blind machende Liebe zu seiner schwangeren Frau Padmé (Natalie Portman) aus, um ihn auf die dunkle Seite zu ziehen, sowie mit seiner Hilfe den Jedi-Orden zu vernichten. Obwohl es George Lucas in "Episode III – Die Rache der Sith" schaffte, zum Kern der Star Wars-Saga mit dem epischen Kampf von Gut und Böse zurückzukehren, ging in der "Prequel"-Trilogie die Handlung in der Wucht der Computertechnik mit ihrer atemberaubenden Bilderbeschleunigung sowie ihren exotischen Schauplätzen und Kreaturen teilweise unter. Für Charakterzeichnung, die in der Original-Trilogie eine zentrale Rolle spielte, blieb kaum Platz. Deshalb gelten die Episoden I bis III unter "Star Wars"-Kennern insgesamt als Missgriff.

Der einzige Kritikpunkt an "Episode VII"

Nachdem George Lucas für etwa vier Milliarden Dollar seine Rechte an "Star Wars" an den Disney-Konzern verkauft hatte, wurde eine neue, die "Sequel"-Trilogie mit den Episoden VII, VIII und IX angekündigt, die an die erste, die Original-Trilogie anknüpfen sollte. So ist die Handlung von "Episode VII – Das Erwachen der Macht" ("The Force Awakens", 2015) 30 Jahre nach Episode VI "Das Imperium schlägt zurück" angesiedelt. Regisseur J. J. Abrams sowie seine Mit-Drehbuchautoren Lawrence Kasdan – der bereits an den Episoden V und VI "Das Imperium schlägt zurück" (1980) und "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" (1983) beteiligt war – und Michael Arndt bleiben der Original-Trilogie treu. Aus dem untergegangenen Imperium brachte die Dunkle Seite der Macht die Erste Ordnung hervor, deren Statthalter der düstere Oberste Anführer Snoke und sein Stellvertreter, der mit Maske und Lichtschwert ausgestattete Kylo Ren (Adam Driver), sind. Die Rebellen heißen nun "Widerstand", aber dies alles ist eine einfache Spiegelung der Kräfteverhältnisse in "Krieg der Sterne". Die Autoren erfinden zwar neue Figuren – insbesondere die junge Schrottsammlerin Rey (Daisy Ridley), die sich zusammen mit dem desertierten Erste Ordnung-Soldaten Finn (John Boyega) auf die Suche nach dem Widerstand macht, sowie der beste Pilot des Widerstandes Poe Dameron (Oscar Isaac) und der kleine Droide BB-8  –, die mit den bereits bekannten Veteranen sehr gut harmonieren. Aber nicht nur das Drehbuch und die Dramaturgie, sondern auch die Kamerafahren, die Einstellungen, ja sogar die Lichtschwert-Kämpfe und der Humor stehen der Original-Trilogie sehr nah – so der beinahe einzige Kritikpunkt an "Das Erwachen der Macht". George Lucas nannte "Episode VII" deshalb abschätzig einen "Retro-Film", obwohl er sich später bei Disney für seine Äußerungen entschuldigte.

Das moralische Universum und seine Gegensätze

Im Unterschied zur diffusen Esoterik der "Prequel"-Trilogie ist in "Episode VII" die Star-Wars-Welt ähnlich der ursprünglichen Trilogie ein moralisches Universum: Gut und Böse sind klar unterschieden. Die Helden werden versucht, der guten Seite zu entsagen und der dunklen Seite zu verfallen. Auf der einen Seite herrscht Rache, Egoismus, Machtstreben. Auf der anderen Seite Freundschaft, Hingabe, Liebe. Im neuen Film sind solche Werte und Konflikte allgegenwärtig und ebenso der Vater-Sohn-Konflikt. Die Transzendenz, die in der ursprünglichen Trilogie etwa präsent ist, wenn Luke Yoda, Obi Wan-Kenobi und zuletzt auch seinen Vater in einer verklärten, jenseitigen Gestalt sieht, kehrt in "Das Erwachen der Macht" insbesondere in einer kurzen Szene zurück, als eine Figur den gestorbenen Freund mit den Worten verabschiedet: "Wir werden uns wiedersehen – ich glaube fest daran".

Warum "Star Wars" eine Art "Ilias" ist

"Star Wars: Das Erwachen der Macht" bricht zurzeit alle Kassenrekorde. Interessanter als solche Statistik dürfte indes die Frage sein, wie dieses Phänomen filmhistorisch und gesellschaftspolitisch einzuordnen ist. Zum bundesdeutschen Start von "Star Wars: Das Erwachen der Macht" widmete sogar das "Philosophie-Magazin" dem Weltraumepos ein eigenes Sonderheft mit dem Titel "Star Wars – Der Mythos unserer Zeit". Bereits im Editorial stellt Catherine Newmark, Chefredakteurin der Sonderausgabe, fest: "‚Star Wars’ entwirft vor allem eine überaus ausgereifte und geradezu klassische Mythologie, die uns genau deshalb so fasziniert, weil sie grundlegende psychologische und philosophische Fragen verhandelt: Wie geht die Gesellschaft mit Macht um? Worin liegt das Wesen der Furcht? Können wir uns unserer eigenen Endlichkeit stellen? Was ist die Natur des Konflikts zwischen Gut und Böse? Und welche Freiheit bewahrt das Individuum im Spiel des Schicksals und höherer Mächte?" Altphilologe Heinz Wismann nennt "Star Wars" eine Art "Ilias". Er weist auf die "Aristien" hin, Heldentaten, die mit Hilfe der von einer Gottheit eingeflößten Macht in Homers Epos über den Trojanischen Krieg vollbracht werden: "In ‚Star Wars" haben wir auch mit nichts anderem als Aristien zu tun. ‘Star Wars’ ist eine Art ‘Ilias’". Mit ihm stimmt Tobie Nathan, emeritierter Professor für Kulturwissenschaften an der Universität Paris VIII, überein: "Im Pantheon der Mythenstifter wird George Lucas einmal seinen Platz neben Homer finden. Wie Homer hat Lucas eine Vielzahl unterschiedlicher Mythen und Erzählungen gesammelt und in einem großen Epos miteinander verwoben."

Der überwältigende Wunsch, Gutes zu tun

Unter der Überschrift "Das böse Subjekt" beschäftigt sich im Sonderheft der slowenische Philosoph Slavoj Žižek mit einer zentralen Frage im "Star Wars"-Universum: "Wie wird der gute Anakin zum bösen Darth Vader?" Žižek setzt diese Frage auf der individuellen Ebene mit der politischen Frage parallel: "Wie wird aus einer Demokratie eine Diktatur?" Žižek wirft Lucas vor, in "Episode III" die Verwandlung Anakins in Darth Vader ohne "angemessene tragische Größe" inszeniert zu haben. "Statt Anakins Hybris in den Mittelpunkt zu stellen, seinen überwältigenden Wunsch einzugreifen, Gutes zu tun, für die, die er liebt (Padmé Amidala), aufs Ganze zu gehen und so der dunklen Seite zu verfallen, wird Anakin als bloßer unentschlossener Krieger dargestellt, der Schritt für Schritt ins Böse abrutscht, weil er der Versuchung der Macht nachgibt und so zur Beute des bösen Imperators wird."

"Bodensatz des westlichen Rationalismus"

Zu der anderen Frage, die im Zusammenhang mit Lucas’ Epos immer wieder angeführt wird, was nun unter der "Macht" (Original: "Force") zu verstehen sei, bezeichnet sie Tristan Garcia, Philosophie-Dozent an der Universität Lyon, als "der mythische Bodensatz der Geschichte des klassischen westlichen Rationalismus. Das, was die Vernunft nicht erklären kann, erklärt nun alles und wird zum Prinzip des gesamten Seins." Gerade deshalb verfälsche die "pseudowissenschaftliche Erklärung durch die Midi-Chlorianer" den Mythos. Denn die Macht sei mythisch, "weil sie sich allen Kriterien entzog, die Newtons ‚Principia’, Descartes’ ‚Methode’ oder die später von Claude Bernard formulierten Regeln der experimentellen Wissenschaft aufgestellt hatten."

Kampf nach Freiheit und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg

Parallelen zu politischen Systemen zieht Martin Legros, Philosoph und Journalist sowie Redakteur des französischen "Philosophie Magazins". Er weist auf den Einfluss des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs 1775–1783, der zur Lossagung der 13 nordamerikanischen Kolonien vom britischen Mutterland führte. "Die zwei zeitlichen Ebenen der Handlung entsprechen – in der Reihenfolge ihrer Entstehung – genau den beiden großen Phasen der Amerikanischen Revolution. Auf den Kampf einer nach Freiheit strebenden Rebellenallianz (Episoden IV, V und VI) folgt die innere Krise einer Republik, die mit Korruption und Machtmissbrauch zu kämpfen hat (Episoden I, II und III). Und schließlich ist die politische Ideologie von ‘Star Wars’ deutlich von einem Republikanismus geprägt, dessen Grundideen direkt der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung entlehnt sind."

Han Solo: Der Mann, der nicht glauben will

Wie verhält sich "Star Wars" zur Religion? Im Sonderheft des "Philosophie Magazins" zitiert Tomáš Sedláček, Dozent für Wirtschaftsgeschichte und Philosophie an der Karls-Universität Prag, einen zentralen Satz aus "Star Wars": "Ich finde Ihren Mangel an Glauben beklagenswert". Allerdings ist der Glaube, von dem Sedláček hier spricht, kaum etwas Transzendentes. Zwar stellt er fest: "Alles dreht sich um den Glauben. Diese Helden/Erlöser wollen glauben, aber sie schaffen es nicht, sie glauben ein bisschen, sie wollen stärker glauben, doch es gelingt ihnen nicht, ihren Geist von den empirischen Erfahrungen der Vergangenheit zu befreien". Dies bezieht sich jedoch auf einen irrationalen Glauben: "Sei es ein Geisterfilm oder auch ‘Star Wars’, immer gibt es einen, der nicht glauben will. Zumeist einen Soldaten, Polizisten oder eine ähnliche sinnbildlich für Ordnung stehende Figur; bei ‘Star Wars’ ist es Han Solo. Statt einfach hinzunehmen, dass es Geister, Vampire oder die ‘Force’ gibt, will diese Figur eine rationale Erklärung."

Eine Ersatzspiritualität für biedere Protestanten?

Die weltanschaulichen Hintergründe von "Star Wars" speisen sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, auch in religiöser Hinsicht. Hier spielen taoistische und buddhistische Lehren genauso eine Rolle wie eindeutig christliche Motive. Im Sonderheft des "Philosophie Magazin" nennt dies Julian Baggini, Philosoph und Mitbegründer von "The Philosopher’s Magazine", einen "küchenphilosophisch-spirituellen Gemischtwarenladen". Unbewusst habe Lucas als Kind seiner Generation "ein paar schlichte, beruhigende Glaubenssätze" zusammengesucht, "die ein gewisses Gegengewicht zum bloßen Streben nach Reichtum bilden konnten." Darin sieht Baggini auch den Schlüssel zur Anziehungskraft von "Star Wars": "Im Gewand der Ersatzspiritualität scheint sich eine Alternativen zur biederen, angelsächsisch-protestantischen Kultur des weißen Amerikas zu bieten. Doch im Kern ist die vermeintliche Alternative ebendiese Kultur selbst, in asiatische Mönchskutten gekleidet." Interessant ist es allerdings die Aussage, die Julian Baggini einem Resümee entnimmt, den Georg Lucas im Jahre 1999 aus der "Star Wars"-Saga zog: "Am Ende wird Vader von seinen Kindern erlöst oder vielmehr dadurch, dass er Kinder hat."

Wie Hollywood aus der Sackgasse des Nihilismus kam

Die im "Philosophie Magazin"-Sonderheft zusammengetragenen philosophisch-psychologischen Betrachtungen gehen jedoch nicht auf die historische Einordnung der Entstehung von Georg Lucas’ neuem Mythos ein. Darin liegt allerdings dessen Beitrag zur Filmgeschichte. Um diesen würdigen zu können, lohnt ein Blick auf den zu deren Entstehungszeit vorherrschenden Film. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre befand sich das Hollywood-Kino in der vielleicht größten Krise seiner Geschichte. Die Ursachen für die Krise werden häufig in äußeren Umständen geortet, etwa in der flächendeckenden Ausweitung des Fernsehens, das zudem in jenen Jahren hervorragende TV-Series produzierte. Selten wird aber darauf hingewiesen, dass sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre das Kino durch eine Reihe Antihelden auszeichnete, die nicht nur gegen alle Regeln verstießen, sondern auch eine zynische Grundhaltung annahmen. Etliche der erfolgreichsten und bis heute bekanntesten Spielfilme aus dieser Zeit – von "Bonnie and Clyde" (1967) und "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968) über "French Connection" (1971) und "Der Pate" (1972) bis "Chinatown" (1974) und "Network" (1976) – kennzeichnet eine menschenverachtende, ja nihilistische Grundeinstellung. Demgegenüber stellten George Lucas und Steven Spielberg mit "Krieg der Sterne" (1977) und "Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes" (1981) den Helden wieder in den Mittelpunkt von klassisch anmutenden Abenteuergeschichten. Die zwei "Wunderkinder" Hollywoods machten Spielfilme wieder populär, in denen auf beinah naive Weise zwischen Gut und Böse unterschieden wurde. Damit führten sie den Hollywoodfilm aus der Nihilismus-Sackgasse und sorgten für einen Neuanfang im Kino.

Eine herausragende Rolle der nächsten Episode

Im Zusammenhang mit den mythologischen Gehalt von "Star Wars" wird immer wieder auf den Einfluss des Kulturwissenschaftlers Joseph Campbell (1904–1987) auf George Lucas hingewiesen. In seiner Abhandlung "Der Heros in tausend Gestalten" (1949) zeigt Campbell ähnliche Erzählstrukturen in unterschiedlichen Mythologien auf, so etwa der jugendliche Held, der am Rande der Zivilisation aufwächst und dann von einem Mentor in seine eigentliche Berufung eingeführt wird, die dem Wohl der Allgemeinheit dient. Dies trifft auf Luke und Obi Wan-Kenobi genauso wie auf Frodo und Gandalf in "Der Herr der Ringe" zu. Mit Tolkiens Epos hat die "Star Wars"-Welt jedoch weitere Gemeinsamkeiten. Dies äußert sich beispielsweise in der Figurenkonstellation Gandalf-Frodo-Aragorn, die sich in Obi Wan-Kenobi, Luke und Han Solo widerspiegelt. Tomáš Sedláček weist auf eine weitere Gemeinsamkeit hin: Der "scheinbar Böse" Darth Vader vernichtet am Ende das "wahre Böse", den Imperator  – "so wie Gollum in der ‘Herr der Ringe’-Saga: Er ist es, nicht Frodo, der den Ring des Bösen schließlich im Feuer des Schicksalsberges zerstört." Beiden Erzählungen ist es darüber hinaus der Grundgedanke gemeinsam, dass die Mächtigen eher für die Verlockungen des Bösen anfällig sind. Aus diesem Grund wird ein Hobbit auserwählt, den einen Ring der Macht zu tragen und zu vernichten, während etwa Galadriel und Gandalf es ablehnen, den "einen Ring" in ihren Besitz zu nehmen. Im Weltraumepos werden für wichtige Aufgaben in der Original-Trilogie der Bauernjunge Luke, in "Das Erwachen der Macht" die junge Schrottsammlerin Rey auserwählt. So darf von Ray vermutet werden, dass sie in den nächsten Episoden der "Sequel"-Trilogie eine herausragende Rolle spielen wird.

Dr. phil. José Garcia ist freier Journalist und Filmkritiker.