Statt Hagiographien für Hollywood, ein Film "wie ein Gebet" über Maria

Wie ein junger Filmemacher versucht den "Analphabetismus des Herzens" moderner Menschen durch seine Arbeit zu lösen

Bereits mehrfach nominiert: "Full of Grace" ist ein Film als Gebet – und mehr.
Foto: www.fullofgracefilm.com

Als T. J. Berden und sein Filmteam begannen, den Film "Full of Grace" – "Voll der Gnade" – zu produzieren, wussten sie schon, dass sie etwas Neues schaffen wollten. Und prompt kam es dann ganz anders, als die jungen Filme-Macher meinten.

Irgendwann zwischen Michelangelo und Gegenwart entstand eine Kluft zwischen Kunst und Christentum. Einst eine der größten Quellen für künstlerische Inspiration, fehlte Berden und seinem Team etwas am Christentum, so wie es in moderner Kunst beschrieben wird – es sprach sie als moderne Menschen nicht an.

Als sich T. J. Berden deshalb mit 2013 mit Produzent Eric Groth und Drehbuchautor/Regisseur Andrew Hyatt traf, um über Heiligen-Filme zu sprechen, wurde daraus schnell etwas ganz anderes.

Statt Hagiographien für Hollywood zu produzieren, einen Film zu machen, der die eigenen, unvollkommenen, menschlichen Erfahrungen mitschwingen kann: So der neue Anspruch. 

Berden bringt es auf den Punkt:  "Ich denke, wenn die Menschen diese Darstellungen sehen, die aussagen wollen: 'Nimm Jesus an und Dein Leben wird perfekt sein ' – dann ist das ein Wohlstandsevangelium, es ist schlechte Kunst", sagte Berden der CNA. "Es reagiert nicht auf die Bedürfnisse, die ich als moderner Mensch habe. Darum fühlt es sich nicht vernünftig an und dementsprechend wirkt das Christentum unvernünftig."

"Wir wollten die Figuren (aus dem Evangelium) davon wegholen, nur Statuen zu sein und sie zu echten Menschen machen", erklärte er.

Anstatt zu versuchen, dem Publikum etwas zu predigen, begannen Berden und seine Crew eine interessante Geschichte zu erzählen. Sie beschlossen, sich auf das Leben und die Perspektive Marias, der Mutter Gottes, zu konzentrieren, nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren war und die Apostel zurückgelassen hatte, um die Kirche aufzubauen.

Viele Elemente dieses Teils des Evangeliums schienen reif zu sein, um im modernen Menschen eine Resonanz zu finden, denn sie behandeln Themen wie den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen, die Mühen, die Gegenwart Christi in der Welt zu erkennen, eine Kirche in der Krise.

"Maria ist so eine Art Sinnbild, die Erinnerung an Christus nie zu verlieren, sie ist wie der Wächter der Erinnerung", sagte er.

"Aber alle Typen um sie herum sind ein bisschen durcheinander, die Welt ist ein Chaos, sie versuchen, herauszufinden, was die Kirche ist; es gab zu der Zeit ja noch keine Kirche, das Christentum wurde nicht einmal Christentum genannt", erklärte Berden. "Sie blieben bloß zusammen durch die Erinnerung an den, der sie liebte."

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So sehr der Film von Maria handelt, wurde er schließlich auch eine Geschichte über Petrus. Zurückgekommen nach einem zehnjährigen Versuch, die Welt zu evangelisieren, zeigt der Film den ersten Papst also immer noch sehr unsicher darüber, wie und wohin er die Kirche führen soll.

Es sei eine Art Verrat, so Berden, wenn christliche Kunst die Heiligen dieser menschlichen Elemente des Leidens, der Verwirrung und der Unsicherheit beraubt.

"So steht es auch in der Schrift: Petrus verleugnete Christus", betonte Berden. "Er ist der große, moderne verrückte, Mensch – am einen Tag ist er ganz dabei und verliebt, am nächsten Tag läuft er weg und ist traurig, aber nichts davon zählt."

Das ist eine Geschichte, die zum größten Teil noch nicht erzählt wurde.

"Man will immer etwas zeigen, das noch nie zuvor auf dem Bildschirm gezeigt worden ist, das ist stets der Anspruch eines Filmemachers", sagte Berden. "Wir zeigen zum ersten Mal das Entschlafen und die Himmelfahrt Mariens auf der Leinwand; das sind Momente, die tatsächlich noch nie zuvor in einem Film zu sehen waren."

Sacred Arthouse – ein neues Genre

Während der Film "Full of Grace" entstand, entwickelte sich auch die Idee für Film als Symbolbild, als heilige Kunst; ein Genre, das Berden begonnen hat, "Sacred Arthouse" zu nennen. Unter “Arthouse” versteht die englischsprachige Welt Filme, die einen gewissen Anspruch haben, also nicht (nur) als Blockbuster mit viel Action oder Schnulzen-Romantik Kasse machen.

"Full of Grace" unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von typischen Strukturen und Elementen heutiger Filme: Das langsamere Tempo oder der Schwerpunkt auf Dialog und auf schöne Bilder versuchen, die Zuschauer in den Film zu ziehen – als sei er eine Art Gebet –  anstatt sie durch einen lauten Soundtrack und explosive Handlung am Sitzrand zu halten.

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"Manchmal fordert Dich eine Geschichte auf, sie auf eine andere Art zu erzählen", erklärte Berden.

Film als Gebet

"Wir haben den Film mit dieser Perspektive vorgeführt, und die Menschen eingeladen, ihn auch in dieser Weise zu sehen, als Gebet, als etwas, das ihren Leben helfen kann, und es hat die Erfahrung verändert. Der Film wird zu einer Art Ikone; er verändert Dich. "

Sie haben sogar die Art und Weise den Film zu zeigen, geändert: Die Vorführungen in den großen, kastenförmigen Film-Komplexen in Einkaufszentren fühlten sich falsch an. Jetzt wählen sie sorgfältiger die Orte aus – es sollen solche sein, die die Zuschauer darauf vorbereiten, den Film in der richtigen Art zu empfangen – und zeigen ihn etwa in Kirchen oder in schönen Indie- und Arthouse-Kinos. 

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"Wir wollen den Menschen ein Erlebnis bieten", sagte er. Die oft auch in sakraler Kunst ausgedrückte Intimität einer Kirche versetze viele Menschen erst in die Lage, solche Kunst zu empfangen.

Sakralkunst sei stets bemüht, zu den Menschen in der Welt zu sprechen, sagte Berden. Im Mittelalter bestand sakrale Kunst aus Buntglasfenstern und Mosaiken, um den analphabetischen Massen in der Kirche die Geschichte von Christus zu erzählen.

Heute bestehe eine andere Art von Analphabetismus, eine andere Not, auf die sakrale Kunst reagieren müsse.

"Der Mensch im Mittelalter hat problemlos verstanden, dass er eine abhängige Kreatur ist", so Berden. "Er konnte nicht lesen, er hatte keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung und er lebte in vielerlei Hinsicht ein armes Leben."

"Heute haben wir eine Menge Vorteile: Heute lesen die Menschen und dennoch gibt es eine andere Art von Analphabetismus", fügte er hinzu. "Es ist ein Analphabetismus des Herzens, es ist eine Krise der Person. Wir wissen nicht, wer wir sind; also ist auch die Frage sehr durcheinander, wer wir in der Beziehung zu diesem Gott sind. "

"Darum wollen wir das beste von sakraler Kunst aus Kirche und aus Tradition nutzen, aber wir möchten in der Lage sein, dieses modern und zeitgenössisch zu erzählen; durch die Technologie, die wir haben und durch die Erfahrungen des modernen Menschen."

Darum sei es so essentiell für moderne heilige Kunst, dass sie mit Authentizität spricht; etwas, das sich Berden und seine Crew hart erarbeiten mussten.

"Wenn ein Filmemacher etwas für sich selbst macht, nicht im Sinne eines egoistischen Unterfangens, sondern als etwas, das wirklich sein Leben anspricht, dann ist das die einzige Chance, die man hat, damit das Ergebnis auch im Leben eines anderen eine Resonanz findet," sagte er.

Katholischsein in Hollywood

Es sei schon irgendwie überraschend gewesen, wie gut der Film in der weiten Welt von Hollywood angekommen sei, bemerkte Berden.

"Im Moment ist die Bibel heißer Stoff, der Film wurde sofort aufgegriffen", sagte er.

Erst Schauspieler, dann Dokumentarfilmer, dann Filmproduzent: Ursprünglich sei er nach Hollywood gekommen, um die Kultur dort zu verändern, sagte Berden. Es war eine demütigende Erfahrung für ihn zu erkennen, dass Gott derjenige sei, der dieses letztlich vollbringe.

"Damit habe ich Schwierigkeiten, denn ich merkte, dass ich nicht einmal mich selbst ändern konnte", sagte er. "Es hat mir aber geholfen, mehr ich selbst zu sein und zu sagen, dass dieses meine Geschichte ist, dass ich dorther komme."

Einer der effektivsten Möglichkeiten seinen Glauben zu teilen, läge in den einfachen Dingen, wie der Versuch, am Set eine menschlichere Umgebung zu schaffen und Menschen mit der Würde, die sie verdienen, zu behandeln.

Einige der Menschen am Set, die keine Christen waren, merkten sogar an, dass die Produktion von "Full of Grace" eine erfrischende Erfahrung für sie gewesen sei.

"Einer am Set, der kein Christ ist, sagte: Wenn das die Kirche ist, dann ist sie interessant. Es ist nicht das, wofür wir sie von Außen halten'", erinnerte sich Berden.

Das eigene Leben so zu leben: Das sei für angehende christliche Künstler und Filmemacher das Beste, das sie machen können, sagte Berden.

"Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit", so Berden. "Jede Chance, die kommt, ist eine Gelegenheit zu wachsen und mehr man selbst zu werden. Und das ist die interessanteste Frucht des Filmemachens: Die Frucht dessen, was man durchgestanden hat."

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Pfarrgemeinden oder andere, die interessiert sind, "Full of Grace" zu zeigen, können weitere Informationen hier finden.