Redaktion, 09 Januar, 2026 / 4:00 PM
Niemand könne Freiheit als bloße Selbstbehauptung gegen die Wirklichkeit verstehen, sagte Kardinal Timothy Radcliffe OP mit Blick auf Transgender-Debatten. Der moderne Freiheitsbegriff, nach dem Identität reine Entscheidung sei, verkenne die Grundgegebenheit der Biologie und führe in eine Illusion.
Radcliffe, ein enger Weggefährte des verstorbenen Papstes Franziskus, hat sich in einem Interview mit dem „Telegraph“ ungewöhnlich klar zu Fragen von Geschlecht, Freiheit und Identität geäußert und dabei den gängigen Selbstbestimmungsnarrativen widersprochen. Gleichzeitig zeigte er sich in demselben Gespräch offen dafür, „schnell“ Schritte in Richtung einer Weihe von Frauen zu Diakonen zu gehen.
Der Kardinal eröffnete am Mittwoch das außerordentliche Konsistorium im Vatikan am 7. Januar mit einer „Meditation“ für die 170 versammelten Kardinäle. Sein geistlicher Impuls diente als Einstimmung auf diese Tage der Beratung und Begegnung.
Eine vergleichbare Rolle hatte Radcliffe bereits bei der Weltsynode zur Synodalität: Dort formulierte er als geistlicher Begleiter wiederholt die vorgesehenen Meditationen bzw. „spirituellen Inputs“ für die Versammlung.
„Persönlich“, sagte Radcliffe über Menschen, die sich als transgender identifizieren, „gibt es nur sehr wenige Menschen, die unter Geschlechtsdysphorie leiden. Man muss sie willkommen heißen.“ Zugleich zog er eine scharfe Grenze gegenüber einem Verständnis von Identität als bloßem Willensakt.
Er betonte: „Ich glaube nicht, dass jemand einfach sagen kann: ‚Ich habe das Recht zu sagen, dass ich eine Frau bin‘, denn unsere Biologie ist grundlegend.“ Radcliffe differenzierte dabei zwischen Begleitung von Menschen und einer abstrakten Ideologie der Selbstdefinition.
„Wenn Menschen wirklich eine Ambiguität in ihrer Geschlechtsidentität haben, begleite sie [auf ihrem Weg] – aber du entdeckst, wer du bist, im Abenteuer des Lebens“, erklärte Radcliffe.
Identität entstehe nicht aus einem Entschluss: „Man steht nicht auf und sagt: ‚Ich habe beschlossen, dass ich das sein werde.‘ Das ist eine falsche, illusorische Vorstellung von Freiheit.“
Radcliffe schilderte auch seine Teilnahme am Konklave nach dem Tod von Papst Franziskus und widersprach der Vorstellung eines von Intrigen geprägten Machtkampfes. „Man spürte keine großen politischen Manöver – wir waren fernab von sozialen Medien, ohne Nachrichten“, berichtete er.
Statt Rivalität habe eine gemeinschaftliche Atmosphäre geherrscht: „Wir sahen uns nicht als Feinde und Rivalen. Wir scherzten, wir lachten, es war eine sehr entspannte Atmosphäre – brüderlich.“
Papst Leo XIV. sei gewählt worden, um Gegensätze zu überbrücken. „Wir haben Leo gewählt, weil er beides konnte – er konnte die Dinge vorantreiben und gleichzeitig Menschen zusammenbringen“, so der Kardinal.
Mit Blick auf die Frage der Frauenordination warnte Radcliffe vor westlicher Selbstüberhebung. „Es wäre arrogant vom Westen zu behaupten, dass unsere Vorstellungen von Fortschritt die einzig richtigen sind“, betonte Radcliffe.
Zugleich widersprach er der These, Frauen hätten in der Kirche keine Bedeutung: „Zum ersten Mal in der Geschichte leiten Frauen zwei Abteilungen im Vatikan.“ Die Fixierung auf Weiheämter hält er dabei für verkürzt. „Es ist eine sehr klerikale Sichtweise zu glauben, dass nur Priester wichtig sind. Heilige sind wichtiger als Priester“, sagte der Kardinal.
Radcliffe erklärte dennoch, er sei dafür, „schnell“ die Weihe von Frauen zu Diakoninnen voranzubringen. Damit unterschied er ausdrücklich zwischen dem Diakonat und dem Priesteramt und plädierte für einen Schritt, der nach seiner Darstellung weniger grundsätzliche Hürden habe als die Frauenordination zum Priestertum.
„Manche haben vielleicht Vorurteile gegenüber Frauen, andere sagen, dass es nicht der Tradition entspricht. Es kann durchaus ehrenwerte Gründe geben. Wenn ein Priester geweiht wird, um die gesamte Kirche zu vertreten, dann muss die gesamte Kirche zustimmen“, betonte er.
Sein Vorstoß erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Rom die Debatte zuletzt eher begrenzt hatte: Erst im Dezember 2025 wurde eine vatikanische Studienauswertung bekannt, die eine Öffnung des Diakonats für Frauen eher ablehnend beurteilte und keine Grundlage für eine Einführung sah.
(Die Geschichte geht unten weiter)
Erhalten Sie Top-Nachrichten von CNA Deutsch direkt via WhatsApp und Telegram.
Schluss mit der Suche nach katholischen Nachrichten – Hier kommen sie zu Ihnen.
Unsere Mission ist die Wahrheit. Schließen Sie sich uns an!
Ihre monatliche Spende wird unserem Team helfen, weiterhin die Wahrheit zu berichten, mit Fairness, Integrität und Treue zu Jesus Christus und seiner Kirche.
SpendenDie Besten katholischen Nachrichten - direkt in Ihren Posteingang
Abonnieren Sie unseren kostenlosen CNA Deutsch-Newsletter.