In der Moderne ist es zeitweilig modisch, nicht allein törichterweise „Jesus ja – Kirche nein“ zu sagen, sondern auch bunt illuminierte Fantasien über die Trennung von Glauben und Moral aufzubringen. Der heilige Johannes Paul II. hat in der Enzyklika „Veritatis splendor“ die unauflösliche Verwobenheit dieser beiden Dimensionen verdeutlicht. Gerade in Zeiten, in denen auf dem „Synodalen Weg“ und von postmodernistischen Theologien der Kern des Glaubens und der Lehre relativistisch betrachtet wird, erweist sich die Lektüre der Lehrschreiben aus dem Pontifikat Johannes Pauls II. als notwendig und hilfreich. 

Der Papst verdeutlicht die Moral des Evangeliums am Beispiel des Gesprächs Jesu mit dem reichen Jüngling, dargelegt im 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Der Herr wies ihn an, die Gebote zu halten und ihm nachzufolgen: „Für den jungen Mann ist es nicht zuerst eine Frage nach den Regeln, die befolgt werden müssen, als vielmehr eine Frage nach Sinnerfüllung für das Leben. Und in der Tat liegt dem Menschen bei jeder Entscheidung und jeder Handlung dieses Verlangen am Herzen; es ist die stille Suche und der innere Anstoß, der die Freiheit in Bewegung setzt. Diese Frage ist letzten Endes ein Appell an das absolute Gute, das uns anzieht und uns zu sich ruft, sie ist der Widerhall einer Berufung durch Gott, Ursprung und Ziel des Lebens des Menschen.“ Das Tun des „sittlich Guten“ und das „ewige Leben“ lassen sich nicht voneinander trennen. Die Frage des Jünglings stelle sich, so Johannes Paul II., auch heute. Darum müsse sich der Mensch neu an Christus wenden, um zu erfahren, was Gut und Böse ist: „Wenn wir also in das Innerste der Moral des Evangeliums vordringen und ihren tiefen und unwandelbaren Inhalt erfassen wollen, müssen wir sorgfältig den Sinn der von dem reichen Jüngling des Evangeliums gestellten Frage und mehr noch den Sinn der Antwort Jesu erforschen, indem wir uns von ihm leiten lassen. Jesus antwortet nämlich mit pädagogischer Einfühlung und Behutsamkeit, indem er den jungen Mann gleichsam an der Hand nimmt und Schritt für Schritt zur Wahrheit hinführt.“

Wer nach dem Guten fragt, ist bewegt von der Frage nach Gott, der die Fülle des Guten ist. Der Mensch ist dazu berufen, sittlich zu leben und die Gebote zu befolgen: „Das Gute besteht darin, Gott zu gehören, ihm zu gehorchen, demütig mit ihm unseren Weg zu gehen, Gerechtigkeit zu üben und die Güte zu lieben (vgl. Mich 6, 8). Den Herrn als Gott anzuerkennen, ist der fundamentale Kern, das Herzstück des Gesetzes, von dem sich die einzelnen Gebote herleiten und dem sie untergeordnet sind. Durch die Moral der Gebote wird die Zugehörigkeit des Volkes Israel zum Herrn offenkundig, denn Gott allein ist derjenige, der gut ist.“ Gottes Gebote schenken Orientierung und bilden die Richtschnur für das Leben des Menschen: „Jesus führt die Gebote Gottes, insbesondere das Gebot der Nächstenliebe, dadurch ihrer Erfüllung zu, daß er ihre Forderungen verinnerlicht und ihren Anforderungen größere Radikalität verleiht: Die Liebe zum Nächsten entspringt einem Herzen, das liebt und das eben deshalb, weil es liebt, bereit ist, die höchsten Forderungen zu leben. Jesus zeigt, daß die Gebote nicht als eine nicht zu überschreitende Minimalgrenze verstanden werden dürfen, sondern vielmehr als eine Straße, die offen ist für einen sittlichen und geistlichen Weg der Vollkommenheit, deren Seele die Liebe ist.“

Der reiche Jüngling fragt ernsthaft nach. Er begnügt sich nicht mit den sittlichen Idealen. Der Herr sagt zu ihm, er solle all seinen Besitz verkaufen und in die Nachfolge eintreten. Alle Gebote hat er befolgt, aber er erweist sich als unfähig, dem Ruf Christi ganz zu entsprechen. Dieser Form der liebenden Hingabe verweigert er sich: „Die Vollkommenheit erfordert jene Reife in der Selbsthingabe, zu der die Freiheit des Menschen berufen ist. … Das Wort Jesu enthüllt die besondere Dynamik des Wachstums der Freiheit zur Reife und bezeugt zugleich die fundamentale Beziehung der Freiheit zum göttlichen Gesetz. Die Freiheit des Menschen und das Gesetz Gottes widersprechen sich nicht, sondern im Gegenteil, sie fordern einander.“

Wer aber dem Fleisch angehört, der hält das Gesetz Gottes für eine Zumutung und begreift dieses als Last, „ja als eine Verneinung oder jedenfalls eine Einschränkung der eigenen Freiheit“: „Der Weg und zugleich der Inhalt dieser Vollkommenheit besteht in der Nachfolge Christi, darin, daß man Jesus folgt, nachdem man dem eigenen Besitz und sich selbst entsagt hat. Genauso endet das Gespräch mit dem jungen Mann: »Dann komm und folge mir nach!« (Mt 19, 21).“ Der Weg des Herrn ist ein Weg der Liebe, der Ruf, vollkommen zu sein im Gebot der Liebe, einer Liebe, die Geschenk und Geheimnis bleibt.

Der heilige Johannes Paul II. appelliert darum leidenschaftlich: „Kein Riß darf die Harmonie zwischen Glaube und Leben gefährden: die Einheit der Kirche wird nicht nur von den Christen verletzt, die die Glaubenswahrheiten ablehnen oder verzerren, sondern auch von jenen, die die sittlichen Verpflichtungen verkennen, zu denen sie das Evangelium aufruft (vgl. 1 Kor 5, 9-13).“

Es sei seit der apostolischen Zeit die Aufgabe der Bischöfe, die Lehre des Herrn – untrennbar verknüpft mit der Lehre der Kirche – zu bewahren, zu verkünden und die „Vorgehenswiesen derjenigen mit aller Klarheit“ anzuzeigen, „die mit ihren Lehren oder mit ihrem Verhalten Spaltungen Vorschub leisteten“: „Die Förderung und Bewahrung des Glaubens und des sittlichen Lebens in der Einheit der Kirche ist die von Jesus den Aposteln anvertraute Aufgabe (vgl. Mt 28, 19-20), die auf das Amt ihrer Nachfolger übergeht. Das alles findet sich in der lebendigen Überlieferung, durch die – wie das II. Vatikanische Konzil lehrt – »die Kirche in Lehre, Leben und Kult alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt durch die Zeiten weiterführt und allen Geschlechtern übermittelt. Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt«. Im Geist empfängt die Kirche die Schrift und gibt sie weiter als Zeugnis für »das Große«, das Gott in der Geschichte bewirkt (vgl. Lk 1, 49), durch den Mund der Kirchenväter und -lehrer bekennt sie die Wahrheit des fleischgewordenen Wortes, setzt dessen Gebote und die Liebe im Leben der Heiligen und im Opfer der Märtyrer in die Praxis um, feiert deren Hoffnung in der Liturgie: durch die Überlieferung empfangen die Christen »die lebendige Stimme des Evangeliums« als gläubigen Ausdruck der göttlichen Weisheit und des göttlichen Willens. Innerhalb der Überlieferung entwickelt sich mit dem Beistand des Heiligen Geistes die authentische Interpretation des Gesetzes des Herrn. Der Geist selbst, der am Beginn der Offenbarung der Gebote und der Lehren Jesu steht, gewährleistet, daß sie heiligmäßig bewahrt, getreu dargelegt und im Wechsel der Zeiten und Umstände korrekt angewandt werden. Diese »Aktualisierung« der Gebote ist Zeichen und Frucht eines tieferen Eindringens in die Offenbarung und eines Verstehens neuer historischer und kultureller Situationen im Lichte des Glaubens. Sie kann jedoch nur die bleibende Gültigkeit der Offenbarung bestätigen und sich in den Traditionsstrom der Auslegung einfügen, den die große Lehr- und Lebensüberlieferung der Kirche bildet und dessen Zeugen die Lehre der Kirchenväter, das Leben der Heiligen, die Liturgie der Kirche und das Lehramt sind.“

Eine vermeintliche Weiterentwicklung oder „Aktualisierung“ der Gebote entsprechend den gesellschaftlichen Trends, wie sie vielleicht von den sogenannten „Lebenswissenschaften“ empfohlen werden, würde eine Entfremdung vom Evangelium und den Abfall vom Glauben anzeigen. Der heilige Papst schreibt: „Gerade was die Fragestellungen anbelangt, die für die Diskussion von Fragen der Moral heute kennzeichnend sind und in deren Umfeld sich neue Tendenzen und Theorien entwickelt haben, empfindet es das Lehramt in Treue zu Jesus Christus und in der Kontinuität der Tradition der Kirche als sehr dringende Pflicht, sein eigenes Urteil und seine Lehre anzubieten, um dem Menschen auf seinem Weg zur Wahrheit und zur Freiheit behilflich zu sein.“

Die bisher bei CNA Deutsch veröffentlichten Geistlichen Betrachtungen zu den Enzykliken von Johannes Paul II. im Überblick.

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