"Wir bekennen unsere Schuld und wollen Konsequenzen ziehen. Wir arbeiten die strukturellen Ursachen sexualisierter Gewalt und deren Vertuschung in unserer Kirche auf." So lautet der vierte Satz im Präambeltext des Synodalen Weges, dessen dritte Vollversammlung vom 3. bis 5. Februar in Frankfurt stattfindet. Wer die vorliegenden Dokumente durchsieht, wird nur einseitige Wege finden.

Die Themenblöcke (Synodalforen genannt) lauten:

  • Synodalforum I: "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag"
  • Synodalforum II: "Priesterliche Existenz heute"
  • Synodalforum III: "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche"
  • Synodalforum IV:  "Leben in gelingenden Beziehungen - Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft"

Auf die Ursachen des Missbrauchs wird in den (bis Anfang Januar) insgesamt 27 vorliegenden Beschlussentwürfen auf direkte Weise selten eingegangen. Welcher Zusammenhang einer Reform der Predigtordnung oder die Einrichtung eines Synodalen Rates auf Bundesebene, was die Auswahl und Entscheidung über die Besetzung der Diözesen mit neue Bischöfen, was die Zulassung von Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren oder "Lehramtliche Aussagen zu ehelicher Liebe" mit dem klerikalen Missbrauch an Kindern besteht, muss sich der Leser selber erschließen, eine Begründung möglicher Zusammenhänge bleibt aus. Der Grundtext zum 4. Themenbereich (Sexualität etc.) macht eine Ausnahme. Im zweiten und dritten Satz heißt es: "Zwar ist die Sexuallehre der Kirche für die furchtbaren Akte sexualisierter Gewalt nicht unmittelbar ursächlich. Gleichwohl bildet sie einen normativen Hintergrund, der solche Taten offensichtlich hat begünstigen können."

LINK-TIPP: Deutsche Bischöfe: Kehrtwende beim "Synodalen Weg"

Obwohl der damit verbundene Vorwurf folgenschwer wirkt, ist die Begründung bereits beendet. Bildet die Sexuallehre der Kirche wirklich einen normativen Hintergrund für Verbrechen? Klingt das nicht absurd? – Der massive Vorwurf steht im Raum, und der Leser findet allenfalls durch eigene Recherche zu dem Ergebnis, ob und wie das möglich ist.

"In der Suppe gekocht"

Kann das wirklich zutreffen? Wäre hier nicht eine intensive Darstellung der vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse, das Abwägen von Für und Wider sinnvoll und zu erwarten? "Die Empörung über den Missbrauch ist das Feuer, auf dem die Suppe des synodalen Weges gekocht wird." Das sagte Bischof Rudolf Voderholzer bei der Vesper am 23. Januar 2022 im Regensburger Dom. Wer die Diskrepanz zwischen dem auslösenden Thema und den vorgelegten Beschlussvorschlägen betrachtet, kann die Aussage des Regensburger Oberhirten gut verstehen. Vom "Missbrauch des Missbrauchs" war bereits im vergangenen Herbst mehrfach die Rede. Auch der Arbeitskreis christlicher Anthropologie hatte davon gesprochen, ebenso Peter Bringmann-Henselder; er ist der Sprecher im Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln.

Der kirchlichen Sexuallehre wird allenfalls vorgeworfen, dass sie zu unbequemen Dingen wie Selbstbeherrschung, Verzicht und Keuschheit mahnt. Und jetzt wird sie für Verbrechen mitverantwortlich gemacht? 

"Lustfeindliche und rigide"

Auf Seite 235 der "MHG-Studie" (Forschungsprojekt "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz") findet sich zu dieser unerwarteten Behauptung ein Hinweis. Die Forscher der MHG-Studie haben das Thema nicht selbst untersucht. Sie berichten nur über Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Literatur. Darin werden vordringlich andere Faktoren genannt: emotionale und sexuelle Unreife, stark ausgeprägter Narzissmus, Ausleben eines subjektiven Machtgefühls. Erst dann folgt der entscheidende Satz: Weitere Autoren nennen die Stagnation der kirchlichen Sexuallehre als mittelbare Ursache für die Missbrauchstaten.

"Die lustfeindliche und rigide kirchliche Sexualmoral habe eine Tabuisierung von Körperlichkeit und Sexualität zur Folge, wodurch mögliche Missbrauchstaten gefördert würden", zitiert die MHG-Studie. Das klingt eher nach einer Theorie, die sich erhärten lassen würde, falls Missbrauch im kirchlich-religiösen Umfeld häufiger vorkommen würde als in Sportvereinen, Schulen und anderen nicht-kirchlichen Bereichen. Dafür gibt es keine Hinweise.

Ein anderes Gutachten kommt zu anderen Schlüssen. Drei Institute für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, Charité-Universitätsmedizin Berlin und Universität Ulm haben empirisch fundierte Daten über die Persönlichkeit der beschuldigten Priester, die fraglichen Tathandlungen sowie eventuelle biografische Tatzusammenhänge erfasst und in Bezug gesetzt zu allgemein bei sexuellen Missbrauchshandlungen bekannten Befunden. Es handelt sich um drei bundesweit renommierte forensisch-psychiatrische Zentren, deren Leiter regelmäßig Gutachten für Strafprozesse erstellen. in ihrem Gutachten heißt es: "Bisher liegen keine empirischen Befunde vor, die belegen könnten, dass ein gewollter oder ungewollter Verzicht auf Sexualität und/oder Partnerschaft das Risiko für Sexualdelikte erhöht." 

Weitere Feststellungen: "Man mag dem Zölibat kritisch gegenüberstehen, aber eine Koppelung der Debatten um sexuellem Missbrauch durch Geistliche und dem Zölibat entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage." – "Die Verantwortung für sexuelle Missbrauchshandlungen ist bei den Tätern zu suchen und kann nicht auf die Institution katholische Kirche übertragen werden, wie es in der derzeitigen medialen Berichterstattung häufig der Fall ist." Vielleicht war diese Bemerkung die Ursache dafür, dass im Synodalen Weg nur die anklagende Sichtweise zum Ausdruck gebracht wurde und nicht die entlastende. 

Berufliche Krisen und Einsamkeit

Das forensischer Gutachten enthält noch weitere wichtige Informationen über die Ursachen des sexuellen Kindesmissbrauchs durch Kleriker: "Wesentliches Ergebnis der Untersuchung war, dass eine spezielle Störung im Bereich der Sexualität, also das, was man in der Psychiatrie eine Pädophilie nennt, nur in Ausnahmefällen vorlag. Die Ursachen für diese Taten waren oft eher berufliche Krisen, Gefühle der Einsamkeit, soziale Isolation oder eine Nähe-Distanz-Problematik." 

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Weitere Erkenntnis über die untersuchten Missbrauchstäter: "Jeder dritte Geistliche berichtete über eine homosexuelle Orientierung." Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Anteil homosexueller Menschen in der Bevölkerung bei ein bis zwei Prozent eingeschätzt wird.  Die besondere Ausrichtung der Themen im Synodalen Weg, der sich speziell der Missbrauchsaufbereitung verschrieben hat, erstaunt deshalb. Die Fragen von Einsamkeit und sozialer Isolation der Priester, die als primär auslösend genannt wurden, kommen in den 27 vorliegenden Texten jedenfalls nur ein Mal vor. Das erstaunt auch deshalb, weil die MHG-Studie ausdrücklich angemahnt hat: "Daraus ergibt sich insbesondere die Folgerung, dass aus dem Kirchenberuf regelmäßig resultierende Belastungen (Umgang mit Leid, soziale Distanz, Einsamkeit) sowohl im Kontext der Vorbereitung auf den Kirchenberuf als auch im Kontext von Begleitung und Supervision stärker in den Blick zu nehmen sind."

Das Leben der Kirche in Deutschland

Der Grundtext zum vierten Themenbereich stellt fest: "Die Synodalversammlung ist sich bewusst, dass viele der vorgeschlagenen Neuakzentuierungen wesentlich in die Lehrkompetenz des Bischofs von Rom fallen und deshalb nicht von der Kirche in Deutschland vorgenommen werden können. … Sie bittet den Papst eindringlich, sie als ortskirchlichen Ausdruck der Mitverantwortung aller Getauften und Gefirmten für das Wohl der einen Kirche Christi zu prüfen und aufzugreifen."

Diese beiden Sätze klingen zunächst einleuchtend. Dennoch ist zu fragen: Woraus besteht ortskirchliche und woraus weltkirchliche Verantwortung?

Ist es nicht primär Verantwortung der Ortskirche zu fragen: Warum geht in Deutschland seit Jahrzehnten das kirchliche Leben ununterbrochen zurück? Welche Ursachen werden dafür ausgemacht? Welche Schritte wurden unternommen, um diesen Trend zu brechen? Wie wurden geistliche Aufbrüche, die es in dieser Zeit in Deutschland gegeben hat, begleitet und gefördert? 

Macht der Landtag Außenpolitik?

Ist es sinnvoller, diese Themen auszusparen und an deren Stelle bevorzugt weltkirchliche Themen zu beraten? Wäre es nicht klüger, die jeweiligen Themen in den jeweils zuständigen Ebenen zu beraten? Etwas salopp mit einem Vergleich ausgedrückt: Es kommt kein Landtag auf die Idee, Themen der Außenpolitik zu beraten, um anschließend Vorschläge an den Bundestag zu übermitteln.

Oder um es mit einem Beispiel zu illustrieren: Auf Malta liegt der sonntägliche Gottesdienstbesuch über 50 Prozent. Trotzdem hat der Bischof von Gozo, Mario Grech, unter den 30.000 Bewohnern einen Aufruf gestartet. 500 Freiwillige haben sich daraufhin gemeldet, die er zehn Wochen lang vorbereitete. In der Fastenzeit besuchten die Freiwilligen alle Familien der Insel. Sie hatten die Aufgabe, ihren eigenen Glauben zu bekennen und zur Teilnahme an den Gottesdiensten in der Karwoche einzuladen. Innerhalb von drei Wochen wurde das Ziel erreicht. "Die Resonanz war spürbar", versicherte der Bischof dem Kolpingmagazin. "Mir kommt es darauf an, dass sich kleine, lebendige Gruppen bilden, in denen die Menschen miteinander die Bibel teilen und sich intensiv der Person und Botschaft von Jesus Christus widmen. Dann verschwindet die Oberflächlichkeit, dann folgen Taten der Liebe." Die Evangelisierung müsse der Katechese vorausgehen: "Wir teilen dabei mit, was uns Jesus persönlich bedeutet." 

Heute ist Mario Grech Generalsekretär der vom Papst ausgerufenen Weltsynode. 

Sind Heilige Schrift und Tradition noch maßgebend?

Der Theologe Johannes Brantl hat sich in einem am 10. November 2021 veröffentlichten Essay kritisch mit den Synodenentwürfen befasst: "Die entscheidende Frage konzentriert sich letztlich darauf, wie eine Weiterentwicklung in der kirchlichen Lehre und Praxis so gestaltet werden kann, dass sie einerseits dem modernen Denken über Liebe und Sexualität Rechnung trägt und andererseits aber auch das eigene Profil, das sich an den maßgeblichen Quellen von Heilige Schrift und Tradition orientiert, selbstbewusst bewahrt. … Nur sollte das Anliegen einer Weiterentwicklung der Sexuallehre sich nicht an gesamtgesellschaftlichen Erwartungen und Plausibilitäten, partikularen Interessen einzelner Gruppen oder Opportunitätsfragen orientieren, sondern vielmehr bei den für Kirche und Theologie maßgeblichen Quellen von Heilige Schrift und Tradition ansetzen und das eigene Profil durchaus selbstbewusst inmitten der gegenwärtigen Pluralität von Vorstellungen eines gelingenden Lebens stark zu machen." 

Diese Erwartung wird offenbar nicht erfüllt. Im Grundtext des Themenbereiches Sexualität heißt es: "Zu viele gläubige Menschen und Paare empfinden dagegen einen nicht mehr zu überbrückenden Abstand zwischen den Deutungen und Normierungen der kirchlichen Sexuallehre einerseits und ihren eigenen sexuellen Erfahrungen andererseits." Die Diskrepanz ist gewiss ein Problem, aber der Beschlussentwurf beschreibt nicht unterschiedliche Wege oder Abwägungen, dieser Tatsache entgegenzuwirken, sondern deutet nur in eine Richtung. 

Weiter beschreibt der Grundtext: "Im Bereich der Sexualität gelingt eine normative Bewertung nur, wenn die Erkenntnisse der Human- und Sozialwissenschaften die Sache, um die es geht, nämlich die Sexualität des Menschen, ausreichend fundieren. Erst darauf aufbauend gewinnt jede normative Beurteilung – auch die aus dem Glauben – eine ausreichende Basis." Hier wird die Richtung deutlich: Auch für gläubige Menschen haben Aussagen der Glaubenslehre nur dann eine Bedeutung, wenn sie den allgemein gültigen Erkenntnissen der Human- und Sozialwissenschaften entsprechen.

Das klingt zunächst harmlos, ist aber folgenschwer. Denn die Dimension "Glauben" schließt auch Antworten ein, die von anderen Standpunkten aus nicht geteilt werden. Die kirchliche Sexualethik lebt von Voraussetzungen, die sie nicht selbst gegeben hat. Faktisch funktioniert diese Voraussetzung nicht mehr, wenn die neue kirchliche Sexuallehre nur aus Beurteilungen besteht, die nicht primär-spezifisch christlich, sondern mainstream-konform sind.

Wenn Sexualmoral abstrakt wird

Und so beschreibt der Grundtext die neue Moral: 

"– Die Einvernehmlichkeit der Partner:innen in Sexualität und Partnerschaft ist unabdingbar.

– Zur Würde jeder menschlichen Person gehört das Recht auf freie Zustimmung zu allen personalen Gestaltungsformen sexueller Beziehungen und nicht zuletzt zur Wahl des Partners/der Partnerin sowie das Recht, Nein zu erzwungenen oder aufgenötigten sexuellen Handlungen zu sagen."

Weiter beschreibt der Grundtext: "Schon von daher sind alle sexuellen Beziehungen und Praktiken etwa im Bereich der Zwangsprostitution, des sexuellen Missbrauchs, der sexualisierten Gewalt und des weiteren Ausnutzens von Abhängigkeit und Machtasymmetrien abzulehnen. Der Maßstab der Menschenwürde verbietet, sich selbst oder einen anderen Menschen zum bloßen Instrument der Befriedigung eigener Begierden oder fremder Interessen zu machen. Praktiken der sexualisierten Gewalt, des Missbrauchs und des Ausnutzens von Abhängigkeiten und Machtasymmetrien verstoßen in grundlegender Weise gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung."

Sexualmoral wird also sehr abstrakt: "Der Maßstab der Menschenwürde verbietet, sich selbst oder einen anderen Menschen zum bloßen Instrument der Befriedigung eigener Begierden oder fremder Interessen zu machen." Was heißt das konkret? Bei Onanie macht sich die Person selbst zum bloßen Instrument der Befriedigung; sie wäre eindeutig abzulehnen. An anderer Stelle wird aber ausdrücklich gefordert, sie nicht mehr moralisch abzulehnen. Das passt nicht zusammen.

Wer sich auf Prostitution einlässt, macht einen anderen Menschen zum Instrument eigener Befriedigung. Zuvor wird lediglich Zwangsprostitution abgelehnt. Woran ist erkennbar, ob Prostitution "einvernehmlich" oder "zwangsweise" angeboten wird? 

Vielleicht gibt der folgende Satz die Antwort: "Freilich reicht das gegenseitige Einverständnis allein nicht aus. An seine Seite tritt der christliche Primat der Liebe. Erst sie lässt die Menschen erfahren, dass sie in den leiblichen Berührungen und Zärtlichkeiten um ihrer selbst willen gemeint und bejaht sind. Liebe will sich anderen mitteilen und Anteil vermitteln." Anschließend wird eingeräumt, dass der Eros auch eine ichbezogene Komponente hat – eine eher zurückhaltende Formulierung, weil Begierde und Triebbefriedigung ausgeklammert werden. 

Soll das Evangelium kein Maßstab mehr sein?

Die Verfasser des Synodentextes nehmen also nicht mehr Maßstab am Evangelium und dem gesamten Glaubensgut der Kirche, sondern am "natürlichen Sittengesetz", das so definiert wird: "Darunter kann – knapp gefasst – ein im Herzen jedes Menschen gegenwärtiges und durch die wahre Vernunft einsichtiges Wissen verstanden werden, welches es ermöglicht, zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden." Es lege dem Menschen als sittlichem Subjekt "keine Regeln von vorneherein auf". 

Wie sich dieser neue, unspezifische Maßstab auswirkt, verdeutlichen die vorgeschlagenen Voten des Grundtextes:

1. Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Achtung der sexuellen Identität.

2. Verbot von Konversionstherapien.

3. Die christlich gelebte Ehe ist ein angemessener, ja bevorzugter Ort, alle Dimensionen der Fruchtbarkeit zu integrieren.

4. Es ist die Aufgabe der Sexualpädagogik wie christlicher Bildung und Erziehung insgesamt, die lebensdienliche, also achtsame und würdevolle Gestaltung sexueller Lust über die ganze Spanne des menschlichen Lebens zu fördern, für ihre beglückenden Momente zu sensibilisieren und sie so vor einer trivialisierenden Verflachung zu schützen.

5. Wie jede Form sexueller Beziehung und Praxis ist auch die selbststimulierende Sexualität (Masturbation) ambivalent. Für alle Menschen kann die selbststimulierte lustvolle Erfahrung des eigenen Körpers ein wichtiger Baustein der Annahme ihrer selbst sein.

6. Lebenspartnerschaften zwischen geschiedenen und zivil Wiederverheirateten sind nur sehr bedingt eine Frage der Sexualmoral.

7. Ob und wie von einer Zweitehe betroffene Personen am kirchlichen Leben teilhaben können, ist je nach Situation einzeln zu würdigen.

8. Segenshandlungen für gleichgeschlechtliche Paare sind in der Kirche umstritten. Deshalb können und müssen für andere Lebensformen als die Ehe - trotz der abschlägigen Beurteilung der Glaubenskrongregation vom 15.3.21 - eigenständige Rituale und Segenshandlungen gefunden werden.

9. Dies gilt auch für Menschen, die nach dem Scheitern einer Ehe eine neue Partnerschaft eingehen.

10. Wir sehen Sexualität als Gestaltungsaufgabe jedes Menschen.

Soweit die Forderungen des Grundtextes, der insgesamt eine Länge von 29 Seiten aufweist. Darin kommt das Wort "Lust" 22 Mal vor, die Wörter Selbstbeherrschung und Keuschheit dagegen nicht. Hinzu kommen noch Anträge zu folgenden Themen:

"Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität"

"Segensfeiern für Paare, die sich lieben"

"Lehramtliche Aussagen zu ehelicher Liebe"

"Grundordnung des kirchlichen Dienstes".

Das Manifest des Arbeitskreises christliche Anthropologie stellt u.a. folgende Aussagen dagegen: 

Das Sakrament der Ehe ist der Bund einer Frau und eines Mannes mit Gott und das unvergleichliche Heilszeichen für die Treue Gottes zu seinem Volk; dieses Zeichen darf niemals in eine Reihe gestellt werden mit rein menschlichen Verbindungen welcher Art auch immer. Statt Wege der Heilung und Weisung für Wachstum im guten Leben zu bieten, geht es nur um Anpassung an den kulturellen Mainstream. Im Konzept einer "neuen Sexualmoral" soll die "Alleingeltung der Ehe" durch ihre "Höchstgeltung" ersetzt werden. Dadurch verkommt das Ehesakrament aber zu einem lebensfernen Ideal, das nur noch von einer fragwürdigen Elite angestrebt wird.

Keinem Menschen darf der Segen Gottes vorenthalten werden. Sollte die Kirche aber jeden Anschein vermeiden, als würde sie einen dem Ehesakrament vergleichbaren Segen zur "Ehe für alle" und zu gleichgeschlechtlichem Sex geben? Tut sie das?

Der Mühlstein um den Hals der Kirche

Der sexuelle Missbrauch ist der Mühlstein um den Hals der Kirche. Amtsträger in der Kirche sind zu messen an der Transparenz, mit der sie Vergehen in der Vergangenheit aufarbeiten und Prävention für die Zukunft betreiben. Wir wenden uns aber gegen den Missbrauch mit dem Missbrauch. Bis heute provoziert die Tatsache, dass ca. 80 Prozent der Übergriffe im "katholischen" Raum gleichgeschlechtlicher Natur sind.

Kirchliche Lehre zu Liebe und Sexualität hat nicht das Ziel, Menschen durch Vorschriften einzuschränken, sondern ihnen aufzuzeigen, was eigentlich Liebe ist und wie sie fähig werden, sie zu leben. Es wäre Selbstbetrug zu meinen, der Mensch könne sich wirklich entfalten, wenn er die Schöpfungsordnung ignoriert. Aufgabe der Kirche ist es, die Liebe hochzuhalten, Menschen den Weg zu ihr zu weisen, sie vorzuleben und zu lehren. 

Die Geschlechtlichkeit des Menschen kommt dann zur wahren Entfaltung, "wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert ist." (KKK 2337) Diese höchste Form der Hingabe ist zwar in der Ehe kein Automatismus, aber nur in ihr besteht die Möglichkeit dazu. Nur in der Ehe können sich Mann und Frau so lieben, wie Christus seine Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat.

Der Glaube in seiner Fülle und Radikalität

Die Moraltheologie hat, wie die Theologie insgesamt die Aufgabe, dem Lehramt der Kirche zuzuarbeiten, indem sie den überlieferten Glauben immer mehr herausarbeitet und ihn für die jeweilige Zeit und ihre geistigen Strömungen verständlich formuliert. Ihre Aufgabe ist es nicht, neue Prinzipien und darauf basierend neue Lehrsätze in die Theologie einzuführen, die das Lehramt dann zu approbieren hat, sondern sie soll umgekehrt dem Lehramt helfen, den Glauben in seiner ganzen Fülle und Radikalität zu bewahren.

Katharina Westerhorstmann, Johannes Brantl, Herwig Gössl und Stefan Oster haben bereits im Mai 2020 einen alternativen Vorschlag in die Diskussion des Synodalen Weges eingebracht; er wurde kaum berücksichtigt. Danach erklärten sie: "Der fortlaufende Grundtextentwurf macht nun also deutlich, dass es bei seinem vorgelegten Versuch der ‚Weiterentwicklung’ der kirchlichen Lehre de facto um ein anderes als das bisher weitgehend synchron und diachron geteilte christliche Menschenbild geht. Eine Bejahung dieser neuen Lehre würde nach Einschätzung der oben genannten Verfasser der Eingabe zur Folge haben, dass es konsequent auch um eine andere Lehre von der Erlösung durch Christus ginge, ebenso wie folgerichtig dann auch um eine andere Lehre von der Gnade, von der Kirche."

Die Keuschheit und die Liebe

Die folgende Aussage, die ein inzwischen verstorbener Bischof bei einer Vollversammlung der deutschen Bischöfe im Jahr 2000 gemacht hat, verdeutlicht die eingetretene Kehrtwende. Er passt überhaupt nicht zur neuen Sexualmoral: "Keuschheit besagt, dass der Mensch seine geschlechtlichen Kräfte für die größere menschliche Liebe zum Ehegatten in Dienst zu nehmen weiß. Unbeherrschte Sexualität brennt und plündert den Menschen aus, sie macht ihn zur Ruine und erniedrigt den Anderen. Die Keuschheit bewahrt den Menschen in seiner seelischen und körperlichen Integrität, so dass er dem Anderen zum Geschenk wird. Der keusche Mensch ist derjenige, der nicht mehr vom Trieb determiniert ist, sondern von der Gnade Gottes befreit, alle Kräfte seines Seins für Andere einzusetzen weiß."

Ein Jahr zuvor hatte sich die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz an die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit zu Fragen der Sexualität und der Sexualpädagogik zu Wort gemeldet und dabei die bislang gültige Sexualethik vertreten. Darin werden Ideale beschrieben und Kritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geübt.

Dort heißt es: "Jesus Christus zeigt uns, dass Frau und Mann zu ganzheitlicher Liebe und lebenslanger Treue befähigt sind. Ihre Liebe gewinnt in der Ehe bleibende Gestalt, drückt sich in der Bereitschaft zu neuem Leben und in der Sorge für die Kinder aus. … Der Glaube will den Weg zu einem gelingenden Leben frei machen. … Wir nehmen Maß am christlichen Gottes- und Menschenbild: 

Andererseits wird das ganze Leben zunehmend sexualisiert: Sexualität wird zur Ware auf dem Erlebnismarkt, der sich in der Werbung vielfältig widerspiegelt. Das schnelle Erlebnis soll mühsame und auch enttäuschende Erfahrungen der Beziehungsarbeit in einer Partnerschaft kompensieren. So entsteht das Scheinbild einer Sexualität ohne personale Beziehung und deren Störanfälligkeit. 

Durch die pausenlose Darstellung der Sexualität und das öffentliche Gespräch können Jugendliche unter einen Konformitäts- und Anpassungsdruck geraten. Der Schein einer Sexualität ohne Risiko wird dadurch verstärkt, dass sichere Verhütungsmethoden als selbstverständlich vorausgesetzt werden und Abtreibung vielfach als letzter Ausweg akzeptiert wird. 

Wir nehmen wahr, dass Partnerbeziehungen von der großen Mehrheit der Jugendlichen mit personal orientierten Wertvorstellungen wie Treue, Vertrauen, Ehrlichkeit, gegenseitiger Akzeptanz, Zärtlichkeit und Wahrhaftigkeit verbunden werden. Das Misslingen von Beziehungen verursacht Leiden. … Junge Menschen sind noch voller Unsicherheit. Es fehlt ihnen an Erfahrungen und verlässlichen Urteilen. Sie suchen nach Normen und stellen sie zugleich wieder in Frage."

Die deutschen Bischöfe wiesen auf gesellschaftliche Wandlungen hin. Wörtlich schreiben sie:

"Aus einer gesellschaftserhaltenden Institution wird ein ‚Liebesbündnis auf Zeit’: Voreheliche Lebensgemeinschaften werden als selbstverständlich angesehen. Auch im Blick auf homosexuelle Beziehungen sind Veränderungen festzustellen. Wir nehmen wahr, dass gerade auch Jugendliche durch die öffentlich vorgestellten Freiheiten im Bereich der Sexualität überfordert werden. Sie sind in der Gefahr, sich mehr zuzutrauen, als sie verantworten können, und Enttäuschungen ausgesetzt. … Wir freuen uns über ein neu wachsendes Verständnis für Enthaltsamkeit und über die Bereitschaft, Sexualität im vollen Sinn für die Liebe in einer ehelichen Bindung aufzubewahren. … Gott hat die Sexualität auf die Ehe hin geschaffen, und im Raum der Ehe behält sie ihre eigene Würde. Unter dieser Rücksicht muss bei vorehelichen und außerehelichen Lebensgemeinschaften nach den Motiven gefragt werden."

Die Kehrseite ist in unserer realen Welt nicht zu übersehen. Sexualität kann missbraucht werden zu Machtausübung und Demütigung, sie kann zur Sucht werden, die Probleme zu vergessen, aber nicht zu lösen hilft. Auch wenn Sexualität instrumentalisiert oder nur für bestimmte Zwecke funktionalisiert wird, erfolgt eine Manipulation, die die menschliche Entfaltung behindert. Im Evangelium erfahren wir, wie Jesus Menschen von Krankheiten und Leiden heilt. Er befreit sie aus Abwertungen und Unterdrückungen. Er mahnt uns: Menschen dürfen nicht verzweckt werden. Entschieden tritt er für die Würde der Frau ein. Er zeigt, dass Gott den beziehungsfähigen Menschen will. 

Das biblische Bild der Sexualität, das wir in der Kirche vermitteln, wird durch einzelne Regeln und Normen bestimmt. Sie wollen in ihrem Gesamt dazu beitragen, dass ein Menschenleben sich entsprechend entwickeln kann und dass besonders die Schwachen geschützt werden.

Wir laden dazu ein, die Normen zu Sexualität und Ehe, zu Elternschaft und Empfängnisverhütung, zur vorehelichen Sexualität, zur Homosexualität, zur Selbstbefriedigung im Kontext der biblischen Weisungen und Einladungen zu sehen und sie in einer verständnisvollen Sicht aufzunehmen.

Im Bemühen um eine geglückte und menschliche Sexualität stellen wir uns der Aufgabe, die christliche Alternative eines von Gott ins Dasein gerufenen und erlösten Menschenlebens zu entdecken. Beherrschung und Verzicht, auch Triebverzicht, gehören dazu. Die Fähigkeit zur Enthaltsamkeit ist Bestandteil wirklicher Liebe" – so der Brief der Jugendkommission.

 

Bisher in der Serie von Martin Grünewald veröffentlicht:

Die Fortsetzung lesen Sie morgen ab 14 Uhr bei CNA Deutsch

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gast-Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.  

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