An diesem ersten Freitag im Monat Dezember ist das Wetter besonders scheußlich und grau, auf den umliegenden Straßen stauen sich die Autos. Dennoch haben sich am Abend dieses Herz-Jesu-Freitags gut 200 Gläubige in der Klosterkirche Waghäusel zwischen Heidelberg und Karlsruhe zum so genannten Oase-Abend eingefunden.

Der Name ist Programm: Das Kirchenschiff ist hell und freundlich, die Feier der Heiligen Messe sehr würdig, die Predigt kernig und würdigt den heiligen Charles de Foucauld, dessen Gedenktag heute ist. Es geht um die Ankunft – die Adventszeit hat begonnen. Es geht um die Wiederkunft des Herrn. Pater Robert Maria findet klare Worte: Vieles von dem, was angekündigt wurde, zeigt, dass wir mitten in der vom Herrn selbst angekündigten Zeit stehen. Er bedankt sich bei den Gläubigen, dass sie heute Abend gekommen sind. Die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Eine vierköpfige Lobpreisgruppe begleitet den Oase-Abend musikalisch – auf einer Großbildleinwand werden die einfachen, aber freudvollen Texte zum Mitsingen eingeblendet. Vor dem rechten Seitenaltar mit der Statue der „Mutter mit dem gütigen Herzen“, wie die Madonna mit dem Kind auf dem Arm genannt wird, steht ein Kerzenbaum. Die Kerzen leuchten hell in den Anliegen der Gottesdienstbesucher, von denen so gut wie alle auch nach dem „Gehet hin in Frieden“ sitzenbleiben.

Denn jetzt erfolgt die Aussetzung des Allerheiligsten mit feierlichen Gebeten um Heilung: Für die Kranken, für alle, mit denen wir verbunden sind, um die Befreiung von Schmerzen und Ängsten. Für die Suchtkranken, die ohne Alkohol, Drogen, Medikamente, Glücksspiele oder das Internet nicht mehr leben können. Für alle Irregeleiteten, die unter dem Einfluss negativer geistlicher Kräfte stehen. So mancher Miene kann man ansehen, dass es nicht nur um einen lieben Freund oder Bekannten geht. Und auch für die Sterbenden wird selbstverständlich Fürbitte eingelegt. Nach diesem langen Gebet für die Menschen gehen Einzelne sowie ganze Familien nach vorne, knien sich auf die Kommunionbänke, um sich vom Priester segnen zu lassen – denn auch das ist fester Bestandteil des Oase-Abends: Die Bitte um Heilung und der Empfang des Segens. Schließlich besteht auch noch Gelegenheit zu Gespräch oder Beichte.

Die erste Wallfahrtskirche zur „Mutter mit dem gütigen Herzen“ wurde im 15. Jahrhundert erbaut. 200 Jahre zuvor hatte der Legende nach ein Schäfer die steinerne Marienstatue in einer hohlen Eiche entdeckt, seither fanden die Menschen immer wieder Gelegenheit, den Bildstock aufzusuchen, um dort zu beten. Heilungen sollen stattgefunden haben. Zunächst betreuten Kapuzinermönche die Wallfahrt, seit dem 1. Advent 1999 kümmert sich die Gemeinschaft „Brüder vom gemeinsamen Leben“ darum. Die Brüder sind ein Augustiner-Chorherren-Zweig, dessen Wurzeln ins 14. Jahrhundert zurückreichen und der in Maria Bronnen vor 50 Jahren neugegründet wurde. Die Gemeinschaft umfasst heute 20 Patres und sechs Brüder – und sie haben hier „Heimvorteil“, wie Pater Robert Maria es in einem Gespräch nennt: Waghäusel sei ein Ort des Gebetes und des Glaubens, und das schon seit rund 600 Jahren – im Jahre 2035 werde man dieses Jubiläum feiern. Gefeiert oder besser gewürdigt hat man auch am 12. September 2012 mit einer Ausstellung den 300. Todestag des heiligen Martin von Cochem, der als Kapuzinerpater in Waghäusel wirkte und dort infolge eines tragischen Treppensturzes verstarb. Sein über tausend Seiten umfassendes „Leben Christi“ wird so populär, dass es bis zum Jahre 1933 in fast 50 Auflagen erscheint. Man weiß, dass es auch von Katharina Emmerick und Padre Pio gelesen und geschätzt wurde.

Während eines Aufenthaltes in Prag beginnt er mit der Niederschrift seiner „Erklärung des Hl. Messopfers“, die im Jahre 1702 auf Deutsch unter dem Titel „Medulla Missae Germanica – das ist Teutsch Meßbuch“ erscheint und bis 1965 in etwa 400 Auflagen publiziert wird. Um 1708, vier Jahre vor seinem Unfalltod, kann man davon sprechen, dass in jedem katholischen Haushalt der deutschsprachigen Gebiete mindestens seine Heiligenlegenden und sein „Leben Christi“ vorhanden waren – fast ein katholischer Konsalik seiner Zeit. Aus den Briefen Goethes wissen wir, dass er ebenfalls mindestens einen Cochem-Band in seiner Bibliothek stehen hatte, und noch im 19. Jahrhundert waren seine Legenden, Historien und natürlich sein Leben Christi weit verbreitet und hoch geschätzt – unter anderem von Herder, Görres und Schlegel. Für die Wallfahrt zum Kloster Waghäusel verfasst er später ein kleines Wallfahrtsbüchlein: Seine Versetzung nach Waghäusel wurde bereits im Jahre 1700 vom Provinzkapitel beschlossen. Das Wallfahrtsbüchlein war sein letztes Werk und erschien zwei Jahre vor seinem Tod.

Leider ist das Grab mit seinen Gebeinen nicht mehr erhalten. Die Klostergemeinschaft pflegt aber heute noch das Andenken dieses geistlichen Volksschriftstellers, der zu seiner Zeit und vor allem mit seinen beiden großen Werken zum Leben Christi und dem Messopfer Auflagenrekorde brach.

Anlässlich seines 200. Todestages brachte man eine Gedenktafel neben der Kanzel an, zu seinem 300. Jubiläum wurde eine kleine, aber feine Ausstellung zu seinem Leben und Werk mit interessanten Hintergrundinformationen zur Geschichte des Kapuzinerordens organisiert.

Am Tag nach unserem Gespräch mit Pater Robert Maria – es ist der erste Adventssonntag – nehmen viele Gläubige eine Anfahrt von mehreren Dutzend Kilometern in Kauf, um die Frühmesse mitzufeiern. Einige frühstücken danach im gemütlichen Speisesaal an den rustikalen Holztischen mit den Brüdern. Ein Paar in den Siebzigern sitzt neben mir: Sie sind bereits um fünf Uhr aufgestanden und halten das schon seit Jahren so. Er war Soldat – und selbst nach einer 24-Stunden-Schicht habe seine Frau immer zu ihm gesagt: „Komm, zieh den Kittel aus, wir fahren nach Waghäusel.“ Neun Enkel und vier Urenkel hat das rüstige Paar, und er meint schmunzelnd: „Da hat man viele Anliegen!“

Eine solche praktisch lebenslange Treue zur Heiligen Messe in Waghäusel und der „Mutter mit dem gütigen Herzen“ ist eher die Regel als die Ausnahme. Das mag unter anderem auch daran liegen, dass im Kloster sehr viel Jugendarbeit geleistet wird. Es fällt sofort ins Auge, wenn man auf dem Gelände dahinter spaziert: Da stehen ein Basketballkorb, eine Rutsche und zwei Fußballtore. Es finden Familiengottesdienste statt, jeden ersten Sonntag im Monat, mit Heiliger Messe, Impuls für die Eltern und gemeinsamem Mittagessen. An diesem ersten Advent waren rund 150 Besucher vor Ort, davon etwa 25 Kinder, zehn davon im Kommunionalter. Ein halbes Dutzend Elternpaare trafen sich zum anschließenden Impuls, bei dem es um eine Bildmeditation zum Advent ging. Danach gab es Pizza für alle im Edith-Stein-Saal.

Daneben gibt es „Bibelcamps“ im Sommer und Herbst für Kinder und Teenager bis 14 Jahren, christliche Kinderfreizeiten und viele Veranstaltungen für Kids von „Jugend 2000“, einer internationalen katholischen Jugendbewegung, die 1990 anlässlich eines Aufrufs von Johannes Paul II. gegründet wurde.

Ob dies der Grund ist, dass man in der Gemeinschaft kaum Nachwuchsprobleme kennt? Es gibt Nachwuchs, sagt Pater Robert Maria, aber „nicht in Massen“. Man habe derzeit einen Novizen. Er und die beiden letzten Neupriester hätten über Medjugorje zu ihrer Berufung gefunden, einer davon habe bei BMW in der Entwicklung gearbeitet, doch ein Aufenthalt in dem berühmten Wallfahrtsort in Bosnien-Herzegowina habe alles bei ihm verändert. Pater Robert Maria wundert das nicht: „Wir sind ja eine marianisch geprägte Gemeinschaft!“ Dass es viele Diskussionen zu Medjugorje gibt, teils erbitterter Natur, sieht er eher gelassen. „Die Kirche hat noch nichts entschieden und wird auch nichts entscheiden, so lange die Erscheinungen anhalten.“ In jedem Fall handele es sich bei „Medju“ um einen besonderen Gnadenort.

Nach Waghäusel kämen gar nicht mehr so viele Pilgergruppen, hat er schon beobachtet. Vielmehr sei es für viele zu einer geistigen Heimat geworden. Zur Gemeinschaft zählen auch 90 Familiare, darunter Susanne, 57 Jahre alt, gottgeweihte Jungfrau, die rund 20 Kilometer entfernt wohnt. Sie komme häufig am Sonntag zur Frühmesse, lebt seit 20 Jahren so und hatte den innigen Wunsch, einer Gemeinschaft anzugehören. Für sie ist es zentral, eine Braut Christi zu sein. In Waghäusel erfährt sie die Wahrheit, wie sie selbst sagt. Was sie hier bewege, sei vor allem die Heilige Messe, der Lobpreis, das Rosenkranzgebet, die Anbetung. Sagt sie voller Überzeugung, bevor sie aufsteht, um in der Küche ganz selbstverständlich beim Abwasch zu helfen.

Verglichen mit anderen Klöstern herrscht in der Waghäuseler Gemeinschaft eine ganz besondere Harmonie, gerade in diesen kirchengeschichtlich wild bewegten Zeiten. Liegt es daran, dass man hier insbesondere auch am Priesterdonnerstag, dem ersten Donnerstag im Monat, nicht nur um Berufungen betet, sondern ebenso die „geistliche Mutterschaft“ für die Priester fördert und hegt? Auch Pater Robert Maria wurde zur Zeit einer Berufungskrise unter die Fittiche einer geistlichen Mutter genommen, die für ihn betet und ihn als ihren geistlichen Sohn betreut. Feinfühlige Menschen können ihm das anmerken und ansehen. Doch die Frage ist, wie diese überzeugende kleine Gemeinschaft das alltägliche Klein-Klein, die Krise, Hindernisse und den Zwiespalt, der derzeit in der katholischen Kirche in Deutschland herrscht, so gut übersteht. Die Antwort von Pater Robert Maria, dem Oberen, ist schlagend in ihrer Schlichtheit: „Wir vermeiden alles, was polarisiert.“ Man müsse das Licht anzünden, statt gegen die Dunkelheit zu kämpfen. Die Menschen würden Halt bei Gott suchen. Sie würden wissen wollen, wie sie ihr Leben bewältigen, wie sie es bestehen können. „Diesen Halt bei Gott wollen wir ihnen vermitteln. Wir wollen nicht unser Licht zum Leuchten bringen, sondern das Licht Jesu.“

Diese Gemeinschaft hat verstanden, worum es geht und worauf es ankommt. Davon legen auch Gäste Zeugnis ab, mit denen die Autorin sprechen durfte. Da ist Hildegard, fast schon ausgebrannt. Sie kommt aus dem nahen Schifferstadt und ihre Ärztin hat ihr empfohlen, sich eine Auszeit zu nehmen. Zwar ist sie regelmäßige Kirchgängerin, aber zum ersten Mal in einem Kloster. Den Tipp bekam sie von einer Freundin: „Du brauchst eine Auszeit? Am allerbesten gehst du nach Waghäusel!“ Während unseres Gesprächs hilft sie, Briefe an die rund 500 Mitglieder des Fördervereins zu falten, der zu Kloster Waghäusel gehört. Spontan lässt sie sich einen Beitrittsantrag aushändigen, möchte ebenfalls Mitglied werden.

Und da ist Martin – er sieht jugendlich aus, fast 20 Jahre jünger, dabei ist er schon 48 Jahre alt, BWL-Lehrer an einem Wirtschaftsgymnasium. Die erste Berührung mit Waghäusel war seine Teilnahme am Pontifikalamt mit dem zu Besuch weilenden Erzbischof Georg Gänswein am 1. Oktober. Daraufhin überlegte Martin sich, die Vorweihnachtszeit mit einem Aufenthalt im Kloster zu starten. Auch er fühlt sich ungemein aufgehoben in der Gemeinschaft und kann sich vorstellen, regelmäßig auf Auszeit zu kommen. Besonders begeistern ihn die anheimelnde Atmosphäre der Räumlichkeiten und die Möglichkeit, wenigstens für ein paar Tage Teil des Gemeinschaftslebens der Patres und Brüder zu sein. Dazu selbstverständlich noch die Möglichkeit, an der Heiligen Messe und am Stundengebet teilzunehmen.

Hildegard und Martin sind zwei sehr schöne Beispiele dafür, was mit Menschen passiert, die sich auf den Zauber, der von der Waghäuseler Gemeinschaft ausgeht, einlassen. Bald wird es noch mehr Menschen geben, für die Kloster Waghäusel zu einem Anker, Lebensmittelpunkt und zur geistlichen Heimat wird. Schon seit einigen Jahren hegt man die anfänglich utopisch wirkende Vision von einem „Haus der christlichen Nächstenliebe“ neben der Wallfahrtskirche. Mittels vieler Spenden und unzähliger Gebete hat diese Vision begonnen, wahr zu werden. Zunächst konnte das Baugelände erworben werden, im Januar 2024 wird mit dem Rohbau begonnen. Das Haus soll Wohnungen mit Platz für rund 30 Menschen jeden Alters und in jeder Lebenssituation bieten, die dort in familiärer Gemeinschaft füreinander da sein wollen. Der Alltag in diesem Haus soll unter dem Motto „Gemeinschaft leben – Leben teilen – Gott begegnen – Freude spüren“ stehen. Hierfür ist ein Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss geplant, der für Mittagstisch, Seniorentreffen, Krabbelgruppen und anderes zur Verfügung steht. Familien, Alleinerziehende, Ehepaare und Alleinstehende können in zwölf Wohneinheiten Platz zum Leben finden. Daneben bleibt eine weitere Wohneinheit für Menschen in Notsituationen wie Schwangere ohne Bleibe oder Obdachlose vorbehalten. Natürlich ist auch ein Gebetsraum vorgesehen, in dem die Bewohner sich zum gemeinsamen Gebet oder Lobpreis treffen können.

„Wir wollen treu weitergeben, was wir empfangen haben“, sagt Pater Robert Maria schlicht im Hinblick auf die jahrhundertealte Geschichte der Wallfahrtskirche und die Gemeinschaft, die sich um sie kümmert. Mit der Realisierung des Hauses der christlichen Nächstenliebe gehen sie weit darüber hinaus. Spenden und Gebete sind jederzeit willkommen.

 

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