Vom 18. bis 25. Januar fand die diesjährige Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Papst Franziskus zog dazu bereits Bilanz. Aber wie lebt man diese Einheit als Ehepaar? Darüber — und über die Ökumene der Gegenwart wie Zukunft — sprechen wir mit dem Ehepaar Uwe und Christiane Welp.

CNA DEUTSCH: Wie interpretieren Sie das diesjährige Thema „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst“ im Kontext Ihrer Ehe und Ihres ökumenischen Weges?

CHRISTIANE WELP: Dieses Gebot ist für uns, auch in Bezug auf unsere Konfessionsverschiedenheit, eine Selbstverständlichkeit und gleichzeitig eine Herausforderung, der wir nie ganz entsprechen können.

Es ist für uns eine Aufforderung, die Liebe zu meiner Kirche und die zu der Kirche meines Partners zu stärken und zu entwickeln. Es ist für uns ein Hinweis, die Schönheit auch in der jeweils anderen Konfession zu sehen und Gott dafür dankbar sein.

Können Sie die Rolle und den Einfluss von Chemin Neuf bei der Förderung der christlichen Einheit beschreiben, insbesondere in Bezug auf Ihre persönliche Glaubensreise?

Wir sind als Ehepaar Mitglied in der Gemeinschaft Chemin Neuf, einer katholischen Gemeinschaft mit ökumenischer Berufung, in der Mitglieder verschiedener Kirchen – katholisch, reformiert, evangelisch, anglikanisch, freikirchlich, orthodox – engagiert sind. Bei uns steht der Ruf zur Einheit und Versöhnung im Mittelpunkt. Wir gehören nicht nur verschiedenen Konfessionen an, sondern leben auch in unterschiedlichen Lebensständen. Ehepaare, zölibatäre Frauen und Männer, Priester und Pastoren teilen unser Leben.

Ich habe meinen Glauben durch die Arbeit der Gemeinschaft Chemin Neuf und durch den Glauben meines Ehepartners wieder entdeckt. Die Gemeinschaft lehrt, mich und den anderen zu respektieren und in seinem Glauben zu lieben.

Durch unsere ökumenische Berufung sind wir es gewohnt, mit den anderen Kirchen zu sprechen. Wir lernen die versöhnte Verschiedenheit, weil es auch in der Gemeinschaft viele Menschen gibt, die nicht katholisch und trotzdem unsere Brüder und Schwestern sind. Die Gemeinschaft lehrt uns, uns zu versöhnen und umzukehren. Wir feiern regelmäßig unsere Versöhnung, indem wir um Vergebung bitten und Schritte der Umkehr gehen.

Die GCN hat uns persönlich einen sehr fruchtbaren Weg zur Einheit der Christen gezeigt: Wir können in der gegenseitigen Liebe uns dem Herrn immer weiter nähern und uns dabei auch gegenseitig näher kommen. Diese Bewegung ist für uns leitend.

Es ist dabei wichtig, sich selbst und den anderen zu kennen. Wenn wir uns nicht kennen, können wir uns auch nicht verstehen und nicht lieben. Ebenfalls ist die Treue zu unseren jeweils eigenen Kirchen wichtig geworden. Sich von der eigenen Kirche lösen, um einander anzunähern, ist meist nicht der beste Schritt. Er führt zu einem unklaren und selbstgerechten Weg. Ohne Kirche kann er nur in die Irre führen.

Wie integrieren Sie die Essenz des diesjährigen Themas in Ihren Alltag und Ihr Glaubensleben?

Indem wir uns täglich eine Gebetszeit nehmen und uns auf den Herrn hin orientieren. Wenn ich mit Gott in Verbindung bleibe, kann ich auch ein gutes Verhältnis zu den Menschen finden und sie lieben. Ohne Gott und ohne die Liebe zu Gott geht es nicht.

Für uns ist die Liebe zu der Kirche des anderen sehr wichtig. Wir können in der Kirche des anderen auch immer neue Wege zu Jesus finden. Die Kirche des anderen ist auch eine Vermittlerin des Glaubens. Ich kann dort auch ein Wort Gottes für mich hören.

Sprechen wir über ökumenische Herausforderungen: Welche haben Sie in einer konfessionsverbindenden Ehe erlebt und wie haben Sie diese gemeistert?

Die konfessionsverbindende Ehe ist für den gläubigen Christen jeden Tag eine Herausforderung. Es ist jeden Tag ein Schmerz, dass wir im Glauben nicht ganz eins sind. Dieser Schmerz tut weh und hält wach. Es ist ein Irrglaube, wenn wir denken, ohne diese Trennung ist alles in Ordnung.

Auch die Ehen ohne Konfessionsverschiedenheit erleben die Trennung: Von Gott, von den Mitmenschen, von der Schöpfung, zwischen den Nationen und Völkern usw. Die intensive Suche nach der Einheit und das Gebet für die Einheit ist ein Aggregatzustand für alle heute lebenden Menschen – ein großer Schmerz und vielleicht die größte Herausforderung.

Wir können heute nicht gemeinsam zur Eucharistie kommen oder das Abendmahl feiern. Oft können wir nicht in der gleicherweise unseren Glauben ausdrücken und sind getrennt.

Eine konfessionsverbindende Ehe ist eine Brücke zwischen den Konfessionen und ist so auch ein Ort des Kampfes. Unsere Ehe kann so auch ein Ort des Kampfes werden.

Die Konfessionsverschiedenheit ist noch ein Unterschied mehr zwischen Mann und Frau, die auch sonst oft sehr verschieden sind. Eine solche Ehe ist so auch ein weiteres Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den Kirchen.

Können Sie eine besonders bewegende oder herausfordernde Erfahrung teilen, die die Bedeutung der christlichen Einheit für Sie hervorgehoben hat?

Diesen Strom des Heiligen Geistes durften wir als Familie mit unseren beiden Töchtern, die wir katholisch tauften, erleben in einem evangelischen Gottesdienst. Mein Mann, evangelisch-lutherisch, stand in seiner Albe vor mir. Er reichte mir den Leib Christi, „für dich gegeben“. Ich durfte im Gehorsam zu meiner katholischen Kirche dieses nicht annehmen. Es war in diesem Moment ein kaum auszuhaltender Schmerz. Neben uns die beiden Kinder, die ebenfalls verunsichert waren.

In dieser für uns unerträglichen Situation brach der Himmel auf und der Heilige Geist erfüllte uns als gesamte Familie. Uns kamen die Tränen, es waren nicht Tränen der Trauer, sondern Tränen der Freude. Die Wut und Bitterkeit über meine Kirche und unsere Gemeinschaft, die diesen Schmerz der Trennung aushält und der Kirche gehorsam ist, fiel ab. Dieser gemeinsam erlebte Moment hat in unsere Haltung als Ehepaar zur Einheit alles verändert.

Es war ein Moment der Umkehr und wir konnten den Ruf neu empfangen, uns für die Einheit zu engagieren, ohne zu negieren, dass es auch Unterschiede in unseren Kirchen gibt. Der Traum der Einheit wurde durch diesen Strom des Heiligen Geistes verwirklicht. Dieser Strom des Heiligen Geistes brach unsere Trennung und wir können mit der Zusage des Herrn leben, dass für den Herrn nichts unmöglich ist.

In diesem Jahr spielten Christen aus Burkina Faso eine bedeutende Rolle in der Gebetswoche. Wie, denken Sie, beeinflusst dieses Beispiel das Verständnis von christlicher Einheit und Liebe?

Burkina Faso durchlebt gerade eine schwere Sicherheitskrise. Seit 2022 gab es zwei Militärputsche, etwa ein Viertel des Landes wird von militanten Islamisten kontrolliert. In so einer Situation, wo Christen zunehmend unterdrückt werden und immer mehr Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land werden, bekommen Einheit und Nächstenliebe noch einmal eine ganz neue Bedeutung. Die Mitglieder der Gemeinschaft Chemin Neuf vor Ort haben uns berichtet: Christen verschiedener Konfessionen kümmern sich gemeinsam um die Binnenflüchtlinge und treten für Frieden und Zusammenhalt ein. Dazu gehen sie auch mit den anderen Religionen in einen intensiven Dialog, um Frieden zu stiften, anstatt die Spannungen durch Religion noch zu verschärfen, wie es die militanten Islamisten wollen.

Für uns bedeutet das, dass Einheit und Nächstenliebe keine kircheninternen Themen sind, die nur die Christen betreffen. Wir sind aufgerufen, auch in unsere Gesellschaft hineinzuwirken. Das ist ein Punkt, den wir für uns mitnehmen, auch vor dem Hintergrund der Spannungen, die wir hier in Deutschland aktuell erleben.

Das Beispiel von Burkina Faso, wo Ökumene so schwierig ist, und wo doch Christen aus verschiedenen Konfessionen zusammenarbeiten, um die Gebetswoche für die Einheit vorzubereiten, ist ein kräftiges Zeichen dafür, dass es in diesem Bereich immer möglich ist, einen Schritt voranzugehen. Dies ist sehr ermutigend! Alles, was möglich geworden ist, basiert auf den persönlichen Beziehungen. Es ist immer wichtig, mit den persönlichen Beziehungen anzufangen.

Engagement der Jugend: Welchen Rat würden Sie jungen christlichen Paaren, insbesondere solchen aus verschiedenen Konfessionen, für den Aufbau eines gemeinsamen Lebens geben?

Sie sollten versuchen, jeweils ihren eigenen Glauben, vielleicht im Sperrigen des anderen, kennenzulernen. Die Trennung zwischen den Konfessionen ist ein großer Skandal, aber bei weitem nicht der einzige. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Die Trennung von Gott ist der größte Skandal.

Die Konfessionsverschiedenheit kann sogar eine Chance sein: Wir werden beschützt vor der irrigen Vorstellung, dass alles in Ordnung sei. In unserer Ehe werden wir dem Skandal der Trennung ständig gewahr. Das schmerzt, ist aber auch ein guter Schutz vor der Versuchung der Lüge. Die Welt ist nicht in Ordnung, das sollen wir auch sehen. Gott hat für jeden von uns einen Weg. Sowohl für die konfessionsverschiedenen Ehen als auch für die konfessionsgleichen.

Ich halte es für einen großen Fehler, wenn wir meinen, wir könnten die Trennung einfach überwinden, zum Beispiel durch die Konversion eines Ehepartners. Das ist keine echte Einheit. Einheit können wir nur anstreben und ihr näher kommen, wenn wir uns Christus nähern, versuchen ihm ähnlicher zu werden. Jesus in unser Leben lassen und ihm persönlich begegnen. Sich trennen von der eigenen Kirche ist immer ein schlechter Weg. Sowohl die Konversion als auch die Untreue gegenüber der jeweils eigenen Kirche sind zu vermeiden.

Die Ehe ist die kleinste Zelle der Kirche. Sie ist der Ort, an dem wir Gott begegnen können. Der Ort, an dem wir unsere Beziehung zu Gott bewahren können. Für uns ist dies im regelmäßigen Paargebet möglich.

Auch für die jungen Menschen ist es wichtig, die Kirche des anderen besser kennenzulernen. Eventuell können sie abwechselnd in die Kirche des jeweils anderen gehen. Wir empfehlen auch, vor der Eheschließung ausführlich über die Verschiedenheiten zwischen den Kirchen der Ehepartner zu sprechen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Ökumenismus, besonders angesichts der Spannungen und Unterschiede, auch innerhalb einzelner Konfessionen?

Wir sollen Hoffnung haben und uns Gott zuwenden. Im Gebet kommen wir ihm näher und das ist der einzige Weg zur Einheit.

Alles, was wir zusammen tun können, sollen wir in Zukunft auch zusammen tun: Die Umkehr der Kirche, d. h. wenn die Kirchen gemeinsam zu Gott kommen, kommen sie sich auch einander immer näher. Wir sollten zusammen Zeugnis ablegen und zusammen evangelisieren.

Die Ökumene gehört jetzt zu der DNA der Kirchen. Deswegen sind wir unterwegs, wir können nie rückwärtsgehen.

Persönliches Fazit: Was ist die wichtigste Lektion oder Erkenntnis, die Sie aus der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen gewonnen haben?

Wir haben in unserer Gemeinschaft den Eindruck, dass die Gebetswoche dieses Jahr eine größere Aufmerksamkeit erfährt. Dies ist für uns eine Ermutigung dafür, uns auch in der Gebetswoche noch mehr zu engagieren. Die Einheit der Christen ist uns, gemeinsam mit unserem Engagement für eine Integrale Ökologie, das vielleicht größte Anliegen.

Wir sollten nicht nur eine Woche im Jahr für die Einheit beten, sondern jeden Tag! Das folgende Gebet für die Einheit der Christen beten wir in unserer Gemeinschaft jeden Tag:

Herr Jesus Christus, 
du hast gebetet, dass alle eins seien. 
Wir bitten dich um die Einheit der Christen 
nach deinem Willen und auf deinen Wegen. 
Dein Geist schenke uns, 


den Schmerz der Trennung zu erleiden, 
unsere Schuld zu erkennen, 
und über jede Hoffnung hinaus zu hoffen. 
Amen.

(Tägliches Gebet der Gemeinschaft Chemin Neuf, nach Worten von Paul Couturier)

Hinweis: Aussagen und Meinungen in der Rubrik „Im Gespräch“ spiegeln allein die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht die der Redaktion von CNA Deutsch.