Die Geschichte des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten berichtet, wie Gott sein Volk befreit, um es hineinzuführen in das Gelobte Land. Aber der Weg der Israeliten führt durch die Wüste. 40 Jahre, 40 lange Jahre ziehen die Israeliten unter der Führung Moses durch die Wüste: Hitze am Tag, Kälte in der Nacht, bittere Armut und Gefahren auf Schritt und Tritt – das ist ihr Leben während dieser Zeit, doch Gott verläßt sein Volk nicht. Mit starker Hand führt und leitet er sie durch die Wüste: Bei Nacht leuchtet ihnen die strahlende Feuersäule und am Morgen finden sie das Manna, das wunderbare Brot vom Himmel, das sie nährt und stärkt. Aber die Israeliten beginnen dennoch zu murren: Wären wir doch in Ägypten geblieben! Wären wir doch nie in die Fremde aufgebrochen, wo wir elendig zu Grunde gehen werden! Wären wir doch Sklaven geblieben, denn da hatten wir zu essen und zu trinken!

Die Katholiken sind auch nicht besser als die anderen!

Das neue Volk Gottes, seine auserwählten Söhne und Töchter, das ist die Kirche. Auch wir sind aufgebrochen aus dem Sklavenhaus, aus der Knechtschaft der Sünde. Im Wasser der Taufe hat uns der Herr gerettet und uns frei gemacht: Wir sind nicht mehr Sklaven, sondern freie Kinder Gottes, die er in das Gelobte Land, in den Himmel, führen will. Aber in dieser Welt sind wir Pilger, wir sind noch nicht am Ziel, sondern unterwegs auf einem langen Marsch – der uns manchmal wie eine Wüstenwanderung vorkommen mag. Und auch wir Christen murren nicht selten, wie es das Volk Israel getan hat. Wir schielen auf die, die nicht glauben, die Christus nicht kennen und die Kirche nur "von außen" kennen: Denen da geht es doch viel besser: die müssen nicht in die Messe gehen und schon gar nicht beichten! Die dürfen sonntags lange ausschlafen und freitags Fleisch essen! Ja, die dürfen vor der Ehe schon alles ausprobieren und dann – wenn es nicht klappt – sich scheiden lassen. Aber wir armen Christen – schlimmer noch! – wir armen Katholiken, wir sind hier in dieser Wüste. Wären wir doch Sklaven geblieben, denn da hätten wir zu essen und zu trinken, zu lachen und zu tanzen. Ist "Heidenspaß" nicht besser als christliche Griesgrämigkeit?

Von der Sehnsucht nach den vollen Fleischtöpfen der Heiden

Ja, wir alle sehen uns immer wieder nach den Fleischtöpfen Ägyptens: nach Macht und Geld, nach Spaß und Vergnügen, nach sinnlichem Erfüllung und zügellosem Genuß. Wir wollen doch einfach nur so sein wie die anderen! Und nicht selten wir bereit, auch den Preis dafür zu zahlen: unfreie Sklaven zu sein, unglückliche Gefangene von Dingen, die doch nie glücklich machen. Umso mehr wandert unser Blick nach Ägypten, wenn wir bemerken, dass die durch die Zeit pilgernde Kirche nicht das Paradies auf Erden ist. Wie viele erhoffen sich, in ihr eine wahre Familie zu finden und ein Leben nach all den Werten, die Sonntag für Sonntag gepredigt werden? Wie viel Streit gibt es in Pfarrgemeinden und Diözesen, wie viele kleine und große Skandale auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens, wie viele Ungerechtigkeiten und Enttäuschungen? Wenn es so in der Kirche zugeht, wäre es dann nicht besser nach Ägypten zurückzulaufen?

Warum bin ich eigentlich noch katholisch?

Ich erinnere mich, dass ich aufgrund einiger enttäuschender Erlebnisse einen älteren Kardinal gefragt habe, warum wir eigentlich katholisch sind? Und er hat mir sehr schlicht geantwortet: "Nur deshalb, weil Jesus es will!" – Weder die Schönheit der Liturgie, noch die Hilfsbereitschaft des Pfarrers, weder der Eifer meines Bischofs, noch die Freundschaft mit meinen Mitbrüdern sind der Grund, warum wir Glieder der Kirche sind und bleiben. "Weil Jesus es will!" – das ist die enttäuschende, aber letztlich allem standhaltende Antwort.

Der heilige Johannes vom Kreuz, dessen Fest wir heute feiern, erinnert uns daran, dass allein die Liebe wahrhaft glücklich macht. Diese Liebe aber – nachdem sie sich in Jesus Christus auf unüberbietbare Weise uns Menschen geoffenbart hat – beweist sich immer im Kreuz. "Das Kreuz" so schreibt er "ist die Tür, durch die wir zu den Reichtümern der Weisheit Gottes eingehen können. Die Tür ist eng. Viele wünschen sich die Freude, zu der man durch diese Tür gelangt, aber wenigen ist das Verlangen eigen, durch die Tür des Kreuzes einzutreten." Wir sind in der Kirche, um in ihr das Kreuz und an ihm Jesus zu finden! Alles andere – Freunde, geistlicher Trost, Schönheit und Hilfsbereitschaft – sind wichtig, aber doch nur zweitrangig. Wir rühren hier an das Geheimnis der Liebe, die nicht grundlos, aber doch zweckfrei liebt. Ich kann all die positiven Eigenschaften eines geliebten Menschen aufzählen, aber Humor, gutes Aussehen, Geduld und Zärtlichkeit finden sich auch bei tausend anderen. Ja, selbst wenn all diese Tugenden wegen Krankheit, Alter oder Mühsal des Lebens verschwinden, so bleibt doch die Liebe, die sich am Guten des anderen freut, aber nicht an Treue und Hingabe nachlässt, auch wenn der gemeinsame Lebensweg zur Wüstenwanderung wird.

Die Religion des Kreuzes und der Liebe

In welcher Religion wird ein Gott verehrt, der so liebevoll und barmherzig, so groß und wunderbar ist, wie unser Gott? – In der Religion des Kreuzes, in der Religion der Liebe.

Wo findet sich ein Gott, der um seiner Geschöpfe willen den Himmel verläßt? - mehr noch: in die Armut eines schmutzigen Stalles steigt, um als kleines Kind den Menschen ganz nahe zu sein; ja, ein Gott, der freiwillig und aus übergroßer Liebe die schlimmste Todesstrafe auf sich nimmt und am Kreuz stirbt? – In der Religion des Kreuzes, in der Religion der Liebe.

Wo ist ein Gott wie unser Gott, der sich ganz klein macht, winzig klein wie die weiße Hostie, um sich seinen Freunden zur Speise zu geben und immer in ihrer Mitte zu sein? – In der Religion des Kreuzes, in der Religion der Liebe.

Christlicher Glaube ist kein Sonntagsspaziergang, sondern mutiger Abstieg ins Bergwerk des Kreuzes

Der heilige Johannes vom Kreuz macht in seiner Lehre deutlich, dass nur das Christentum wirklich die Religion der Liebe ist, da es einen Gott verehrt, der den Menschen nahe sein will, der alles tut, damit sie ihn lieben. Wenn wir – so schreibt der heilige Johannes vom Kreuz – in Jesus Christus "schürfen wie in einem reichen Bergwerk, das viele Lager von Schätzen enthält", dann werden wir reich beschenkt mit seiner Liebe und Gnade; dann werden wir die Kraft finden, unser Kreuz mit ihm zu tragen; dann finden wir das wahre Glück. Im stillen Gebet vor dem Tabernakel schürfen wir gleichsam in diesem eucharistischen Bergwerk und entdecken – verborgen unter den Schleiern des Brotes – die kostbare Perle, den wahren Reichtum unseres Lebens, die große Liebe, die uns glücklich macht.

Wenn sie Dir auf die Nerven gehen, so helfen sie Dir, heilig zu werden

Der heilige Johannes vom Kreuz, der als geistlicher Begleiter der heiligen Teresa von Avila, immer wieder den Vorrang des Gebetes vor der Tat, den größeren Wert der Kontemplation gegenüber der Aktion und den hohen Nutzen des liebevoll ertragenen Leids betont hat, hat nicht wie ein Professor über das Kreuz doziert, sondern es in seinem Leben sichtbar gemacht. Von seinen eigenen Mitbrüdern ist er geschlagen und in den Kerker geworfen worden. Es waren nicht die "gottlosen Feinde der Kirche", die ihn leiden ließen, sondern seine Glaubensbrüder. "Lästige ertragen" heißt eines der Werke der Barmherzigkeit. "Obere, Mitbrüder und andere Gläubige liebevoll" ertragen gilt auch noch heute. Sie sind es letztlich, die uns nicht nur auf die Nerven gehen, sondern dazu beitragen – Gott helfe uns dazu! – wirklich heilig zu werden.

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