Das Credo – und was es mir bedeutet

"An das Credo würde ich gern noch als Allerletzter glauben, wenn es sein muss."

Die Augen der Jungfrau von Guadalupe vom 12. Dezember 1531
Foto: EWTN / Paul Badde
12 December, 2017 / 10:26 PM

 Ich glaube an Gott, den Vater, den allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.

Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden,

ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift

und aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit

zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten,

und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.

Ich erwarte die Auferstehung der Toten

und das Leben der kommenden Welt.

Amen.

Unser Credo – und zwar das große nizäno-konstantinopolitanische wie das kleine apostolische Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche – ist der wohl anspruchsvollste Text der Welt. Und was wir glauben, gehört mit zum Unglaublichsten, was Menschen je behauptet und für wahr gehalten haben (und zwar für so wahr, dass von Anfang an bis heute zahllose Menschen ihr Leben dafür hingegeben haben).

 Um aber mit den ersten Worten des Credos anzufangen: Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde, das heißt: der Urheber aller Universen und der Ozeane und der Berge, und aller Lebewesen unter der Sonne, dass er zur befruchteten Eizelle einer jüdischen Jungfrau geworden ist, um als hilfloser Säugling geboren zu werden, wem wollen wir das erzählen? Doch es ist genau das, was wir wesentlich seit Jahrhunderten im Credo als unseren Glauben bekennen.

Nun stammt zu den vier Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, die uns als wichtigste Quellen von diesem Sohn Gottes aus Nazareth berichten, vom heiligen Hieronymus (347 – 420) aus Bethlehem das weise Wort, dass wir uns dazu noch ein fünftes Evangelium vor Augen halten müssten, das die vier ersten kommentiere. Das habe Gott selbst "geschrieben". Das sei das heilige Land.

Das ist bis heute wohl wahr. Diese Erkenntnis lässt sich deshalb kaum genug unterstreichen, um die göttliche Offenbarung von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus endlich aus jener Verengung und Geiselhaft der Philologen zu befreien, die seit den Tagen Luthers in immer raffinierteren Schriftauslegungen schwelgen, als sei Gott überhaupt kein Mensch, sondern nur ein kompliziertes Buch geworden.

Gott hat sich aber in seiner skandalösen Menschwerdung offenbart. Wahre Theologie ist kein klingelndes Glasperlenspiel. Das bezeugen alle Märtyrer und Heiligen und davon erzählt das Heilige Land in all seiner Schönheit und all seinen Spannungen bis heute als größte Ikone des Blauen Planeten. Die Archäologie, das Klima, die Meteorologie, der genau Ablauf der Tages- und Jahreszeiten erzählen davon und zahllose verlässliche Ortstraditionen, die natürlich alle kritisch geprüft werden wollen und müssen. Das halten sie meist besser aus als jede Grübelei in einer Bücherstube. Ebenso erzählt jener Schatz der Überlieferung davon, wie er sich in den Darstellungen der Ikonen niedergeschlagen hat. Die Topographie des Heiligen Landes erzählt von Jesus von Nazareth und seiner Mutter, das Licht darüber und die ganze so vielfältig geheiligte Materie. Hier sitzen noch die Steine in derselben Stützmauer des Tempelbezirks, an denen er lehnte und hier können wir noch auf die Stufen treten, über die ihn Maria mit Joseph vierzig Tage nach seiner Geburt zur Aufopferung in eben diesen Tempel getragen haben. Hier weht der Staub, in den Jesus vor der Ehebrecherin mit dem Finger auf dem Boden schrieb, immer noch in jenem Wind, der auch seinen letzten Schrei vom Golgatha mitnahm und weggetragen hat. Das Blau des Himmels erzählt hier ebenso von Jesus Christus wie die spitzen Steine und die hoffnungslos unlösbaren Konflikte des heiligen Landes, wenn die Menschen sich gerade hier wie in einem Laboratorium Gottes nicht endlich zu jenem neuen Gebot der Feindesliebe bekehren, das der Gottes- und Menschensohn uns hinterlassen hat. Jeder Sonnenaufgang über dem Ölberg erinnert hier an jene "Frühe des ersten Wochentags, als es noch dunkel war", als Maria Magdalena durch das Labyrinth der Gassen Jerusalems durch das Gartentor hinaus zum Grab ihres Herrn und Meisters geeilt kam.

Reliquien wie der in Rom erhaltene INRI-Kreuzestitel des Pontius Pilatus gehören zu dieser materiellen Selbstoffenbarung Gottes ebenso wie die Disteln der judäischen Wüste oder die "Lilien des Feldes" in Galiläa und die Grabtücher Christi, die, wenn man sie nüchtern in ihren Aussagen und ihrem Zeugnis zu seinem Martertod und seiner Auferstehung von den Toten untersucht und befragt, gewissermaßen als die ersten Seiten aller Evangelien betrachtet werden müssen. Auch diese Ur-Ikonen hat Gott selbst geschrieben. Aber auch die Silhouetten der Hügel Galiläas und der Golanhöhen um den See Genezareth gehören dazu, die er zu Lebzeiten vor Augen hatte. Hier hat er gegessen und geschlafen und verdaut. Hier war Gott doch ganz Mensch! 

Diese Erkenntnis hat vielleicht nur wenige Menschen so fasziniert und elektrisiert wie die heilige Helena (244 – 330), die Mutter Kaiser Konstantins, die deshalb die komplette Treppe aus dem Palast des Pilatus hatte abtragen lassen, um jene Steinstufen, auf denen der Kreuzweg des Gottessohnes nach seiner Verurteilung zum Tod begonnen hat, per Schiff als "scala sancta" nach Rom zu verfrachten – oder zwölf kostbare Säulen des jüdischen Tempels von Jerusalem, mit denen sie die erste Petersbasilika in Rom schmückte, bevor sie dort in dem späteren Neubau zum Vorbild der Bronze-Säulen Berninis über der "Confessio" wurden. 

Kein Mensch der Antike hätte jemals wie Helena in ähnlicher Weise auf dem Olymp, dem Parnass oder dem Peloponnes nach Spuren des Zeus oder Apollo und anderer Göttergestalten gesucht. Dass diese angeblich überirdischen Wesen wirklich materielle Spuren hätten hinterlassen können, daran hatte einfach keiner wirklich je geglaubt!

Das aber war wirklich umstürzend anders bei der heiligen Helena, deren Sohn Konstantin noch zu ihren Lebzeiten im Jahr 325 in Nizäa ( in der heutigen Türkei) jenes Konzil einberufen hat, wo über 300 Bischöfe einmütig unser erstes Credo formulierten. Es war ein Wunder. Der Text wurde zur Magna Charta der Christenheit.

Der Erkenntnis des heiligen Hieronymus zu einem zusätzlichen fünften Evangelium, das die vier anderen Evangelien kommentiert und auslegt, müssten wir deshalb in dem, was unser Credo betrifft, hinzufügen, dass nicht nur das Heilige Land, sondern die ganze Schöpfung diesen Text kommentiert und auf universale Weise weiter davon erzählt, und von den Wundern Gottes und von seiner Menschwerdung singt. Davon singt die Kirche in der Osternacht, wenn sie das Lob des großen "Exsultet" aus dem 4. Jahrhundert anstimmt, wo es seit den Tagen des heiligen Ambrosius heißt: "Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! / Licht des großen Königs umleuchtet dich. / Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel." – Davon erzählen alle Wunder, alle Erscheinungen der Gottesmutter, die Teilchenbeschleuniger von CERN, kurzum die ganze große und wunderbare Welt der Lebenden. Und davon erzählt ganz besonders und überhaupt auch Europa, der schönste und kostbarste Kontinent, der sich in seiner Geschichte wie kein anderer Erdteil nach dem himmlischen Jerusalem und der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit ausgestreckt hat. Davon erzählen deshalb immer noch unsere Sozialsysteme, die inzwischen wie ein riesiger Magnet in die ganze arme Welt ausstrahlen. Davon erzählen unsere schönsten Städte. Santiago de Compostela ebenso wie Venedig, Lissabon oder Wilna. Und unsere herrlichste Musik, die Welt der Engelschöre, die Welt der Liturgie. Natürlich erzählen alle alten Kathedralen und Gotteshäuser davon, selbst in ihrem Verfall und in ihrem Entleeren, und das Leben und Sterben aller Heiligen – aber auch unser Menschenbild und unsere unvergleichliche Freiheit, die uns nur dieser Gott schenken konnte, der für und mit uns Mensch geworden ist, in beispiellos erbarmender Selbsterniedrigung und Solidarität.

Was mir also das Credo bedeutet? – Alles. – Ich will nicht wissen, wie viele Getauften inzwischen nicht mehr daran glauben. Aber an das Credo würde ich gern noch als Allerletzter glauben, wenn es sein muss.

Mein Leben würde sinnlos, die Geschichte und das Schicksal würden sinnlos, ohne die Wundertaten des dreifaltigen Gottes, den wir im Credo besingen und dankbar preisen. 

Mein Leben ist aber überaus sinnvoll – mit diesem Credo.

Paul Badde ist Buchautor und Journalist. Er war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Jerusalem- und Vatikankorrespondent der "Welt". Heute ist er Autor und Korrespondent des Senders EWTN in Rom.

Der Text ist auch im neuen Buch der Theologin Petra Lorleberg Dem Credo auf der Spur zu finden, dass im Rahmen der Reihe "Glaubenswege" von kath.net erscheint. 

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