"Deutsche Spuren in Rom"

Spannende, tragische, unglaubliche, jedenfalls aber bemerkenswerte Geschichten von der gegenseitigen Bereicherung deutscher und römischer Kultur.

Der Türknauf mit der Signatur Karls des Großen am Haupteingang der Kirche im Campo Santo.
Foto: EWTN / Paul Badde
25 September, 2020 / 6:29 PM

Jörg Ernesti nimmt, wie es der Titel seines neuen Buches andeutet, seine Leser mit, "Deutsche Spuren in Rom" zu entdecken. Auch Ernesti weiß natürlich, dass es schon zahlreiche Reiseführer über die Ewige Stadt gibt, doch fehlte bislang ein Blick auf Rom aus deutscher Sicht – wobei "deutsch" hier den gesamten deutschsprachigen Raum umfasst, einschließlich aller Gebiete, die einstmals zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörten. Tatsächlich ist "Deutsche Spuren in Rom" kein Reiseführer im eigentlichen Sinn. Vielmehr erzählt der Autor spannende, tragische, unglaubliche, jedenfalls aber bemerkenswerte Geschichten von der gegenseitigen Bereicherung deutscher und römischer Kultur.

Ernesti, Lehrstuhlinhaber für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg, beschreibt 19 Spaziergänge durch Rom. Gelungen ist die Trennung von Geschichten, historischen Tatsachen und Anekdoten einerseits, und praktischen Informationen andererseits. Letztere – Öffnungszeiten, Telefonnummern, etc. – finden sich im Anhang.

Zwar beschränkt sich Ernesti in "Deutsche Spuren in Rom" nicht auf dezidiert katholische Themen, doch spielt das Katholische natürlich stets eine Rolle. Rom und die katholische Kirche sind seit Petrus nicht voneinander zu trennen. Wenn es beispielsweise um den fahrbaren Untersatz des Papstes geht, so stammen die vielleicht "bekanntesten Exponate" des Kutschenpavillons, eines Teils der Vatikanischen Museen, aus Deutschland. Auch in Fragen der Wissenschaft spielten Deutsche eine wichtige Rolle in Rom. "Das Deutsche Archäologische Institut ist aus der Initiative des preußischen Gesandten Christian Karl Josias von Bunsen und des Archäologen Eduard Gerhard hervorgegangen." Archäologie in Rom befasst sich immer wieder auch mit christlichen Quellen und Überresten. "Jüngeren Datums als das Archäologische Institut ist das Deutsche Historische Institut. Was seine Anfänge angeht, steht es in direktem Zusammenhang mit einer Entscheidung Leos XIII."

Besonders wertvoll sind die Ausführungen von Ernesti zu den vielen deutschen Künstlern, die in Rom prägende Jahre ihres Lebens verbracht haben. Man könnte hier bedauern, dass nur wenige Gemälde und Skulpturen auch als Bild begutachtet werden können. Gleichzeitig eröffnen sich für den interessierten Leser neue Türen, um sich aus eigenem Antrieb mit bestimmten Malern oder andere Künstlern zu beschäftigen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war etwa "mit den sogenannten ‚Nazarenern‘ eine neue Malergeneration" aufgekommen, die nicht nur mit ihrer Kunst, sondern auch durch ihre Lebensweise für Aufmerksamkeit sorgte. "1810 kam [Friedrich Overbeck] mit einigen Freunden nach Rom, um im ehemaligen Franziskanerkloster Sant’Isidoro am Pincio, nahe der heutigen Via Veneto, ein klösterliches Gemeinschaftsleben zu führen. Erkennbar waren sie an ihrer altdeutschen Tracht. Tagsüber arbeitete jeder Künstler in seiner Zelle, die zugleich als Atelier diente. Abends traf man sich zum gemeinsamen Mahl und zum Gespräch über Fragen der Kunst und der Religion." Laut Ernesti hatten sich die Nazarener "die Erneuerung der christlichen Kunst nach dem Vorbild der großen deutschen und italienischen Künstler, vor allem der Renaissance (Albrecht Dürer, Raffael) und der Malerei vor Raffael (Giotto, Fra Angelico und der Malerei des Mittelalters), auf die Fahne geschrieben. Man lehnte die klassizistische Kunst und alles Französische ab."

Auch der große deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe hatte eine besondere Beziehung zur Ewigen Stadt, obwohl er selbst kein Katholik war. Entsprechend, so Ernesti, interessierte er sich "kaum für das barocke oder mittelalterliche Rom. Im Mittelpunkt stand für ihn die Begegnung mit den Relikten der Antike, die er in der Stadt an jeder Ecke finden konnte. Gleichwohl wusste er auch die lebensfrohe und heitere Atmosphäre des zeitgenössischen Italien zu schätzen."

Natürlich darf auch in "Deutsche Spuren in Rom" die hartnäckige Legende der angeblichen Päpstin Johanna aus Mainz nicht fehlen. Ernesti macht deutlich, "dass es diese Frau nie gegeben hat." Er nimmt die Legende allerdings zum Anlass, einen lange vergessenen Brauch in Erinnerung zu rufen, der den Papst an seine Vergänglichkeit erinnern sollte.

"Nachdem schon bei den Humanisten erste Zweifel an der Echtheit der Johanna-Legende aufgekommen waren, wurde sie endgültig im 17. Jahrhundert von verschiedenen Autoren widerlegt. Im Zusammenhang mit ihr steht ein altes Ritual. [Die Schedelsche Weltchronik vom Ende des 15. Jahrhunderts] berichtet, wegen der Erfahrung mit Johanna werde ein neugewählter Papst ‚auf einen Stuhl mit einem Loch gesetzt. Und um den gleichen Irrtum in Zukunft zu vermeiden, pflegt der letzte Diakon die Genitalien durch das Loch dieses Stuhls zu berühren‘. Bis 1560 mussten die neuen Päpste daher auf der sedia stercoraria (Kotstuhl) Platz nehmen."

Ernesti erklärt allerdings, dass es sich "wohl weniger um eine Männlichkeitsüberprüfung" gehandelt habe, sondern eher um einen Akt der Demütigung. Angesichts des äußeren Glanzes des übernommenen Amtes sollte dessen Träger an seine eigene menschliche Niedrigkeit erinnert werden, indem er zuerst statt auf einen Thron auf einen Toilettenstuhl geführt wurde. Aus demselben Grund wurde vor der Krönungszeremonie vor den Augen des neuen Pontifex ein Bündel Flachs verbrannt, um ihn mit dem gesungenen Vers Sic transit gloria mundi (‚So vergeht die Herrlichkeit der Welt‘) daran zu erinnern, dass alles auf Erden vergänglich ist, dass also auch Macht und Glanz seines Amtes nicht von Dauer sind. Der gestrenge Papst Pius V. weigerte sich nach seiner Wahl im Jahr 1566, den alten Ritus der ‚Stuhlprobe‘ zu vollziehen. Seither gilt er als abgeschafft."

Auch wenn in Zeiten der Corona-Maßnahmen eine Romreise vielleicht wenig sinnvoll erscheint – mit Jörg Ernesti, dem Autor zahlreicher Bücher und wichtiger Papstbiografien, kann der Leser zumindest in Gedanken mitgehen auf den deutschen Spuren der Ewigen Stadt. Eine Romreise ist vielleicht in einigen Monaten wieder drin, dann aber gewappnet für eine Erkundung mit Blick auf die Kultur der Heimat.

Jörg Ernesti, "Deutsche Spuren in Rom. Spaziergänge durch die Ewige Stadt" ist bei Herder erschienen und hat 224 Seiten.


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