Die Bekehrung des Herzens

Betrachtungen zur kirchlichen Morallehre von „Gaudium et spes“ bis heute – Teil 20

Papst Johannes Paul II.
Foto: Sejm RP / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
26 November, 2022 / 7:00 AM

Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ diagnostiziert Johannes Paul II. den Druck durch die „Massenmedien“. Heute, mehr als 40 Jahre später, sehen wir noch viel mehr und verstärkt die Gefahren, die durch den postmodernen Hedonismus entstehen, geschürt und befeuert durch die Medien.

Der Papst sprach damals vom „Verblassen der fundamentalen Werte“, für die Gläubige einstehen sollten, um „sich als kritisches Gewissen dieser Familienkultur und als aktive Miterbauer eines echten ‚Familienhumanismus‘ zu erweisen“. Doch die Scheidungen nähmen zu, ebenso „neue Verbindungen“ sogar unter Gläubigen. Viele Katholiken sind zudem nicht ehefähig, wählten die „kirchliche Feier der Eheschließung ohne lebendigen Glauben, sondern aus anderen Beweggründen“.

Deutlich beklagt Johannes Paul II. die „Ablehnung der sittlichen Normen für einen menschlichen und christlichen Vollzug der Sexualität in der Ehe“ – und heute dürfen wir bekümmert ergänzen, dass auch Bischöfe auf kuriose Weise aufgeschlossen sind für eine solche Abkehr von der verbindlich gültigen kirchlichen Morallehre. Der Papst plädiert dafür, dass die ganze Kirche berufen sei, die „neue, aufsteigende Kultur in ihrem Inneren“ zu evangelisieren, „damit die echten Werte anerkannt und die Rechte von Mann und Frau verteidigt werden, damit die Gerechtigkeit schon in den Strukturen der Gesellschaft gefördert werde“.

Es gelte, den „Vorrang der sittlichen Werte“ wiederzugewinnen: „Den letzten Sinn des Lebens und seine Grundwerte wieder zu erfassen, ist die große Aufgabe, die sich heute für die Erneuerung der Gesellschaft stellt. Nur das verantwortungsbereite Wissen um den Vorrang dieser Werte erlaubt eine wirklich auf die Förderung der menschlichen Person in ihrer ganzen Wahrheit, Freiheit und Würde ausgerichtete Anwendung der durch die Wissenschaften dem Menschen in die Hand gegebenen ungeheuren Möglichkeiten. Die Wissenschaft ist berufen, sich mit der Weisheit zu verbünden.“ Damit erweist sich „Familiaris consortio“ geradezu als ein genuin römisch-katholisches Gegenprogramm zu den fluiden Lebensanschauungen auf dem deutschen Synodalen Weg, auf dem die Mehrheit der Mitglieder sich zu den naturrechtswidrigen, von Michel Foucault inspirierten sogenannten „Humanwissenschaften“ bekennt und die Veränderung der Lehre der Kirche fordert.

Johannes Paul II. fordert indessen die Bindung an die „göttliche Weisheit“: „Die Erziehung des Gewissens, das jeden Menschen befähigt, die rechten Weisen zu erkennen, zu werten und zu unterscheiden, in denen er sich nach seiner ureigenen Wahrheit verwirklichen kann, wird so zu einer vordringlichen und unverzichtbaren Notwendigkeit. Die Bindung an die göttliche Weisheit ist es, die in der heutigen Kultur vertieft wiederhergestellt werden muß. An jener Weisheit hat jeder Mensch durch die Schöpfertat Gottes Anteil. Nur in der Treue zu dieser Bindung werden die Familien unserer Zeit in der Lage sein, positiv am Aufbau einer Welt mitzuwirken, in der mehr Gerechtigkeit und Brüderlichkeit herrschen.“

Die Sünde sei in den „Strukturen der Welt“ heute gegenwärtig und behindere das Wachstum und rechte Gedeihen der Familie. In der „Nachfolge des gekreuzigten Herrn“ müssten alle Menschen den „Egoismus bekämpfen“ und sich den Strömungen der Zeit mit einer „Bekehrung des Geistes und des Herzens entgegenstellen“: „Es bedarf einer fortgesetzten, ständigen Bekehrung, die, obwohl sie die innere Loslösung von allem Bösen und die Annahme des Guten in seiner Fülle erfordert, sich konkret in Schritten vollzieht, in einem dynamischen Prozeß von Stufe zu Stufe entsprechend der fortschreitenden Hereinnahme der Gaben Gottes und der Forderungen seiner unwiderruflichen und absoluten Liebe in das gesamte persönliche und soziale Leben des Menschen. Ein erzieherischer Weg des Wachsens ist also nötig, damit die einzelnen Gläubigen, die Familien und die Völker, ja die ganze Kultur von dem, was sie vom Geheimnis Christi bereits angenommen haben, geduldig weitergeführt werden, um zu einer reicheren Kenntnis und einer volleren Einbeziehung dieses Geheimnisses in ihr Leben zu gelangen.“

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln allein die Ansichten der jeweiligen Gastautoren wider, nicht die der Redaktion von CNA Deutsch.

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