Die Fülle des christlichen Glaubens

Geistliche Betrachtungen zu den Enzykliken Benedikts XVI. – Teil 32

Johannes der Täufer zeigt dem heiligen Andreas Jesus Christus: Gemälde von Ottavio Vannini (17. Jahrhundert)
Foto: Wikimedia (CC0)
07 May, 2022 / 7:00 AM

Theologen heute – nicht wenige davon aus Deutschland – publizieren gern dezidiert kirchenkritische Schriften. Die Päpste aber, hier also der oberste Emeritus Benedikt XVI. und sein Nachfolger Franziskus, sprechen in „Lumen fidei“ über die „Fülle des christlichen Glaubens“.

Abraham streckte dem „zukünftigen Ereignis Jesu“ entgegen und besaß nach Joh 8,56 eine „Voraussicht seines Mysteriums“: „So versteht es der heilige Augustinus, wenn er sagt, dass die Patriarchen durch den Glauben gerettet wurden — nicht durch einen Glauben an den bereits gekommenen Christus, sondern durch einen Glauben an den kommenden Christus.“

Die Herzmitte des Glaubens also ist nicht eine weltliche Agenda, wie sie uns die Apologeten des „Synodalen Weges“ immer wieder vorstellen, sondern Jesus Christus: „Der christliche Glaube hat seinen Mittelpunkt in Christus; er ist das Bekenntnis, dass Jesus der Herr ist und dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat (vgl. Röm 10,9). Alle Linien des Alten Testaments laufen in Christus zusammen; er wird das endgültige Ja zu allen Verheißungen, das Fundament unseres abschließenden „Amen" zu Gott (vgl. 2 Kor 1,20). Die Geschichte Jesu ist der vollkommene Erweis der Verlässlichkeit Gottes.“

Gott spreche uns in Jesus nicht ein „weiteres Wort unter vielen anderen“, sondern „sein ewiges Wort“ zu: „Der christliche Glaube ist also ein Glaube an die vollkommene Liebe, an ihre wirkungsvolle Macht, an ihre Fähigkeit, die Welt zu verwandeln und die Zeit zu erhellen.“ Wir brauchen uns auch nicht schämen, echte Fundamentalisten zu sein, wenn wir uns ganz und gar zu Jesus Christus und der Kirche des Herrn bekennen: „Der Glaube begreift in der in Jesus offenbarten Liebe Gottes das Fundament, auf dem die Wirklichkeit und ihre letzte Bestimmung gründen.“

In der „Stunde des Kreuzes“, in der Stunde der liebenden Hingabe Christi liege der „Höhepunkt der Sicht des Glaubens“, denn „in dieser Stunde erstrahlt die Größe und Weite der göttlichen Liebe“: „An diese Liebe, die sich dem Tod nicht entzogen hat, um zu zeigen, wie sehr sie mich liebt, kann man glauben; ihre Totalität ist über jeden Verdacht erhaben und erlaubt uns, uns Christus voll anzuvertrauen.“ Darum glauben wir als Christen an die Liebe, an Jesus Christus, der am Kreuz erhöht starb, begraben wurde und am dritten Tag auferstanden ist von den Toten: „Nun offenbart jedoch der Tod Christi die völlige Verlässlichkeit der Liebe Gottes im Licht seiner Auferstehung. Als Auferstandener ist Christus zuverlässiger, glaubwürdiger Zeuge (vgl. Offb 1,5; Hebr 2,17), eine feste Stütze für unseren Glauben. … Wenn die Liebe des Vaters Jesus nicht von den Toten hätte auferstehen lassen, wenn sie nicht vermocht hätte, seinem Leib wieder Leben zu geben, dann wäre sie keine vollkommen verlässliche Liebe, die in der Lage wäre, auch das Dunkel des Todes zu erhellen.“

Ist uns das bewusst? Glauben wir wirklich daran? Oder wird unser Glaubensbekenntnis zum Lippenbekenntnis? Benedikts theologische Gedanken werden sichtbar in den folgenden Worten: „Unsere Kultur hat die Wahrnehmung dieser konkreten Gegenwart Gottes, seines Handelns in der Welt, verloren. Wir meinen, Gott befinde sich nur jenseits, auf einer anderen Ebene der Wirklichkeit, getrennt von unseren konkreten Beziehungen. Wenn es aber so wäre, wenn Gott unfähig wäre, in der Welt zu handeln, wäre seine Liebe nicht wirklich mächtig, nicht wirklich real und wäre folglich nicht einmal eine wahre Liebe, die das Glück zu vollbringen vermag, das sie verspricht. Dann wäre es völlig gleichgültig, ob man an ihn glaubt oder nicht. Die Christen bekennen dagegen die konkrete und mächtige Liebe Gottes, der wirklich in der Geschichte handelt und ihr endgültiges Los bestimmt — eine Liebe, der man begegnen kann, die sich im Leiden und Sterben und in der Auferstehung Christi vollends offenbart hat.“

Heute scheinen nicht nur die Kultur, sondern auch viele Katholiken – und nicht wenige von ihnen bekleiden hohe Ämter in der Kirche, üben laikale Funktionen aus oder lehren Theologie – unter diesem Wahrnehmungsverlust zu leiden. Wir können nicht darüber beschließen, ob Gott das letzte Wort hat über diese Welt und über uns alle – er hat es sowieso. Rechnen wir aber mit dem Gericht? Hoffen wir auf Gottes Liebe? Meinen wir es ernst mit dem Credo? In „Lumen fidei“ lesen wir: „Damit wir ihn kennen und aufnehmen und ihm folgen können, hat der Sohn Gottes unser Fleisch angenommen, und so hat er den Vater auch auf menschliche Weise gesehen, über einen Werdegang und einen Weg in der Zeit. Der christliche Glaube ist Glaube an die Inkarnation des Wortes und an die Auferstehung des Fleisches; es ist der Glaube an einen Gott, der uns so nahe geworden ist, dass er in unsere Geschichte eingetreten ist. Der Glaube an den in Jesus Mensch gewordenen Sohn Gottes trennt uns nicht von der Wirklichkeit, sondern erlaubt uns, ihren tieferen Grund zu erfassen und zu entdecken, wie sehr Gott diese Welt liebt und sie unaufhörlich auf sich hin ausrichtet.“

Dieser Glaube möge uns tragen und erfüllen, so dass wir in der Welt als glaubwürdige Zeugen seiner Auferstehung leben.

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