Die Versuchung des Pharisäers im Schneckenhaus

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Foto: amirali mirhashemian / Unsplash (CC0)
13 October, 2020 / 6:03 AM

Wer andere öffentlich als "Pharisäer" bezeichnet, zumal mit dem Anspruch, mit diesem Urteil dem Glauben und der Katholischen Kirche zu dienen, der muss aufpassen, nicht selber den Vorwurf einzufangen, wie der eigentliche Pharisäer zu wirken, der sich in ein Schneckenhaus eigener Vorstellungen verschanzt hat. Abt Martin Werlen OSB ist sich dieser Versuchung wohl bewußt, wenn er in seinem neuen Buch "Raus aus dem Schneckenhaus" treffend schreibt: "Die Versuchung des Pharisäers (...) ist die Versuchung jedes glaubenden Menschen. Sie zeigt sich im Gesetzesdenken, im Starrsinn, im Festgefahrensein, in der Überheblichkeit, in der Verachtung, in der Selbstgerechtigkeit, in der Heuchelei, in der Herzensverhärtung, in der Scheinheiligkeit, in der Verlogenheit, in der Arroganz, im äußerlichen frommen Getue, in der Verurteilung, in der Lieblosigkeit und in der Haltung: Alles ist klar."

An Klarheit läßt der erfahrene Abt und Autor es nicht fehlen, wenn er dann dem Leser prompt erklärt: "Pharisäer und Pharisäismus müssen beim Namen genannt und konkret angesprochen werden". Und Werlen setzt dies auch in die Tat um.

Scharfe Kritik übt der Benediktiner in seinem Buch etwa am Apostolischen Nuntius in der Schweiz, oder der Berichterstattung einer dem Autor missfallenden Webseite über die Coronavirus-Krise. Werlen wörtlich: "Als klar wurde, dass die Gottesdienste für unbestimmte Zeit nicht mehr in der gewohnten Weise stattfinden können, hieß es in einem sich aus eigenem Antrieb 'katholisch' nennenden Internetportal: 'Ab Montag kommt das kirchliche Leben zum Erliegen.' Welch unkatholisches Kirchenverständnis! Bei Weitem ist nicht alles katholisch, was sich katholisch nennt."

Hat der Mönch der von ihm selbst vehement beschriebenen Versuchung des Pharisäers widerstanden, wenn er in solchen Passagen selber persönliche Abrechnungen publiziert, anderen sogar die Katholizität abzusprechen scheint? Die Frage stellt sich der Leser – auch wenn er natürlich dem Autor zustimmt: Der Aufruf zum Aufbruch angesichts der Kirchenkrise ist nötig. Die Frage ist nur, wie dieser aussieht – und wozu er aufruft. Der bekannte Autor will sicher die Person Jesus Christus und sein Evangelium ganz neu aufleuchten lassen, den Leser zu einem Glauben führen, der nicht die Abschottung sucht und pflegt, sondern "bei den Menschen ist" und zusammen mit ihnen den Weg in die Zukunft sucht.

Das ist nicht nur gut gemeint, sondern bringt auch Bewegung in die Kirche und in die Gesellschaft – selbst in der größten Krise. Die Frage ist nur: Wohin und wofür; und die Antwort darauf ist nicht so richtig klar. Es wird doch dem Abt nicht nur ums Abrechnen gehen? Der Eindruck droht tatsächlich, und das liegt vor allem daran, dass nicht immer klar wird, was eigentlich Werlens "Schneckenhaus" ist. Klar wird auch nicht, wohin die Reise für den Autor gehen soll: Der apodiktischen Klarheit im eigenen Urteilen über andere und dem – sicher gut gemeinten – Anliegen der Befreiung von falschen Zwängen oder Rigorismus steht eine bewußte Vermeidung aller Deutlichkeit gegenüber, wenn es um einfache Glaubensfragen, die Wahrheit und den Weg aus dem "Schneckenhaus" geht. 

Selbst die entscheidende Frage nach Gott ist davon nicht ausgenommen. So schreibt der Abt wörtlich: "'Gott gibt es nicht'? Ist eine solche Aussage nicht lächerlich? Wenn wir das ein wenig weiterdenken, machen wir eine erschreckende Entdeckung: Genauso lächerlich ist es, wenn ein Mensch behauptet: 'Gott gibt es.'" Einige Seiten später heißt es dazu weiter: "Wenn wir den Gott verehren würden, den es gibt, dann würde ich mich von diesem Glauben verabschieden. Weil wir den Gott verehren, der da ist, suche ich Tag für Tag seine Gegenwart mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren."

Wird mit solchen Spitzfindigkeiten, die ja bezeichnend für die Kirchenkrise sind, der Kirche im 21. Jahrhundert gedient – vor allem, wenn man sich zugleich anmaßt, die eminenten Autoren der bis heute unbeantworteten Dubia anzugreifen, statt einzuräumen, dass Amoris Laetitia bis heute völlig widersprüchlich interpretiert wird? Befreien solche Ungewichtungen von Abschottung, Selbstgerechtigkeit und Rigorismus? Oder sind sie selbst doch eher Indikatoren verbohrter Rechthaberei? Das bleibt wiederum dem Leser – trotz der sicher redlichenAbsicht des Autors – letztlich unklar.

Spannend wird dieser Gegensatz von Klarheit im Urteil und Unklarheit in der eigenen Position des Autors jenseits der Kritik, wenn es konkret wird – etwa beim Schutz ungeborener Kinder. So schreibt der Benediktiner: "Wie anders würde das Engagement fürs Leben wahrgenommen, wenn Märsche fürs Leben tatsächlich fürs Leben wären – in seiner großen Vielfalt!" Wer den Einsatz gegen Abtreibung so klar defizitär findet, und mehr noch: Diesem vorwirft, gegen das Leben "in seiner Vielfalt" zu sein, zumal als katholischer Geistlicher, der sollte dies begründen, und vielleicht auch einen konstruktiven Vorschlag anbieten. Aus welcher katholischen Position heraus ist der Einsatz gegen die Tötung ungeborener Kind nicht für das Leben? Was wäre "große Vielfalt"? Geht es hier um Sexualität?

Selbst dies bleibt bewußt unklar. Und damit erweist Werlen sich und seinen Anliegen einen fragwürdigen Dienst, auch wenn für Leser im innerkirchlichen Schneckenhaus, das im deutschsprachigen Raum um das Jahr 1978 herum für viele erstarrt zu sein scheint, gute Denkanstöße oder Impulse sein mögen.

Wer als "normaler Weltkatholik" jedoch hier den bonum odor Christi sucht, oder einfach als weltläufiger Laie die Zeilen über solche innerkirchliche Befindlichkeiten liest, stellt sich freilich die Frage, ob hier nicht eine Dialektik vermeintlicher Aufklärung versucht wird, die ihren eigenen Ansprüchen nur im Haus des eigenen, erstarrten Milieus gerecht wird.

Lesenswert wird es nur, wenn man ohnehin schon weiß, was der erfahrene Autor offenbar voraussetzt: Dass die "Versuchung des Pharisäers" tatsächlich zu überwinden ist dank der Hilfen des uns liebenden Gottes, wie sie Jesus Christus und seine Kirche allen Menschen ans Herz legen. Hilfen sind die Sakramente, das Gebet, die geistliche Lektüre guter Bücher – allen voran der Heiligen Schrift. Und, wie der kluge Abt sicher zustimmen würde: Katholiken, die dank dieser Mittel zur Umkehr bereit sind und den Glauben leben: Sie werden ihre "Schneckenhäuser" verlassen, die Kirche aufbauen und die Gesellschaft evangelisieren.

"Raus aus dem Schneckenhaus! Nur wer draußen ist, kann drinnen sein" von Pater Martin Werlen OSB ist im Herder Verlag erschienen und hat 176 Seiten.

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