Gelebte Hoffnung

Geistliche Betrachtungen zu den Enzykliken Benedikts XVI. – Teil 12

Benedikt beim Entzünden der Osterkerze in der Osternacht im Petersdom am Samstag, 7. April 2012.
Foto: Osservatore Romano (LOR)
18 December, 2021 / 7:00 AM

Der Glaube ist „eng mit der Hoffnung verwebt“. Benedikt XVI. meditiert darüber in der Enzyklika „Spe salvi“ und orientiert sich zugleich an den Schriftzeugnissen des Neuen Testaments. Er besinnt sich auf die Kirchenväter, auf die Theologie des Mittelalters und berücksichtigt auch die protestantische Schriftauslegung neuerer Zeit. 

Für Thomas von Aquin sei der Glaube die „dauernde Verfaßtheit des Geistes“. In uns sei durch den Glauben „anfanghaft“ bereits substanziell gegenwärtig, „worauf wir hoffen: das ganze, das wirkliche Leben“: „Und eben darum, weil die Sache selbst schon da ist, schafft diese Gegenwart des Kommenden auch Gewißheit: Dies Kommende ist noch nicht in der äußeren Welt zu sehen (es "erscheint" nicht), aber dadurch, daß wir es in uns als beginnende und dynamische Wirklichkeit tragen, entsteht schon jetzt Einsicht.“

Martin Luther habe sich davon abgegrenzt. Er konnte die „Substanz“ nicht als bereits „anwesende Realität in uns“ fassen, sondern nur als „Haltung des Subjekts“ verstehen. Das sei auch in der katholischen Exegese bestimmend geworden. Benedikt zitiert aus der Einheitsübersetzung des Hebräerbriefs: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.“ Das sei nicht falsch, entspreche aber nicht dem „Sinn des Textes“. Der griechische Begriff „elenchos“ bedeute – so Benedikt unter Bezugnahme auf den protestantischen Neutestamentler Hartmut Köster – mehr als das, was eine subjektive Überzeugung bezeichnet.

So legt Benedikt XVI. dar: „Der Glaube ist nicht nur ein persönliches Ausgreifen nach Kommendem, noch ganz und gar Ausständigem; er gibt uns etwas. Er gibt uns schon jetzt etwas von der erwarteten Wirklichkeit, und diese gegenwärtige Wirklichkeit ist es, die uns ein "Beweis" für das noch nicht zu Sehende wird. Er zieht Zukunft in Gegenwart herein, so daß sie nicht mehr das reine Noch-nicht ist. Daß es diese Zukunft gibt, ändert die Gegenwart; die Gegenwart wird vom Zukünftigen berührt, und so überschreitet sich Kommendes in Jetziges und Jetziges in Kommendes hinein.“

Die Hoffnung, die Christen begründet hegen, ist freilich auch persönlich, also an den Einzelnen gebunden, aber eben nicht bloß subjektiv und damit unverbindlich. Es ist mein Fundament, aber es ist nicht meine Idee, es ist nicht eine selbstgemachte Fantasie. Hoffnung erwächst nicht aus einer bloß individuellen Überzeugung, die letztlich luftig wäre: „Der Glaube gibt dem Leben eine neue Basis, einen neuen Grund, auf dem der Mensch steht, und damit wird der gewöhnliche Grund, eben die Verläßlichkeit des materiellen Einkommens relativiert. Es entsteht eine neue Freiheit gegenüber diesem nur scheinbar tragenden Lebensgrund, dessen normale Bedeutung damit natürlich nicht geleugnet ist.“

Die „neue Freiheit“ zeigt sich im „Wissen um die neue "Substanz", die uns geschenkt wurde“. Im Martyrium wird das deutlich, im Widerstand gegen die „Allmacht der Ideologie und ihrer politischen Organe“ und im Verzicht. Benedikt erinnert an Franz von Assisi und neuzeitliche Ordensgemeinschaften, die „für Christus alles gelassen haben, um Menschen den Glauben und die Liebe Christi zu bringen, um körperlich und seelisch leidenden Menschen beizustehen“.

Das „Leben aus der Hoffnungsgewißheit“ heraus ist dem Christen möglich, auch mit Blick auf die Wiederkehr des Herrn, die verheißen ist: „Gott hat sich in Christus gezeigt. Er hat uns schon die "Substanz" des Kommenden mitgeteilt, und so erhält das Warten auf Gott eine neue Gewißheit. Es ist Warten auf Kommendes von einer schon geschenkten Gegenwart her. Es ist Warten in der Gegenwart Christi, mit dem gegenwärtigen Christus auf das Ganzwerden seines Leibes, auf sein endgültiges Kommen hin.“

Benedikt XVI. fragt ernsthaft und herausfordernd: „Ist christlicher Glaube auch für uns heute Hoffnung, die unser Leben verwandelt und trägt?“ Sind wir heute, Sie und ich, adventliche Menschen? Schauen voll froher Erwartung, von Hoffnung erfüllt, auf Christus, der wiederkommen wird in Herrlichkeit? Hoffende Menschen in aller Welt versammeln sich in wenigen Tagen, zu Hause und in den Kirchen, vor der Krippe. 

Die Geistlichen Betrachtungen zu den Enzykliken Papst Benedikt XVI. finden Sie hier im Überblick.

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